08.06.12

Italien-Urlaub

Mit dem Fahrrad durch Rom? Das geht!

Die Römer fahren wie die Henker, die Ewige Stadt hat kaum Radwege, der Verkehr ist chaotisch, trotzdem kann man Rom per Fahrrad erkunden. Unser Autor hat es ausprobiert – und überlebt.

Foto: picture alliance / Guy Thouvenin

Exotischer Anblick: Radfahrer vor dem Kolosseum in Rom
Exotischer Anblick: Radfahrer vor dem Kolosseum in Rom

Endlich Stille, endlich Natur. Am linken Flussufer, zwischen Ponte Regina Margherita und Ponte Cavour, hat der Tiber ein Zwischenreich aus Land und Wasser geschaffen. Auf sonnenerwärmten Steinen rekeln sich Eidechsen.

Träge mäandert der Fluss an grasbewachsenen Mauern vorbei, passiert Türme, matt schimmernde Kirchenkuppeln und stuckverzierte Palazzi. Knorrige Platanen neigen sich weit über die Begrenzungsmauer. Unter verwitterten Brückenbögen segelt ein Pulk Möwen hindurch, taucht klatschend ins Wasser.

Holperfahrt auf Kopfsteinpflaster

Am Tiber, etliche Meter unter dem Straßenniveau, ist Rom ganz anders. Grüner, friedlicher. Und stiller. Eben noch war es ganz anders.

Wir hatten uns in der Nähe des Bahnhofs Fahrräder ausgeliehen, um die Ewige Stadt als Pedalritter zu erobern. Hinter der Stazione Roma Termini sind wir Richtung Kolosseum eingebogen, die Holperfahrt im steten Auf und Ab über das speckige Straßenpflaster erinnerte daran, dass Rom auf sieben Hügeln erbaut wurde. Angeblich.

Wenn man hier mit dem Fahrrad unterwegs ist, sind es gefühlt einige mehr. Am Kolosseum herrscht ein Gewimmel wie vor einem Bienenstand. Ringsum tobt der Straßenverkehr, als Gladiatoren verkleidete Hauptstädter versuchen, Touristen zu einem Foto zu überreden, um dann ein saftiges Trinkgeld einzufordern.

Es gibt vor den antiken Ruinen viele Touristen und Gladiatoren. Die wahren Exoten auf Roms Straßen, an deren Rändern es so gut wie keine Fahrradwege gibt, sind jedoch wir. Außer einer Gruppe blonder Nordeuropäer konnten wir bisher keinen Gleichgesinnten entdecken.

Uns wird klar, dass unser Unternehmen angesichts des Fahrstils römischer Autobesitzer ziemlich waghalsig ist. Doch an einer Rampe am Lungotevere Aventino treffen wir Alfredo Vergari. Der Mittsechziger, eher klein und braun gebrannt, ist ebenfalls mit dem Fahrrad unterwegs.

Am Tiber-Ufer gibt es sogar Radwege

Hinter ihm her schieben wir unsere Trekkingbikes über die graue Steinrampe zum Fluss hinunter. Dabei vollzieht sich eine seltsame Metamorphose, plötzlich erscheint die Metropole wie ein ländliches Idyll.

"Hier bist du mittendrin und doch außen vor", sagt Alfredo Vergari. "Wenn ich abschalten will, komme ich immer mit dem Fahrrad zum Fluss." Dann strampelt der sportliche Rentner los, mit uns als Gäste im Schlepptau.

Gemächlich schnurren die Trekkingräder über den etwa zwei Meter breiten Asphaltstreifen. Seit einigen Jahren gibt es eine Fahrradroute entlang dem sich dahinschlängelnden Tiberufer. Auf insgesamt etwa 70 Kilometern durchquert sie die Ewige Stadt von Nord nach Süd: ein grünes Band, wie mit der Axt eines Riesen mitten durch den Großstadtdschungel geschlagen.

Das Gefühl, sich in einer Schneise zu bewegen, wird verstärkt durch die hohen Mauern aus Travertinblöcken. Man hat sie nach einer verheerenden Überschwemmung im Jahr 1870 errichtet.

Der König sorgte für den Hochwasserschutz

Rom war gerade Hauptstadt des vereinigten Italien geworden, gegen den Widerstand des Papstes. "Ein göttliches Strafgericht!", menetekelten damals die Frommen. Die Antwort des frischgebackenen Königs Vittorio Emanuele waren die zwölf Meter hohen Begrenzungsmauern. Bis heute schützen sie die Stadt vor Hochwasserschäden – und auch vor Lärm.

Es geht stromaufwärts an den Überresten des antiken Ripa-Hafens vorbei. Nach einer Flussbiegung zeichnen sich die Umrisse der Tiberinsel ab, wie der steinerne Bug eines Ozeandampfers.

Dahinter, unter dem Monte Aventino, liegen der Circo Massimo und der Palatin. "Die urbs aeterna ist ja am Tiber entstanden", erklärt Vergari. Wie jetzt aus der Froschperspektive: So hat man Rom noch nie gesehen.

Baden im Tiber? Lieber nicht

Die Tour am Tiberradweg bringt weitere Vorteile. Je nach Lust und Laune schiebt man sein Fortbewegungsmittel einfach über eine Treppe hinauf, um sich oben in die Warteschlange vor einer berühmten Sehenswürdigkeit einzureihen.

Hat man dann genug vom Trubel, taucht man wieder ab zur Piste, wo Roms zahllose Gotteshäuser und Prunkresidenzen in Cinemascope an einem vorbeifliegen.

Wir radeln unter dem schummrigen Gewölbe der Palatin-Brücke hindurch. Rechts öffnet sich ein rundes Loch in der Begrenzungsmauer, hervor quillt eine dunkle, dampfende Brühe: Die cloaca maxima, Roms antiker Abwasserkanal, funktioniert nach 2000 Jahren immer noch prächtig.

Der Tiber sei verschmutzt, gesteht Vergari etwas verlegen. "Wir können nicht mehr darin baden – obwohl unser Clubhaus, wir sind der zweitälteste Schwimmverein der Stadt, seit über 120 Jahren am Fluss steht."

Er macht nun ein leidendes Gesicht. Im Fahrradrucksack hat unser Guide ein Buch mit alten Fotos dabei. Sie zeigen den Fluss, wie er früher war: Am Ufer reihen sich Mühlen und Badeanstalten aneinander, auf dem Wasser schaukeln mit Waren beladene Kähne.

"Die Römer haben ihren Fluss vergessen"

"Die Römer haben ihren Fluss vergessen", sagt Alfredo Vergari und zuckt resigniert mit den Schultern. Dabei ist der Tiber für die Italiener ein mythischer Fluss. Der Sage nach strandeten die auf dem Tiber ausgesetzten Zwillinge Romulus und Remus in der Nähe des Palatins – der Keimzelle des römischen Weltreiches.

Als "einen im Himmel vorherbestimmten Fluss" preist Vergil den Tiber in seiner Aeneis. Und noch im 20. Jahrhundert singt der Lyriker Giuseppe Ungaretti: "Mein Fluss auch du, schicksalhafter Tiber".

Wo die Cestio-Brücke den Stadtteil Trastevere mit der Tiberinsel verbindet, machen wir einen Zwischenstopp. Fixieren die Räder mit Eisenketten an einem Laternenpfahl und stapfen die Stufen zur Flussinsel hinauf. Dort stehen zwei Krankenhäuser, eine Apotheke sowie eine Kirche, in der brennende Kerzen an christliche Glaubensmärtyrer unserer Zeit erinnern.

Die Gelateria an der Ecke verheißt diesseitige Freuden. Wir kaufen Eis in der Waffel und setzen uns damit auf eine Steinmauer unter den Gebäuden. Lassen die Füße über dem Wasser baumeln und atmen den Duft blühender Akazien, vermischt mit dem erdigen Aroma des Tibers.

Jeder Stein ist mit Geschichte vollgesogen

Beschwingt geht es weiter. Vom Ponte Sisto, den wir rechts liegen lassen, stürzen sich zu Neujahr wagemutige junge Männer in die eiskalten Tiberfluten, erzählt Alfredo Vergari.

Unser Guide kennt viele solcher Geschichten. Er kam in Rom auf die Welt und hat miterlebt, wie sich die Stadt veränderte. Seiner Meinung nach nicht immer zum Guten. Trastevere etwa, das Viertel westlich des Tibers, sei vor wenigen Jahrzehnten noch ein Wohnquartier der einfachen Leute gewesen, mit Tante-Emma-Läden und bunten Marktständen.

"Man fühlte sich wie in einer quirligen süditalienischen Provinzstadt." Doch dann seien viele der ursprünglichen Bewohner abgewandert, es folgten reiche Ausländer. Heute könne sich kaum ein Alteingesessener die horrenden Mietpreise mehr leisten.

Dass man seinen Reichtum schamlos zur Schau stellt, hat in der Stadt der Päpste allerdings Tradition. Ein Stück flussaufwärts warf der Hausherr des Palazzo Farnesina, Renaissance-Papst Agostino Chigi, im Übermut schon mal sein Tafelsilber in den Tiber. Ob wahr oder nur gut erfunden: Hier ist jeder Quadratmeter Boden, jeder Stein mit Geschichte vollgesogen. Oft genug einer blutigen.

Wir erreichen den Ponte Sant' Angelo. Links ragt der mächtige Rundbau der Engelsburg empor, die Fluchtburg der Päpste, sie diente auch als Gefängnis. Der Philosoph Giordano Bruno zum Beispiel schmachtete hier in Erwartung seines Todesurteiles.

Mit dem Rad im Zentrum der Christenheit

Wir befinden uns jetzt im Zentrum der Christenheit. Wenige Meter entfernt werden im Stundentakt Busladungen eiliger Touristen ausgespuckt. Nahe der Engelsburg kratzt die gewaltige Kuppel des Petersdomes in den blauen Himmel. Dahinter die Arbeitsräume des Apostolischen Palastes.

Doch seltsam, unten am Tiber interessiert das keinen. Hier will man das offizielle, zeremoniöse Rom vergessen. Matronen blinzeln auf Holzbänken in die Sonne. Jogger mit verspiegelten Sonnenbrillen traben uns entgegen, Senioren, stur in die Pedale ihrer Rennmaschinen steigend, überholen mit Karacho.

Mit langen Schlägen nähern sich Ruderer dem Bogen des Ponte Milvio. Als sie das prunkvolle, mit Marmor verkleidete Bauwerk aus dem Dunst der Tibersenke hervorleuchten sahen, wussten die Reisenden vergangener Epochen, dass sie am Ziel angekommen waren. Kaiser Konstantin besiegte hier seinen Rivalen Maxentius.

Heute ist die Brücke über und über mit Vorhängeschlössern behängt, Liebende wollen auf diese Weise ihre Treue zum Ausdruck bringen. Dass dieser strategisch wichtige Zugang zur Ewigen Stadt nun auf so friedliche Weise besetzt wird – wenn das kein historischer Fortschritt ist.

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Tipps für Radfahrer in Rom
  • Anreise

    Der Flughafen Leonardo da Vinci wird vor allem von klassischen Linienfluggesellschaften bedient, während der Flughafen Ciampino im Südosten der Stadt überwiegend von Billigfluglinien wie Ryanair und Germanwings angeflogen wird.

  • Unterkunft

    „Hotel Teatro Pace 33“, ordentliches Haus im Herzen Roms, DZ ab 140 Euro, www.hotelteatropace.com. Private Unterkünfte kann man im Internet unter www.bbitalia.it buchen, die Preise für ein Doppelzimmer mit Frühstück liegen meist zwischen 30 und 60 Euro.

  • Fahrradverleih

    Top bike rental & tours, nahe Bahnhof Roma Termini in der Via Quattro Cantoni 44, geführte Touren inklusive Leihrad ab 35 Euro, www.topbikerental.com; Bici & Baci, Via Viminale 5, www.bicibaci.com.

  • Radwege

    Die wenigen offiziellen Radwege Roms sind im Internet unter www.piste-ciclabili.com/comune-roma aufgelistet, darunter auch der Tiber-Radweg.

  • Auskunft

    Italienisches Fremdenverkehrsamt ENIT, Frankfurt/Main, Tel. 069/23 74 34, www.enit.it

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