03.01.13

Südamerika

Den Geistern im Nebelwald von Ecuador auf der Spur

Fische unter Strom, mörderische Bäume und Vögel, die den Moonwalk tanzen – das alles hat der Regenwald Ecuadors zu bieten. Und hinter den Nebelschwaden lauert noch manch andere unheimliche Kreatur.

Von Sascha M. Kleis
Foto: picture alliance / WILDLIFE

Im ecuadorianischen Nebelwald hängen die Wolken so tief,...

12 Bilder

Wie ein Schleier fällt die Nacht auf den Dschungel, stülpt ihre Schwärze über die Baumkronen und wälzt sich durchs Blätterdach bis auf den Boden hinab. Auf einmal ist sie da: die Dunkelheit.

Und mit ihr erwacht der Nebelwald. Er lässt seine Symphonie erklingen, gespielt von einem Orchester, dessen Musiker unsichtbar sind. Zikaden erzeugen mit ihrem Zirpen den schrillen Dschungelgrundton, Vögel geben die Flöten, und von den Fröschen drängt sich ein basstonartiges Quaken dazwischen.

Doch da ist noch etwas: eine eigenartige Präsenz, nicht sichtbar, nicht hörbar – aber spürbar. Beobachtend. Lauernd. "Einige Tiere sind wie Geister", sagt David Yunes. "Sie sehen dich, aber du siehst sie nicht."

Der 35-Jährige ist Naturführer im Mashpi-Areal des ecuadorianischen Nebelwalds. Das zu zwei Dritteln aus Primärwald bestehende Gebiet liegt im Süden der Choco-Region, rund drei bis vier Autostunden nordwestlich der Hauptstadt Quito, auf 1000 Meter Höhe.

Hier oben hängen die Wolken so tief, dass sie den Wäldern begegnen. Fortwährend gleiten sie durchs Geäst, regnen sich ab. Tagsüber verschleiern sie oftmals die Sicht und verleihen der Gegend eine mystische Aura.

Abends beginnt die Zeit der Jäger

Moosbewachsene Lianen hängen von den Bäumen wie zerschlissene Kleider, dazwischen Farne, riesenblättrige Elefantenohren, Bromelien, Orchideen. Die Region gilt als eine der artenreichsten der Welt. Sie ist ein Vogelparadies und ein Insektenmoloch, mit Spinnen groß wie Hände und zigarrenlangen Tausendfüßlern.

"Abends ist eine gute Gelegenheit, Insekten zu sehen", sagt David, als im Dickicht eine große, schwarze Spinne regungslos in ihrem Netz lauert. Jetzt ist die Zeit der Jäger. Auch Pumas, Ozelote und Jaguarundis schleichen durchs Unterholz – doch bekommt sie dabei fast niemand zu Gesicht.

Nicht mal José Napa, obwohl der 45-Jährige bereits seit 33 Jahren im Dschungel lebt. Wie David ist er Guide und begleitet heute Abend die kleine Gruppe, Gäste der "Mashpi Lodge". Die luxuriöse Dschungelherberge hat erst kürzlich eröffnet und gilt als Ecuadors neues touristisches Vorzeigeprojekt.

Initiiert wurde es von Roque Sevilla. Der ehemalige Bürgermeister von Ecuadors Hauptstadt Quito ist Unternehmer, schwerreich und seit Jahrzehnten engagierter Naturschützer. Er kaufte das 1300 Hektar große Areal einer Holzfällerfirma ab. "Ich möchte so das Gebiet schützen", sagt er. "Die Wälder in Ecuador verschwinden immer schneller."

Ein gläserner Kubus mitten im Dschungel

Plötzlich blinkt ein grünliches Licht im Dunkeln auf, ganz so, als hätte jemand eine Taschenlampe angeknipst. Ein Glühwürmchen. Wahrscheinlich. Derweil zeigt David auf ein zartes Leuchten am Wegesrand. "Fluoreszierende Pilze", erklärt er. Sie wirken, als wären sie mit Phosphor überzogen.

Auch die aus viel Glas und Stahl errichtete Lodge erstrahlt am Abend hell im dunklen Grün des Dschungels. Ein zeitgenössischer Kubus, der einerseits wie ein implantierter Fremdkörper wirkt, andererseits mit seinem minimalistischen Design nicht zum Nebelwald in Konkurrenz treten will. Durch die riesigen Glasfronten ringsum ist die Natur stets sichtbar, erscheint wie ein lebendiges Gemälde, das nachts mit rätselhaften Silhouetten seiner Bäume die Fantasie anstachelt.

Ständig werden neue Arten entdeckt

Am nächsten Morgen bietet sich vom nahen Beobachtungsturm aus 25 Meter Höhe ein grandioser Blick. Wie ein Teppich breitet sich der nebelverhangene Dschungel aus. Bis zum Horizont überlappt er Täler, Hänge und Schluchten.

In einer Baumkrone fliegen Kolibris umher. David reicht sein Fernglas herum. Klein und flink schwirren sie wie Helikopter durchs Geäst, bleiben in der Luft stehen, fliegen rückwärts. Auch Papageien, Tukane und Quetzale leben im Wald. "Rund 500 Vogelarten werden in diesem Areal vermutet", sagt David.

Und die Region birgt noch manche Überraschung. "Wir haben erstaunliche Dinge gefunden", sagt Lodge-Besitzer Sevilla, "darunter eine neue Art des elektrischen Fischs, der Stromstöße erzeugen kann. Und wir entdecken immer wieder Neues. Das ist ein echtes Abenteuer."

Zuständig für diesen Job ist Carlos Morochz. Der 25-Jährige ist Biologe und stets damit beschäftigt, neues Leben zu orten. Seit zwei Jahren arbeitet er hier. "Es wird noch Jahre dauern, alle Arten zu erfassen", sagt er, als er mittags mit der Gruppe loszieht.

Wo Bäume zu Mördern werden

In Gummistiefeln und Ponchos geht es über matschige Pfade querfeldein. Die Luft ist feucht. Jeder Schritt macht schmatzende Geräusche, manchmal gibt der Boden nach, und man versackt knietief. Aus dem Dickicht tönt der Ruf eines Brüllaffen, und ein großer, stahlblauer Morphofalter passiert eine Lichtung. Mit jedem Flügelschlag blitzt er wie ein rotierendes Blaulicht auf.

Die Urwaldriesen ragen empor, darunter Mahagoni- und Balsabäume, Palmen und so kurioses Gehölz wie Cekropias – sobald das Geäst berührt wird, stürmen die unzähligen Ameisen heran, die es bewohnen. Oder der Mörderbaum. Er ist ein Parasit, der seinen Wirtsbaum von oben nach unten überwuchert und dabei erwürgt. An manchen Stellen lässt er Blicke auf sein stranguliertes Opfer zu.

Ein Symbol des Überlebenskampfs, der in Flora und Fauna herrscht – und faszinierende Tarnungen wie wandelnde Blätter oder Gift signalisierende Leuchtfarben wie beim Pfeilgiftfrosch hervorgebracht hat.

Der Manakin tanzt wie Michael Jackson

Carlos zeigt auf eine Freifläche im Dickicht. Ein Balzplatz der Manakin, kleiner, bunter Vögel. Einer von ihnen ist der weltweit einzige, der den "Moonwalk" beherrscht. "Er tanzt wie Michael Jackson", sagt Carlos.

AufYouTube kann man sich Filmchen vom "Moonwalking Bird" ansehen, er hat dort sogar einige Fans, die darüber staunen, wie gekonnt der Piepmatz mit seinen zierlichen Füßen über den Ast gleitet, so als stünde er auf einem Fließband. Zehn bis 15 Manakin-Männchen tanzen hier um die Gunst von zwei, drei Weibchen, die sich regelmäßig zur Begutachtung der gefiederten Selbstdarsteller einfinden.

"Bisher haben wir etwa 280 Vogelarten bestimmt", schätzt Carlos. "Auch viele Reptilien- und Amphibienarten." Unter ihnen Giftschlangen wie die Bushmaster, eine bis zu vier Meter lange Viper, den Kristallfrosch oder lilafarbene Schleichenlurche, die mit einem Meter Länge wie ein monströser Regenwurm durch den Waldboden pflügen.

Kamerafallen fangen die Geister des Nebelwalds ein

Doch manche Tiere leben wie Phantome. "Säugetiere sind schwer zu finden", sagt Carlos und meint damit Großkatzen, Pekaris oder Brillenbären. Sie sollten deshalb auch nicht der Grund sein, weshalb man in den ecuadorianischen Nebelwald kommt.

Die Faszination dieses Areals ist subtiler. "Hier ist es nicht wie auf einer Safari in Afrika", sagt Roque Sevilla. Wer das Leben ringsum wahrnehmen will, muss all seine Sinne schärfen, muss auch mit den Ohren sehen und auf seinen sechsten Sinn vertrauen. Wer das tut, spürt das Leben, auch das unsichtbare – überall.

Was die Augen indes nicht sehen, macht Technik sichtbar. 17 Kamerafallen zeigen, was fast niemand zu Gesicht bekommt: die Geister des Nebelwalds. Carlos fährt sein Laptop hoch, spielt Nachtaufnahmen ab.

Eines der Phantome nähert sich und nimmt Gestalt an. Ein großes Tier. Der Gang wirkt geschmeidig. "Ein Puma", sagt er. Noch nie ist er einem begegnet. "Aber vor einem Monat sah ich einen Ozelot. Er saß auf einem Weg und guckte mich an." Ein seltenes Glück.

Mit dem Rad 100 Meter über dem Abgrund

Fast genauso beeindruckt wie Carlos klingt David, wenn er von Air Bikes spricht. Air Bikes sind Luftfahrräder, die, ausgestattet mit Schalensitzen und Gurten, an einem 200 Meter langen Stahlkabel hängen und Platz für zwei wagemutige Personen bieten, die hier im Nebelwald damit von einem Hang zum nächsten radeln können.

Auf halber Strecke schwebt das Rad 100 Meter über dem Abgrund. Unter ihm ein Fluss, ringsum wolkenverhangene Bäume. Zwei der Gäste fahren los, tauchen ein ins dichte Grün, immer tiefer, bis ihre Konturen verschwimmen – und der Nebelwald sie zur Gänze verschluckt hat.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Iberia, Windrose Finest Travel und Metropolitan Touring. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit.

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Tipps für Ecuador
  • Anreise

    Zum Beispiel mit Iberia oder KLM nach Quito.

  • Unterkunft

    „Mashpi Lodge“, drei Tage ab 985 Euro pro Person, inklusive Vollpension, Transfers, Aktivitäten, www.mashpilodge.com;

    „Bellavista Cloud Forest Reserve “, drei Tage ab 185 Euro pro Person, inklusive Vollpension, Transfers, Naturführer, www.bellavistacloudforest.com

  • Veranstalter

    Windrose Finest Travel bietet verschiedene Ecuador-Rundreisen an, etwa „Ecuador und Galapagos in Style“, 13 Tage ab 9990 Euro pro Person im Doppelzimmer, ein Aufenthalt in der „Mashpi Lodge“ kann individuell hinzugebucht werden, Tel. 030/201 72 10, www.windrose.de.

    Bei Ecuador Entdecken kann als Teil einer Rundreise der Baustein „Kolibris und Schmetterlinge im Nebelwald“ gebucht werden, zwei Tage inklusive Vollpension und Ausflüge ab 203 Euro pro Person, www.erlebe-ecuador.de

  • Auskunft

    Botschaft von Ecuador, Tel. 030/800 96 95, www.ecuadorembassy.de

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