28.02.13

Florida

Sibylle Berg ratlos – "Ich verstehe Miami nicht"

Schriftstellerin Sibylle Berg besucht zum ersten Mal die Glitzermetropole in Florida, die vielen als Traumziel gilt. Sie sieht Kitsch und Perfektion, Illusion und Absturz – aber keine Besonderheit.

Von Sibylle Berg
Foto: picture alliance, Infografik Die Welt

Die Schriftstellerin Sibylle Berg hat Schwierigkeiten mit Miami: Hochhäuser neben kleinen Filmkulissenbauten, Tokio-Skyline zwischen Plastik-Einkaufszentren – das bereitet ihr Kopfschmerzen
Die Schriftstellerin Sibylle Berg hat Schwierigkeiten mit Miami: Hochhäuser neben kleinen Filmkulissenbauten, Tokio-Skyline zwischen Plastik-Einkaufszentren – das bereitet ihr Kopfschmerzen

Miami wird geliebt oder gehasst. Keiner, den ich befragte, sagte etwas wie: Ja, ist okay, kann man machen, wenn man nichts Besseres zu tun hat. Die Mehrheit der von mir Befragten hatte aber grauenhafte Erfahrungen gemacht, die sie mir nicht klar beschreiben konnten. Weil es sich mit Orten wie mit Büchern verhält, da es von der ersten Seite an klar ist, ob sich einer wohlfühlt oder ob einen die Stimmung anwidert, fuhr ich nach Miami.

Die Stadt kennen viele noch aus "Miami Vice", die einzigen Bilder zu dem Ort kannte ich aus "Dexter", den amerikanischen TV-Serien. Serienmörder Dexter lebte in einem 60er-Jahre-Gebäude, in einer Wohnung, die mit 50er-Jahre-Möbeln perfekt eingerichtet war. Vor dem Haus lag das Meer, ab und zu schwammen Leichen darin, ansonsten sah Miami sehr nett aus.

Aus dem Taxi sehe ich sehr tropische Pflanzen, sehr kleine Häuser auf sehr viel Fläche. Die Häuser werden größer, bis sie sich zu einer beeindruckenden Hongkong-Kulisse auftürmen.

Elegant fahren Autos, deren Beschreibung nur das Wort Ersatzglied gerecht wird, auf Brücken zu überwachten Wohnanlagen, verschwinden in Tiefgaragen, und auf einer dieser Reicheninseln liegt das "Mandarin Oriental". Teure Hotels sind immer großartig, sollte man meinen, wer es nicht besser weiß. Sehr oft sind sie aufgemotzter, liebloser Nepp, überdekorierte Glitzerbuden.

Ein richtig gutes Hotel funktioniert, ohne dass etwas stört. Dieses Hotel ist so. Ein Zimmer, das aus Glas zu bestehen scheint, der Blick über ein eingefärbt scheinendes Meer und weiße Yachten. Dazu feuchtheiße Luft und Vögel, die fremdsprachig scheinen. Am kleinen Hotelstrand, umgeben von Hochhäusern, die seltsam menschenleer wirken, machen riesige Leguane den wohlhabenden Familien Angst, die hier absteigen.

Absurde Freude am Dick-Sein

Da ich Miami noch nicht verstehe, frage ich mich, ob es noch aufregender werden kann. Noch strandiger, tropischer. Wenige Blocks entfernt liegt Crandon Park, einer der besten Strände Amerikas, der mit weißem Sand, Palmen und Meer aussieht wie eine Postkarte, nur dass das Wasser im Moment mit 20 Grad ein wenig zu kalt ist für Feiglinge.

Es scheint, als habe Amerika die Zeit seiner Rassenungleichheit definitiv beendet. Man spricht Spanisch, viele gemischte Paare, viele Freundesrudel aller Farben und Formen, geeint von der absurden Freude am entweder Völlig-dick- oder Übertrainiert-Sein. Dick sein scheint die letzte Form der Anarchie in dem ein wenig überregulierten Land, das Gott und den Kommerz verehrt.

Und ein klares Männer- und Frauenbild, das sich in gepresst hohen beziehungsweise tiefen Stimmen äußert. Der Umgangston freundlich, wie überall in Amerika, solange nicht die Polizei, Waffen oder Alkohol beteiligt sind.

Ich verstehe die Stadt nicht

Die Freude an Neuem lässt bei mir mit zunehmendem Alter nach. Mich nicht verorten zu können macht Kopfschmerzen. Ich verstehe die Stadt nicht. Hochhäuser neben kleinen Filmkulissenbauten in Coral Gables, Tokio-Skyline zwischen Plastik-Einkaufszentren.

Doch jeder Morgen auf der kleinen, bewachten Insel, im zwölften Stock bei offener Tür, begrüßt von spatzenähnlichen Vögeln und der Sonne, die sich in Hochhausfenstern spiegelt, ist eines der schönsten Erwachensszenarien, die ich kenne. Auf die Sekunde pünktlich kommt der perfekte Kaffee, am Pool wartet das perfekte Lächeln perfekt schöner Angestellter, und der perfekte Leguan kriecht auch schon wieder herum.

Und nun kommen wir zu einer Lektion fürs Leben: Hoffnung ist unser aller trauriges Ende. Da sitzt man in der Perfektion und denkt: Aber das nächste Neue, das wird noch besser werden.

Mit dieser Erregung fahre ich nach South Beach, von dem mir Menschen sagten, wenn Miami, dann nur dort und ausschließlich, durch Straßen, die aussehen wie der Ballermann in Mallorca, nur ohne Deutsch. Junge Männer sind mit alkoholischen Getränken per Strohhalm verbunden, ihre Bäuche knallrot, junge Frauen haben ihre Röcke vergessen, Schlepper vor Restaurants schreien, kurz: der perfekte Touristenort.

Es geht um Sex, Alkohol und billige Klamotten

Mein erstes Hotel hier heißt "The Setai Hotel", das billigste Zimmer kostet 1200 Dollar. Das ist meins. Für diese Summe kann man zwar das Meer nicht sehen, das geht auch von den drei unterschiedlich geheizten Pools aus nicht.

Dafür hat man eine sehr gute Aussicht auf den Grill und die aussterbende Sorte Mann, die mit enkelalten Damen auf Liegen liegt und sich nicht in ihrer Albernheit beobachtet. Der Mann von Welt trägt keine junge Frau mehr, die negative Rückschlüsse auf seine Intelligenz zulässt.

Von den benachbarten Hotels tönt "Gangnam Style" in allen Versionen, die Rap-Fassung war mir noch nicht bekannt. Es sind 30 Grad, der Strand vor dem Hotel ist breit wie der auf Sylt, nur warm. Ein leichter Wind weht, und man erwartet Will Smith "Welcome to Miami" singend auf einem der Boote, die vorüberfahren.

Ich habe noch keine klare Meinung, schwanke zwischen Wetterfreude und Touristenekel. Alles erinnert an Thailand, die feuchte Luft, der Lärm, man muss es mögen. Nach einem Tag am Pool trete ich aus der geschützten Welt der reichen Touristen (das Penthouse im Turm kostet 30.000 Dollar die Nacht) in den Irrsinn konzentrierten Freizeitspaßes.

Es geht um Sex und Alkohol, um Geschrei, billige Klamotten und Trash. Die Schönheit hat sich irgendwo versteckt, vielleicht unten am Ende der Insel, zwischen all den zuckerfarben gestrichenen Art-déco-Häusern, unten im "The Betsy Hotel", das auf den Bildern so erregend englisch wirkte, vielleicht ist sie da.

Auf dem Rasen schlafen Obdachlose

Auf dem breiten Rasen vor dem Hotel übernachten Obdachlose, am Himmel flattert eine Werbung für House-DJ David Guetta, das Hotel hat einen Schriftstellerraum und ist Aufenthaltsort für den gebildeten Kulturtouristen. Der kleine Pool ist kühl, aber ruhiger ist es hier, und der Strand läuft zu seiner Hochform auf.

Man kann hier kilometerweit wandern zur Spitze der Insel, wo die großen Yachten ankern und junge Broker dicke Zigarren vor Fischrestaurants rauchen. Sitzen kann man da und die riesigen Spaßschiffe der Carnival Cruise beobachten, die auslaufen, um noch ein bisschen mehr Umwelt zu vernichten, und dann zurücklaufen in das kleine, weiße Hotel, das aufgeräumte, mittelalte Touristen in weißer Kleidung ein erfreuliches Zuhause bietet.

Man kann sich ein wenig auf zu Hause freuen, wo es wieder ruhig sein wird und kalt. Und wenn man dann gefragt wird, ob es lohnt, das Miami, kann man sagen: Ja, ist okay, kann man machen, wenn man nichts Besseres zu tun hat. Geh und schau es dir an, ein paar schöne Hotels kann ich empfehlen, und Leguane habe ich kennengelernt.

Foto: pa

Im Manatis Blue Spring Park bei Orlando in Florida dürfen Urlauber mit wild lebenden Seekühen schnorcheln...

14 Bilder
© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Multimedia
USA

Viel Spaß in Floridas Freizeitparks

Tipps fürMiami
Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Ice Bucket Challenge So cool ist Helene Fischer
Ex-Präsident Hier wird George W. Bush nass gemacht
Toter US-Journalist Wut und Entsetzen - Reaktionen auf Foleys Tod
Bombensprengung Weltkriegsbombe reißt riesiges Loch in die A3
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Schlammlawine

Viele Tote bei Erdrutsch in Hiroshima

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote