01.06.12

Reiturlaub

Tölt, Tölt, Tölt – auf Ponys entspannt durch Island

Im Trab über Moore, Wiesen und Vulkanlandschaften? Nein, im Tölt! Die robusten Island-Ponys beherrschen eine Gangart, die den Reiter kaum durchrüttelt. So lässt sich die Insel entspannt erkunden.

Foto: picture-alliance/ ZB
Eine kleine Herde Islandpferde auf einem Pfad im Südwesten der Insel. Die stämmigen Tiere sind bei Reitern sehr beliebt
Eine kleine Herde Islandpferde auf einem Pfad im Südwesten der Insel. Die stämmigen Tiere sind bei Reitern sehr beliebt

Fjödur weiß sicher nicht, auf was sie sich einlässt. Sie trottet bereitwillig hinter mir her. Auch wenn es da das Halfter gibt, das uns verbindet, sie müsste mir nicht Richtung Stall folgen. Denn wenn die Islandstute nicht wollen würde, wie ich will, dann könnte sie wahrscheinlich fast 400 Kilogramm in die Waagschale werfen, und die Sache wäre erst mal gegessen.

So trottet Fjödur brav hinter mir her – denn ich soll von uns beiden die Ranghöhere sein, für die nächsten sieben Tage. Auch wenn ich mich nicht so fühle. Ein Jahr Reitunterricht – und ich würde mich doch als Anfängerin bezeichnen, die es höchstens geschafft hat, das Wort "blutig" davor zu streichen.

Acht andere Reiter sind mit mir auf dem Hof Egilsstadir 1. Die Farm liegt im Süden Islands, etwa 115 Kilometer von Reykjavík entfernt am Gletscherfluss Þjórsa. Bei gutem Wetter tritt man aus dem Gästehaus und kann viele Kilometer weit über sattgrüne Wiesen und die Þjórsa blicken – am Horizont der Vulkan Hekla, der Vulkangletscher Eyjafjallajökull und die Inseln Westmannaeyjar. Die gebürtige Bremerin Christiane Grossklaus und ihr Mann Ólafur Lárusson haben Egilsstadir 1 im Jahr 2003 gekauft.

Wellnessprogramm vor dem Ausritt

So geht's mit Fjödur ab in den Stall, zum Satteln. Doch vorher ist das Wellnessprogramm angesagt: Ich striegle die Gute, bis die Haare nur noch so durch die Luft fliegen. In mir keimt die vage Hoffnung, dass sie sich dadurch in irgendeiner Art und Weise mit mir verbunden fühlt. Und vielleicht könnte dies dazu führen, dass sie mich nicht tritt, beißt oder abwirft. Denn die gute Fjödur ist nicht gerade die zarte "Feder", wie ihr Name vermuten lässt, sondern eine recht kräftige Pferdedame.

Mit den Wikingerschiffen wurden die Pferde vor über 1000 Jahren nach Island gebracht. Die raue Natur und die Entfernungen haben eine starke und ausdauernde Pferderasse hervorgebracht. Heute vertrauen viele Reiter ihrer Nervenstärke und Gelassenheit.

"Das Wichtigste ist: Tölt, Tölt, Tölt", erklärt Ólafur. Der Tölt ist – im Idealfall – für den Reiter so extrem angenehm, dass er schlicht und ergreifend bequem sitzen bleiben kann. Diese gedrungene, robuste Pferderasse beherrscht mehr als jede andere diese Gangart, bei der der Reiter nicht auf dem Sattel durchgeschüttelt wird wie beim Galopp oder Trab – denn ein Fuß des Tieres bleibt immer am Boden. Zu unterschätzen ist die Gangart aber nicht – im Tölt können Pferde sogar Galopp-Tempo erreichen.

Los geht der Ritt! Ein Pferd nach dem anderen, brav in einer Reihe – so wurde es ihnen beigebracht. Hinter mir sorgt Praktikantin Anni für die Gruppendisziplin. Ólafur prescht auf seinem Pferd vor, zurück, fragt, ob alles passt, und korrigiert hier und da den Sitz des Reiters. Oberkörper gerade, Fersen nach unten, Fußspitze nach innen.

"Isländische Pferde lieben den Wind"

Wir verlassen die steinige Straße, es geht auf weiche Wiesen. Fjödurs Schritt wird schwungvoll, man müsste geradezu versteinert sein, um nicht zu merken, wie viel Spaß ihr das macht. Wären da nicht die anderen vor ihr ... Sie würde so gern .... Ein bisschen schneller? Fjödur hat Spaß daran zu flitzen, die Energie abzulassen.

"Isländische Pferde lieben den Wind", sagt Anni neben mir. Es geht über saftige Wiesen voller Blumen, bergauf, bergab und entlang des Flusses Þjórsa, der flankiert ist von schwarzem Sand. Vorbei an einer Landschaft, die so einzigartig ist, dass auf Fotos selten die ganze Schönheit zu sehen ist.

In den Reitpausen legt man sich einfach in den Sand oder auf die Wiese. Christel aus München schießt Fotos, wir lachen über Nellys Pferd, das permanent pupst, und Marion erzählt von dem Bauernhof ihrer Eltern. Man quatscht. Oder spürt, wie sich unter einem die Erde dreht, und schaut in den blauen Himmel.

Wieder unterwegs, vorbei an unzähligen Pferden und Schafen, macht Ólafur plötzlich Stopp an einem Holzhaus – hier wohnt Nachbar Atli, der Ólafur direkt von der Terrasse aus eine Tasse Kaffee in die Hand drückt und plaudert. Ohne abzusteigen, versteht sich. Überhaupt, der Isländer plaudert gern. Über Pferde, Schafe, Politik, das Wetter.

Gefühl wie im Schullandheim

"Gibt es eine isländische Eigenheit, an die du dich erst mal gewöhnen musstest?", frage ich Christiane. "Nicht mit der Tür ins Haus zu fallen", erklärt die Bremerin. "Erst spricht man über das allgemeine Befinden, über das Wetter, das dauert sehr, sehr lange. Dann erst kommt man auf den Punkt. Das Gleiche passiert auch, wenn man irgendwo zu Besuch ist. Selbst die Verabschiedung an der Tür kann eine halbe Stunde dauern."

Nach drei Stunden Ausritt sind wir zurück auf dem Hof. Am Nachmittag sammelt Chefin Christiane uns wieder ein, steckt uns in den VW-Bus. Und zeigt uns die schönsten Seiten der Insel – so ziemlich alles, was zu Island gehört und man gesehen haben muss: prustende und dampfende Geysire, unzählige Wasserfälle, den Gletscher Sólheimarjökull, der noch von der Asche des Eyjafjallajökull schwarzgrau gefärbt ist.

Schon nach zwei Tagen fühle ich mich ein bisschen wie im Schullandheim. Jeden Abend ein Kichern und Quietschen. Im Badeanzug wird durch die kalte isländische Nacht geflitzt. Gänsehaut bei dem Sprung in den Hot Pot, einen warmen Pool unter freiem Himmel. Da fließt der Muskelkater schnell davon. Und es werden Geschichten erzählt, zum Beispiel von sprechenden Pferden und fliehenden Einhörnern.

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