12.02.13

Gambia

Selbst Trauriges ist hier von perverser Schönheit

Eigentlich wollte unser Autor mit einem Dampfer den Gambia River befahren, um Flusspferde und Krokodile zu sehen. Daraus wurde nichts – dafür begegnete er Menschen, die ihn zutiefst berührten.

Von Thomas Findeiss
Foto: picture alliance / Robert Hardin

Banjul, an der Mündung des Gambia-Flusses in den Atlantik gelegen, ist die Hauptstadt von Gambia.

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Das Taxi fährt durch den gewaltigen Triumphbogen Arch 22, den der damalige Leutnant und Dauer-Staatspräsident Gambias, Dr. Yahya Jammeh, zum Gedenken an den Militärputsch vom 22. Juli 1994, dem Tag seiner Machtergreifung, errichten ließ. Es ist 22.30 Uhr. Eine schlafende Frau liegt auf den Stufen des Monuments, ihr Baby fest an die Brust gedrückt.

Banjul, an der Mündung des Gambia-Flusses in den Atlantik gelegen, ist die Hauptstadt von Gambia. Gerade mal halb so groß wie Schleswig-Holstein, ist es das kleinste aller afrikanischen Länder.

Auf den ersten Blick erscheint diese Stadt nicht so staubig und chaotisch wie so viele andere afrikanische Metropolen – im Gegenteil. Auf der Hauptstraße Independance Drive sind nur wenige Autos unterwegs, überwiegend nagelneue, japanische Geländewagen mit getönten Scheiben und Chauffeuren in Uniformen.

Hier ist das Regierungsviertel. In den alten Villen der ehemaligen britischen Kolonialherren hat man jetzt Behörden, Ministerien und ausländische Botschaften untergebracht. Der politischen Klasse geht es offensichtlich gut – im Gegensatz zu den vielen, meist weiblichen Straßenhändlern, die eine Handvoll gerösteter Erdnüsse oder Bananen verkaufen.

Gelb-grüne Taxis stehen unter einem überdimensionalen Portrait, auf dem der Staatsführer seinen Untertanen huldvoll zulächelt. Auf einem anderen Plakat ist zu lesen: Hinter jedem bedeutenden Mann steht eine große Frau. Ich hoffe es.

Ich frage den einzigen Weißen weit und breit, einen zerrütteten Franzosen mit langem, schütterem Haar, der aussieht wie ein gehetzter Truthahn, nach einem billigen Hotel. Er empfiehlt mir das "Carlton" – "sans Ritz", an der Independence Drive – und ich rette mich vor der Hitze in dessen schattigen Garten.

Bodyguard, Diener und Lover in einem

Eigentlich wollte ich auf einem dieser postkolonialistischen Flussdampfer den Gambia River aufwärts fahren, Dschungeldörfer, Flusspferde und Krokodile besichtigen. Aber es ist einfach zu heiß – und die Aussicht, in einem Dorf nach dem anderen anzulegen, in dem es kein Hotel geben wird und keine Klimaanlage, schreckt mich ab.

Es gibt in diesem Land nur eine sehr dünne Mittelschicht und folglich auch keine Mittelklassehotels. Im einzigen Luxushotel "Atlantic" sitzen schon am Vormittag englische Touristen am Pool und trinken Bier, oder sie angeln am Strand, assistiert von Bumsters, die jeden Fremden belagern.

Insbesondere alleinstehende, westliche Damen scheinen eine Vorliebe für diese gutgewachsenen, jungen Männer zu haben, die Bodyguard, Diener und Lover in einem sind. Aber der demütige Blick eines jungen Mannes, der seiner Lady einen Fruchtcocktail bringt, ist kaum misszuverstehen.

Einer von ihnen tritt in einer schneidigen Fantasie-Militäruniform mit Namensschild auf und vermittelt in grotesker Selbstsatire das verrückte Gefühl exklusiver Sicherheit. Die meisten dieser Bumsters rauchen permanent Marihuana aus eigenem Anbau, das ihnen ihre Lage sichtlich erträglicher macht.

Fremde laden in ihre Häuser ein

Das "Carlton" ist ein absoluter Glücksfall, zivil, bezahlbar und einigermaßen in Schuss, ein Etablissement wie aus einem Roman von John Le Carré. Ich lasse alle Pläne fallen und ergebe mich diesem Hotel, in dem alles für immer geregelt zu sein scheint.

Es gibt Nescafé, keine alkoholischen Getränke, ein geräumiges Appartement, in dem man sich alle halbe Stunde mit Wasser übergießen und unter einem Moskitonetz schlafen kann, zumindest in den kurzen Intervallen zwischen den rauen Gesängen des Muezzins. Und dann arbeitet da noch ein Zimmermädchen, dessen Schönheit einem den Atem verschlägt.

Vielleicht ist es ihr Äußeres, das mich ein paar Tage in Banjul festhält. Ich versuche, den Hafen ausfindig zu machen, an dem die romantischen Flussdampfer starten. Es gibt die Ablegestelle nicht. Oder ich will sie nicht finden. Man muss solche Sachen übers Internet buchen. Doch so bleibt mir vermutlich einiges erspart.

Stattdessen gerate ich auf der Straße ins Gespräch mit einem jungen Mann, dessen Zähne überirdisch weiß sind, und dessen auf fast obszöne Art ehrliches Lachen mich in den Guinness-Pub seines Onkels lockt. Von dort werde ich in die Privathäuser mehrerer Familienoberhäupter eingeladen, die mir bei unzähligen Tassen Tee ihre Verhältnisse erklären.

Diebe liefert man nicht der Polizei aus

Neben dem "Carlton" entsteht eine Moschee. Junge Männer liegen in dem Rohbau auf Teppichen und warten. Schräg gegenüber steht eine anglikanische Kirche, ein hässliches Monument des Kolonialismus, für das sich niemand mehr wirklich zu interessieren scheint.

Gambia ist zu 90 Prozent muslimisch. Aber man sieht nur wenige verschleierte Frauen. Das Temperament der Leute scheint den orthodoxen Islam noch zu moderieren. Stämme prägen die Gesellschaftsstruktur. Der Staatspräsident ist ein Jola, und für seinen Stamm ein Gott; für die anderen Stämme ist er der falsche Gott.

Institutionelle Todesstrafe, Gefängnisstrafe für Taschendiebstahl und Kriminalisierung von Homosexualität ist Staatsräson. Eine britische Umweltaktivistin, die schon seit acht Jahren in Gambia lebt, erzählt mir, dass ein Dieb nicht der Polizei ausgeliefert wird, weil seine Familie dann bezahlen müsste, um ihn vor dem Gefängnis zu bewahren.

Also wird alles zwischen den Familien geregelt – und der Delinquent geächtet. Gambia ist derzeit ein verhältnismäßig sicheres und stabiles Land, und das will etwas heißen.

Im Dunkeln durch ein Spalier düsterer Gestalten

Abends gerate ich in einem Strandrestaurant am Atlantik in eine Geburtstagsfeier von Geschäftsleuten und Mitgliedern eines Golfclubs. Auf dem Parkplatz stehen zwei neue Mercedes-Limousinen und die üblichen Geländewagen.

Die Leute sind total entspannt, trinken, tanzen – und laden mich, unter der Bedingung, dass ich mittanze, zum Essen ein. Später bestehen sie darauf, mich zum Hotel zurück zu bringen. Die Angst scheint mir übertrieben. Aber die hedonistischen Herrschaften bestehen auf ihrem Vorschlag.

Wir gehen im Dunkeln durch ein Spalier von schwarzen Gestalten, die wie Baumstümpfe im Sand stehen, hinüber zu den Limousinen und fahren die zweihundert Meter bis zur Independance Drive direkt vor das "Carlton". Vielleicht wird hier in ein paar Jahren niemand mehr tanzen.

Western Union, Coca Cola und Maggi

Nach ein paar Tagen nehme ich ein Sammeltaxi zum südlichen Senegambia, an die Smiling Coast, wie man hier den insgesamt 80 Kilometer langen Küstenstreifen Gambias nennt, weil das Mündungsdelta des Gambia River auf der Karte aussieht wie ein lächelnder Fisch. Wir passieren The Gambia´s Very Own Brewery, die allerdings eher aussieht wie ein verrottetes Chemiewerk.

Das erste Bier dieser Brauerei trinke ich in einer dieser neuen Lodges, in denen es einen Pool gibt und eine Open-Air-Bar, an der sich abends drei ägyptische Straßenbauingenieure mit zwei weiblichen Bumsters betrinken.

Die Nacht ist grauenvoll. Der Strom fällt aus. Es gibt kein Wasser mehr. Der Dieselgenerator springt nicht an, und die Gäste stürzen sich am Morgen völlig entnervt in den Pool.

Die Ägypter schlucken zum Frühstück ungeheure Mengen von Tabletten und telefonieren ununterbrochen. Dann brechen sie mit ihrem Geländewagen auf und nehmen mich mit zur nächsten Busstation. In einer der zahllosen Western-Union -Filialen wechsle ich Geld.

Dieses Unternehmen kassiert Unsummen an Geldtransfergebühren von Exilgambiern aus der Festung Europa. Coca Cola kühlt die Gemüter und Maggi kontrolliert den Lebensmittelmarkt. Diese Drei sind, neben Plakaten des Staatspräsidenten, allgegenwärtige Marken.

Ein Pool ohne Wasser und ein Frosch im Bett

Mit dem Taxi fahre ich weiter und steige irgendwo an einer schönen Stelle in der Nähe des Dorfes Gunjur aus, schlage mich in den Busch Richtung Westen, folge dem Schild "Kuba-Lodge" – und betrete eine absolut paradiesische Sphäre. Nach zwei Kilometern auf einem schmalen Sandweg, vorbei an kleinen Höfen, Reisfeldern, durch Mangohaine und Palmengärten erreiche ich, vollkommen dehydriert, einen kleinen Garten Eden.

Der Manager, ein schielender Junge, namens Solomon, zeigt mir die Unterkünfte, vier runde Wellblechhütten mit jeweils einem großen Bett und einem kleinen Bad. Das Ganze ist so preiswert, dass ich sofort einchecke. Eine leere Veranda, ein scheuer Hund, namens Lucky und ein Pool ohne Wasser, in dem drei gedeckte Tische stehen.

Ich bin der einzige Gast. Alles ist auf niedrigstem Level, aber der Charme dieses Ortes ist unwiderstehlich. Unter dem Kopfkissen schläft ein Frosch, im Bad sitzt in jeder Ecke einer. Frösche sind mir lieber als Schlangen.

Die ganze Anlage scheint ein Abschreibungsprojekt zu sein, eine Geldwaschanlage, vielleicht auch der Nukleus eines keimenden Tourismus. Zum Abendessen soll es eine thailändische Chicken-Soup geben, die dann eine Tomatensuppe mit Süsskartoffeln und Auberginen ist.

Man bekommt in Gambia selten das, was man bestellt hat, aber man nimmt mit Sicherheit mindestens vier Kilo ab. Und, wenn man Glück hat, und ein paar Dalasi für einen Eisblock bezahlt, trinkt man abends ein annähernd kaltes Jul Brew aus The Gambia´s Very Own Brewery, das bei Kerzenlicht unter dem Kreuz des Südens besser schmeckt als jedes andere Bier auf diesem Planeten.

Zähne repariert man nicht – man zieht sie

Aber der Koch hat Zahnschmerzen und kann auch die ganze Nacht nicht schlafen. Zähne werden hier nicht repariert, sondern gezogen. Ich gebe ihm meine ganze Ration Paracetamol.

Seine Schwester ruft an: Sie sitzt irgendwo in Serekunda fest, weil sie kein Geld für den Bus hat. Er ruft jemanden an, der ihr das Geld geben soll, das er einem anderen geben wird, der es dem Jemand geben soll.

Am nächsten Tag gibt es tatsächlich Suppe mit Huhn. Nachts tanzen die Affen auf dem Wellblechdach, und es ist so heiß, dass ich fast durchdrehe. Am nächsten Tag gebe ich Solomon Geld für Diesel.

Nachts läuft jetzt wenigstens zwei Stunden der Ventilator. Auch hier checkt eine betuliche Engländerin mit ihrem smarten gambischen Bodyguard ein. Auch er hat seinen Stolz verkauft. Jedesmal wenn sich seine und meine Blicke treffen, duckt er sich seitlich weg.

Nicht nur der Rauch treibt Tränen in die Augen

Ein Weg durch den Busch windet sich zur Küste, vorbei an den Rastplätzen der Viehherden, durch eine Senke zwischen Reisfeldern, in der das Wasser knietief steht, und wo jetzt während der Trockenzeit vielleicht keine Schlangen zu befürchten sind. Dann sehe ich endlich den atemberaubenden, menschenleeren Strand.

Der Atlantik ist hier warm wie ein frisch gelegtes Ei. Myriaden weißer Schmetterlinge lassen sich im Paarungstanz wie Schneeflocken von der sanften Brise südwärts treiben – und kämpfen sich zwei Stunden später gegen den Luftstrom zurück, um im Busch auszuruhen, vermutlich um das Liebesspiel so bald wie möglich zu wiederholen.

Dorfjungen tauchen auf, setzen sich neben mich und drehen einen Joint. Das Gespräch driftet ab: Unweit gibt es die Sunset-Bar, ein Holzverhau voller Leere. Jeden Tag kommen sie hierher, um in der Freiheit des Meeres ihren hungrigen Traum zu träumen.

Gegen Abend lesen sie ein paar tote, angespülte Frauenfische auf und rösten sie auf einem Palmblatt über offenem Feuer. Nicht nur der Rauch treibt mir Tränen in die Augen. Wir tauschen E-Mail-Adressen. Die absolute Chancenlosigkeit dieser verlorenen Königssöhne ist auf eine perverse Art und Weise schön.

Zum ersten Mal in meinem Leben bete ich

Mit einem von ihnen laufe ich kilometerweit Richtung Süden zu den Fischern. Die schmalen bemalten Holzboote laufen gerade aus zum nächtlichen Fang. Ein junger, zwei Meter großer Hüne mit blutunterlaufenen Augen und nacktem Oberkörper, den Calvin-Klein-Slip ostentativ über dem zerrissenen Hosenbund, nimmt meine Hände zwischen seine und bittet mich, für einen guten Fang zu beten. Zum ersten Mal in meinem Leben bete ich.

Ich habe nie einen männlicheren Mann gesehen als diesen Fischer – und nie eine schönere Frau als das Zimmermädchen im Hotel "Carlton" in Banjul. Es scheint eine Ironie der Natur zu sein, Schönheit wahllos in alle Sphären zu streuen.

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Tipps für Gambia
  • Anreise

    Flug mit Cobdor von Frankfurt am Main nach Banjul.

    In Gambia gibt es kein Eisenbahnnetz, aber Sammeltaxis sind überall verfügbar und sehr preisgünstig. Taxifahrten sollten ausgehandelt werden.

  • Unterkunft

    „The Carlton Hotel“, 25 Independence Drive, PO Box 639, Banjul, Tel.: +220/4225549;

    „Hotel Atlantic“, Avenue Marina Parade, P.O. Box 296, Banjul 1602, Tel.: +220/422 8601, E-Mail: contact@laicohotels.com;

    Kuba Lodge, Gunjur Village, http://kubalodge.com/

    Footsteps Ecolodge, Gunjur Village, Tel.: +220/7706830 oder +220/7700125, www.footstepsgambia.com

  • Auskunft

    Fremdenverkehrsamt für Gambia, München, Tel.: 089/552533407, www.go-gambia.com

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