10.02.13

Großbritannien

Richtig Schlangestehen können nur die Briten

An Haltestellen, in der Post, im Laden: Überall in England steht man diszipliniert Schlange. Niemand drängelt vor, alle halten Abstand zum Nachbarn. Für Touristen besteht höchster Fettnäpfchen-Alarm.

Foto: Getty Images/Image Source

Die perfekte Schlange – made in Britain: Einer steht hübsch hinter dem anderen, alle halten brav Abstand zum Nachbarn
Die perfekte Schlange – made in Britain: Einer steht hübsch hinter dem anderen, alle halten brav Abstand zum Nachbarn

In Deutschland herrscht das Gesetz des Stärkeren – zumindest wenn es ums Schlangestehen geht. Da wird mit Ellenbogen gekämpft und vorgedrängelt, wo immer es geht. Ganz anders in Großbritannien: Schlangestehen ist dort eine hohe Kunst, die man als Ausländer möglichst schnell lernen sollte. Denn sie kommt nahezu überall zum Einsatz: an der Bushaltestelle, im Supermarkt, am Bankschalter. Dabei folgt das Queuing strengen Regeln.

Die wichtigste: der richtige Abstand zum Vordermann. Lässt man zu viel Platz zum Vordermann, fragt der nächste Wartende unweigerlich: "Are you in the queue?" – "stehen Sie in der Schlange?" Das hört sich zwar höflich an, heißt aber in Wirklichkeit: "Wissen Sie dusseliger Trottel noch nicht mal, wie man sich richtig anstellt?"

In England gibt es auch die Ein-Mann-Schlange

Als Maßstab für den richtigen Abstand empfiehlt Visit Britain Touristen eine Faustregel aus dem "Guardian": Lassen Sie so viel Platz, wie Sie beim Tanzen mit Großtante Hildegard lassen würde.

Eine weitere wichtige Regel: Wird in einem britischen Supermarkt eine neue Kasse aufgemacht, ist es undenkbar, dass alle Wartenden (wie es in Deutschland an der Tagesordnung ist) augenblicklich und ungeordnet auf diese zustürzen. Stattdessen reiht man sich in Britannien in der neuen Schlange entsprechend der Position in der vorherigen Schlange ein – eine höchst komplizierte, aber am Ende gerechte Angelegenheit.

Eine Besonderheit ist auch die Ein-Mann-Schlange: Steht ein einzelner Engländer an der Bushaltestelle, ist er automatisch der Kopf einer Schlange. Kommt ein weiterer Fahrgast dazu, wird er freundlich, aber bestimmt gebeten, sich direkt dahinter zu stellen: "This is a queue!"

Vordrängeln ist ein absolutes Tabu

Ein absolutes No-go ist Vordrängeln. Es ist gesellschaftlich geächtet. Wer sich dennoch dazu erdreistet, wird zwar nicht daran gehindert – dazu sind die Briten viel zu gut erzogen. Aber ein geräuschvoll gezischtes "tstststs" wird der Delinquent zu hören bekommen und böse Blicke ernten, denn schlimmer als vordrängeln ist es in Britannien nur, jemandem öffentlich eine Szene zu machen.

Und woher kommt das Queuing? Laut Visit Britain hat es vor allem mit dem englischen Fair-Play-Gedanken zu tun. Eine andere Erklärung lautet: Die Briten legen allergrößten Wert auf diskretes Verhalten. Feste Regeln, an die sich jeder hält, sind dabei eine gute Hilfe. Sie ersparen allen Beteiligten unnötige Diskussionen und vermeiden Streit.

Eine frühere Regierung wollte das Queuing sogar schon mal zum Bestandteil des Einbürgerungstests für Einwanderer machen – wer in Großbritannien nicht anecken will, sollte das Schlangestehen also schleunigst zu üben. Und wenn das am Ende dazu führt, dass auch hierzulande weniger vorgedrängelt wird, haben wir alle etwas davon.

dpa/SK

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