Fotografie Ein Land im Umbruch – Gesichter der Mongolei

Seit vielen Jahren zieht es den deutschen Fotografen Frank Riedinger immer wieder in die Mongolei. Dort begegnet er Menschen, die einem Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne ausgesetzt sind.

Er sieht nichts, denn sein Kopf steckt unter einer Lederhaube – und doch strahlt der Adler, der auf einem fellbezogenen Schemel in der Küche thront, etwas Würdevolles aus. Er ist es, der den Blick des Betrachters sofort auf sich zieht, erst danach nimmt man den Herd im Hintergrund wahr – und Kairatkhan, den Adlerjäger. Die Perspektive der Aufnahme lässt ihn auf Vogelgröße schrumpfen.

Nicht nur im Bild, auch im wahren Leben dreht sich alles um den Adler. "Man muss sein ganzes Leben nach dem Jagdgefährten ausrichten. Der Vogel vergisst nichts. Er verhält sich wie eine Diva. Für uns ist er ein vollwertiges Familienmitglied, das zu 100 Prozent mit in der Familie lebt", erklärt Kairatkhan dem Fotografen aus Deutschland, der ihn im Altai, dem Hochgebirge im Westen der Mongolei, besucht.

Seit vielen Jahren zieht es Frank Riedinger immer wieder für Monate in die Mongolei. Auf seinen Reisen durch das zentralasiatische Land lebt der 1969 geborene Fotograf bei Einheimischen und begleitet sie in ihrem Alltag.

Dass das zu einer echten Herausforderung werden kann, zeigt sich einmal mehr am nächsten Morgen bei der Jagd. Starker Wind und Temperaturen um minus 35 Grad machen dem Gast aus Deutschland zu schaffen, Kairatkhan aber stört das nicht. Den Steinadler auf dem Arm, reitet er in Richtung Fuchsbau, entfernt die Haube vom Kopf des Vogels und gibt ihm einen Stoß. Das ist das Zeichen für den Adler, den Fuchs zu stellen.

Es sind vor allem die Menschen, die Frank Riedinger an der Mongolei faszinieren. Fern der badenwürttembergischen Heimat schläft er in den Jurten der Nomaden und trifft Schamanen, Arbeiter, Sportler oder Schüler.

"Mongolei – Gesichter eines Landes" heißt denn auch der aufwendig gestaltete Bildband, der neben beeindruckenden Landschaftsaufnahmen viele großartige Porträts zeigt, die bei diesen Begegnungen entstanden sind. Ergänzt werden die Fotografien durch kurzweilige Texte – auf Deutsch und Englisch. Sie schildern nicht nur persönliche Erlebnisse, sondern informieren auch umfassend über das Land und seine Bewohner.

Wüste, Steppen, Gletscher – die Mongolei ist ein Land der Extreme. 45 Grad minus oder plus – beides ist hier möglich, manchmal in ein- und derselben Region. Das lässt die Reisen durch das dünn besiedelte Land – auf einer Fläche, viereinhalb mal so groß wie Deutschland, leben gerade mal drei Millionen Menschen – nicht selten zu gefährlichen Abenteuern werden.

"Dörfer, wenn es sie überhaupt gibt, liegen Hunderte Kilometer voneinander entfernt. Auf den Pisten sehe ich tagelang keine Autos. … Bei einer eventuellen Panne ist jeder auf sich allein gestellt. Eine Nacht draußen, ohne die geeignete Ausrüstung, kann schnell zur letzten werden", sagt Frank Riedinger.

Die Mongolei – ein Land im Umbruch

Zum Glück werden der Fotograf und sein Fahrer auch von Fremden immer wieder freundlich aufgenommen. Als sie etwa auf dem Weg zum Kamelfest in Bulgan Sum um vier Uhr nachts auf eine kleine Siedlung stoßen, lädt man sie in eine Jurte ein. Für die unerwarteten Gäste wird nicht nur der Ofen angezündet und Milchtee zubereitet, sondern auch gleich ein Mahl gekocht. Denn "die Willkommensrituale der Nomaden schreiben vor, dass ihre Gäste nie durstig und hungrig zu Bett gehen dürfen."

Dass selbst die abgeschiedensten Gegenden nicht mehr unberührt von äußeren Einflüssen sind, zeigt sich auf verblüffende Weise am nächsten Abend in Baatars Jurte, in der die Reisenden eine weitere Nacht verbringen. "Die Familie ist vor dem Fernseher versammelt und schaut 'Deutschland sucht den Superstar'. Am Ende der Welt flimmert Dieter Bohlen auf Mongolisch auf dem Bildschirm, auch hier ein beliebter Medienstar", berichtet Frank Riedinger.

Hier, wie auch in anderen Regionen der Mongolei, erlebt der Fotograf "ein Land im Umbruch. … Die Menschen sehen sich einer rasanten Entwicklung gegenüber, einem Spannungsfeld zwischen Moderne und Überlieferung ausgesetzt."

Das Leben der Rentiernomaden lockt nur noch wenige

Es ist schwer zu sagen, wie lange die Tsaatan, eine der letzten ethnischen Minderheiten an der Grenze zu Sibirien, ihr Leben so weiterführen werden wie bisher. Noch bestimmen die Bedürfnisse der Tiere, wann und wo die Rentiernomaden ihre Tipis aus Fellen errichten. Und noch spielt der Schamanismus für sie eine große Rolle.

Doch: "Für einen durchschnittlichen, urbanen Mongolen, der in zweiter Generation in Ulaanbaatar aufgewachsen ist, bildet die Lebensweise der Rentiernomaden kein erstrebenswertes Modell. Sich aus dem Nomadentum lösen und der westlichen Lebensweise nacheifern, das ist das Gebot der Stunde. Sogar in einer basisorientierten, naturnahen Lebensweise wie der der Nomaden sind Fernsehen und Strom durch Solarzellen fast allgegenwärtig."

Mag es bislang oft nur der Fernseher sein, der eine Verbindung zur Außenwelt schafft, bringt der Ausbau der Infrastruktur weitere Veränderungen mit sich. Im März 2015 ist die Mongolei offizielles Partnerland der Internationalen Tourismusbörse Berlin.

Dort will man auch mit neuen Verkehrskonzepten werben. So plant die Regierung, bis 2020 alle Provinzzentren durch asphaltierte Straßen zu verbinden. Fast 1900 Kilometer befestigte Straßen wurden 2013 gebaut, in diesem Jahr sollten mehr als 2200 Kilometer hinzukommen.

Jahrtausendealte Traditionen sind bedroht

Wie sehen die Mongolen die umfassenden Veränderungen, denen ihr Land ausgesetzt ist? Was erwarten sie sich von der Zukunft? Mehr als 30 Interviews mit Menschen unterschiedlichster Herkunft geben am Ende des Bildbands einen interessanten Einblick in die aktuelle Gefühlslage der Bevölkerung. Die ist überwiegend positiv. Hoffnung macht vielen vor allem der große Reichtum an Bodenschätzen, mit deren Abbau das Land erst begonnen hat.

Zugleich wächst aber die Sorge vor Umweltzerstörung und Klimaerwärmung. Schon jetzt leiden die Hauptstadtbewohner – knapp die Hälfte der Mongolen lebt in Ulaanbaatar – unter Smog.

Die Metropole gilt auch als kälteste Hauptstadt der Welt. Im Winter fallen die Temperaturen bis unter minus 40 Grad. Besonders hart trifft das die Straßenkinder, die in den unterirdischen Wärmeverteilschächten Schutz suchen. Frank Riedinger hat deshalb den Verein Mongolia Help gegründet, der den Kindern ein besseres Leben ermöglichen soll.

Vielen bringt Fortschritt zwar mehr Wohlstand, zugleich werden aber auch Jahrtausendealte Traditionen verdrängt. So zeigt die Jugend von heute wenig Interesse für die harte Arbeit auf dem Land, die sich finanziell kaum auszahlt. Viele verlassen die Dörfer und suchen ihr Glück in der Hauptstadt.

Das schmerzt die Generation der Älteren. Noch aber hat Kairatkhan, der Adlerjäger, die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sein Jüngster die Arbeit mit den Adlern weiterführt: "Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass mein Sohn die Tradition als Adlerjäger in unserer Familie weiter pflegt."

Frank Riedinger: "Mongolei – Gesichter eines Landes/Mongolia – Faces of a Nation", deutsch und englisch, photodruck Riedinger, 384 Seiten, 25 Euro, frank-riedinger.de

Für seinen Mongolei-Bildband ist Frank Riedinger mit dem ITB BuchAward 2015 ausgezeichnet worden.

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