05.02.13

Expedition

In Australien dem deutschen Entdecker auf der Spur

Vor 200 Jahren wurde Ludwig Leichhardt im preußischen Trebatsch geboren. Als erster Europäer durchquerte er Australien, er gilt dort heute als berühmtester Deutscher. Unser Autor ist ihm nachgereist.

Von Michael Juhran
Foto: picture alliance / Sergio Pitami

Mehr als zwei Jahre verbrachte Ludwig Leichhardt in und um Sydney, bevor er am 13. August 1844 von hier aus die erste Expedition ins Unbekannte antrat.

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Ludwig Leichhardt ist in Australien allgegenwärtig. Straßen, Flüsse, Berge, Schulen tragen seinen Namen, sogar eine Autobahn ist nach ihm benannt und in Sydney sogar ein ganzer Stadtteil.

Als der damals 29-Jährige hier am 14. Februar 1842 erstmals australischen Boden betrat, ahnte noch niemand, dass diesem unbekannten jungen Mann aus dem fernen Preußen bereits drei Jahre später das "Unmögliche" gelingen würde, an dem die kühnsten Australier und Engländer bislang gescheitert waren: die Durchquerung des Fünften Kontinents.

Lediglich der Südzipfel und schmale Küstenstreifen der britischen Kolonie waren damals von Europäern besiedelt und kartografiert, Sydney selbst war erst 54 Jahre zuvor als Sträflingskolonie gegründet worden und zählte bei Leichhardts Ankunft gerade mal 42.000 Einwohner.

Für einen Vollblutnaturwissenschaftler und Abenteurer wie Leichhardt boten diese Umstände ideale Voraussetzungen, nichts bewegte ihn mehr, als seinem großen Vorbild Alexander von Humboldt nachzueifern.

"Dieser Kern der dunklen Masse ist mein Ziel, und ich werde nicht eher nachlassen, als bis ich es erreiche." Das schrieb Leichhardt seinem Schwager bereits 1841.

Von Sydney aus ins Ungewisse gestartet

Mehr als zwei Jahre verbrachte der studierte Zoologe, Geologe und Botaniker in und um Sydney, bevor er am 13. August 1844 von hier aus die erste Expedition ins Unbekannte antrat. Es fällt nicht schwer, seine Spuren in der heutigen Viermillionenmetropole Sydney zu finden. Eine Sandstein-Statue Leichhardts steht in der Bridge Street nahe der Oper.

Im Botanischen Garten hatte er sich einst erfolglos um den Posten des Direktors beworben. Im ältesten Stadtteil Sydneys, den Rocks, haben einige Gebäude aus dem 19. Jahrhundert überlebt, also aus jener Zeit, in der auch Leichhardt hier lebte. Praktischerweise sind viele seiner Briefe erhalten, die er nach Deutschland schickte, und auch sein Tagebuch verrät viel über Australiens deutschen Entdecker.

"Es hat einen großen Reiz für mich, dieses sich entwickelnde Volk zu beobachten, welches sich vielleicht in weniger als einem Jahrhundert, gleich den Vereinigten Staaten Nordamerikas, von England losreissen wird ..."

Der letzte von Weißen bewohnte Flecken

Von Sydney aus setzte Leichhardt per Schiff mit fünf Begleitern nach Brisbane über, wo er seine letzten Vorbereitungen für die große Forschungsreise traf. Sein dortiger Lieblingsort war, wenig überraschend, der Botanische Garten, heute ein Besuchermagnet.

Brisbane wartet seit einigen Jahren mit einem weiteren Höhepunkt auf: Das sehenswerte Koala Sanctuary ist nicht nur die größte Koala-Pflegestätte Australiens, hier begegnet man auch vielen Tierarten, mit denen Leichhardt in Kontakt kam – Kängurus, Emus, Wallabys, Krokodile, Echsen.

Der mittellose Forscher startete seine Expedition auf eigene Faust und war auf die Unterstützung von Freunden angewiesen. Nordwestlich von Brisbane erschlossen Siedler gerade Neuland für die Schafzucht. Die Nachfrage nach Weideland war groß, sodass Leichhardt zahlreiche Spenden in der Erwartung erhielt, weitere geeignete Ländereien zu entdecken.

Das etwa 250 Kilometer von Brisbane entfernte Jimbour war der letzte von Weißen bewohnte Flecken, von dem aus Leichhardt am 1. Oktober 1844 mit seinen inzwischen neun Weggefährten, darunter zwei Aborigines, ins unbekannte Landesinnere vorstieß.

"Die grasbedeckten, baumlosen ... Höhenwellen ergeben in der Zukunft ein Weideland von Millionen Morgen Ausdehnung."

In die Bäume ein "L" gekerbt

Heute breiten sich hier tatsächlich bis zum Horizont Weideflächen aus, auf denen Kühe und Schafe in geduldiger Eintracht mit Kängurus äsen. Inmitten des satten, saftigen Grüns hat die örtliche historische Gesellschaft erst vor ein paar Jahren just an der Stelle eine kleine Gedenkstätte eingerichtet, an der Leichhardts Trupp am 4. Oktober sein Lager aufgeschlagen hatte.

Am Condamine-Fluss in der Nähe von Brigalow führt Harold Rennick zu einem von ihm entdeckten Roten Eukalyptusbaum, in dessen Rinde Leichhardt ein "L" gekerbt hatte – solche markierten Bäume finden sich bis heute an vielen Orten Australiens.

Weiter geht es durch Buschwerk und Gestrüpp zu der Stelle, an der die Expedition einen der vielen Flüsse auf ihrem Weg durchqueren musste. Outback-Gefühl macht sich breit, Entdeckerfreude mischt sich mit Fantasie, als würde man mit Leichhardts Augen ein unbekanntes Land erkunden.

"Das Herz manches Mannes würde wie das unsrige geschlagen haben, wenn er uns gesehen hätte, wie wir auf unserem Wege um die erste Anhöhe ... herumzogen, in vollem Chore ein 'God save the Queen' anstimmend."

Auf der Suche nach merkwürdigen Steinen

Leichhardt folgte zunächst in Richtung Norden einer Route, die mehr oder weniger parallel zur Ostküste verlief und heute streckenweise zum Leichhardt Highway gehört. Etwas südlich der damals noch gar nicht existierenden Küstenstadt Cairns wandte er sich gen Westen, wo man immer noch auf Abenteurer wie Melissa und Rodney trifft, die im Outback nach Boulder-Opalen suchen, die sie dann in Cairns am Hafen zum Verkauf anbieten.

Leichhardt stieß im Herbst 1845 auf den Golf von Carpentaria, an dessen Südküste er sich Richtung Nordwesten hocharbeitete, dabei zahlreiche Flüsse querend – einer davon heißt heute passenderweise Leichhardt River.

"Meine Beschäftigung besteht darin, mein Tagebuch zu schreiben, meinen Weg zu vergleichen, eine botanische Excursion in die Umgebung zu machen ... Meine Begleiter gehen aus, um Sämereien zu sammeln oder merkwürdige Steine zu suchen."

Schon 13 statt fünf Monte unterwegs

Im November 1845 erreichte der Entdecker den heutigen Kakadu-Nationalpark im heutigen Northern Territory, das damals noch Teil der britischen Kolonie New South Wales war, die ursprünglich mehr als die Hälfte des gesamten Kontinents umfasst hatte. Leichhardts Trupp war nun schon 13 Monate unterwegs, ursprünglich waren für die Expedition fünf bis sechs Monate veranschlagt worden.

Die Landschaft hier ist bizarr geformt. Mit dem Aborigine Fred Hunter können Touristen von Jabiru aus mit dem Helikopter über rotbraun gefärbte, stark zerklüftete Sandsteinformationen fliegen, durch die sich zuweilen kleine Bäche schlängeln.

"Es schien als ob eine Hochebene, welche aus horizontalen Sandsteinschichten gebildet gewesen wäre, buchstäblich in Stücke gehackt worden sei."

Einst muss diese Gegend voller Leben gewesen sein, denn unter den Sandsteinüberhängen künden unzählige Felszeichnungen vom Alltag und der Traumwelt der Ureinwohner. Inmitten dieser Abbildungen taucht ein Reiter auf einem Pferd auf.

Eine kleine Sensation, denn diese von Aborigines stammende Zeichnung im entlegenen australischen Busch kann nach Auffassung von Wissenschaftlern nur Leichhardt sein. Deutlich ist seine merkwürdige Kopfbedeckung zu erkennen, die sich der Entdecker nach Verlust seines Hutes aus dem Leinen eines Sackes genäht hatte.

Felszeichnungen der Aborigines

Nachdem Leichhardt und seine Leute die Felslandschaft verlassen hatten, schlugen sie am Ufer des Yellow-Water-Billabong ihr Lager auf, etwa dort, wo heute Tausende Touristen per Boot die Wasserlandschaft des Unesco-Weltnaturerbes Kakadu mit ihren Süß- und Salzwasserkrokodilen erkunden. Hier lassen sich auch einige bedeutende Rock-Art-Stätten der Gagadju-Aborigines bewundern.

Folgt man von Jabiru aus der Leichhardt Street auf den Arnhem Highway, so gelangt man nach etwa 90 Minuten Fahrt zur Carhills Crossing – das ist ganz in der Nähe der Stelle, an der Leichhardts Team am 5. Dezember 1845 den East Alligator River auf der letzten Etappe der Expedition durchquerte. Damals gab es allerdings weder Wege noch Straßen.

"Die Eingeborenen dienten uns jetzt als Führer und zeigten uns eine gute Furt in dem Creek, den wir für den Ursprung ... des Ost-Alligator-Flusses hielten."

Diese "Eingeborenen" waren die Vorfahren von Christine, die heute Touristen durch bis zu 50.000 Jahre alte Rock-Art-Stätten ihrer Ahnen auf dem Injalak Hill führt, oder von Johnson und Geoffrey, die im Injalak-Kunstzentrum von Gunbalanya (einer Aborigines-Siedlung, die von den Engländern Oenpelli genannt wurde) traditionelle Malerei betreiben und Didgeridoos herstellen.

Abenteuerurlaub zwischen Echsen und Krokodilen

Von Jabiru aus geht es weiter in das Herz von Arnhemland. Es ist Territorium der Aborigines und weitgehend unbesiedelt; mit seinen 91.000 Quadratkilometern gehört es noch heute zu den größten weitgehend unberührten Regionen der Welt.

Touristen können bequem mit einem kleinen Propellerflugzeug über Wasser- und Sumpflandschaften gleiten. Wer will, kann die Natur aber auch in ihrer Ursprünglichkeit, mit all ihren Extremen wie zu Leichhardts Zeit, durchstreifen – echter Abenteuerurlaub zwischen Echsen und Krokodilen, schwirrenden Vögeln und surrenden Insekten.

Max Davidson hat am Mount Borradaile von Aborigines ein Stück Land gepachtet, das heute Besuchern als Ausgangspunkt für Exkursionen zu Fuß und per Boot dient. Max und seine Assistentin Claire kennen sich bestens mit der Flora und Fauna des Outbacks aus.

Sie erklären auf Wanderungen, wie sich aus Ameisen und Wasser ein vitaminhaltiger Trunk (erstaunlich erfrischend) mischen lässt oder wie man Pandanusfrüchte durch Kochen genießbar macht (überraschend würzig). Nur hier oben, im Norden des Northern Territory, begegnet man auch dem endemischen, bunt schillernden Leichhardt-Grashüpfer.

Militärischer Drill und Malaria wurden zur Qual

Nach etwa 4800 Kilometern und vierzehneinhalb Monaten erreichte Leichhardts Expedition am 17. Dezember 1845 schließlich ihr Ziel, eine isolierte Militärbasis namens Victoria auf der Cobourg-Halbinsel, dem nördlichsten Zipfel des Northern Territory.

Zu den Überresten dieses Weilers führt heute eine Tagestour mit dem Boot vom Venture North Coastal Camp aus. Auch wenn nur noch wenige Mauern von den Wohngebäuden, vom Krankenhaus und von der Bäckerei stehen, kann man sich vorstellen, welche Freude Leichhardt und seine ebenfalls von Hunger und Auszehrung geprägten Männer seinerzeit ergriff.

"Ich war unbeschreiblich froh, mich wieder unter civilisierten Leuten zu befinden."

Doch militärischer Drill und Malaria machten das Leben in Victoria zur Qual, 60 der insgesamt 200 Siedler fanden bis zur Auflösung der Basis im Jahr 1849 den Tod. Leichhardt verließ Victoria bereits im Januar 1846 an Bord der "Heroine".

Entlang des Great Barrier Reefs, vorbei an den paradiesischen Stränden der Whitsunday-Inseln, nahm er Kurs auf Sydney, wo er am 29. März 1846 wieder eintraf und als "Prinz der Entdecker" gefeiert wurde, der künftiges Weideland und Kohlereviere erschlossen sowie die gesamte Strecke kartografiert hatte.

Bereits zwei Jahre später, 1848, verlaufen sich die Spuren Leichhardts. Seine dritte Expedition, die ihn und seine Begleiter nach Swan River (heute Perth) führen sollte, erreichte nie ihr Ziel. Der Verbleib des Expeditionsteams ist noch heute eines der größten ungelösten Mysterien der australischen Geschichte.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Tourism Australia, Tourism Queensland und Tourism Northern Territory. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter axelspringer.de/unabhaengigkeit.

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Zur Person: Ludwig Leichhardt
  • Sein Leben

    Der am 23. Oktober 1813 im heutigen brandenburgischen Trebatsch geborene Ludwig Leichhardt studierte Philosophie, Philologie, Botanik, Geologie und Zoologie, machte aber keinen Abschluss. Er war der erste Weiße, der Australien von Südosten nach Nordwesten durchquerte (1844/45). Leichhardt starb vermutlich 1848 auf seiner zweiten Australien-Expedition.

  • Seine Verdienste

    Leichhardt wurde 1847 von der Royal Geographical Society in London mit einer Goldenen Medaille geehrt. In Preußen blieb ihm Anerkennung weitgehend versagt, da er sich dem Militärdienst entzogen hatte. Erst zu seinem 175. Geburtstag wurde 1988 ein Museum mit Bibliothek in seinem Heimatort Trebatsch eingerichtet. 2013 wird es eine gemeinsame Leichhardt-Briefmarke von deutscher und australischer Post geben.

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