01.01.13

Mit Heli und Snowcat

Auf nach Kanada, für den Höhenrausch im Tiefschnee

Ein Traum für jeden Skifan: Für endlose Abfahrten auf unberührten Pulverschneehängen ist Heliskiing unerreicht. Doch mittlerweile gibt es Konkurrenz: Catskiing. Was bringt mehr? Wir haben es getestet.

Von Michael Hegenauer
Foto: picture alliance / Udo Bernhart

Die unberührten Hänge in den Columbia Mountains versprechen meterhohen, locker-leichten Schnee. Quasi mit Juchz-und-Jodel-Garantie.

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Klassischer Fall für eine Zahnfleischentzündung. Wer sich erstmals den Traum vom Heliskiing verwirklicht, läuft Gefahr, viel zu viel kalte Luft an sein Zahnfleisch zu lassen. Witzelt jedenfalls Bernhard, und der Deutsche hat schon etliche Heli-Neulinge in ihrem ganz persönlichen Glücksgefühl erlebt.

Susanna sei so ein Fall, sagt der Ski-Routinier im dröhnenden Hubschrauber mit Blick auf seine Hamburger Sitznachbarin. Ein perfekter Tiefschneetag in den Selkirk Mountains bei Revelstoke, British Columbia, geht allmählich zu Ende – und Susanna grinst und grient um die Wette. Sie bekommt den Mund vor lauter Freude kaum noch zu, mit leuchtenden Augen stammelt sie alle paar Minuten ein rundum zufriedenes "toll – einfach nur toll".

Sich mit dem Hubschrauber irgendwo im weiten Weiß absetzen zu lassen und mit der Bergwelt und dem pulvrigen Schnee allein zu sein, ist ein in jeder Hinsicht erhebendes Gefühl. Kein Sessellift, keine Kabinenbahn weit und breit. Keine Warteschlange, keine Skihütte, kein Bergrestaurant, keine Skischulgruppe, keine Après-Ski-Bars und erst recht kein Sulzschnee.

Wenn der Heli laut wummernd losgeflogen ist und die Gruppe der Skiläufer sich und ihre Skier am Berg sortiert hat, überfällt die Vorfreude die stille Andacht. Die Augen können vom Panorama nicht lassen, wollen nicht nur 180, sondern die vollen 360 Grad aufsaugen. Diese Ruhe. Diese Berge. Dieser Schnee. Auf geht's ins Vergnügen!

Mit breiten Skiern im Pulverschnee

Das sanfte Gleiten über unberührte Bergflanken, cooles Surfen mit mühelos gezogenen Kurven in fluffigem Tiefschnee, weiches Kurzschwingen – das mitunter schon fast dem freien Fall nahekommt – in steilem Gelände. Die extrabreiten, gut aufschwimmenden "Fat Boy"-Spezialskier sieht man eigentlich nur dann, wenn man sie an- und abschnallt.

Beim Fahren zeigen sich lediglich die Spitzen, wie sie ab und zu keck aus dem Tiefschnee ragen. Wahrscheinlich ist dieser vermeintliche Kontrollverlust das, was Skifahrer, die noch nicht so viel Erfahrung im Tiefen haben, zunächst etwas erschrecken mag. Doch es braucht meist nur ein paar Schwünge – und die schiere Begeisterung setzt ein. Mitunter bis hin zur "Zahnfleischentzündung".

Ski-Experte Bernhard hat schon etliche Flüge in die Heliskigebiete unternommen und dabei verschiedene Anbieter ausprobiert, er kennt die routinierten Sicherheitseinweisungen, mit der die Veranstalter direkt vor dem Vergnügen auch für etwas Besinnung sorgen. Schließlich wird man sich den ganzen Tag in hochalpinem, ungesichertem, natürlichem Gelände aufhalten. Da müssen sich die Skifahrer auch mit der Möglichkeit des Schlimmsten vertraut machen, Lawinen.

Wie funktioniert der Lawinenpiepser?

Wie soll man sich verhalten, wie wird gesucht, wie funktioniert der Lawinenpiepser, wie setzt man die Suchstangen ein, wer bedient das Funkgerät? Fragen, die von den begleitenden Guides ausführlich und in Ruhe geklärt werden. Bei aller Begeisterung für den Spaß im Schnee hat Bernhard Respekt vor den Gefahren in den Bergen. So trägt der Deutsche einen Rucksack mit einem Lawinen-Airbag-Aufsatz. Für den Fall der Fälle, man weiß ja nie.

Wer sich mal nach Helikopterflügen in den verschneiten Alpen erkundigt hat (man kann etwa in Gressoney im Aostatal/Italien, am Arlberg/Österreich oder in der Schweiz Heliskiing machen), findet seine Annahme, dass diese Form des Skifahrens keine billige Angelegenheit ist, bestätigt. Ein einzelner Ausflug kostet gut und gern so viel wie ein Wochenskipass in einem Skigebiet wie etwa St. Anton, St. Moritz oder Trois Vallées.

Es heißt, wer einmal Blut geleckt hat und das Skifahren per Hubschrauber ausprobiert hat, will nicht mehr davon lassen. Etliche Skifahrer, die es sich finanziell leisten können, verbringen ihre wertvolle Winterurlaubszeit nur noch in einsamen Lodges von British Columbia, irgendwo mitten in der Natur. Lodges, die nur mit einem Allradfahrzeug erreicht oder eben von Heli angeflogen werden können. Die Skiwoche steht dann ganz im Zeichen des Skifahrens, kein Shopping, keine Ausflüge, kein wildes nächtliches Partyleben.

Früh morgens geht es los, Skigymnastik zur Lockerung, dann ein leichtes Frühstück, die Skier oder das Snowboard gegriffen und vor der Hütte auf den Hubschrauber warten.

Im Heli wird Komfort nebensächlich

Ein wenig haftet dem Skiurlaub per Helikopter daher auch etwas Snobistisches, Elitäres an. Dabei sind die Teilnehmer alles andere als Snobs. Was sie eint, ist die Liebe zum Skifahren (oder Boarden) im bestmöglichen Schnee. Und den gibt es unverspurt nun mal nur abseits der Massen.

Wenn die Bell-205-Hubschrauber losfliegen, sitzt man recht beengt auf zwei gegenüberliegenden Bänken, an der linken Seite gleich neben der Schiebetür gibt es noch Platz für zwei auf dem "love seat". Der (kaum vorhandene) Komfort wird zur Nebensache, wer einigermaßen dicht am Fenster sitzt, kommt immerhin in den Genuss, sich an der weißen Landschaft sattsehen zu können. Aussichten auf endlos viele Pulverschneeabfahrten.

In einer "Snow Cat" geht es da ganz anders zu: In der auf einem Pistenbully montierten Personenkabine kommt geradezu so etwas wie Gemütlichkeit auf. Auch wenn es recht laut dröhnt und der Einstieg ins Pistengerät über die Kette nicht ganz ungefährlich ist.

In der Snowcat mit MP3-Musik

Die steilen Bergauffahrten dauern deutlich länger als der Heli-Transfer, so aber bleibt Zeit zum Quatschen, Essen und Trinken – aus einem MP3-Player klingt lässige Musik. Die drei Sitzbänke für je vier Personen sind komfortabel gepolstert.

So gesehen ist Catskiing relaxter und sogar kraftschonender, weil man längere Pausen zwischen den "runs", den Abfahrten, hat. Und da man sich die Mittagspause eigentlich sparen kann, verwendet man die gewonnene Zeit am besten mit – na, klar – weiteren Tiefschneeabfahrten.

Catskiing, so hört man immer wieder etwas despektierlich, sei das "poor man's heliskiing", also das Heliskiing für Arme. In der Tat sind die Fahrten mit der Schneekatze etwa 30 bis 40 Prozent günstiger als die "Aus-Flüge" in den Schnee. Mit der Folge, dass Catskiing zunehmend populärer und in immer mehr Skigebieten angeboten wird und das Publikum jünger wird.

Auch steigen mehr junge Frauen in eine Schneekatze als in einen Hubschrauber. Diese Form des Schneeerlebnisses, so hört man immer wieder, gilt als besonders gesellig und ideal für Gruppen: Wenn die Raupe steht, das Piepen vom Rückwärts-Rangieren verklungen ist und der Fahrer die Schaufel hydraulisch in Parkposition aufgebockt hat, beginnt nach einem erfüllten Tag das Après-Ski – mit Drinks und Grill mitten im Gelände.

"Tree runs" bedeuten meist auch steileres Terrain

Das budgetschonendere Catskiing ist für viele ein erster Einstieg in die Welt des unberührten Tiefschnees. Allerdings sind die Cats nicht so flexibel wie ein Helikopter, sie bewegen sich in einem angestammten Terrain und machen weniger Höhenmeter – das Skifahren findet mehr im Wald und weniger auf offenen Hängen statt, die "tree runs" sind meist steiler und damit anspruchsvoller!

Die Kettenfahrzeuge nutzen für ihr Wegenetz staatliche Forstwege oder schon früh in der Saison planierte Wege.

Auch wird Catskiing häufig in Verbindung mit Übernachtungspaketen in Lodges gebucht, reine Tagesfahrten sind eher selten. In Orten wie Revelstoke, in der alten Westerntown (1880 als Versorgungsposten während des Goldrauschs gegründet) hat erst Ende 2007 das am Reißbrett geplante Revelstoke Mountain Resort als Skigebiet eröffnet, wird alles praktiziert: Hier kann man sich 56 Pisten (und nur drei Liften!) hingeben, die mit 15,2 Kilometern längste Abfahrt hinuntersausen, rechts unterhalb des Mount Mackenzie in einem separaten Gebiet in eine "snow cat" steigen oder sich im "Village", wo es eine Vielzahl von Unterkünften unmittelbar der Gondel gibt, vom Hubschrauber abholen lassen.

Helis sind einfach flexibler

Helikopter hingegen können aus dem Vollen schöpfen: Sie sind flexibler, können aufziehendem Schlechtwetter rasch ausweichen, auf Kundenwünsche reagieren, eine größere Vielfalt an Abfahrten anbieten und zwei- bis zweieinhalb mal mehr Höhenmeter ermöglichen. Und nicht zuletzt ist allein schon das Fliegen in der weißen Bergwelt ein Erlebnis für sich.

Die ultimative Auflösung war in "Ski Canada" nachzulesen. George Koch verglich in seinem Artikel "Cat vs. Heli: We all win" die Einstellung der Europäer ("Sie verehren das Heliskiing und glauben, alles darüber zu wissen") und ihre Vorbehalte gegenüber dem Catskiing ("Ist das nicht eiskalt? Fällt man da nicht runter?") mit der der Amerikaner ("Sie wollen einfach nur so viele Tiefschneeschwünge wie möglich und sind happy, Geld auszugeben, so lange noch welches da ist").

Beide Haltungen verglich er mit den Ansichten der Kanadier: Diese würden zwar das Catskiing für seine Zuverlässigkeit anhimmeln. Vom Heliskiing jedoch halte sie "ihre Risiko-Aversion, ihre tief verwurzelte Genügsamkeit und ihr Anti-Elitismus" ab.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Club Reisen Stumböck. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit.

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Kanada-Tipps
  • Catskiing

    Das Package „Stumböck Catski-Safari Fernie“ kostet beispielsweise für acht Tage 2658 Euro und beinhaltet den Flug von Frankfurt nach Calgary, Kanada (mit Air Canada/Lufthansa), sieben Übernachtungen mit Frühstück, Vier-Tage-Skipass für die Skigebiete Fernie und Castle Mountain sowie zwei Tage Catskiing inklusive Lunchpaket, Leih-Tiefschneeski, Rucksack, individueller Betreuung und Transfers.

  • Heliskiing

    Das vergleichbare Heliskiing-Angebot „Stumböck Heli 2 Skisafari“ für acht Tage bietet für 3238 Euro ebenfalls den Flug nach Kanada, Übernachtung mit Frühstück, Lunchpakete auf den Helitouren, Après-Snacks, Vier-Tage-Skipass für die Gebiete Lake Louise, Kicking Horse und Revelstoke sowie zwei Heliskiing-Tage inklusive 6000 Höhenmeter, Leih-Tiefschneeski, Rucksack, individueller Betreuung und Transfers.

    Noch exklusiver sind die achttägigen „Dream Star“-Programme mit maximal vier Gästen pro Helikopter, fünf Tage Heliskiing mit einem Eurocopter-A-Star in den Selkirk-Monashee-Bergen kosten ab 7796 Euro. „Heli satt“ gibt es beim zehntägigen „Northern Escape Heliskiing“ (ab 8383 Euro) mit sieben Heli-Tagen und unbegrenzten Höhenmetern.

  • Veranstalter

    Der Katalog „Heli & Cat-skiing 2012–13“ ist unter stumboeck.com oder Tel. 08035/966 00 bestellbar.

    Eine Vielzahl von Tiefschneepaketen in Kanada bietet auch der Veranstalter Aeroski Reisen Dr. Erben GmbH (aero-ski.com, Tel. 06081/20 82), u. a. auch ein spezielles Heli-Einsteigerprogramm („Powder 101: The Intro“ ab etwa 3900 Euro). Weitere Kanada-Pakete gibt es bei Outdoor Adventures (Tel. 09924/90 24 30, outdoor-adventures.net.net).

    Cat- und Heliskiing-Angebote für die USA (z. B. in Keystone, Telluride oder Jackson Hole) hat etwa Canusa (Tel. 0180/530 41 31, canusa.de) im Angebot.

    Noch mehr Infos und Angebote unter: winter.canadaswest.de

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