30.01.13

Bildband

Afghanistan ist eigentlich ein friedliches Land

Der tschechische Fotograf Jaroslav Poncar begab sich zu zahlreichen archäologischen Stätten. Er benötigte für seine Bilder Begleitschutz – und stellte fest, dass der Krieg nicht die einzige Sorge ist.

Von Eberhard von Elterlein
Foto: Jaroslav Poncar & Edition Panorama

Sehenswert: Das Mausoleum von Ali in Masar-i-Sharif.

9 Bilder

Das Wichtigste zuerst: Auf diesen Bildern herrscht kein Krieg. Kein amerikanischer Humvee kreuzt das Panoramabild, keine knatternden Jeeps der ISAF-Truppen sind zu sehen. Kein abgewrackter Sowjetpanzer aus der Zeit des Einmarsches 1979 stört die Idylle.

Und wer nach Sand sucht, findet ihn grobkörnig rund um die Festung von Shaidan oder ganz fein und weiß an den Ufern der reizvollen Seenplatte von Band-e-Amir – aber nicht in großen Säcken versteckt, hinter denen sich eventuell Scharfschützen verbergen könnten.

Das "Afghanistan" von Jaroslav Poncar ist ein friedvolles und entdeckenswertes, ein überraschendes und ein reiselustmachendes Land – freilich, ohne die gegenwärtige Gefahr zu ignorieren.

Im Zielgebiet der Taliban

Immerhin herrsche in einem Drittel der 34 Provinzen Gewalt und Krieg, schreibt der tschechische Fotograf in seinem Nachwort, und tatsächlich führte ihn der Anlass dieses Buches, nämlich ein Auftrag, das kulturelle Afghanistan zu fotografieren, auch in besonders gefährdete Regionen.

Nach Ghazni, Logar und natürlich nach Kabul, wo mit dem Nationalmuseum von Afghanistan sein Arbeitsplatz lag.

Eindrucksvoll lässt uns Poncar an seinem Alltag teilhaben. Als sich zum Beispiel die Sicherheitslage verschärfte und der Weg zum Museum versperrt war, musste er innerhalb Kabuls in eine Villa der "Vereinigung französischer Archäologen in Afghanistan" ziehen.

Unglücklicherweise lag diese in der Nähe von Nato-Hauptquartier, Präsidentenpalast und den Botschaften Frankreich, Deutschlands und der USA. "Eine dichtere Ansammlung von Zielscheiben für die Taliban gibt es sonst nirgendwo in Kabul", schreibt Poncar.

"Auch wenn wir selbst nicht zu den Angriffszielen gehörten, hätten wir jederzeit von Angriffen oder Anschlägen in Mitleidenschaft gezogen werden können. Bei jedem Zwischenfall, ob klein oder groß, verhängte unser Sicherheitsbüro ein Ausgehverbot."

Ruhe orientalischen Alltags

Von dieser vibrierenden Unsicherheit um Leib und Leben sind Poncars Fotografien befreit. Aus seinen sorgsamen Bildkompositionen ist der Krieg verbannt, und es herrscht die Ruhe eines orientalischen Alltags.

Kabul? Fröhlich schmaucht der Kebab-Grill am Straßenrand, ein Teeverkäufer entspannt sich in der Sonne. Farbenfroh zeigt sich der Kinderkleider-Basar, dessen gelbe, grüne, rote, rosafarbene und blaue Kleidchen einen hübschen Kontrast zu den schmutzigen Straßen und verstaubten Autos darstellen.

Masar-i-Sharif? Stolz zeigt sich das Mausoleum von Ali ibn Abu Talib, Schwiegersohn des Propheten Mohammed, mit seinen bunten Kachelornamenten in der viertgrößten Stadt Afganistans, die hierzuland vor allem als Bundeswehr-Standort bekannt ist.

Gesprengte Buddhastatuen

Auch in Herat und in Bamiyan, zwei eher sicheren Regionen im Westen des Landes, findet Poncar interessante Fotomotive.

In Bamiyan sind es natürlich die Felsnischen, in denen die Taliban vor elf Jahren die weltgrößten Buddhastatuen gesprengt haben und in Herat neben der beeindruckenden Blauen Moschee vor allem die Zitadelle Qala Ikhtyaruddin.

Dessen hervorragende strategische Lage beschreibt der schottische Reiseschriftsteller William Dalrymple im informativen Vorwort so: "Die Sicht ist ausgezeichnet, und von hier oben kann man über die Lehmziegel-Mauern der Altstadt bis zu den die Stadt umgebenden rosenfarbenen Bergketten und weiter in das Tal des Hari Rud sehen, das nach Masshad und in den Iran führt."

Begleitschutz mit Maschinengewehr

Poncar fotografiert Festungen und Ruinen, karstige Landschaften und verschlossene Menschen, unzugänglich beides, und doch spannend anzusehen. Den Frieden, den Poncars Bilder ausstrahlen, hat er sich teilweise zurechtinszenieren müssen.

So liegt ausgerechnet Ghazni, Kulturhauptstadt der islamischen Welt 2013, im gefährlichsten Landesteil Afghanistans zwischen Kabul und Kandahar.

Um Ghaznis Zitadelle im friedlichen Licht zu fotografieren, war Poncar ständig damit beschäftigt, seinen Begleitschutz, zehn Soldaten mit Maschinengewehren, aus dem Bild zu vertreiben.

Auf diese Weise entsteht das Bild eines anderen Afghanistan: friedlich und ursprünglich, karg und leer. Ein Afghanistan jenseits der Nachrichten – und mit ungeahnten, nie gehörten Sorgen.

Keramikscherben und Kupfermine

So besucht Poncar Mes Aynak, 40 Kilometer südlich von Kabul. Hier liegt nicht nur auch eine Ausgrabungsstätte allerhöchstens Ranges, in der Buddhastatuen, Gold- und Silbermünzen, Keramikscherben und Wandmalereien aus der Zeit vom zweiten bis achten Jahrhundert gefunden und ins Nationalmuseum nach Kabul transportiert werden.

Sondern hier ist auch die zweitgrößte Kupfermine der Welt, die von den Chinesen gerade sehr gewinnbringend abgebaut wird.

"Großes Kopfzerbrechen bereitet den Archäologen, wie sie die einige Meter hohen Skulpturen aus ungebranntem Lehm an einen sicheren Ort bringen können, denn in einigen Jahren wird sich Mes Aynak durch den Erzabbau in ein unvorstellbar großes Loch verwandelt haben", sorgt sich Poncar.

Man wünschte diesem unbefriedeten Land mehr solcher Sorgen – und mehr solcher sehenswerter Bildbände.

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