"Merkels Ruine"
Ein letztes Mal Luxus im Grand Hotel Heiligendamm
Alle tun so, als sei nichts. Und doch ahnt jeder, wie die Sache ausgehen kann. Unsere Autorin hat sich umgesehen im insolventen Grand Hotel Heiligendamm, das einen neuen Eigentümer sucht.
Wenn sich die Abendsonne schräg aus den schweren Regenwolken schiebt, leuchten das Meer und die Häuser von Heiligendamm. Die Villen der "Perlenkette" strahlen dann rotgolden wie kostbarer Schmuck auf dunklem Samt. Davor schimmert smaragdgrün die Ostsee wie ein tiefgründiges Versprechen.
Der Samt ist bei Tageslicht nur eine schnöde Wiese, die Perlen sind rissige Schönheiten im freien Verfall. Und das Ufer ist voller Tang. Es gibt schönere Ostseestrände als Heiligendamm, aber nur einen mit dieser Magie.
Heiligendamm ist Deutschlands ältestes Seebad. Keines hat sich den Zauber der Vergangenheit so bewahrt. Und es ist das einzige mit Fünf-Sterne-plus-Luxushotel. Noch.
Als "Merkels Ruine" verspottet
"Merkels Ruine", so wird das " Grand Hotel Heiligendamm" neuerdings verspottet. Das Bild, als die Kanzlerin sich 2007 zum G8-Gipfel mit den Mächtigen der Welt vorm Hotel im Riesenstrandkorb ablichten ließ, hat inzwischen neue Bedeutung.
Im Februar dieses Jahres hat der Investor des Hotels, Anno August Jagdfeld, Insolvenz angemeldet. Zu wenige Gäste, zu teurer Betrieb, zu viel Streit um das Luxusobjekt könnten die Ursachen gewesen sein.
Mitte Juli wurde bekannt, dass auch eine zweite Jagdfeld-Immobilie in finanziellen Schwierigkeiten steckt, das Quartier 206 an der Friedrichstraße in Berlin.
Dieses hat laut Jagdfelds Sprecher Christian Plöger wirtschaftlich jedoch nichts mit dem Hotel zu tun, das wiederum in den vergangenen Jahren mehrfach Schlagzeilen machte – unter anderem durch den Versuch, das Haus in der schlecht ausgelasteten Winterzeit über Billiganbieter wie Tchibo zu vermarkten. 2009 trennten sich Jagdfeld und die Kempinski-Gruppe im Streit um die Ausrichtung des Hotels.
Eine Anzahlung ist ein Risiko
"Leisten Sie lieber keine Anzahlung, man weiß nicht, wie lange es diese Destination noch gibt", diesen Rat bekam ein älteres Ehepaar in einem Kölner Reisebüro. Das Paar erzählt das am Morgen beim Frühstück im Hotel.
Man sitzt an weißen Schleiflackmöbeln unter drei großen Kristalllüstern. Wer möchte, kann auch draußen Platz nehmen. Unter dem Säulenportal sollen die Gäste sich fühlen wie in einem griechischen Tempel am Meer.
"In den vergangenen Jahren war eine Anzahlung bei der Buchung immer Pflicht, das gab mir schon zu denken, wie es um das Hotel steht", sagt der Kölner und winkt einer Bedienung.
Es gibt keine Alternative
"Merkels Ruine", den Scherz im Kölner Reisebüro fand das Ehepaar nicht lustig. "Wir kommen seit drei Jahren hierher, wir lieben die Küste, das Klima, die einmalige Anlage dieses Hotels und würden gern auch nächstes Jahr wiederkommen", sagt die Dame, und ihr Mann fügt hinzu: "Es gibt auf diesem Niveau ja auch weit und breit keine Alternative."
Dann winkt er zum dritten Mal der Bedienung. Als diese endlich den Kaffee bringt – in einer Kanne mit der Aufschrift "Tee" -– bemerkt sie spitz, es sei unüblich, Filterkaffee zu bestellen. "Heute trinken doch alle Leute Latte macchiato oder Cappuccino." Der Gast hebt an zu einer Erwiderung: "Wir sind nicht alle Leute ...", doch seine Gattin legt ihm die Hand auf den Arm. "Wir sind im Urlaub."
Das Bild der heilen Welt trügt
Das Grandhotel wirbt für sich als "Oase der Erholung und Ort der Entschleunigung", mit Tennis- und Golfplatz, Reitstall und eigenem Sternekoch. Zielgruppe sind begüterte ältere Herrschaften und junge Familien, denen neben Spa und Schwimmbad auch eine Kinderbetreuung geboten wird.
Die luxuriösen Doppelzimmer und Suiten kosten zwischen etwa 300 und 1500 Euro pro Nacht. Vor dem Hoteleingang stehen Jaguar und Porsche Cayenne neben Bugaboo-Kinderwagen. Über den makellos grünen Rasen toben gut angezogene Kinder. Am Rand telefonieren die Mütter am Handy, auffallend viele sind schwanger.
Eine heile Welt wie aus dem Reiseprospekt. Doch nach der Stimmung gefragt, sind viele Gäste bemüht, kleine Mängel mit "der Situation" zu erklären. Als seien sie Teil einer Inszenierung, in der niemand das Ende beschreien will. Die Schwere des Sommers von Heiligendamm rührt nicht nur von den dramatischen Wolken.
Im schlimmsten Falle droht das Aus
Der Insolvenzverwalter des Hotels, der Dürener Anwalt Jörg Zumbaum, muss bis Jahresende einen Käufer finden. Und die Kosten reduzieren, die mit dazu führten, dass Jagdfeld am Ende nicht einmal mehr die Löhne zahlen konnte. Gelingt das nicht, droht im schlimmsten Fall das Aus.
Zumbaum hat als Erstes die "Burg Hohenzollern" und die "Orangerie" stillgelegt, in denen zum G8-Gipfel Angela Merkel und George W. Bush logierten. Die Zahl der angebotenen Zimmer wurde von 204 auf 160 reduziert, die Zeitarbeitskräfte um etwa 50. Das italienische Restaurant an der Strandpromenade ist wegen "Konzeptionsüberarbeitung" geschlossen.
Wo sind die Millionen geblieben?
All das haben die Hotelgäste in der Zeitung gelesen, die sich am Morgen beim Frühstück unterhalten. Als die Rede darauf kommt, dass für das Hotel ein Preis von 25 bis 35 Millionen Euro zur Rede steht, hebt ein weiterer Gast die Augenbrauen, als wittere er ein Schnäppchen. Aber dann winkt er ab. "Man fragt sich, wo die 200 Millionen geblieben sind, die hier investiert wurden", sagt er.
Finanziert wurde das Grandhotel über einen geschlossenen Immobilienfonds. Verlierer der Insolvenz sind unter anderem die Anleger, die ihr Geld los sind und nie eine Rendite sahen. Auch 50 Millionen Euro aus öffentlicher Hand sind wohl verloren.
Die Auslastung, wichtigstes Kriterium jedes Hotels, lag im Durchschnitt bei nur 50 Prozent. Der Gast wendet sich wieder seinen Söhnen zu, die am Tisch mit Toastbroten spielen. Sie tragen Jacketts, Hemden und Seitenscheitel wie kleine Direktoren.
Tausende Tagesgäste auf Fotosafari
Heiligendamm ist ein Ort, an den man kommt, um sich ein Bild zu machen. Was bedeutet: Es gibt eine Erwartungshaltung. Die Hotelgäste haben genau studiert, was sie erwartet.
Die Tagestouristen, die täglich in Scharen mit der historischen Dampfeisenbahn "Molli" anrollen, auf Fahrrädern, in Wohnmobilen und Bussen, haben Spiegelreflexkameras dabei wie für eine Fotosafari. Sie laufen direkt zum Grandhotel – und das nicht nur, weil dahinter das Meer lockt.
An diesem Morgen ist es eine Dame mit Klappfahrrad, die als Erstes in rheinischem Dialekt loslegt: "Wie, dat is Merkels Hotel? Im Fernsehen sah dat aber pompöser aus." Die Gruppe macht an der Hotelschranke kehrt, zwangsläufig, weiter führt der Bürgersteig nicht.
Kurz verkeilen sich die Radler in einer Gruppe Senioren, finden dann das Schild "Kurwald, Radfahrer bitte absteigen" und wandern im Gänsemarsch Richtung Meer. Heiligendamm hat keine 300 Einwohner, aber oft mehrere Tausend Tagesgäste.
Ein vornehmer Badeort nach britischem Vorbild
Auch der mecklenburgische Herzog Friedrich Franz I. hatte ein Bild im Kopf, als er das erste Mal in die türkisfarbenen Fluten am "Heiligen Damm" tauchte. Das war im ausgehenden 18. Jahrhundert, und sein Leibarzt hatte ihm die Idee eines deutschen Seebades in den Kopf gesetzt.
Ein vornehmer Badeort nach britischem Vorbild? Der Herzog war angetan. Bald entstanden Bade- und Gesellschaftshäuser, Villen, ein Moorbad, alles im klassizistischen Stil, dazu eine Galopprennbahn.
Vorn das strahlende Hotel, links der Verfall
Ein Bild war es auch, das Investor Anno August Jagdfeld 1996 bewog, große Teile von Heiligendamm zu erwerben. Er hatte die "Perlenkette" in einer Zeitschrift entdeckt, las vom Dornröschenschlaf und vom Kurhaus mit seiner lateinischen Inschrift: "Heic te laetitia invitat post balnea sanum" -– "Hier empfängt dich Freude, entsteigst du gesundet dem Bade". Jagdfeld beschloss, die schlafende Laetitia wachzuküssen.
Von der Seebrücke aus lassen sich die Schönheit ebenso wie die Probleme des Ortes am besten begreifen. Vorn das strahlende Hotel, links der Verfall. Die Villen der "Perlenkette" verharren im Zustand, in dem sie nach 40 Jahren DDR entlassen wurden.
Plakate kündigen seit Jahren eine Sanierung an, doch erst seit 2010 wird gebaut -– und das an einem Neubau. Die "Villa Perle" wurde zum G8-Gipfel abgerissen, damals gab es empörte Schlagzeilen. Dann stellte sich heraus, dass der Denkmalschutz aufgehoben worden war.
Hochwertige Eigentumswohnungen geplant
Ein Tourist in kariertem Hemd schaut den Stuckateuren zu, die auf den Baugerüsten des Neubaus arbeiten. Er stößt kleine Begeisterungsrufe aus. "Wunderbar! Und später spielen sie dann da im Türmchen Halma und Schach wie einst die Herzöge …"
Bauherr der "Villa Großfürstin Marie – Perle" ist die Entwicklungs-Compagnie Heiligendamm, ECH, hinter der Jagdfeld steht. In dem historisierenden Neubau seien hochwertige Eigentumswohnungen geplant, sagt ECH-Sprecher Christian Plöger.
Für zwei weitere Villen seien Bauanträge eingereicht, für eine sei der Denkmalschutz ebenfalls aufgehoben. Ob sie abgerissen werde, stehe noch nicht fest. Plöger will damit sagen: Es geht doch voran.
Vorwurf gezielter Falschinformationen
Manch anderem im Ort ist die Baustelle eher Symbol für das Gegenteil. Auf einem Plakat hat jemand aus "Entwicklungs-Compagnie" das Wort "Entwicklungs-Hemmer" gemacht. Eine Bürgerinitiative, die inzwischen auch im Stadtparlament sitzt, wirft Jagdfeld seit Jahren vor, abzuwarten, bis der Abriss der "Perlenkette" unumgänglich sei.
ECH-Sprecher Plöger gibt die Schuld an der Verzögerung wiederum der Politik. Baurecht gebe es erst seit 2010. Plöger, bis zur Insolvenz auch Sprecher des Grandhotels, klingt genervt, kommt die Rede auf die Jagdfeld-Gegner.
Er spricht von gezielten Falschinformationen und verweist auf seine eigene Zeitung, die er seit einiger Zeit für das Grandhotel und die ECH herausgibt. Titel: "Zukunft Heiligendamm".
Skurriler Streit um den Zugang zum Meer
Aber wie wird diese Zukunft aussehen? Für die Antwort muss man in die Vergangenheit schauen. Auf den skurrilen Streit um den direkten Weg ans Meer, der ausschlaggebend sein könnte für einen neuen Hotel-Investor.
Nach der Eröffnung 2003 stand das Hotelgelände allen Besuchern offen. Tagesgäste trampelten zu Tausenden über den Rasen, bestaunten die Gäste und fragten nach öffentlichen Toiletten. "Die Anlage wurde als öffentliches Denkmal wahrgenommen", sagt Plöger, "aber man kann ein Hotel nicht als Freilichtmuseum betreiben."
Inzwischen riegeln elektronisch gesicherte Gartentörchen das Gelände ab, zu öffnen nur mit den Chipkarten der Hotelgäste. Alle anderen müssen zur Seebrücke und Promenade einen fünfzehnminütigen Umweg durch den "Kurwald" nehmen.
Der Zaun führte in Heiligendamm zu einem Streit, als sei die Berliner Mauer wieder errichtet worden, nur umgekehrt: als kapitalistischer Schutzwall. Die Reichen drinnen, die anderen draußen. Inzwischen fordert die Gemeinde den Weg wieder zurück – im Falle der Insolvenz könnten die öffentlichen Wege über eine Klausel im Erbbaurecht zurück an die Stadt fallen.
Insolvenzverwalter Jörg Zumbaum bringt dagegen eine dritte Idee ins Spiel: einen öffentlichen Weg durch die "Perlenkette". Das wiederum weist ECH-Sprecher Plöger zurück und nennt stattdessen den Rundweg, dessen Bau die ECH mitfinanziere. Der aber nicht gerade eine Abkürzung ist. So dreht sich alles im Kreis, während die Betroffenen sich eigene Lösungen suchen.
Qualifiziertes Personal ist schwer zu finden
Eine Schar eleganter Konzertbesucher steht am Abend auf dem Weg zum Barockkonzert im Ballsaal am hinteren Tor des Hotels. Die Herrschaften sind über die Promenade gekommen. Auf der anderen Seite des Törchens erwägen hilfsbereite Hotelgäste, das Publikum einzulassen, die Zeit drängt, die erste Dame rafft den Rock, um über den Zaun zu steigen. Es dauert eine Weile, bis eine Hotelangestellte das Tor öffnet.
Das weitläufige Resort hat für die nur noch 270 Angestellten seine Tücken. Sie können nicht überall gleichzeitig sein. Insolvenzverwalter Zumbaum räumt ein, es sei "ein unpraktisches Ensemble". Im Sommer lasse sich der anspruchsvolle Service nur mit Überstunden erfüllen.
Dazu kommt: Qualifiziertes Personal ist schwer zu finden. Mecklenburg-Vorpommern liegt weit ab vom Schuss, Heiligendamm noch einmal mehr, und das Land liegt am unteren Ende der Lohnskala.
"Da ist eine Putzfrau in unserem Zimmer!"
Abends steht am Rande des grünen Rasens vor dem Hotel ein kleines Mädchen und schreit. "Mama! Hilfe! Da ist eine Putzfrau in unserem Zimmer!" Die Eltern erläutern unter dem wissenden Lächeln der Umstehenden der Tochter den Unterschied zwischen Putzfrauen und Roomservice, der im Fünf-Sterne-Hotel abends die Betten aufdeckt, Nachttischlampen anknipst und Betthupferl verteilt.
Mit dem Luxus den richtigen Umgang zu finden, will gelernt sein. Im Kleinen wie im Großen.
"Eine Art Medical Hotel" ist im Gespräch
Hat der Luxus in Heiligendamm eine Zukunft? Thorsten Semrau, Bürgermeister der Stadt Doberan, zu der Heiligendamm gehört, sagt: Gemeinde und Land wollten alles tun, um den Weiterbetrieb zu gewährleisten.
Insolvenzverwalter Jörg Zumbaum versichert, die fünf Sterne blieben erhalten. Zurzeit verhandelt er mit Investoren aus Deutschland, den USA und der Schweiz. "Sie erwägen eine Art Medical Hotel, vielleicht in Zusammenarbeit mit deutschen Universitäten." Das wäre an sich nichts Neues. Schon Friedrich Franz I. schätzte das Bad im Meer wegen seiner heilenden Wirkung.
Ganz schlecht, sagt Zumbaum, seien die Aussichten für die Schöne am Meer nicht. Nicht nur kurzfristig -– am Montag soll endlich wieder die Sonne scheinen, und das Haus wird endlich wieder komplett ausgebucht sein. Und auch langfristig, sagt Zumbaum, "sind wir inzwischen auf dem richtigen Weg".















