18.02.13

Grönland

Die Arktis bringt Anfänger zum Schwitzen

Es muss nicht gleich eine Nordpol-Expedition sein: Grönlands Ilulissat-Eisfjord bietet arktische Attraktionen zuhauf – inklusive Hundeschlittenfahrten, Walgesänge oder Helikopterflüge über Gletscher.

Von Juergen Drommert
Foto: Getty Images

Am Ilulissat-Fjord in Grönland schmiegen sich ...

13 Bilder

"Wir Grönländer haben doch hier gar kein hartes Leben", beschwichtigt Ono, "unser Klima wird schließlich vom warmen Golfstrom gemildert." Was der Inuit da sagt, klingt in den Ohren eines Europäers eher befremdlich, denn immerhin herrscht hier, im nordwestgrönländischen Ilulissat, gerade eine klirrende Kälte von minus 28 Grad Celsius.

Oder hat Ono doch recht? Im Vergleich zu der 43 Grad kalten Luft, die den Passagieren bei ihrer Ankunft im landeinwärts gelegenen Kangerlussuaq entgegenschlug, ist es an der Küste schon fast lauschig. Und Ono Fleischer, ein Inuit mit holländischen Vorfahren, hat noch weit tiefere Temperaturen am eigenen Leib kennengelernt.

Nicht nur, dass der drahtige Mittvierziger in einem Hundeschlitten das Inlandeis durchquert hat, das über 80 Prozent Grönlands bedeckt. Auch Alaska und Nordkanada hat er mit seinem Gespann von Schlittenhunden bereist, um die Inuit-Völker des Festlands zu besuchen. Und das bei minus 60, minus 70 Grad Celsius! Ono streicht sich über seinen Schnurrbart, und fast scheint es, als würde er nun doch ein bisschen frösteln.

Wie er sich auf diesen Fahrten durch das weiße Nirgendwo orientiert hat, mit einem Satellitenortungssystem vielleicht? Ono lächelt. Ein GPS-Navigationssystem versage schnell, wenn die Akkus nicht geladen werden könnten, sagt er. "Ich orientiere mich lieber an den Zeichnungen des Windes im Schnee, das sind zuverlässige Wegweiser. Und ich kenne keinen Inuit, der sich im Eis verirren würde."

Man fühlt sich klein und verletzlich

Touristen wird das freilich nicht gelingen, sie können allenfalls Ilulissat, die Ortschaft am gleichnamigen Eisfjord, sorglos auf eigene Faust erkunden. Die von 4600 Grönländern und von etwa ebenso vielen Schlittenhunden bewohnte Stadt ist die drittgrößte des Landes und damit fast schon so etwas wie eine Metropole des Nordens.

Mit dem "Hotel Arctic" gibt es sogar ein Viersternehaus, das allen Komfort von Hotels dieser Klasse bietet – und überdies den Ausblick auf die steil aufragenden Eis-Bastionen draußen im Fjord.

Doch schon zwei Kilometer vor der Stadtgrenze Ilulissats, wo der Eisfjord in die winterlich erstarrte See mündet, glaubt man sich weit entfernt von jeglichen zivilisatorischen Errungenschaften. In der Stille knirscht und knarzt der Schnee unter den Stiefeln, die Luft ist von einer Reinheit, der hohe Himmel von einem Blau, die unwirklich scheinen.

Hier wird sich der Wanderer beim Blick auf die Eisberge vor der Küste der grandiosen Übermächtigkeit und Unwirtlichkeit der grönländischen Natur bewusst. Eine Landschaft, die auch auf wenig spirituelle Menschen wirkt, als sei sie von alten nordischen Göttern mit der Faust aus Eis und Fels gehämmert worden. Wer sich hier nicht klein und verletzlich fühlt, leidet wahrscheinlich unter Größenwahn.

Im Laufschritt hinter dem Schlitten her

Will man weiter von Ilulissat fjordaufwärts ziehen, braucht man einen einheimischen Hundeschlittenführer, der Touristen auf Wunsch auch zu einer Fischerhütte ein paar Stunden Fahrt landeinwärts führt. Wer dabei allerdings ein sanftes Gleiten durch den Schnee erhofft, wird sein weißes Wunder erleben.

Stattdessen muss er eine wilde Fahrt auf einem brettharten Schlitten über Buckel und Felsnasen erdulden. Es setzt so viele Stöße und Sprünge, dass Reisende schon einen starken Rücken brauchen.

Der Fahrtwind lässt die Balaklava, eine schützende Sturmmaske aus Merinowolle oder Hightech-Fasern, schnell um Mund und Nasenspitze gefrieren. Wer den Fehler macht, die Ski- oder Sonnenbrille allzu lange abzusetzen, dem beginnen die Augen zu tränen – und, ehe er sichs versieht, sind die Lider zusammengefroren.

Doch die Kälte ist nicht alles. Führt die Strecke einen steilen Hang hinauf, heißt es absteigen und im Laufschritt hinter dem Schlitten rennen, immer eine Hand am Haltegriff, damit das Hundegespann sich nicht davonmacht.

Ein gestreckter Lauf in Stiefeln, Seehundjacke und -hose – wem da nicht das Herz bis zum Hals schlägt, der hat das Zeug zum Spitzensportler. Manch anderer wird allerdings feststellen, dass er noch nie in seinem Leben so ins Schwitzen gekommen ist wie in der Arktis.

Am schwarzen Himmel tanzen Lichter

Doch bei so einer Schlittentour rauben einem nicht nur die Zwischenspurts den Atem – die weiße Weite Grönlands so unmittelbar zu erfahren, lässt den ganzen Körper erschauern, zusätzlich zur Kälte. Schließlich ist die hölzerne Fischerhütte erreicht, eine primitive, aber immerhin lauschig beheizbare Behausung.

Wir genießen die Gemütlichkeit und nach Einbruch der Nacht noch eine besondere Darbietung der Natur: Über den tiefschwarzen Himmel wehen die fahlgrünen Schleier des Nordlichts, ein geisterhafter Lichtertanz, aufgeführt zu einer unhörbaren Melodie.

Am Morgen dann die Feststellung, dass der Schnee an den Stiefeln vor der Pritsche noch nicht geschmolzen ist. Gar so lauschig war es denn wohl doch nicht, aber offensichtlich gewöhnt man sich an grönländische Verhältnisse.

Riesige Eisberge treiben an der Stadt vorbei

Einen unerreichten Maßstab selbst für die Arktis setzt der Sermeq Kujalleq, einer der gebärfreudigsten Gletscher der Nordhalbkugel. Hier, rund 40 Kilometer landeinwärts von Ilulissat, bildet er die Bruchkante zum mächtigen Inlandeis, hier schieben sich im Sommer teilweise Hunderte Meter hohe Brocken in den Fjord, die dann als Eisberge vorbei an der Stadt ins offene Meer treiben.

Doch jetzt liegt der Sermeq Kujalleq im Winterschlaf. Der grönländische Reiseveranstalter World of Greenland bietet Touristen deshalb Helikopterflüge entlang der steil und zerklüftet aufsteigenden Gletscherwand an – so können die Passagiere riesige Eisberge schon vor ihrer Geburt ganz aus der Nähe sehen.

Lässt sich solch ein Erlebnis noch überbieten? Allenfalls mit einem Abstecher auf die 60 Kilometer vor der grönländischen Westküste liegende Disko-Insel mit ihrem Hauptort Qeqertarsuaq. In unmittelbarer Nähe der kleinen Häuser ragt eine 800 Meter hohe Basaltwand auf, was an sich schon beeindruckend ist.

Nach einem Marsch durch Schnee und über Felsbrocken sind wir am Ziel angelangt, bei einem kleinen Leuchtturm hoch über der Disko-Bucht. Uns begleiten Outi Tervo und Mads Christoffersen, zwei Wissenschaftler, die in der Arktisstation der Kopenhagener Universität arbeiten. Sie erforschen den Gesang der Grönlandwale und wollen heute ihrem Horchposten einen Besuch abstatten.

So überragend die Aussicht vom Leuchtturm aus auch ist, Wale sind nicht zu entdecken, schließlich ist die Bucht weithin zugefroren. Aber hören kann man sie, dank der versenkten Unterwassermikrofone, sogenannter Hydrophone.

Der Chor der Grönlandwale lässt die Kälte vergessen

Hier oben pfeift ein eisiger Wind, und fast könnten Zweifel aufkommen an Ono Fleischers Behauptung, Grönland sei mit einem vergleichsweise milden Klima gesegnet. Trotzdem: Die beißende Kälte ist vergessen, sobald man den Leuchtturm betreten und die Kopfhörer aufgesetzt hat. Da ist er, der Chor der Grönlandwale, weit draußen im eisfreien Bereich der Disko-Bucht.

Es klingt wie ein vielstimmiges Klagen, an- und abschwellend, ein Chor, der einen verstehen lässt, warum die Inuit früher Wale als mythische Wesen ansahen. Es ist, als würde man dem uralten Lied von Grönland lauschen, gesungen in einer längst vergessenen Sprache. Outi lächelt. Vielleicht versteht sie ja einiges.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Visit Greenland. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit.

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Tipps für Grönland
  • Anreise

    Beispielsweise mit Air Greenland nonstop von Kopenhagen nach Kangerlussuaq auf Grönland, von dort gibt es Anschlussflüge nach Ilulissat. Oder mit Icelandair, SAS, Finnair von Deutschland nach Reykjavík (Island) und weiter mit Air Iceland nach Ilulissat.

  • Unterkunft

    „Hotel Arctic“, Viersterne-Komfort am Eisfjord, Doppelzimmer mit Frühstück ab 230 Euro, www.hotel-arctic.gl;

    „Hotel Icefiord“, Haus mit Blick auf die Disko-Bucht, Doppelzimmer mit Frühstück ab 170 Euro, www.hotelicefiord.gl

  • Touren

    Der Event-Veranstalter World of Greenland bietet Hundeschlittenfahrten, Bootstouren und Hubschrauberflüge – sowie Oberbekleidung und Stiefel, die dem arktischen Winter gewachsen sind (www.worldofgreenland.com).

    Wer Gletscher und Eisberge aus der Luft erleben will, kann alternativ das Flugzeug von Air Zafari nutzen, einem jüngst gegründeten Unternehmen (http://airzafari.gl/).

  • Veranstalter

    Westgrönland ist ideal für Individualreisende, doch es gibt auch Pauschalpakete, etwa von Nordlandtouristik (www.nordlandtouristik.com):

    „8 Tage in der Stadt der Eisberge – Ilulissat“ für 2890 Euro. Wikinger Reisen (www.wikinger-reisen.de) bietet eine zehntätige Winterreise nach Ostgrönland ab 2498 Euro.

  • Reisezeit

    Den arktischen Winter kann man am besten zwischen Februar und Mitte April erleben, bei Temperaturen um minus 20 Grad Celsius.

  • Information
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