21.02.13

Stilkritik

Wie Nordkoreaner ihre Haare tragen dürfen

Die 70er-Jahre feiern in den Frisuren der Nordkoreaner ihr Revival: Ob es Mode ist, Regimekonformismus oder die Strategie einer Untergrundbewegung, ist unklar. Eine politische Stilkritik.

Von Lisa Kittel
Foto: AP

Frisurangebote für Frauen in einem nordkoreanischen Frisörsalon
Frisurangebote für Frauen in einem nordkoreanischen Frisörsalon

Leben in Nordkorea bedeutet Planwirtschaft – und zwar in jedem Lebensbereich, auch in Sachen Schönheit beziehungsweise der Haarpracht. Auf diese Idee könnten zumindest Beobachter kommen, die das eintönige Frisurenangebot bei dortigen Haarschneidern bemerken, das jetzt ein Fotograf über den Alltag der Menschen in dem Land enthüllte.

Auf den Plakaten sind 18 Frauen mit schwarzen Haaren zu sehen, die alle halblange, altmodische Schnitte tragen. Nordkoreanische Modellmänner glänzen mit noch mehr Einfachheit: Die Haare sind praktisch kurz geschnitten und schwarz.

Das regt das europäische Beobachterauge zu Spekulationen an: Nicht nur Farbe und Wasserstoffperoxid kann offenbar planmäßig nicht mehr geliefert werden, auch die Schablonen, um mal eine andere Variation auszuschneiden, scheinen ausgegangen. Nicht so schlimm, dachten sich die Meister der nordkoreanischen Modefrisur, holen wir eben die Schablonen aus den 70er-Jahren wieder hervor.

Frauen ladylike, Männer im Militärstil

Verschwendung ist in dem sozialistischen Regime wahrscheinlich sowieso verpönt, und Mode, die kann man schließlich selber machen. Was in Südkorea der "Gangnam-Style" ist, also das Nachahmen des luxuriösen Stils von Bewohnern aus dem Gangnam-Viertel in Seoul und es bis zum internationalen Popsongknaller 2012 geschafft hat, scheint in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang ein bescheiden eintöniger 70er-Jahre-Revival-Style zu sein.

Doch da die Bewohner Nordkoreas von der Außenwelt abgeschottet sind, kommt es nicht zu schockierenden Konfrontationen mit modischen Freizügigkeiten wie Kurzhaarschnitten für Frauen oder roten Irokesenbürsten.

Während für Frauen im nordkoreanischen Frisurenspektrum die Haare nicht kürzer als auf Ohrläppchenhöhe ausfallen, sind bei den Männern nur extrem knappe Schnitte denkbar. Manchmal fallen sie leicht oder sind nach hinten gegelt, oft erinnern sie auch an militärische Flat-Top-Haarschnitte, wie sie oft in US-Filmen präsentiert werden.

Hygiene und Gesundheit

Dass abrasierte Seiten und komprimierte Haarprachten gerade bei Soldaten nützlich sind, musste sich sogar Helmut Schmidt (SPD) schon eingestehen. In seiner Zeit als Verteidigungsminister erlaubte er für den Wehrdienst zunächst lange Zotteln sowie Haarnetze zu deren Bändigung, damit die rekrutierte Jugend mit der Mode gehen konnte.

Kurze Zeit später erreichten ihn aber so viele Beschwerden der militärischen Führungsebene, dass er zurückrudern musste. Hygiene und Gesundheit hätten unter den langen Haaren gelitten. Schmidt reagierte cool: "Jemand, der aus Erfahrung nicht lernt, ist ein Scheißkerl."

Auch Kim Jong-un mag aus Erfahrung gelernt haben. Er macht vor, wie es geht, und so wird es, ganz bestimmt, unter seinem Mützchen nicht zu warm. Der Personenkult in Nordkorea, der unter seinem Großvater Kim Il-sung ungeahnte Ausmaße annahm, transportierte die Anti-Schwitzlücken-Mode auch zum gemeinen Volk.

Vor einigen Jahren sagte die Regierung den langhaarigen Männern dann den Kampf an: Unterstützt wurde die Aktion von Nordkoreas führendem Fernsehsender, der Langhaarsünder mit Namen und Adresse nannte und damit öffentlich bloßstellte. Das scheint logisch, schließlich gehört jeder 20. Nordkoreaner dem Militär an.

Ein positiver Nebeneffekt: Die Militärparaden und Massengymnastiken zur Ehrung des großen Führers lassen sich ohne rumbaumelnde Haarfusseln sicher wesentlich leichter absolvieren.

Sozialistischer Realismus im oder auf dem Kopf?

Eine weitere Theorie zu der mysteriösen Frisurenuniformität ist die des regimekonformen Untergrundes: Mit einer Vereinheitlichung der Frisuren und dem äußeren Erscheinen der Nordkoreaner funktioniert nicht nur die Planwirtschaft besser, verschiedene Menschen könnten auch mit dem Pass von nur einer Person flüchten.

Solange Kim Jong-un das nicht weiß, kann er zufrieden sein: Der sozialistische Realismus, eine Kunstströmung, die die sozialistische Realität abbilden wollte, sich aber nicht durch Realitätsnähe auszeichnet, hat sich zum Leidwesen der nordkoranischen Führung nicht in der Landesliteratur durchsetzen können.

Von kritischen Künstlern wurde die Strömung als "billige Massenproduktion" abgetan. In diesem Sinne hat sich die Kunstströmung nun doch noch – wenn nicht in, dann zumindest an – den Köpfen der Menschen festgesetzt.

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