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07.02.12

Singapur

Thaipusam, das schaurig-schöne Fest der Schmerzen

In Singapur durchbohren sich hinduistische Tamilen zur Ehre Gottes mit Spießen Wangen und Zungen. An unzähligen Haken in der Haut hängen pralle Limonen.

REUTERS

... Hindufestival, das in Ländern wie Indien, Malaysia oder Singapur gefeiert wird.

8 Bilder

Im Tempel Sri Srinivasa Perumal in Singapurs Little India war alles für das Fest Thaipusam vorbereitet. Zehntausende hinduistische Tamilen brachen um Mitternacht von dem Tempel aus zu einer langen Prozession zum mehr als vier Kilometer entfernten Tempel Sri Thendayuthapani auf.

Für so manchen wurde der Marsch zu einem selbst gewählten Martyrium. Thaipusam ist ein Fest der Schmerzen und Qualen zu Ehren des Gottes Murugan.

Es ist ein schaurig-schönes Ritual und definitiv nichts für zarte Gemüter. Die Gläubigen bohren sich silberne Spieße durch Wangen und Zungen oder reich verzierte Nadeln in Stirn und Augenbrauen. Andere durchstechen ihre Rücken- und Brusthaut mit unzähligen Haken, an denen sie pralle grüne Limonen hängen.

Dann gibt es jene, die an den Haken Seilen befestigen, mit denen sie kleine rollende Altäre für Murugan oder auch den Elefantengott Ganescha hinter sich herziehen. Den Formen der seligen Selbstfolter scheinen keine Grenzen gesetzt.

Die spitzen Werkzeuge der Qual symbolisieren den Vel, den magischen Speer des Murugan, und die Schmerzen sind Ausdruck des Glaubens, der Buße, der Hingabe an den Sieger über das Übel. Mit den Spießen durch Wangen und Zungen unterbinden die Pilger die Versuchung, ihre Meditation während der Prozession durch überflüssiges Geschwätz zu unterbrechen.

Thaipusam wird jedes Jahr im tamilischen Monat Thai begangen, der je nach Vollmond im Januar oder Februar liegt. In diesem Jahr beginnt er am 7. Februar. Der Sage nach sorgte der Dämon Tharakasuran auf der Welt für Unheil. Die Götter Shiva und Parvati legten ihrem Sohn Murugan die Bürde auf, das Böse zu besiegen.

Parvati stattete ihren Sprössling mit dem Vel aus, Dank dessen der jugendliche Held erst dem Bösen den Garaus und dann als Kriegsgott der Tamilen himmlische Karriere machte.

Die Königsdisziplin der Kasteiung ist jedoch das Tragen einer Kavadi: Das ist ein opulent mit Pfauenfedern und goldenen Götterbildern verziertes Metallgestell wie ein Reifrock, nur dass es den ganzen Körper umgibt. Was wie ein wunderschönes künstlerisches Gebilde aussieht, ist durch lange Spieße, die dem Träger in die Haut stechen, ein Marterinstrument.

Der 29-jährige Subanes hat für seine Kavadi umgerechnet 3500 Euro bezahlt und nimmt zum neunten Mal an dem Ritual teil. 104 spitze Pfeile bohren sich in seinen Oberkörper, wenn er stolz das mehr 30 Kilo schwere Gestell die vier Kilometer bis zum Tempel Sri Thendayuthapani trägt.

Um Mitternacht beginnt die Prozession. Die ganze Nacht, den ganzen Tag hindurch zieht ein Strom gläubiger Tamilen aller Klassen, jeden Alters und jeden Geschlechts in mondgelben Gewändern über die abgesperrten Straßen schweigend zum Tempel. Wer sich nicht mit Haken und Spießen kasteit, balanciert auf dem Kopf silberne, mit Milch gefüllte Töpfe als Opfergabe für die Götter.

In den Stunden vor dem Gang gleicht der Hof des Sri Srinivasa Perumal einem gigantischen Piercingstudio. Die meisten erleben das Durchstechen des Körperteils ihrer Wahl bei vollem Bewusstsein, während andere in Trance verfallen.

Fast schreiend vorgetragene Mantras von Freunden und Verwandten sollen den Schmerzensmännern Mut machen: Orola, orola, orola, immer lauter, immer ekstatischer rufen sie, während sie mit den silbernen Pfeilen die Murugan-Gläubigen durchbohren.

Erstaunlicherweise fließt bei der Operation kein Blut. Lediglich wenn am Ende die Spieße wieder aus Zungen und Wangen gezogen werden, zeigen sich ein paar rote Tropfen. Auf der Haut von Rücken und Brust zeugen nur gerötete kleine Schwellungen von der Pein.

Glaube, Meditation und mehrwöchiges Fasten sind das vorbereitende Training für Thaipusam. "Sex, Alkohol und Tabak sind in dieser Zeit tabu, es sind nur vegetarische Mahlzeiten erlaubt", erzählt Subanes. Danach ist keine besondere Behandlung fällig.

"Die Spuren der Qual heilen innerhalb von etwa zwei Wochen von selbst, ohne Salben und Tinkturen", versichert er. "Es bleiben auch keine Narben." Und warum diese Tortur? Subanes lacht. Dann sagt er einfach: "So bete ich zu meinem Gott."

Quelle: KNA
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