27.02.13

China

Geisterorte und Waisen – Aufschwung fordert Opfer

Für Chinas rasanten Aufstieg zur Weltmacht muss vor allem die Landbevölkerung bluten, Kulturräume und Traditionen verschwinden. Das Buch "China's Vanishing Worlds" dokumentiert den brutalen Wandel.

Von Alexandra Grauvogl
Foto: Matthias Messmer

Ein kleiner Junge im Dorf Sicheng in der chinesischen Provinz Hunan schaut gebannt auf den Fernseher. An der Wand des spärlich eingerichteten Zimmers hängen Poster von Mao & Co.. Moderne Unterhaltungsmedien haben längst Einzug in das Leben der ländlichen Bevölkerung gehalten. Und die kommunistische Partei nutzt auch sie, um ihr Volk zu lenken.

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Das Leben auf dem Land war noch nie ein Zuckerschlecken. Harte Arbeit, Entbehrungen, Armut. Das ist auch im Reich der Mitte Alltag der Dorfbevölkerung. Doch der rasante Aufstieg Chinas zur Supermacht verschlimmerte die Situation drastisch. Das ländliche China ist der Verlierer der Modernisierung. Traditionen und Lebensformen, ganze Landschaften und Kulturräume drohen zu verschwinden.

Um diesen Prozess zu dokumentieren und den Menschen Augen und Herz für die faszinierende Vielfalt des "anderen Chinas" zu öffnen, reiste der Schweizer Fotograf Matthias Messmer über einen Zeitraum von sieben Jahren in die abgeschiedenen Winkel des Landes.

"China's Vanishing Worlds" heißt das Ergebnis und ist viel mehr als ein klassischer Bildband. Die Eindrücke, die der Leser durch die sorgfältig ausgewählten Fotos erhält, werden durch ausführliche Texte der Co-Autorin Hsin-Mei Chuang über geschichtliche und gesellschaftliche Hintergründe von Chinas Wandel ergänzt.

Geisterstädte und zerrissene Familien

Messmer selbst lebt in Shanghai – ein Paradebeispiel für den Urbanisierungs- und Modernisierungswahn Chinas. Der Slogan der Weltausstellung 2010 konnte bezeichnender nicht sein: "Better City – better Life".

Die Hoffnung auf Arbeit, bessere Bezahlung und eine höhere Lebensqualität treibt viele junge Menschen vom Land in die Städte. Während 1949 in China nur sieben Prozent der Menschen in den Städten lebte, sind es heute knapp die Hälfte – Tendenz steigend.

Die Dörfer bluten aus. Verlassene Geisterorte sind auf Messmers Fotos zu sehen. Auf anderen ist das Straßenbild in den Dörfern durch ältere Frauen mit ihren Enkelkindern geprägt.

In den Texten, die im Anhang in großen Teilen vom Englischen ins Deutsche übersetzt wurden, erfährt der Leser mehr über das Schicksal dieser "zurückgelassenen Kinder". Deren psychische Belastung ist groß, da sie ihre Eltern, die in den Städten als Wanderarbeiter Geld verdienen, meist nur selten sehen, und nicht verstehen, warum sie zurückgelassen wurden.

Zerrissene Familien, Perspektivlosigkeit wegen schlechter Bildungschancen und Armut – der Teufelskreis beginnt von vorn und treibt die Menschen in die Stadt. Oder in den Selbstmord: Dreimal höher ist die Rate mittlerweile auf dem Land.

Schattenspiele in Zeiten des Internet

Die Flucht aus diesem harten Alltag gelingt der Landbevölkerung, wie überall, durch Unterhaltung. Feste werden gefeiert, wie etwa das Pferdefest der tibetischen und mongolischen Nomaden oder Tempelfeste zum Geburtstag der Dorfgottheiten.

Auf Messmers Bildern sind Szenen aus traditionellen, lokalen Opern und Schattenspielen zu sehen. Doch den alten Künstlern, mit denen er sprach, fehlt der Nachwuchs, an den sie ihre Kenntnisse und Fähigkeiten über das Holzpuppenspiel, Tänze und andere Brauchtümer vermitteln können. Das Fernsehen und das Internet haben längst Einzug in die bäuerlichen Gegenden erhalten und schüren die Sehnsucht der Jungen nach dem urbanen Lifestyle noch mehr.

Ganze Dörfer für den Tourismus verschandelt

Das Bewusstsein für das Kulturerbe ist in China zwar mittlerweile wieder gestiegen. Die imposante, regional sehr unterschiedliche Architektur von Häusern (Begriffe wie "dikengyuan" – die Höhlenhofhäuser in der Provinz Henan – werden im umfangreichen Glossar über spezielle Begriffe der chinesischen Kultur im Anhang erklärt), Tempeln oder Brücken, sowie das Kunsthandwerk und die Folklore sind schließlich wichtige Pfeiler für den Tourismus.

Andererseits investiert Chinas Regierung oft nur in riesige Prestigeprojekte wie die "Verbotene Stadt" in Peking. Nicht selten werden ganze Dörfer durch schlecht geplante Tourismusprojekte verschandelt, wie Messmer am Beispiel der alten Stadt Fenghuang zeigt: Angepasst an die Erfordernisse des Massentourismus ähnelt der einst idyllische Ort nun "einem Disney-Themenpark".

Die bildliche und textliche Dokumentation dieser Entwicklungen regt den Leser unweigerlich zum Nachdenken an: über das Schicksal der Landbevölkerung, vertretbaren Tourismus, den Modernisierungsdrang an sich und über die Rolle Chinas im Konzert der Völker der Welt.

Die Hoffnung wächst, dass es für ein Gegensteuern in China noch nicht zu spät ist, auch wenn dort bereits ganze Kulturlandschaften durch Mega-Projekte wie den "Drei-Schluchten-Damm" zerstört sind. Wenn nichts passiert, werden die Probleme auf dem Land zum Problem der Stadt – und die Probleme der Weltmacht China zu Problemen der ganzen Welt.

Foto: picture alliance / dpa/Chinafotopress

Mitten in Xian, der Stadt mit der berühmten Terrakotta-Armee, hat Chinas neues Kapselhotel eröffnet.

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