21.07.12

Griechenland

Welche Krise? Auf den Inseln wirkt die Welt noch heil

Ein Land, zwei Welten: Während in Athen die Menschen protestieren, wirkt der Alltag auf den griechischen Eilanden fast so idyllisch wie eh und je. Eine Rundreise über Rhodos, Kreta und Santorin.

Foto: Nelli Nickel

Eine Welt aus weißem Stein: Santorin ist für seine in die Felsenhänge gebauten Häuser bekannt. Einer Treppe gleich schrauben sie sich die Klippen hinab.

5 Bilder

Einige haben sich vermummt. Haben ihre Köpfe in schwarze Kapuzen gehüllt und einen Schal um Mund und Nase geschlungen. Vor dem Parlament in Athen schimpfen sie über die Sparmaßnahmen der griechischen Regierung, auf die Europäische Union, auch auf Deutschland. Sie recken griechische Fahnen in die Luft und schwenken Transparente.

450 Kilometer weiter südöstlich, vor einem Geröllhügel auf der Insel Rhodos, presst Maria Boleska das Gaspedal ihres Jeeps aufs Bodenblech. Sie lacht. "Wenn wir oben sind", sagt sie fröhlich, "dann werden Sie staunen."

Der Motor jault, bis der Suzuki Jimny auf der Kuppe in die Horizontale kippt – und der Blick plötzlich von Küste zu Küste reicht. Er fällt auf Hügel mit wilden Orchideen, Mohn und Olivenbäumen, auf zackige Felsen und schneeweiße Kapellen. Die Autotouren durch den Norden der Insel sind beliebt, Boleskas Suzukis stets gut besetzt. "Krise? Spüre ich kaum", sagt sie.

Ein Land, zwei Welten

Athen und die Inseln: Es sind zwei Universen. In dem einen, der Hauptstadt, scheinen die Menschen verzweifelt. Seit Monaten stellen sie sich die immer gleichen Fragen: Wie arg wird die Schuldenkrise dem Staat noch zusetzen? Was geschieht, wenn die politischen und wirtschaftlichen Wirren Griechenland eines Tages krachend aus dem Euro schleudern? Wenn immer mehr Hotels, Läden und Tavernen schließen müssen?

"Wenn, wenn, wenn", sagt Boleska, die die Jeepsafaris mit ihrer kleinen Firma Bumpy Rhodes anbietet. "Warten wir es ab." In dieser Welt, auf den Inseln, scheinen diese Fragen weniger wichtig. Dort sind die Bürger zuversichtlicher. Proteste? Stänkereien gegen Europa? Gegen Deutschland gar? Nichts davon. Stattdessen: freundliche, aufgeschlossene Menschen. Menschen, die wollen, dass Besucher sich wohlfühlen und wiederkommen.

Rhodos: Per Jeep zur Gourmet-Taverne

Die Sache mit dem Wiederkommen funktioniert auf Rhodos dieses Jahr allerdings noch nicht so gut. "Vor allem deutsche Touristen bleiben weg", sagt Antonis Cambourakis, Präsident des Hotelverbands der Insel. Viele sind verunsichert, seit in den Zeitungen Bilder von brennenden deutschen Fahnen zu sehen waren: Schwarz-Rot-Gold in Flammen, weil Berlin nach Ansicht der Griechen zu schmerzhafte Reformen verlangte.

Die Hotels auf Rhodos und den anderen Inseln sind bislang weniger stark ausgelastet als 2011. Nach Rhodos kamen damals 1,3 Millionen Urlauber, darunter eine Viertelmillion Deutsche. Für 2012 rechnet Cambourakis mit einem Minus von fünf Prozent. Ein Minus, das zu verkraften sei. Zudem erwartet er noch Last-Minute-Gäste: "Gut möglich, dass wir den Rückgang mit ihnen auffangen."

Boleska, die Jeep-Fahrerin, ist ähnlich optimistisch. Die Nachfrage sei derzeit hoch. So hoch, dass sie und ihre Kollegen manchmal an sieben Tagen pro Woche über die Hügel holpern. Erst vor einem halben Jahr hat der Offroad-Anbieter Bumpy Rhodes 15 neue Autos bestellt.

"Die härteste Zeit meines Lebens"

Nach der Offroad-Tour parkt die junge Frau ihr weißes Cabrio vor der Feinschmeckertaverne "Old Kamiros", einem Restaurant hoch über dem Strand, von dem man an einem klaren Tag wie diesem bis zur türkischen Ägäisküste blicken kann.

An einem Tisch direkt an der Veranda sitzt Karin Pouzoukakis, eine Dortmunderin, die mit einem Griechen verheiratet ist und seit 45 Jahren auf Rhodos lebt. Und anders als Boleska die wirtschaftlichen Probleme des Landes spürt.

"Dies ist gerade die härteste Zeit meines Lebens", sagt die Rentnerin – ihre Altersbezüge und die ihres Mannes seien um ein Viertel gekürzt worden, ihre zwei erwachsenen Söhne bekämen ein mickriges Gehalt. Mehr als 700 Euro seien für junge Leute derzeit nicht drin, klagt sie: "Brutto, versteht sich."

Kreta: Im schönsten Dorf Griechenlands

Archanes ist ein Traum von einem Dorf. Herrenhäuser, gemauert aus Naturstein. Blumenkübel, aus denen duftend Oleander quillt. Wein, der sich an weiße Mauern schmiegt, um Regenrinnen rankt.

Ein Dorf, schöner als alle anderen in Griechenland. Das ist sogar verbrieft: Archanes gewann bei dem EU-Wettbewerb "Europäisches Dorf" 2000 den zweiten Platz – hinter dem deutschen Ort Kirchlinteln an der A27 zwischen Bremen und Hannover.

Archanes wächst etwa zwölf Kilometer südlich von Heraklion, der Hauptstadt Kretas, aus dem Hang des Berges Giouchtas. Wen sollten hier schon die Vermummten in Athen kümmern? Die Proteste? Die EU-Verträge? Niemanden, könnte man meinen. Aber das stimmt nicht ganz.

Stavros Arnaoutkis kann nicht still sitzen, während er über die Finanzkrise spricht. Er fuchtelt mit den Händen durch die Luft, rückt auf seinem Stuhl hin und her, lehnt sich nach vorne, beugt sich zurück. "Man mutet uns zu viel zu", sagt er. "Die EU muss uns mehr Zeit geben."

Arnaoutkis diskutiert so leidenschaftlich, wie es vielleicht nur ein Vollblutpolitiker kann: Der stets freundlich dreinblickende 56-Jährige ist Gouverneur von Kreta, war zuvor Staatssekretär im griechischen Wirtschaftsministerium, Abgeordneter im Europäischen Parlament – und 13 Jahre lang Bürgermeister von Archanes, seiner Geburtsstadt.

Urlaubssaison auf Kreta soll länger werden

"Was Griechenland braucht, ist Wachstum", sagt er. "Die Sparauflagen der EU sind dabei nicht unbedingt förderlich." Jeder zweite Laden in Heraklion habe schließen müssen, auch einige Hotels seien vom Ruin bedroht. Tatsächlich sieht man in der Innenstadt viele leer stehende Geschäfte, und auch die Tavernen könnten besser besucht sein. Etliche Tische auf ihren Terrassen sind unbesetzt.

Um den Tourismus auf Kreta zu retten, jene Branche, die der Insel den Großteil ihrer Einnahmen beschert, will Arnaoutkis die Urlaubssaison verlängern. "Die Sonne scheint hier schließlich auch im Spätherbst noch, und der Winter ist mild."

Der Politiker plant, Museen stärker zu fördern und Wanderwege auszubauen, um auch in kühleren Monaten noch Gäste auf das trockene, bergige Eiland zu locken. Bislang ist ab November hier nicht mehr viel los.

Santorin: Auf dem Krater

Eine Sekunde freier Fall. So kommt es einem vor, wenn der Katamaran erst hoch auf den Wellenkamm klettert, einen Wimpernschlag lang reglos verharrt – um dann steil nach vorne zu kippen und seinen Bug krachend ins Wasser zu stürzen.

Die Ägäis ist aufgewühlt an diesem Morgen, die Fahrt mit der "Flying Cat 4" von Kreta nach Santorin wackelig. Das Zweirumpfschiff der Reederei "Hellenic Seaways" – 55 Meter lang, 75 Kilometer pro Stunde schnell – schafft die Strecke in weniger als 120 Minuten. Zwei Stunden, die dem Magen viel zumuten.

Die Entschädigung dafür gibt es später: auf dem Gipfel des Profitis-Ilias-Massivs, mit 567 Metern die höchste Erhebung der Insel. Es lohnt sich, die steilen, engen Serpentinen hinaufzukurven.

Von oben lässt sich die gesamte Caldera überblicken – der Vulkankessel. Denn das ist der Santorin-Archipel, der aus den ringförmig angeordneten Eilanden Thira, Thirasia und Aspronisi besteht: der Rand eines gigantischen, vom Meer gefluteten Kraters.

Wohl auch wegen dieser Szenerie ist Santorin die Insel der Reichen und Berühmten. Scheichs und Hollywoodstars haben sich prachtvolle Villen an die Caldera bauen lassen. Brad Pitt und Angelina Jolie besitzen ein Haus in Oia.

Tavernen in den Klippen

Die Stadt schraubt sich am nordwestlichen Zipfel des Archipels die Küstenfelsen hinab. Dank dieser Lage sind die Tavernen hier besonders gemütlich: Viele Gaststätten wurden in die Klippen gemeißelt – und gleichen mit ihren gewölbten Decken kleinen, warmen Höhlen.

Dicht an dicht drängen sich im Inneren die Gäste. "Wir sind gut besucht", sagt Stella, die Wirtin des Fischlokals "Poseidon": "Die Krise kenne ich nur vom Hörensagen."

Draußen sieht Oia aus wie gemalt. Aus steilen Felswänden strebt eine Welt aus Blau und Weiß hervor. Es sind die Bauten, für die Santorin so bekannt ist: die weißen Häuser mit blauen Kuppeln, blauen Fensterläden, blauen Zäunen. Dazwischen enge, steile Gassen.

Es ist eine heile Welt wie eh und je. Und Athen ist fern. 230 Kilometer weit weg. Irgendwo in einem anderen Universum.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Alltours. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axel-springer.de/unabhaengigkeit.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams
Karneval der Kulturen der Welt
20:25Umzug
Karneval der Kulturen – 700.000 feiern in Kreuzberg

In Berlin-Kreuzberg ist es wieder bunt und voll: Tausende Tänzer, Musiker und andere Akteure inszenieren den Karneval der Kulturen. 75 Gruppen sind bei dem Multikulti-Umzug dabei. mehr...

title
17:44Wiederaufstieg
Herthas blau-weißer Feiertag

Hertha BSC beendet die Saison mit einem 1:1-Unentschieden im Berlin-Brandenburg-Derby gegen Energie Cottbus. Mit 76 Zählern stellt das Team von Trainer Jos Luhukay einen neuen Punkterekord auf. mehr...

Sonne in Berlin
19:03Terminvorschau
Das bringt der Tag in Berlin am Montag

Berlin hat jeden Tag Neues zu bieten. Politische Termine, Demonstrationen, Prozesse, Theater, Konzerte. Hier finden Sie eine Auswahl der Berliner Morgenpost für Montag, den 20. Mai. mehr...

VfL Bochum - 1. FC Union Berlin
16:41Zweite Liga
Union gelingt mit Auswärtssieg versöhnlicher Saisonabschluss

Mit Tabellenrang sieben und dem ersten Auswärtserfolg nach acht sieglosen Spielen auf fremden Plätzen beendet der 1. FC Union die Zweitliga-Saison. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Multimedia
Griechenland

Rhodos: Strände, Tempel und malerische Gassen

Tipps für Griechenland
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Der Futiklub Absolutely Ferguson
Zeit für Neues Beckham beendet seine aktive Fußballkarriere
Parlament Bundestag debattiert über Atommüllendlager
Cannes Emma Watson spielt Kriminelle in Coppolas Film
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Straßenfest

Karneval der Kulturen 2013

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote