20.07.12

Kreuzfahrten

"98 Prozent der Passagiere sind zufrieden"

Ein halbes Jahr ist die Havarie der "Costa Concordia" vor der italienischen Insel Giglio her. Der Deutschland-Geschäftsführer der Reederei spricht über neue Sicherheitsmaßnahmen und die Zukunft.

Foto: dpa

Bei der Havarie der „Costa Concordia“ am 13. Januar waren 566 Deutsche an Bord. Zwölf davon sind ums Leben gekommen. Das Schiffswrack ist bislang nicht geborgen
Bei der Havarie der "Costa Concordia" am 13. Januar waren 566 Deutsche an Bord. Zwölf davon sind ums Leben gekommen. Das Schiffswrack ist bislang nicht geborgen

Am 13. Januar ist die "Costa Concordia" vor der italienischen Insel Giglio gekentert. Noch sind viele Fragen offen. Der Deutschland-Geschäftsführer von Costa Kreuzfahrten, Heiko Jensen, zum Schiffsunglück.

Berliner Morgenpost: Was macht der Kapitän der "Concordia"?

Heiko Jensen: Wie man der Presse entnommen hat, steht er nicht mehr unter Hausarrest, darf aber die Stadt nicht verlassen.

Berliner Morgenpost: Wie steht es um Forderungen der deutschen Passagiere auf Schadensersatz?

Jensen: Wir haben allen Gästen, die keine körperlichen Schäden erleiden mussten, eine Pauschale angeboten. Mit den Hinterbliebenen haben wir uns ebenfalls größtenteils geeinigt.

Berliner Morgenpost: Um wie viel Geld geht es in den Einzelfällen?

Jensen: Wir nennen keine Zahlen. Der weitaus größte Teil der deutschen Gäste hat unser Angebot angenommen.

Berliner Morgenpost: Mehr als 50 Prozent?

Jensen: Weit mehr als 50 Prozent.

Berliner Morgenpost: Und wie viel Geld wurde gezahlt?

Jensen: Vor dem Hintergrund, dass jeder Fall individuell betrachtet werden muss, bitten wir um Verständnis, dass wir überkonkrete Zahlen keine Auskunft geben. Jeder Fall ist einzeln gelagert. Teilweise ist eine Person ums Leben gekommen, teilweise ein Ehepaar.

Berliner Morgenpost: Wie viel Deutsche waren am Unglückstag 13. Januar an Bord?

Jensen: 566 Deutsche waren an Bord. Zwölf davon sind ums Leben gekommen.

Berliner Morgenpost: Wie stark sind die Passagierzahlen seitdem zurückgegangen?

Jensen: Wir haben in den Monaten Januar und Februar auch auf dem deutschen Markt einen deutlichen Buchungseinbruch erlebt.

Berliner Morgenpost: Wie hoch war der?

Jensen: Bei den Neubuchungen für das Jahr 2012 gab es in den Monaten Januar und Februar einen Rückgang von 90 Prozent. Doch seit März verzeichneten wir wieder deutlich stärkere Buchungseingänge als im selben Zeitraum des Vorjahres und haben somit das Minus wieder aufgeholt.

Das ist damit zu erklären, dass der Gast seine Entscheidung für eine Reise mit Costa nach dem Unglück lediglich verschoben, aber nicht aufgehoben hat. Wochen später wurde wieder unser Produkt gewählt. Auch jetzt, in den Sommermonaten, verzeichnen wir Buchungen weit über dem Vorjahresniveau.

Berliner Morgenpost: Woran liegt das?

Jensen: Kreuzfahrten sind eine sehr beliebte und besondere Reiseform. Das gilt nach wie vor. Dies zeigt sich klar in den positiven Buchungsentwicklungen. Costa Kreuzfahrten hat eine beachtliche Gästezufriedenheit von 98 Prozent.

Zudem sind 30 Prozent unserer Passagiere so genannte Wiederholer, die also schon einmal mit einem Costa-Schiff gefahren sind. Besonders in diesem Bereich haben die Buchungen deutlich angezogen. Die abnehmende Medienberichterstattung trägt wohl auch dazu bei, dass wir wieder verstärkt Buchungen von Neukunden registrieren.

Berliner Morgenpost: Bietet die Reederei nach dem Unglück Preisnachlässe an?

Jensen: Generell ist es in der Kreuzfahrtindustrie üblich, Buchungen nachfrageschwache Abfahrten beispielsweise mit Sonderangebote oder Bordguthaben zu unterstützen. Das war vor dem Concordia-Unglück der Fall und ist auch aktuell nicht anders.

Berliner Morgenpost: Zum Beispiel?

Jensen: Bei Costa bemühen wir uns, in diesem Fall Abfahrten anzubieten, die bisher auf dem lokalen deutschen Markt nicht im Fokus standen. So bieten wir beispielsweise siebentägige Nordlandkreuzfahrten ab Kopenhagen um die 600 Euro an.

Berliner Morgenpost: Was hat die Reederei aus diesem Unglück gelernt?

Jensen: Wir haben noch keine abschließende Beurteilung. Der Prozess wird im Sommer in Italien eröffnet und dürfte den Fall aufklären. Wir haben unterdessen mehrere Maßnahmen ergriffen. Wir führen zum Beispiel die obligatorische Seenotrettungsübung für Passagiere vor Abfahrt im Einstiegshafen durch und setzen Sicherheitskarten ein, im ihre Teilnahme zu kontrollieren.

Berliner Morgenpost: Gibt es Passagiere, die das verweigern?

Jensen: Sie werden bis zu drei Mal ermahnt, an der Seenotrettungsübung teilzunehmen. Aber es gibt vereinzelt Menschen, die das auch nach dreimaliger Ermahnung nicht tun.

Berliner Morgenpost: Und die anderen neuen Sicherheitsmaßnahmen?

Jensen: Costa hat insgesamt sieben Initiativen zur Verbesserung der Sicherheitsstandards ergriffen und ist damit am Markt ganz weit vorn: Wir haben eine stärkere Beschränkung des Zugangs auf die Brücke festgelegt. Vorher gab es Zeiten, wo auch während der Manöversituation andere Besatzungsmitglieder auf die Brücke durften.

Zudem ist eine mehr gemeinschaftliche Abstimmung der konkreten Route vor Ort zwischen Kapitän und Offizieren vorgeschrieben. So werden die Offiziere beispielsweise auch nach einem neuem Brückenkommando-Modell geschult.

Die letzte Entscheidung der Routenführung behält freilich der Kapitän. Zudem haben wir ein Echtzeit-Routen-Überwachungssystems, das "High Tech Safety Monitoring System", eingeführt. So weiß die Reederei genau, welche Position die jeweiligen Schiffe haben.

Berliner Morgenpost: Wäre es aus Marketinggründen nicht sinnvoll gewesen, den Reedereinamen zu ändern?

Jensen: Costa gibt es seit 64 Jahren. Das schreckliche Unglück werden wir nie vergessen und es wird in die Firmengeschichte eingehen. Aber man darf nicht vergessen, dass wir in den 64 Jahren zur größten Reederei Europas herangewachsen sind. Diesen Namen einfach über Bord zu werfen und den Schornstein mit einer anderen Farbe zu bemalen – das hätte bei dem Konsumenten bestimmt das falsche Signal gesetzt.

Berliner Morgenpost: Nun hat Michael Thamm, vormals AIDA-Chef, die Führung der Costa Group übernommen. Besteht ein Zusammenhang mit dem "Concordia"-Unglück?

Jensen: Der bisherige CEO Pierluigi Foschi hatte bereits längerfristig angekündigt 2012 aus Altersgründen seinen Posten aufzugeben. Diese Entscheidung steht in keinen Zusammenhang mit dem Unglück der Concordia. Er wird auch künftig als Chairman und Managing Director der Costa-Gruppe sowie als Mitglied des Vorstandes der Carnival Corporation & plc tätig sein.

Berliner Morgenpost: Wo liegen eigentlich die Unterschiede zwischen den Costa- und den AIDA-Schiffen?

Jensen: Grundsätzlich gibt es in der gesamten Kreuzfahrtbranche eine sehr große Diversifizierung der Produkte. Für jeden Geschmack ist etwas dabei. So bietet Costa beispielsweise ein internationales Produkt mit Kernzielgruppen in Deutschland, Italien und Frankreich. Andere Kreuzfahrtreedereien wiederum konzentrieren sich auf den deutschen Markt.

Berliner Morgenpost: Wie sieht die Kreuzfahrt in zehn Jahren aus?

Jensen: Kreuzfahrten werden künftig ihr Nischendasein aufgeben und ein vollwertiges Mitglied in der Pauschaltouristik sein. Wie es heute normal ist, nach Mallorca zu fliegen, wird es irgendwann ganz normal sein, eine Kreuzfahrt zu unternehmen.

Berliner Morgenpost: Damit werden die Weltmeere ziemlich voll.

Jensen: Das sehen wir nicht so. Wir haben selbst im Mittelmeer noch viele weiße Flecken. Es gibt im Augenblick Destinationen, die wir aufgrund von politischen Gegebenheiten nicht anlaufen – denken wir nur an Libyen mit Tripolis, Ägypten und weitere Destinationen im östlichen Mittelmeer. Hier sehen wir zukünftig ein großes Potenzial an neuen und interessanten Destinationen für Kreuzfahrten.

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