26.01.13

Republik Kongo

Das Rascheln und der Schweiß verraten die Gorillas

Gut die Hälfte der Republik Kongo besteht aus Regenwald. Er stellt eines der weltweit letzten Rückzugsgebiete gefährdeter Menschenaffen dar. Dort spürte unser Autor einen Clan Flachlandgorillas auf.

Von Elian Ehrenreich
Foto: picture alliance / WILDLIFE

Mal neugierig, dann wieder nachdenklich und schüchtern: Es sind die Augen, die uns die Gorillas sofort vertraut erscheinen lassen
Mal neugierig, dann wieder nachdenklich und schüchtern: Es sind die Augen, die uns die Gorillas sofort vertraut erscheinen lassen

Im Doppelkajak gleiten wir den Lekoli stromabwärts, der irgendwo in den Kongo mündet. Mal schneller, mal langsamer. Der Fluss dirigiert das Tempo, je nach Fließgeschwindigkeit. Es giggelt, trillert, kreischt, echot aus der grünen Welt zu beiden Seiten des Flusses, die er zu durchschneiden scheint. Mücken und Tsetsefliegen attackieren uns.

Als wir aus der Krone eines mächtigen Wenge-Baums, den wir längst passiert haben, eine Herde schwarz-weißer Colobus-Affen kreischen hören, packt Karl der Ehrgeiz: "Lass uns kurz umkehren", ruft mir der Ranger zu. Er überzeugt mich, das kleine Boot zu wenden. Mit vereinten Kräften rudern wir gegen die starke Strömung an, um für einen Moment auf Höhe der Affenbande zu verweilen.

Und schon passiert es: An einem quer im Wasser liegenden Baum wollen wir uns festhalten. Doch wir unterschätzen die kräftige Strömung, die den Kahn vom Baum und leider auch unter unseren Hintern wegzieht. Wir gehen im Lekoli baden. Willkommen in der Republik Kongo!

Die Republik Kongo ist politisch stabil

Intensiver kann so ein Einstieg kaum sein. Uns bleibt nichts anderes übrig, als dem Kajak hinterherzuschwimmen. Dem 22-jährigen Karl, der im Odzala-Nationalpark als Guide arbeitet, ist das Ganze peinlich.

"Es gibt hier kaum Nilpferde und Krokodile", ruft er mir zur Beruhigung zu. Als wir endlich im Kajak sitzen, können wir unser Glück kaum fassen, so glimpflich davongekommen zu sein. Hinter uns hören wir die Affen kreischen. Fast scheint es, als lachten sie uns aus.

Der Odzala-Nationalpark, mit 13.600 Quadratkilometern etwas kleiner als Schleswig-Holstein, ist ein Kleinod im Nordwesten der Republik Kongo. Kongo, war da nicht was? Nein, mit Bürgerkrieg und Kindersoldaten macht die wesentlich größere, benachbarte Demokratische Republik Kongo Schlagzeilen, das frühere Zaire, während die viel kleinere Republik Kongo politisch stabil ist.

Und ein Naturparadies dazu. Die ehemalige französische Kolonie im Herzen des Kongobeckens ist zu 60 Prozent von Regenwald bedeckt. Ein schier undurchdringlicher Wald der Superlative, bestehend aus Mangroven, Palmen, Akazien, Gummibäumen, Würgepflanzen, Edelhölzern wie Teak und Mahagoni.

Kaum an Menschen gewöhnt

Das zieht Holzdiebe an – und Wilderer, denn die Region ist eines der weltweit letzten Rückzugsgebiete gefährdeter Menschenaffen. Die Chance, hier Gorillas, Schimpansen und Bonobos zu beobachten, macht den besonderen Reiz dieses vom Tourismus noch unentdeckten Landes aus, in dem sich seit einiger Zeit eine Deutsche, Sabine Plattner, engagiert.

Die Ehefrau des SAP-Gründers Hasso Plattner hat am Rande des Odzala-Parks eine Konzession für die Errichtung einer Lodge erworben. Betrieben wird sie vom südafrikanischen Unternehmen Wilderness Safaris, ebenso wie ein zweites Camp direkt im Odzala.

Um zu den Gorillas zu gelangen, müssen die Gäste einige Anstrengungen auf sich nehmen und zunächst einige Kilometer laufen, knietief durch Bäche waten und sich durch dichtes Buschwerk schlängeln. Anders als in Ruanda und Uganda, wo die Berggorillas in ihren angestammten Revieren leicht beobachtet werden können, sind die hiesigen Flachlandgorillas kaum an Menschen gewöhnt.

Damit das Zusammentreffen von Menschen und Primaten für beide Seiten angenehm ist, hat Wilderness Safaris strenge Regeln aufgestellt. So dürfen nie mehr als vier Touristen auf Gorilla-Pirsch gehen, sie dürfen nicht allzu lange bei den Tieren verweilen, müssen einen Sicherheitsabstand von sieben Metern einhalten und einen Mundschutz tragen, damit sich die Tiere nicht mit Krankheiten infizieren.

Auf der Suche nach dem Silberrücken

Es dämmert noch, als ich mich aus der mit Moskitonetzen gesicherten Schlafstatt schäle, die inmitten des aus Schilf, Bambus und Holz gebauten Chalets im Ngaga-Camp steht. Vor meiner Veranda erwacht der Regenwald mit virtuoser Vielstimmigkeit. Die auf Basis eines Petroleumbrenners wunderbar funktionierende "Raketendusche" vertreibt den letzten Schlaf aus meinem Körper.

Wir wollen heute Neptuno treffen. Der 27-jährige Silberrücken ist Chef eines Gorilla-Clans, und unser Fährtensucher Gabin Okele weiß, wo man ihn finden kann. Ich bin aufgeregt, nach fünf Tagen im Regenwald soll ich heute erstmals auf die seltenen Großaffen treffen, deren "genetischer Bauplan" nur zu 2,3 Prozent von dem unsrigen abweicht.

Mit vier Gorillas pro Quadratkilometer gibt es im 30 Quadratkilometer großen Konzessionsgebiet rund um das Ngaga-Camp die höchste Dichte an Menschenaffen in ganz Zentralafrika. Etwa 110 Gorillas sind hier beheimatet, 20.000 sollen es in der gesamten Republik Kongo sein.

Weiße Nebelwolken wabern aus der tiefgrünen bis schwarzen Pflanzenwand, in die wir eintauchen. Gabin geht mit einer Machete voran. Gesprochen wird kaum, dem Weg gilt die volle Aufmerksamkeit, denn es geht über vom Regen aufgeweichte Böden, durch Bäche, über umgestürzte Bäume und steile Hänge hinauf und hinab.

Neugierig, nachdenklich und schüchtern

Inzwischen ist es Vormittag, und noch immer dringt das Tageslicht nur spärlich durch das dichte Blätterdach bis zum Boden durch, als wir unser Ziel offenbar erreichen. Zumindest Gabin ist sich seiner Sache sicher. Umgeknickte Halme, ein Rascheln im Dickicht, ein Hauch von Gorilla-Schweiß in der Luft seien untrügliche Zeichen ihrer Nähe, flüstert er.

Als Fährtensucher kennt der 36-Jährige vom Volk der Mbeti seit Jahren Neptunos Clan, und die Gorillas kennen ihn. Wir setzen unseren Mundschutz auf. Zunächst sehen wir in der Baumkrone, geblendet vom grellen Sonnenlicht, nur ein schwarzes Knäuel, das sich alsbald als Gorilla-Baby entpuppt.

Es sind diese großen Augen, die uns diese Tiere sofort vertraut erscheinen lassen. Und die uns erahnen lassen, dass hinter den wachen Blicken ein heller Geist steckt. Mal neugierig, dann wieder nachdenklich, sich schüchtern hinter einem Blätterbündel versteckend, beobachtet uns das Kleine, ehe es von seiner Mutter weggezogen wird.

Africus heißt der einjährige Steppke, Ceres seine Mutter. Im Hintergrund vernehmen wir das Knurren des Silberrückens Neptuno, der seine Sippe zur Ordnung mahnt. Als wolle er sagen: "Bleibt ruhig, ignoriert diese komischen Wesen einfach!"

Eine spanische Biologin forscht seit 1995 im Kongo

Immer mehr Mitglieder der Familie zeigen sich. Bedächtig bewegen sie sich in einem Otunga-Baum und essen die feigenartigen Früchte. Von Zeit zu Zeit fallen abgeerntete Äste krachend auf den Waldboden. Sprachlos beobachten wir das Treiben und ignorieren, dass uns ganze Wolken kleiner, nerviger Schweißbienen umschwirren, die sich stets in der Nähe von Gorillas aufhalten.

Seit über einem Jahrzehnt wird die Neptuno-Gruppe nun schon beobachtet. Für das Projekt verantwortlich ist Magda Bermejo, eine 48-jährige spanische Biologin, die seit 1995 im Kongo forscht.

Magda ist, was die Amerikanerin Dian Fossey (1932–1985) für die Berggorillas war: Forscherin und Tierschützerin zugleich. Doch Magda begrüßt den Tourismus, wie sie uns am letzten Abend in der Lodge erzählt: "Er ist die vielleicht letzte Chance, um die Flachlandgorillas vor dem Aussterben zu retten."

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Reiseveranstalter Abendsonne Afrika und Air France/KLM. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit.

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Besuch bei den letzten Berggorillas

Tipps für die Republik Kongo
  • Anreise

    Beispielsweise mit Air France (www.airfrance.de) oder mit Ethiopian Airlines via Addis Abeba (www.ethiopian airlines.com) nach Brazzaville.

  • Pauschalreisen

    Der Veranstalter Abendsonne Afrika bietet neun Tage inklusive Flügen ab/bis Deutschland, einer Übernachtung in Brazzaville und sechs Nächten in den Wilderness Safari Camps ab 6230 Euro pro Person im Doppelzimmer an, Tel. 07343/92 99 80, www.abendsonneafrika.de;

    beim Münchner Veranstalter Gernreisen kostet ein Reise-Package mit Flügen ab/bis Deutschland und sechs Nächten im Odzala-Kokoua Nationalpark ab 5975 Euro pro Person im Doppelzimmer, Tel. 089/189 39 60 55, www.gernreisen.de. Bei beiden Angeboten sind Flug-Transfer zum Camp mit einer Cessna, Vollpension und Safari im Preis enthalten.

  • Einreise

    Deutsche benötigen Reisepass und Visum, das von der Botschaft der Republik Kongo in Berlin ausgestellt wird, Tel. 030/49 40 07 53. Zudem ist der Nachweis einer Gelbfieberimpfung Vorschrift.

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