07.02.13

Indonesien

Muslime auf Java hüten die Tempel ihrer Ahnen

Zwei der bedeutendsten Tempel Asiens liegen nah beieinander auf der Insel Java. Sie erinnern an einen fast völlig untergegangenen Glauben, denn heute sind mehr als 90 Prozent der Indonesier Muslime.

Von Thilo Resenhoeft
Foto: picture alliance / Ian Trower/Ro

Yogyakarta mit seinem Sultanspalast ist das kulturelle Zentrum der indonesischen Hauptinsel Java.

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Yogyakarta ist das kulturelle Zentrum der indonesischen Hauptinsel Java. In einer Entfernung von 20 und 40 Kilometern liegen gleich zwei der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten des Landes: die Tempel Borobodur und Prambanan. In der größten muslimischen Nation der Welt sind sie heute Zeugen der religiösen Vergangenheit.

Prambanan ist der Hindu-Gottheit Shiva gewidmet, der Borobodur ist der größte buddhistische Tempel des Inselreiches. Beide gehören zum Weltkulturerbe der Unesco, beide sind Anziehungspunkte für Touristen, und beide sind damit wichtige Wirtschaftsfaktoren für die Region. Viele Besucher beginnen ihre Indonesien-Reise in Yogyakarta.

Das quirlige Yogyakarta bietet einen Sultanstempel, mehrere Museen und das geschäftige Leben einer asiatischen Stadt. Kleine Restaurants (Warung) sind beliebt, rund 25.000 Rupien (etwa zwei Euro) kostet ein Essen in einem einfachen Straßenrestaurant.

Wer nicht selbst laufen möchte, nimmt eines der zahlreichen Becacs – eine Art Fahrrad-Rikscha auf drei Rädern. Zwei Gäste werden darauf von einem Fahrer durch die Straßen kutschiert. Die Fahrt ist kein Ausdruck westlicher Arroganz – für die Einheimischen ist ein Becac ein günstiges Taxi.

Trotz des Gewimmels von Motorrädern, Rikschas und Autos kommt es kaum zu Unfällen. Zahlreiche Hotels und Reiseveranstalter organisieren Fahrten zu den Tempeln.

Ein fast vollends untergegangener Glauben

Der Weg führt zunächst zum Prambanan-Komplex. Dort fallen sofort die drei riesigen Türme des Lara-Jonggrang-Tempels ins Auge. Der höchste misst 47 Meter. Die Anlage entstand im 9. und 10. Jahrhundert.

Mutmaßlich, so erklären die Archäologen, wurde die Anlage von einem König namens Dhaksa erbaut. Sie diente der Verehrung des Hindu-Gottes Shiva. Inzwischen sind mehr als 90 Prozent der Indonesier Muslime, damit zeugt der größte Shiva-Tempel des Landes von einem im Inselreich fast vollends untergegangenen Glauben.

Die Anlage ist als Viereck angelegt, umgeben von Mauern und vier großen Toren. Auf der höchsten der davon umschlossenen Terrassen liegen die drei hohen Tempel für Shiva, Vishnu und Brama.

Auf einer etwas niedrigeren Ebene finden sich drei weitere, kleinere Tempel. Einige sind zugänglich, andere werden gerade restauriert – die Konservatoren sperren von Zeit zu Zeit jeweils andere Bereiche. Zahlreiche in den Stein getriebene Reliefs zeigen religiöse Szenen und Symbole.

Einheimische fotografieren Touristen

Auf dem mehrere Hektar großen Gelände finden sich noch weitere Anlagen, Hauptattraktion für ausländische und einheimische Touristen und die vielen Schulklassen ist aber Lara Jonggrang. Auf dessen steilen Treppenstufen werden die ausländischen Besucher immer wieder von den Einheimischen gebeten, für ein Foto zu posieren. Handykameras werden gezückt.

Mit dem Erhalt der Anlage haben die Experten viel zu tun, ausländische Fachleute helfen dabei. Der Boden wird auf seine Standfestigkeit und Zusammensetzung geprüft.

Viele der Tempel und umliegenden Schreine lagen zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts in Trümmern, die ehemalige Kolonialmacht Niederlande begann um 1930 mit dem Wiederaufbau. Später half die Unesco. Seit 1951 ist die Hauptarbeit erledigt.

Vergilbte Schwarzweiß-Bilder aus der Zeit davor zeigen ein wüstes Durcheinander der Gesteinsbrocken. In Sichtweite erhebt sich der Vulkan Merapi, der zu den aktivsten der rund 35 Vulkane Javas gehört.

Billiger Ramsch und beißender Rauch

Nach der Rückkehr von dem Rundgang erwartet den Besucher vor dem Ausgang eine große Zahl von Souvenirläden. Dort wird wie so oft vieles feilgeboten, was weder mit den Tempeln noch mit der Region oder Java überhaupt zu tun hat. Billiger Plastikramsch überwiegt.

Die kulinarische Versorgung der Besucher übernehmen unter anderem zahlreiche "Fünf-Beine": So heißen die rollenden Verkaufsstände für allerlei Speisen – zwei Räder, die zwei Beine des Verkäufers und ein Ständer am Gefährt.

Bunte Regenschirme schützen vor der brennenden Sonne am Äquator. Besonders eindrucksvoll ist es, die dunklen Steine im Licht der untergehenden Sonne zu betrachten, was nur ein kleiner Teil der Besucher tut – zumeist die Ausländer mit der Kamera im Anschlag.

Die Feuer des Mülls auf nahen Grundstücken und an der Straße brennen währenddessen mit schwarzer Rauchfahne. Der beißende Geruch kann das Vergnügen am Prambanan durchaus schmälern.

Je tiefer die Sonne sinkt, umso intensiver erscheinen die Rottöne auf dem Gestein. Nach dem Untergang umschwirren Fledermäuse die Besucher auf ihrem Weg zum Ausgang. Gegen 18 Uhr ist es nach kurzer Dämmerung tief dunkel.

Mit der Taschenlampe zum Tempel

Mitten in der Nacht fahren viele Touristen von Yogyakarta aus zum zweiten großen Tempel, dem Borobodur. Im Licht der gegen 5.45 Uhr aufgehenden Sonne ist der mächtige buddhistische Tempel mit seinen sieben pyramidenartig aufeinanderfolgenden Ebenen besonders eindrucksvoll.

Der für indonesische Verhältnisse extrem hohe Eintrittspreis von 180.000 Rupien (rund 13 Euro) berechtigt dazu, bereits in der Nacht mit der Taschenlampe zum Tempel zu gehen und auf den Stufen Platz zu nehmen, um den Sonnenaufgang zu betrachten. Über der langsam heller werdenden Ebene zu Füßen des Borobodur schält sich bald der Vulkan Merapi aus der Nacht.

Zugleich beginnt das Morgengebet der Muezzine. Ihre Lobpreisungen schallen bis zum Tempel hinauf. Für etwa anderthalb Stunden – von 4.30 bis 6 Uhr – kann man dem Anbruch des Tages zusehen. Erst danach kommt der Großteil der Besucher.

Ein gigantisches Puzzle

Das Bauwerk entstand zwischen den Jahren 778 und 850 unter der Sailendra-Dynastie. Um das Jahr 1000 bedeckte Vulkanasche den mehr als 35 Meter hohen, annähernd quadratischen Komplex mit einer Seitenlänge von rund 120 Metern. Rund 56.000 Kubikmeter Vulkangestein sind darin verbaut.

Nach einer ersten Sanierung von 1907 bis 1911 musste der vom Einsturz bedrohte Tempel von 1973 bis 1983 in einem gigantischen Puzzlespiel auseinandergenommen und wieder zusammengefügt werden.

Es galt, rund eine Million Steine herauszunehmen, zu reinigen und wieder zusammenzufügen. Bei dieser Sisyphos-Arbeit wurden 29.000 Kubikmeter Gestein bewegt. Nicht an allen Stellen ist dies ohne Schäden gelungen.

Respekt gegenüber einer fremden Religion

Archäologen und Religionswissenschaftler haben geklärt, wie der Tempel genutzt wurde. 1460 Reliefs zeigen Szenen des täglichen Lebens und religiöse Handlungen. Der Tempel sollte demnach von seinem östlichen Tor aus betreten werden, um die drei untersten mit den Reliefs ausgestatteten Ebenen entgegen dem Uhrzeigersinn zu erkunden. Verlassen wird der Borobodur dann auf der rechten Seite – dieser Weg wird als Pradaksina bezeichnet.

Die Szenen berichten vom täglichen Leben und der Verehrung der Gottheiten. Elefanten, Tiere, Menschen, Marktszenen – die Steinhauer haben dem Gestein vielfältige und fein ziselierte Gestalten abgerungen. Sie zu schützen, ist eine Aufgabe des Wachpersonals.

Der Park ist in ein großes Gelände eingebettet, um die Besucherströme zu leiten. Morgens und abends sind die besten Besuchszeiten, wenn die Reliefs gut zu sehen sind und die Sonne nicht zu sehr vom Himmel brennt und alles in gleißendes, fast schmerzend helles Licht taucht.

Obwohl beide Tempel inzwischen von muslimischen Gemeinden und deren Moscheen umgeben sind, werden sie mit großem Aufwand erhalten. Von den archaischen Bauwerken geht ein eigentümlicher, exotischer und faszinierender Reiz aus.

Quelle: dpa
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Tipps für Indonesien
  • Anreise

    Mehrere Airlines fliegen von verschiedenen deutschen Flughäfen, oft via Singapur oder Kuala Lumpur, den internationalen Airport von Jakarta an. Der Flug dauert rund zwölf Stunden. Von dort geht es mit Inlandsflügen weiter nach Yogyakarta.

  • Einreise

    Touristen benötigen in Indonesien ein Visum. Bei Aufenthalten bis zu 30 Tagen kann dieses bei der Einreise gekauft werden.

  • Reisezeit

    Das Klima in Indonesien ist das ganze Jahr über sonnig und heiß. Während der Regenzeit – etwa von Oktober bis März – gibt es starke Niederschläge. Die Trockenzeit ist während der europäischen Sommermonate.

  • Zeit

    Indonesien ist in drei Zeitzonen eingeteilt. Java ist der Mitteleuropäischen Zeit im Winter sechs Stunden voraus, im Sommer sieben.

  • Auskunft

    Visit Indonesia, Postfach 221308, 80539 München, Tel.: 089/59043904, http://tourismus-indonesien.de

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