15.05.12

Schweiz

Holdrio – "Leise jodeln kann man nicht"

Vieles ist möglich, nur österreichisch darf es nicht anmuten: In Interlaken können Urlauber das Jodeln lernen. Es gibt dafür ein Diplom – und die Erkenntnis: Je lauter, desto besser klingt's.

Foto: swiss image.ch
Majestaetische Kulisse fuer das Eidg. Jodlerfest in Interlaken
Stimmgewaltig: eine Gruppe Jodlerinnen im Dirndl und mit Kopfhauben vor der Bergkulisse von Eiger, Mönch und Jungfrau in Interlaken

Die Fenster des Tagungsraums sind gekippt. Draußen erschrecken sich die Vorübergehenden regelmäßig, wenn laute Schreie aus dem Luxushotel dringen.

Das hätten sie im "Lindner Grand Hotel Beau Rivage" in Interlaken nicht erwartet. "Leise jodeln kann man nun mal nicht", sagt Margit Amacher, die 59-jährige Jodellehrerin.

Die richtige Stimmtechnik

Beim Jodeln erreicht man ohne viel Kraft, sondern durch Stimmtechnik eine besonders hohe Lautstärke, ohne zu brüllen.

"Früher riefen sich Hirten in den Bergen mit Jodellauten Botschaften zu, selbst Hunde und Kühe verstanden die Signale. Auch Jäger und Sennerinnen verständigten sich auf weite Entfernung auf diese Weise", erklärt sie weiter.

Die Jodellehrerin bekennt, nur in ihrer Tracht richtig jodeln zu können. Ihr handgefertigtes Dirndl ohne Dekolleté, mit züchtigem Tuch am Busen, von einer Brosche gehalten, die Schürze aus reiner Seide, macht schon etwas her.

Dazu eine Haube auf dem Kopf, die wie ein Fächer aussieht. "Mit Jodeln kann man auch böse Geister vertreiben, deshalb wird die universelle Sprache in Afrika und anderswo auf der Welt genutzt", sagt Margit Amacher.

Bruststimme und Kopfstimme

Beim Jodeln werden Bruststimme und Kopfstimme verbunden, sodass die Laute beider Tonebenen, also hoch und tief, zusammenklappen.

So entsteht eine Terz in Dur, der typische Jodelgesang. Margit Amacher verteilt Notenblätter. Der "Ritzgrat-Jutz" darf frei vokalisiert werden, nur das Auf und Ab der Noten gilt es zu beachten.

Die Vorjodlerin besteht auf Dehnen und Strecken zum Auflockern, betont die Bedeutung des entspannten Atmens, es folgt das Einstimmen die Tonleiter rauf und runter.

Bald schon schraubt sich der erste Jodler aus den Mündern, ein einfaches "Holdrio". Niemand unter den Kandidaten schafft es auf Anhieb richtig. Die Stimme soll gekippt werden und sich sofort steil in die Höhe bewegen, aber der Körper deutet das als Zumutung.

Klägliche Laute sind zu hören, aber zum Glück kein "Holadihooo". "Das wäre zu süßlich", werden wir Debütanten belehrt.

Laute ohne Silben

"So singen Österreicher, die jodeln gar nicht. Wir Schweizer dagegen stoßen auch Laute ohne Silben aus. Da muss Kraft dahinterstecken, hier muss es stimmen." Frau Margit zeigt auf den Kehlkopf.

Er dehnt sich wirklich, bekommt Volumen, schon hat das "Holdrio" mehr Substanz. "Es gibt einen Trick: den Druck im Kopf behalten und nach oben schieben. Jodeln ist ein Umklappen und Herausstoßen.

Dazu braucht man eine Atemstütze. Also Bauch raus, nur aus dem Bauch atmen. Nicht schnaufen oder japsen, nie aus der Brust atmen.

Das machen nur oberflächliche Tiroler, die immer nur Weltmeister sein wollen. Manchmal auch Bayern, die zu sehr brummen", sagt die Jodellehrerin.

Jodeln – eine Wissenschaft für sich

Sie schreitet energisch die Reihe ab. "Nicht auf die Figur achten! Schultern runter! Nur mit dem Zwerchfell atmen, das ist die tiefste Atmung. Und das Kinn fallen lassen wie beim Gähnen, da geht alles im Hals auf, er bekommt Flügel."

Jodeln, so scheint es, ist eine Wissenschaft für sich. Man kann sie unmöglich in zwei Lektionen erlernen, hat aber viel Spaß. Frau Margit weiß auch um die gesundheitliche Wirkung des Jodelns: "Es baut Stress ab und macht gute Laune."

Man denkt unversehens an Loriots Sketch "Jodelschule" und sein "Institut für modernes Jodeln", vor dem strengen Blick von Dr. Vogler üben erwachsene Schüler die korrekte Aussprache des "Bibihenderl-Lieds": "Holla re dü, holla ro dü dü, holla re dü rü".

Am Ende ein Jodel-Diplom

Jedoch bedauert Margit Amacher, dass Loriot mit der Vergabe seines JoSchweizdel-Diploms das Jodeln veralbert hatte. "Jodeln ist Gesangskunst", sagt sie, deshalb bekommt am Ende jeder Teilnehmer ein Jodel-Diplom.

Zum Eidgenössischen Jodlerfest in Interlaken reisen 11.000 Aktive aus der Deutschschweiz an – und 150.000 Festbesucher.

In den Lokalen treten Jodelchöre gegeneinander an, die Jurys werten nach einem Punktesystem. "Die Ostschweiz jodelt anders als die Innerschweiz oder die Appenzeller", sagt Margit Amacher. Manches Jodlerlied klingt wie ein Gebet, ein anderes ist melancholisch, ein drittes wirkt keck.

Vieles ist möglich, selbst Brüche sind erlaubt, nur österreichisch darf es nicht anmuten. "Wir haben 22.000 Jodler in der Schweiz, die meisten von ihnen auf hohem Niveau", sagt die Expertin.

Begrüßung der Urschweizer

Aber wie kommt man dahin? "Man muss singen können. Auch der Tänzer muss von vornherein tanzen können, sonst wird das nichts." Ermutigend ist das nicht sonderlich für zugereiste Anfänger.

Aber es ist schön, dabei zu sein, wenn Mannsbilder mit Bärten und Hüten endlos gedrechselte Töne in Intervallen von sich geben und Urschweizer sich herzlich begrüßen.

Die Frauen tragen weiße Blusen, mit Wäschestärke aufgebügelt, damit die Ärmel wie aufgeplustert wirken. Frauen mit Kopfhauben aus Rosshaar sind verheiratet ("unter der Haube"), die anderen noch zu haben.

Jodeln kann man in klassischer Alpentracht, mit Zither, Ziehharmonika und folkloristischen Weisen. Inzwischen werden aber Träller und Juchzer zu schnellen Beats, elektronischer Musik und Techno kombiniert.

Jodelschule in Berlin

In Clubs und auf internationalen Festivals experimenteller Musik zwischen Helsinki und New York treten Jodler auf; in Berlin gibt es inzwischen die erste Jodelschule, und selbst Pygmäen in Kongo jodeln. Und der Jodler Peter Hinnen schaffte es mit 22 verschiedenen Jodeltönen sogar ins "Guinnessbuch der Rekorde" – natürlich ist er Schweizer.

Unsere Jodellehrerin sagt zum Abschied Trost bringend: "Sie brauchen nun mal Jahre, um ein richtig guter Jodler zu werden." Wir Teilnehmer werden weiterüben – "Holla re dü, holla ro dü dü, holla re dü rü!"

Die Reise wurde unterstützt von Lindner Hotels.

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Schweiz-Tipps
  • Anreise

    Zum Beispiel mit Swiss (www.swiss.com) oder Lufthansa (www.lufthansa.de) nach Zürich, von dort weiter mit der Eisenbahn (www.sbb.ch) oder dem Mietwagen nach Interlaken.

  • Unterkunft

    "Lindner Grand Hotel Beau Rivage" in Interlaken, traditionsreiches Luxushotel mit Aussicht auf das Jungfraujoch, DZ ab 225 Euro inklusive Frühstück, www.lindner.de

    "Hotel Interlaken", Vier-Sterne-Haus aus dem 14. Jahrhundert nahe dem Stadtzentrum, DZ ab115 Euro (Bad auf dem Flur), www.hotelinterlaken.ch

  • Jodeln lernen

    Der zweitägige Jodelkurs im "Lindner Grand Hotel Beau Rivage" kostet pro Person 315 Euro, Tel. 0041/33/826 70 07, www.lindner.de/jodeln; Das nächste Eidgenössische Jodlerfest findet im Juni 2012 in Davos statt. Es gibt jeden Sommer mehrere regionale Jodlerfeste, www.jodlerfest2012.ch

  • Auskunft

    Schweiz Tourismus, Tel. Servicenummer 00800/10 02 00 30, www.myswitzerland.com

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