29.06.12

Flusskreuzfahrt

Warum nicht mal Benelux mit dem Boot

Flüsse, Nebenflüsse und Kanäle: An Bord eines Flusskreuzfahrtschiffs durch die wasserreichen Niederlande. Wir geben Tipps für die richtige Route.

Foto: WWW.A-ROSA.DE

Die Veranstalter von Holland- und Belgienreisen planen als Ziele vor allem große Städte ein, darunter Amsterdam, Rotterdam, Antwerpen und Brügge
Die Veranstalter von Holland- und Belgienreisen planen als Ziele vor allem große Städte ein, darunter Amsterdam, Rotterdam, Antwerpen und Brügge

Flussreisen finden auf Flüssen statt. Der Name sagt es. Flussreise-Flüsse sind in der Regel groß und mächtig – und vor allem lang: der Rhein 750 Kilometer, die Donau 540 oder, fährt man bis zur Mündung, sogar über 2200 Kilometer. 80 Prozent aller Flusskreuzfahrtschiffe sind auf diesen zwei Strömen im Einsatz.

Man fährt und fährt, liegt auf dem Sonnendeck, diniert, parliert mit den Mitreisenden – und geht fünf, sechs mal an Land, die großen Sehenswürdigkeiten per Stadtrundfahrt (kostet extra) oder auf eigene Faust (beziehungsweise auf eigenen Füßen) zu entdecken: Wien–Bratislava–Budapest oder Basel–Straßburg–Koblenz–Köln–Amsterdam. Fünf, sechs Perlen auf einer langen, langen Schnur.

Aber das Wichtigste ist die Schnur, sind die Flüsse selbst: der romantische Rhein, die liebliche Wachau, das malerische Donau-Knie.

In Holland, das von den meisten Veranstaltern angefahren wird, die den Rhein im Programm haben (von A-Rosa und 1Avista bis TUI und Viking), ist das alles ganz anders. In den wasserreichen Niederlanden ist die Schnur eher ein Netz: Flüsse, Nebenflüsse, Kanäle, Rhein und Maas und Schelde, Ijssel und wie sie alle heißen, dazu auch mal eine (Zuider-)See oder ein (Ijssel-)Meer.

Tulpenfelder aber auch Industriebauten

"Wo fahren wir jetzt eigentlich?" ist eine der meist gestellten Fragen auf dem Sonnendeck. Und zugegeben, man fährt nicht nur durch Tulpenfelder oder von Kühen schwarzweiß betupfte endlos grüne Wiesen, sondern schon mal an langweiligen Industriebauten vorbei auf eher langweiligen, von Pappeln umsäumten schnurgeraden Kanälen.

Und die Perlen? Vor Jahren noch lag der besondere Charme der Holland/Belgien-Kreuzfahrten darin, dass viele kleine idyllische Städtchen angelaufen wurden. Enkhuizen dafür als Beispiel, laut Reiseführer "eine der schönsten Städte der Niederlande".

Die einst durch Handel und Heringsfang reich gewordene Stadt ist mit den Zeitläuften ins Abseits geraten. Erst ging die Heringsflotte verloren, dann kamen die Spanier, dann die Pest.

Und als dann noch die Kaufleute nach Amsterdam zogen, der Hafen versandete und schließlich der Afsluitdijk, der Abschlussdeich, bis auf zwei Schleusen den Zugang zur offenen See abschnitt, da wurde Enkhuizen, wie Edam, Hoorn und Medemblik, eine der "toten" Städte an der Zuidersee.

Von den 25.000 Einwohnern des "goldenen Zeitalters" sind heute 18.000 über geblieben. Sie leben vom Ackerbau – und von den Touristen. Was sich gleich bei der Einfahrt in den Hafen bestätigt. Welch ein Gewimmel, welch buntes Treiben, zahllos die Fahnen und Wimpel, die Boote und Jachten, historische Flachboote im Dutzend. Und natürlich Touristen aller Couleur.

Kneipen und Koffiehuises

Die Stadt selbst, überragt vom mittelalterlichen Dromedaris-Turm, ist eine Idylle: Stadtkirche, Rathaus, die Stadtwaage auf dem Kaasmarktviertel, malerische Bürgerhäuser überall, Grachten, und natürlich Läden, Kneipen und Koffiehuises, Atmosphäre eben, aufgehübscht mit Phantasie und Erfindungsreichtum.

Jedes Haus, jeder Vorgarten, jedes Fenster ist dekoriert: ein alte Milchkanne, ein Werkzeug, ein Fischernetz, die Miniaturwindmühlen nicht zu vergessen, die sich in vielen Vorgärten drehen. Und natürlich Blumen, Blumen überall, nicht nur auf den Tulpenfeldern ringsum, derentwegen man ja nach Holland fährt.

Im Zuge der Rationalisierung auch der Kreuzfahrtenindustrie sind viele dieser typischen Holland-Idyllen leider aus den Programmen gefallen. Man konzentriert sich auf die großen, weltbekannten Städte: Amsterdam, Rotterdam, Utrecht, Den Haag sowie (meist ist inzwischen auch Belgien dabei) Antwerpen, Brügge und Gent. Und macht das andere bestenfalls mit dem Ausflugsbus.

Was nichts daran ändert, dass Amsterdam natürlich der Höhepunkt aller Reisen ist. Ein bisschen bunt, ein bisschen schrill, ein bisschen hektisch, aber welch unglaubliche Schätze der Architektur, der Kunst, der Geschichte. 6000 Baudenkmäler, 160 Grachten über 1000 Brücken, Rembrandthuis und Vincent van Gogh Museum, Rijksmuseum und Königspalast, Nieuwe und Oude Kerk.

Gigantisch guter Hering

Man kann das nicht alles ablaufen, die Grachtenfahrt hilft bei der Orientierung, aber dann sollte man natürlich durch die Stadt bummeln, Kalverstraat, Heren-, Prinzen- und Keizersgracht, Begijnhof, der Flohmarkt am Waterlooplein, der Blumenmarkt an der Singelgracht und, nicht zu vergessen, die gigantisch gute Heringsbude "De Gigants" an der Westerkerk, wo man (zu Austernpreisen) Hollands besten Matjes isst.

Die Reiseveranstalter tun ihr Bestes, die Stadt erlebbar zu machen. Grachtenfahrten, Stadtführungen, Museumsbesuche. Oft liegt das Schiff auch übernacht und das ziemlich zentral gleich am Bahnhof, und Amsterdam lockt bei Nacht.

Und die klassischen Hollandziele? Der Blumenpark Keukenhof, die 19 Windmühlen von Kinderdijk, das Museumsdorf Zaanse Schan bei Volendam und das Schloss Het Loo mit seinem weltberühmten Park? Natürlich bestehen die Touristen auf diese Highlights. Bei fast allen Kreuzfahrten stehen sie irgendwie auf dem Programm. Aber sie werden eben bei den "Landgängen" mit dem Ausflugsbus angefahren.

Es gibt vielerlei Kriterien, nach denen man sich für eine Holland-Reise entscheidet, der Veranstalter, das Schiff, der Preis natürlich. Aber das Programm, also die angelaufenen Häfen, sollte auch dazu zählen.

Zumal alle Flusskreuzfahrtschiffe irgendwie gleich sind und nach den gleichen Prinzipien funktionieren. Sicher, bei Ausstattung, Komfort und Service gibt es schon Unterschiede.

Reise in das echte Holland

Drei Sterne, vier Sterne, fünf Sterne. Das schlägt sich dann logischerweise im Reisepreis nieder. Und der Aufschlag, den man für eine bessere Kabine zahlt, innen, außen, Balkon, kommt hinzu. Getränke gehen extra, von der An- und Abreise gar nicht zu reden.

Die Branche kalkuliert mit Tagespreisen von um die 200 Euro, und damit sollte man rechnen. Aber das kostet die Nacht im Park Hotel Amsterdam auch – fast. Ohne Vollpension.

Hollandliebhaber sollten darauf achten, wie viele von den "kleinen Perlen" angelaufen werden. Edam, Volendam, Vlissingen, Woodrichem, Hoorn, Alkmaar, Nijmegen, Leuwarden oder eben Enkhuizen. Sie sind das echte Holland.

Man schlendert, schaut und staunt, kehrt auch mal auf ein "koffje" ein, ist nach drei Stunden pünktlich wieder an Bord. Und das meistgehörte Urteil bei den Heimkehrern heißt "niedlich".

Das alles ist nichts Welt bewegendes, Atem beraubendes wie die großen Weltkulturerbestädte. Aber die Feriengefühle fördert es ungemein. Es geht bei den Hollandreisen um die fröhliche, entspannende Grundstimmung, die das Land vermittelt. Sie bleibt in Erinnerung, auch wenn man die Ortsnamen am nächsten Tag schon wieder vergessen hat.

Bei den Großstadt-Kreuzfahrten erlebt man das kaum. Amsterdam überwältigt, "niedlich" ist es nicht. Bei den 8-tägigen Standard-Reisen sind in der Regel auch einige "Kleine" dabei, aber – sagen Kenner – erst wenn man auf dem Ijsselmeer kreuzt, kriegt man das volle Windmühlen-Tulpen-Käse-Holzschuh-Feeling.

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