24.06.12

Biergarten-Kultur

Brotzeit, Bier und Regeln für "Zuagroaste"

Gemütlich, gesellig, gastfreundlich: Was wäre München ohne seine Biergärten? Ein Krug Bier unter Kastanien, dazu eine Brotzeit: Das hat seit 200 Jahren Tradition – nicht nur in Bayern.

Von Peter Wägner
Foto: picture-alliance/ dpa

Für die Münchner ist der Biergarten im Sommer quasi eine zweite Heimat. Eine Maß Bier darf dabei nicht fehlen.

9 Bilder

Am 4. Januar 1812 erlaubte Bayerns König Max I. den Münchner Brauereien, "auf ihren eigenen Märzenkellern … selbst gebrautes Märzenbier in Minuto zu verschleißen und ihre Gäste dortselbst mit Bier und Brod zu bedienen. Das Abreichen von Speisen und anderen Getränken bleibt ihnen aber ausdrücklich verboten." Er beendete damit einen jahrelangen Krieg zwischen Brauern und Wirten, die sich um die Schankrechte stritten (der eine braut, der andere schenkt aus), und es wurde zur Geburtsstunde der Münchner Biergärten.

Zur offiziellen, denn schon Jahre zuvor wurde zwar Bier getrunken, aber nicht im Sommer, weil das untergärige Getränk zu schnell verdarb.

Ganzjährig kühl im Bierkeller

Damit auch im Sommer dieses Bier ausgeschenkt werden konnte, legten größere Münchner Bierbrauer an der Isar tiefe Bierkeller an, in denen man mit Eis das gebraute Bier ganzjährig kühl halten konnte. Oft wurden Kastanien gepflanzt und Kies gestreut, um die Keller zu beschatten.

Unter diesen Kastanien aber versammelten sich im Sommer die Münchner – und verlangten nach Bier "in Minuto", also glas- und nicht fassweise.

Was die Brauer gern ausschenkten – und den umliegenden Wirten wiederum das Geschäft schmälerte, obwohl des Königs weise Entscheidung all ihre sonstigen Rechte privilegierte. Da nur der reine Ausschank ohne Speisen erlaubt war, brachte man seine Brotzeit selber mit. Inklusive rot-weiß karierter Tischdecke, Holzbrett, Bestecken – bis hin zu den Kerzen für lange Sommernächte.

Selbstbedienung ist üblich

Bei dem Brauch ist es bis heute geblieben, auch wenn die Biergartenwirte inzwischen kaltes und warmes Essen feilbieten. Selbstbedienung ist bis heute üblich.

"Biergärten sind wichtige Vollzugsanstalten der bayerischen Trink- und Sozialkultur", formulierte einst der bayerische Oberlandesanwalt Martin Bauer. Die Münchner sagen, dass der Biergarten im Sommer ihr Wohnzimmer sei. Und sie praktizieren das auch.

Kein lauer Abend, kein Wochenende ohne einen Abstecher zum Lieblingsbiergarten. Dazu gehört natürlich die Brotzeit. Zum Essen darf mitgebracht werden, was einem schmeckt, nur das Bier oder die Getränke müssen beim Wirt gekauft werden.

Welcher denn nun der Lieblingsbiergarten ist, darüber wird in München gestritten wie über lokale Fußballvereine: FC Bayern München oder TSV 1860 München. Jeder Biergarten hat seine Fans.

Das Problem ist, dass auch in München die Unterschiede zwischen Biergärten, Bierkellern und -häusern, aber auch Brauerei-Gärten, Gartenlokalen und einfach vor die Restauranttür gestellten Stühlen immer größer werden. Sonnenschirme statt Kastanien, Bacardi statt Bier? Den Kenner schaudert's.

Streit um den Titel "Schönster Traditionsbiergarten"

Immerhin, noch gibt es Dutzende von Traditionsbiergärten in München, im Umland und überhaupt in Bayern. Und der Streit darüber, welcher denn nun der schönste sei, ist alle Jahre wieder ein Dauerthema der Münchner Gazetten und im Internet: die Top Ten (www.zehn.de/die-10-schoensten-biergaerten-in-muenchen-und-umgebung) bis zu den 55 besten (www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.az-serie-alle-biergaerten-im-ueberblick).

Fremden, die die Quintessenz des Münchner Biergartenwesens entdecken wollen, sei der traditionsreiche Augustiner-Keller ans Herz gelegt. Eine Institution.

Er ist der älteste der Stadt, wurde vor 200 Jahren eröffnet – und erstmals erwähnt wurde der heute 5000 Plätze umfassende Biergarten im Münchner Stadtplan von 1812. Hier stimmt noch alles: der Keller, die Kastanien, die Stammtische mit den Namensschildern, die vergitterten Masskrug-Schließfächer, die bis heute wie Familienerbstücke vom Vater auf den Sohn übertragen werden (www.augustinerkeller.de).

Zahllose Biergarten-Geschichten

Und dann gibt es natürlich jene Münchner Biergarten-Geschichten, die zahllosen gereimten und ungereimten, wahren und erlogenen. Der ganze Münchner Poetenhimmel kommt darin vor, denn im Biergarten saßen sie alle.

Sigi Sommer, als "Blasius, der Spaziergänger" lange Jahre eine Münchner Institution, war im Augustiner-Keller meist einer der ersten Biergarten-Stammgäste des Jahres. Oft traf man ihn schon im Februar oder März hier an. Gegen kalte Füße benutzte er dann einen Holzkohlenofen, den er zum Aufwärmen unter den Tisch stellte. Die Kohle dafür lagerte er hinterm Hendlstand.

Selbst Thomas Mann setzte im "Tod in Venedig" dem Biergarten ein bescheidenes, aber gern zitiertes literarisches Denkmal. "Beim Aumeister, wohin stillere und stillere Wege ihn geführt, hatte Aschenbach eine kleine Weile den volkstümlich belebten Wirtsgarten überblickt, an dessen Rande einige Droschken und Equipagen hielten, hatte von dort bei sinkender Sonne seinen Heimweg außerhalb des Parks über die offene Flur genommen und erwartete, da er sich müde fühlte und über Föhring Gewitter drohte, am Nördlichen Friedhof die Tram, die ihn in gerader Linie zur Stadt zurückbringen sollte." Na bitte.

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen – außer einem ausführlichen Hinweis auf das deutsche, besser das bayerische Reinheitsgebot von 1516.

Dieses Reinheitsgebot in einem Bericht über Bayern und Bier zu vergessen hätte den alsbaldigen Entzug der Einreiseerlaubnis an sämtlichen weiß-blauen Grenzen zur Folge.

Die älteste Lebensmittelgesetzgebung der Welt

Also: Gerste, Hopfen, Wasser und sonst nichts. Wie das im April 1516 der Bayerische Landständetag unter Vorsitz von Herzog Wilhelm IV. in Ingolstadt erlassene Gesetz vorschrieb, die älteste, noch heute gültige Lebensmittelgesetzgebung der Welt.

Die Klarstellung, dass es sich um Gerstenmalz zu handeln habe, wurde später eingefügt. Von der Rolle der Hefe wusste man noch nichts. Und dass es sich beim Hefeweizen um Weizen handelt, spricht auch nicht dagegen.

Wie dann die Unterschiede zwischen Hacker-Pschorr, Paulaner, Augustiner, Spaten, Löwen- oder Hofbräu (das sind die sechs großen Münchner Brauereien) zustande kommen, das bleibt für den Laien ein Geheimnis.

Selbst wenn man noch Seiten lang über hell und dunkel, obergärig und untergärig dozieren würde. Lassen wir's beim "prost!" bewenden. Übrigens, die Mass im Biergarten kostet zwischen 6,50 und 7,20 Euro.

Biergartenregeln für "Zuagroaste"

An folgende Biergartenregeln sollten sich Besucher, also "Zuagroaste", halten. Erstens: Man holt sich seine Getränke und gegebenenfalls sein Essen selbst. Zweitens: Man spricht seinen Nachbarn an, nennt seinen Vornamen – und duzt sich. Drittens: Trotz der allgemeinen Verbrüderung ist am Stammtisch nur derjenige zugelassen, der eingeladen wird.

Viertens: Pro getrunkener Mass Bier wird nicht nur vor dem ersten Schluck, sondern mindestens zehnmal angestoßen, bis der Krug leer ist. Fünftens: Sich Fast Food im Biergarten anliefern zu lassen ist nicht gestattet.

Sechstens: Der Steckerlfisch (eine geräucherte Makrele) wird mit den Fingern gegessen. Und siebtens: Das Noagerl, also der Rest, bleibt im Krug, wenn die Bedienung abräumt. Der Bayer bevorzugt frisch gezapftes Bier.

Die Reise wurde unterstützt vom Fremdenverkehrsamt München-Oberbayern.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Multimedia
Plädoyer

Warum es im Süden Deutschlands am schönsten ist

Tipps und Infos
Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Liebes-Nachhilfe Flirten wie ein Silberrücken
William und Kate Hip-Hop-Crashkurs für die Royals
Xbox-One vs PS4 Microsoft muss knappe Niederlage hinnehmen
Champions-League Guardiola will "überragende Leistung"
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Reisetipps

Zehn spannende Events weltweit im Mai

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote