30.07.12

England

Rosamunde Pilcher? Cornwall ist jung und kreativ

Die Grafschaft Cornwall ist vielen als grasgrüner Hintergrund in Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen vertraut. Doch das Leben im Südwesten Englands treibt wildere Blüten, als die Kitschfilme ahnen lassen.

Foto: picture-alliance / Bildagentur H

Die Grafschaft Cornwall im Südwesten Englands ist von drei Seiten mit Wasser umgeben. Raue, steile Felsen...

14 Bilder

Um 16.50 Uhr geht"s los ab dem Bahnhof London-Paddington im First Great Western Express. Schon kurz hinter der Stadtgrenze überbieten sich die Grüntöne gegenseitig.

Verstreute Cottages und Castles, gewölbte Felssteinbrücken und Viadukte über sprudelnden Bächen und Flüssen. Ab Plymouth luvseitig das Meer, kurz vor der Endstation Newquay ragen Palmen und Agaven aus dem tropischen Dickicht.

Am Bahnhof warten auf die Reisenden schon die ortsüblichen Bio Travel Taxis, die sich dafür rühmen, die Welt nur mit halb so viel CO 2 zu verpesten wie die gewöhnliche Konkurrenz.

Adlige gibt es in Cornwall kaum

Willkommen in Cornwall, jener Grafschaft im Südwesten Englands, die hierzulande als grasgrüner Hintergrund in Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen allgegenwärtig ist. Anders als in den unsäglichen Romanen sind allerdings die wenigsten jungen Leute in Cornwall adlig oder begütert, im Gegenteil. Oft müssen sie Arbeit erfinden.

Das geschieht mit enormer Kreativität und wegweisendem Bewusstsein für die Umwelt. Sie kultivieren Obst und Gemüse, ja sogar Chili, erobern als Köche die Sternerestaurants, bauen Designhotels, eröffnen Galerien.

Die Sandbucht von Mawgan Porth und Betty"s Kramladen erweist sich als ein Umschlagplatz der umtriebigen Kreativen für News, Sweets und Surfzutaten.

Hier ist auch zu erfahren, ob wieder ZDF-Akteure für neue Pilcher-Dreharbeiten in der Grafschaft unterwegs sind oder BBC-TV-Koch Rick Stein in Padstow ein weiteres Seafood-Restaurant eröffnet. Einladend die Meeresterrasse vom Merrymoor Inn: rasch links ran und beim Landlord ein Stout, ein Pint, einen Cornish Cream Tea ordern.

Behäkelte Steine und Skulpturen aus Strandgut

Ganz oben auf den Klippen: ein Luxushotelkonzept für zwei Boutiquehotels von drei Schwestern, Emma Stratton, Rebecca Whittington and Debbie Wakefield, Jungunternehmerinnen. "The Bedruthan Steps" ist chic und bunt, für betuchte Familien. Das Essen: köstlich gesund. Aus guten Gründen Hotel des Jahres 2010/11.

Daneben, spektakulär: die Luxusherberge " The Scarlet". Hochmodern, gleichermaßen im anheimelnden, verantwortungsbewussten Einklang mit der Natur bis hin zur eigenen Energieversorgung.

Heimische Designer geben dem "Scarlet"-Hotel Stil durch Fundstücke: behäkelte Steine, Holzskulpturen aus Strandgut. Auf Sofastoffen entfaltet sich die gesamte südenglische Blütenpracht.

Die Gemälde mit überbordenden Blumenwiesen sind berauschende Farbstürme der weit gereisten Malerin Yvonne Coombe. Voller Poesie, glitzernder Wildheit und Magie. Nach nur zwei Tagen waren ihre Exponate einer Ausstellung in der Imagination Gallery im Künstlerstädtchen St. Ives ausverkauft. Die Blumenwelt hat Yvonne so sehr verinnerlicht, dass sie ihrer Tochter den Namen Poppy gab – Mohnblume.

Eine Armada an Farmern, Fischern und Jägern

Kulinarisch kann Cornwall mittlerweile international mitreden, dank einer Armada von cornishen Jungfarmern, Fischern und Jägern. Und dank begabtem Nachwuchs am Herd.

In der "Scarlet"-Küche von Chefkoch Tom Hunter ist alles frisch, alles home made. Marmelade, Brot, Honig, Gemüse, Kräuter, Fleisch. Käse namens Cornish Yarg oder Keltic Gold, originelle Chutneys – morgens steht sowohl Champagner als auch ein Krug frischer Apfelsaft auf dem Tisch. Das ist öko in stilvoller Vollendung, weit und breit weder Wollsocken- noch Jutebeutelflair!

Speisen an der Klippe – bei Jamie Oliver

Vom "Scarlet" aus sind es 60 Minuten Fußweg auf der Klippe Richtung Süden nach Watergate Bay – sagen die Cornishmen. Von wegen. Häufiges Innehalten, Durchatmen und Staunen über so überwältigend unverfälschte Natur verlangt ausreichend Zeit.

Doch es gilt, einen Termin einzuhalten, den man nicht alle Tage bekommt: Lunch im "Fifteen", Jamie Olivers Restaurant direkt an der Klippe über der tosenden keltischen See von Watergate Bay.

Beim Eintritt reißt der Wind den Gästen sogleich die Tür aus der Hand. Zwanzig Jungköche schnippeln und schmoren, sautieren und soufflieren. Mit Ausnahme der Surfer kommt alles, was hier vorbeischwimmt, auf den Tisch. Vor allem Hummer, Langusten, diverse Muschelarten, Makrelen oder Seeteufel.

Jamie und Souschef Charlie Mozely kombinieren diese tollkühn mit mediterranem Gusto. Einzigartige Kombinationen entstehen wie beispielsweise Farfalle mit englischen Erbsen und Saubohnen.

Täglich wechselt die Karte, das Wasser läuft im Munde zusammen wie die auflaufende Flut, Gästeansturm. Doch Spontanbesucher müssen hören: Sorry, we are fully booked. Da schäumt die Gischt.

Mutige gleiten auf den Wellen

Freie Sicht auf das Schauspiel von jagenden Wolken und heranrollender See, auf das Strandgeschehen direkt unter dem Haus. Boogieborder und Surfer warten hinter dem Brandungsgürtel auf die perfekte Welle.

Die Augen der Gäste reiten, gleiten und fliegen mit den Unerschrockenen, die allein das Signalhorn bei einsetzender Ebbe zurückhalten kann. Vorwiegend beinharte Sportler sind hier anzutreffen, denn Hausnachbar ist "The Extreme Academy", das Surfhotel der Brüder Will und Henry Ashworth.

Golfspieler statt Minenarbeiter

Bucht an Bucht auf 400 Kilometer. Badelaken, Sonnenschirm wie Windschutz, meist unverzüglich vom Winde verweht. Bei all dem überbordenden Grün von Brombeerbüschen, Heidekraut und Ginster, Palmen und Farnen ist nahezu vergessen, dass Cornwall lange Zeit Erz-, Zinn- und Kupferrevier war.

Geblieben sind verlassene Förderturme und Zinnschmelzen, zauberhaft überwucherte Maschinenhäuser, geheimnisvolle Pfade wie der ehemalige Tinner"s Way von St. Ives nach Saint Just zur Botallack-Mine. Stollen, Schächte und Gruben bis weit unter das Meer. Einst hörten die Minenarbeiter das Grollen des Meeres über ihren Köpfen, heute kullern oben Golf und Kricketbälle über den gepflegten Rasen.

Ein unbekanntes Paradies im Meer

Weit draußen auf dem blauen Meer wartet ein noch nicht sehr bekanntes Paradies: The Isles of Scilly. Nur sechs der über 140 Inseln und Riffe dieses Naturwunders sind bewohnt.

Schiff, Flugzeug oder Helikopter heißt die Entscheidung für einen Tagesbesuch. Oder um möglicherweise für den Rest des Lebens ein Scillonian zu werden!? Das Klima lockt mit verführerischen Südseetemperaturen – und die Natur mit mindestens Fifty Shades of Green.

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  • Daphne du Maurier

    Daphne du Maurier: „Mein Cornwall: Schönheit und Geheimnis“, Insel TB, 190S., 6 Euro

  • Claus Beling, Heidi Ulmke

    Claus Beling, Heidi Ulmke: „Bezauberndes Cornwall. Eine Reise zu den Schauplätzen der Rosamunde-Pilcher-Filme“, ZDF, vgs Egmont, 162 S., 17,90 Euro

  • Elizabeth Taylor

    Elizabeth Taylor: „Blick auf den Hafen“, Dorlemann, 384 S., 23,90 Euro

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