23.01.13

Laos

Die Zeit der Sauf-Orgien in Vang Vieng ist vorbei

Nach zahlreichen Todesfällen sowie Alkohol- und Drogenexzessen hat die laotische Regierung in Vang Vieng interveniert. Aus der kleinen Provinzstadt soll eine sichere und saubere Destination werden.

Von Anemi Wick
Foto: picture alliance / Jane Sweeney

Vang Vieng befindet sich auf halber Strecke zwischen der laotischen Hauptstadt Vientiane und dem Unesco-Weltkulturerbe Luang Prabang. Der Fluss Nam Song windet sich ...

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Betrunkene Touristen, die sich von Seilschaukeln in den Fluss stürzen. Dazu hämmernde Bässe und Mojitos aus Plastikeimern. Jemand kifft, zwei knutschen, einer kotzt, und einer blutet.

So war Vang Vieng. Ein kleines laotisches Provinzstädtchen, welches innerhalb der letzten drei, vier Jahre den Ruf als Südostasien-Hotspot für Extrem-Partys erlangt hatte. Viele Budget-Touristen kamen eigens für das "Tubing" nach Laos, bei dem man in alten Lkw-Reifenschläuchen sitzend den Nam-Song-Fluss hinuntertrieb – und hinein in ein Schlaraffenland aus Drinks, Drogen und einem Abenteuerspielplatz mit Schaukeln, Seilbahnen und Wasserrutschen.

Damit ist jetzt Schluss. Die laotische Regierung hat Vang Viengs wilde Party in einer Tabula-Rasa-Aktion beendet, indem sie sämtliche Bars und Seilbahnen auf den Holzstegen am Flussufer abreißen ließ.

Eine Task Force, berichtete die staatliche Tageszeitung "Vientiane Times", habe zuvor "Drogenmissbrauch durch Gäste", die "Anreicherung von Cocktails mit halluzinogenen Pilzen" sowie "das Betreiben von unsicheren Seilbahnen am Nam-Song-Fluss, die zu Unfällen führten" festgestellt.

Der Tod im Fluss

Fatale Zwischenfälle hatten sich gehäuft, und international Schlagzeilen gemacht: Immer wieder starben westliche Tubinggäste. Die britische Tageszeitung "The Guardian" berichtete von 27 Todesfällen in 2011 und berief sich dabei auf Angaben aus dem kleinen Provinz-Krankenhaus in Vang Vieng.

Anfang 2012 starben zwei australische Touristen innerhalb von zwei Wochen: Ein 19-jähriger Student verschwand beim Tubing. Seine Leiche wurde zwei Tage später aus dem Fluss geborgen. Ein 26-jähriger Fitness-Trainer erlag nach einem unglücklichen Sprung in den Fluss seinen schweren Verletzungen im Krankenhaus.

Schlechte ausländische Presse sei am Ende mit ausschlaggebend gewesen für das Einschreiten der Regierung, sagt Rik Ponne. Der Holländer ist internationaler Teamleiter des Entwicklungsprojektes für nachhaltigen Tourismus in Laos. Er selbst habe die zuständigen Behörden auf das gesteigerte Medieninteresse hingewiesen. "Die Situation war inakzeptabel." Premierminister Thongsing Thammavong habe sich darauf vor Ort ein Bild gemacht. Im September kam dann die Task Force.

Besucher zum Wettsaufen animiert

1996 verzeichnete die einstige Dorfidylle Vang Vieng gerade mal 1380 Besucher, vier Jahre später waren es mehr als 26.000, in 2011 kamen rund 148.000 Gäste.

"Mitanzusehen, was aus Vang Vieng geworden war, war erschütternd", sagt Stuart McDonald, Gründer der Südostasien-Reiseplattform Travelfish.org. Dabei sei nicht das Tubing an sich das Problem gewesen, "sondern die wahnwitzigen Mengen an konsumiertem Alkohol, die die Sache so gefährlich machten. Es ging nur noch darum, die Leute so betrunken wie möglich zu machen."

Es seien in erster Linie Ausländer gewesen, die die Party an den Bars zum Exzess trieben und die Leute zum Wettsaufen animierten – Touristen, die in Vang Vieng hängen geblieben waren und gegen Verpflegung an den Bars mitarbeiteten.

Sex vor den Augen einheimischer Bauern

Die Einheimischen konnten vom Flussufer aus zusehen, wie die Orgie total enthemmter weißer Touristen ihren Lauf nahm. Auf dem Video-Portal YouTube finden sich noch dutzende von Mitschnitten, etwa der Clip mit dem Titel "Tubing in Laos and the broken scull".

Nach der Tubing-Party wankten die zugedröhnten Touristen dann jeweils in Bikinis und Badeshorts, den Körper bunt mit derben Sprüchen beschmiert, vom Fluss zurück ins Städtchen. Vang Vieng war obszön.

Hinweisschilder, auf denen Gäste darum gebeten wurden, die lokale Kultur zu respektieren und sich sittsam zu bekleiden, zeigten kaum Wirkung. Die laotische Kultur sei im Allgemeinen sehr konservativ, sagt Travelfish-Gründer McDonald. "Die meisten Einheimischen sind Bauern. Sie waren wohl kaum erfreut darüber, dass ihre Kinder dabei zusahen, wie betrunkene Ausländer in den Tubes Sex hatten."

Der "gefährlichste Ort in Laos für Reisende"

Auf den Speisekarten wurden neben dem üblichen Backpacker-Fraß auch Haschisch, halluzinogene Pilze und Opium angeboten. Der Laos-Reiseführer von Lonely Planet rät, wer in Vang Vieng unbedingt Opium nehmen müsse, solle die Droge auf gar keinen Fall mit Limettensaft mischen.

Angeblich sei schon mindestens ein Reisender an dieser Kombination gestorben. "Lonely Planet will niemanden zum Drogenkonsum ermutigen, aber wir mussten auf das Thema eingehen", erklärt Lonely-Planet-Autor Austin Bush.

Die Recherche für den Reiseführer hatte den Amerikaner Anfang 2010 zum ersten Mal in dieses schon längst berüchtigte Kaff am Nam Song gebracht. "Ich bereise Laos seit 1998, hatte Vang Vieng zuvor jedoch vermieden."

Bei Lonely Planet achte man auf eine objektive Darstellung. "Ich habe aber versucht, so abschreckend wie möglich zu klingen", so Bush. Lonely Planet bezeichnet Vang Vieng als "den gefährlichsten Ort in Laos für Reisende".

Das Tubing geht weiter

"Am verblüffendsten fand ich, dass der ganze Irrsinn in Vang Vieng in einem so krassen Kontrast zu seiner wunderschönen Umgebung stand", sagt der Lonely-Planet-Autor. Die Kulisse ist in der Tat erwähnenswert: Der Nam Song windet sich durch eine verträumt exotische Landschaft aus Karstfelsen und Regenwald.

"Ich wollte in der Neuauflage den Fokus deshalb mehr auf all die anderen Aktivitäten, die in der Natur rund um Vang Vieng angeboten werden, richten." Dazu gehören Höhlenwanderungen, Trekking, Fahrrad- und Motorradtouren, Kajakfahren und Klettern.

In einem Tube den Nam Song hinuntertreiben kann man auch weiterhin, nur die Party fällt jetzt weg. Das Vermieten der Tubes wird von zehn Dorfgemeinschaften aus der Umgebung organisiert, rund 1500 Familien profitieren davon.

Um deren Existenz macht sich Tourismusexperte Rik Ponne jedoch wenig Sorgen; die Zahl der Tubinggäste sei seit der Schließung der Bars bisher nur leicht zurückgegangen. Einheimische wie ausländische Barbesitzer seien von der Task Force aber zunächst im Unklaren darüber gelassen worden, wie es für sie genau weitergehen sollte.

Der Brite Gregory Haywood, der die Restaurant-Bar "Fluid" in Nähe des Flussufers leitet, hat den Behörden längst ein neues Konzept für seinen Betrieb vorgelegt und hofft, diesen bald wieder öffnen zu können, auch ohne Halligalli unten am Fluss.

Man könne bereits sehen, dass eine andere, gemischtere Touristenklientel nach Vang Vieng komme, seit sich die Nachricht über die Schließungen herumzusprechen begann, und nicht mehr nur Horden junger Auszeitjahr-Backpacker, die die Sau rauslassen wollten – "auch Leute, die wohl zuvor durch Vang Viengs Ruf als Partyort abgeschreckt wurden", vermutet Haywood.

"Sauber, grün, sicher und freundlich"

"Dies ist die Chance, ein neues Vang Vieng zu schaffen", ist Rik Ponne überzeugt. Seit 2009 wirkt er bei der Laotischen Tourismusbehörde beratend an der Umsetzung eines Masterplans für Vang Vieng und Umgebung mit, der von der Asiatischen Entwicklungsbank mit einem Budget von 1.3 Millionen US-Dollar finanziert wird. Dazu gehört, Vang Vieng ein neues, besseres Image zu verleihen, unter dem Slogan "Vang Vieng – eine saubere, grüne, sichere und freundliche Stadt".

Im Ort wurde unter anderem ein Tourismus-Informationszentrum geschaffen, eine neue Wasserfall-Tour wurde gemeinsam mit Dorfbewohnern entwickelt, Tourismus-Schulungen für Einheimische angeboten und mehr Fokus auf Sport- und Outdoor-Angebote in der Natur gelegt. Auch die Abfallentsorgung wurde verbessert, und Restaurants wurden nach einem Hygiene-Training zertifiziert.

Eine größere Vielfalt an Freizeit- und Gastronomieangeboten soll Vang Vieng auch für besserverdienende Touristen attraktiver machen. Ein Luxushotel mit Pool und Blick auf den Nam Song wurde kürzlich eröffnet. Dort, auf dem Fluss, ist Tubing derzeit wieder das stille Naturerlebnis, das es vor zehn Jahren einmal war.

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Informationen zu Laos
  • Lage

    Der südostasiatische Binnenstaat Laos grenzt an Vietnam, China, Birma, Thailand und Kambodscha. Vang Vieng befindet sich auf halber Strecke auf der Route zwischen der laotischen Hauptstadt Vientiane und dem Unesco-Weltkulturerbe Luang Prabang.

  • Staatsform

    Die Demokratische Volksrepublik Laos ist seit der Revolution von 1975 ein sozialistisch geprägter Einparteienstaat.

  • Einwohnerzahl

    Das Land ist dünn besiedelt, mit rund 6,6 Millionen Einwohnern.

  • Wirtschaft

    Die Vereinten Nationen führen Laos auf der Liste der am wenigsten entwickelten Länder der Welt (LDC). Etwa 75 Prozent der Einwohner müssen mit weniger als zwei US-Dollar am Tag auskommen.

    Tourismus ist einer der aufstrebenden Wirtschaftszweige. Im Jahr 2011 kamen rund 2,7 Millionen Gäste, 80 Prozent davon aus den Nachbarländern. Im Vergleich zu anderen südostasiatischen Ländern kann Laos bisher nur wenige zahlungskräftige internationale Touristen anlocken.

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