22.11.09

Kleine Fluchten

Nörten-Hardenberg bietet Romantik unter der Ruine

Das "BurgHotel" in Nörten-Hardenberg bietet Unterhaltung vom Feinsten: Besichtigungsprogramm zur Erkundung der Umgebung und des Alltags des gräflichen niedersächsischen Landsitzes, schwitzen in der kleinen, aber feinen Sauna. Kaminfeuer und herrliche Ausblicke ins Mittelalter.

Der Höhepunkt kommt nach dem Essen. Wenn der Tag eigentlich nicht mehr zu toppen ist, nachdem die Herbstsonne das gelbe Laub ausgiebig in goldenes Licht getaucht und ein milder Wind Erinnerungen an den Sommer wachgerufen hat.

Nachdem wir nach straffem Besichtigungsprogramm in der allernächsten Umgebung den Alltag eines gräflichen niedersächsischen Landsitzes kennengelernt und danach in der kleinen, aber feinen Sauna geschwitzt haben. Nachdem wir anschließend unterm Keilerkopf am Kaminfeuer die beiden kleinen, blonden Söhne des 35-jährigen Hoteldirektors Georg Rosentreter bewunderten.

Und nachdem wir anschließend im Gourmet-Restaurant "Novalis" unter gleich zwei Bildnissen des berühmten Namensgebers zweierlei von der Gänsestopfleber mit Mais-Brioche und Holunderbeeren, Rehrücken unter der Walnusskruste mit Korinthenjus, Wirsing und Kartoffelschmarren oder offene Lasagne von Lotte mit Pata negra und Romanesco genossen haben. Genau dann also, wenn der erste Ausflugstag erlebnis- und gourmettechnisch seinem zufriedenstellenden Ende entgegengeht - genau dann kommt der Höhepunkt.

Er liegt genau auf der Mitte zwischen dem Hauptgebäude des "BurgHotels" in Nörten-Hardenberg, in dessen ländliche Ruhe wir für ein Wochenende vor dem Lärm der Großstadt geflüchtet sind, und dem Nebengebäude der Mühle, in der ein liebevoll gemachtes Bett wartet - und er ist als Höhepunkt ganz wörtlich zu nehmen: Hoch oben über unseren Köpfen nämlich, während des Tages ein guter Orientierungspunkt für die Ausflügler und des Nachts nun ein heller Fixstern in der zappendusteren Umgebung, leuchtet nun die mittelalterliche Burg Hardenberg, oder besser, was von ihr 1698 nach einem erdbebenähnlichen Gewitter übrig geblieben war.

mittelalterliche Assoziationen

Der gar nicht mittelalterliche Turm (er wurde erst 1840 angebaut), die noch bestehenden Mauern der Vorder- und Hinterburg, stolz und erhaben auf einer spitzen Felsnase thronend, Bewacher und Beschützer des Landes, trutzig, stark und uneinnehmbar - all jene Assoziationen, die man mit mittelalterlichen Burgen verbindet, sie werden im Licht der Nacht, wenn das kalte Gemäuer von innen erstrahlt, zum Leben erweckt wird, noch einmal verstärkt. Angsteinflößend sieht sie aus, zumindest respektheischend, so nah und doch so fern, fast scheint es, als würde sie uns auf den müden Körper fallen, so nah und unmittelbar ist sie - und der Grund, warum wir hier sind.

Obendrein hat der Gräfliche Landsitz Hardenberg zwischen Göttingen und Northeim im südlichen Niedersachsen viel zu bieten: Er hat ein schönes "BurgHotel" mit einer erstklassigen Küche in der rustikalen "Keilerschänke" (Spezialität: Lasagne von geschmorter Wildschweinschulter mit Preiselbeersoße) und das Gourmetrestaurant "Novalis" (16 Punkte im "Gault Millau").

Es gibt einen großen Turnierplatz, auf dem jährlich das große Springreitturnier um die Goldene Peitsche stattfindet; auf dem 230 000 Quadratmeter großen Areal befindet sich zudem eine Kornbrennerei, in der die Hardenbergs seit 1700 nun schon in neunter Generation aus dem Weizen der umliegenden Felder traditionellen Korn und fruchtige Liköre herstellen und vor der sich gerade an einem sonnigen Wochenende wie diesem Touristenbusse von Hessen bis Holland stauen. Es gibt auf dem Areal noch das 1710 gebaute Schloss, das sich recht bescheiden am Rand des 20 000 Quadratmeter großen Schlossparks duckt. Aber diese ganze Anlage, sie verdankt ihre Existenz und ihren Namen allein der Burg da oben.

Schöner Schauer

Sie beschert des Nachts dem fremden Gast von unten betrachtet einen schönen Schauder - und bei Tag betreten zwischen efeuumranktem Buntsandstein eine wunderbare Aussicht über den 3000-Seelen-Flecken Nörten-Hardenberg mit Peterskirche und Klosterkirche Marienstein, mit Leinetal und jener Handelsstraße, die heute die A 7 ist und einst der Grund für den Bau der Burg im Jahr 1000 war. Der Bauherr, niemand Geringeres als der Erzbischof von Mainz, wollte nämlich von erhöhter Position aus diese mittelalterliche Handelsroute überwachen, übergab aber 1357 die Feste wegen zu hoher Unterhaltungskosten an die Hardenbergs als Verwalter - bis besagtes heftiges Gewitter Ende des 17. Jahrhunderts die Burg zur Ruine und den Bau des noch heute bewohnten Schlosses nötig machte.

Das zur selben Zeit gebaute, heutige "BurgHotel" diente damals den auf dem Gut angestellten Arbeitern als Unterkunft, Viehstall und Lagerraum. Ende des 18.Jahrhundert entstand hier eine Burgschänke, 1954 kamen die ersten zehn Hotelzimmer. Heute heißt das Haus "Hardenberg BurgHotel", es gehört zur angesehenen Hotelvereinigung Relais & Châteaux und hat neben 42 Zimmern, Grafensuite und Burgsuite auch ein Sophien-Zimmer - liebevoll eingerichtet mit einem romantischen Doppelbett unter einem Baldachin - speziell für Hochzeitspaare. Es erinnert an die Jugendliebe des frühromantischen Dichters Novalis - der bekanntlich mit richtigem Namen Georg Friedrich Philipp Freiherr von Hardenberg hieß und aus einer Nebenlinie im sachsen-anhaltinischen Wiederstedt stammt - und ist uns nach der berückenden Ansicht der nächtlich beleuchteten Burg eine sanfte Heimstatt für eine erholsame und ruhige Nacht.

Wer nach so viel Mittelalterromantik wieder in die Gegenwart eintauchen will: Das hübsche Fachwerkstädtchen Northeim ist nur eine Viertelstunde Autofahrt entfernt. Hier wartet als Höhepunkt ein Haus mit einer fetten Knollennase an der Wand. Grund: Hinter den Fenstern über der Riesennase machte der Komiker Loriot 1946 sein Abitur. Und das heute hier residierende "Theater der Nacht" hat die einst schmucklose Feuerwache in ein originelles Schmuckstück verwandelt: mit dem Dach in Form eines schuppigen Drachenrückens und Fenstern als dunklen Augen. Das Gebäude hat sich unter den fast 500 Fachwerkhäusern der 1200 Jahre alten Stadt längst zu einem Blickfang entwickelt. Die richtige Nase muss man eben haben.

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