30.12.12

USA

Grand Canyon per Helikopter – Da muss ich durch!

Grand Canyon de luxe: Die gewaltige Schlucht mit dem Helikopter zu erkunden, ist ein Höhepunkt für USA-Touristen. Es sei denn, man hat Flugangst – so wie unser Autor, der den Trip dennoch genoss.

Von Hannes Stein
Foto: heliusa.com

Das Unternehmen „HeliUSA“ in Las Vegas bietet Touristen die Möglichkeit, mit dem Helikopter ...

9 Bilder

O nein, dachte ich im ersten Moment. Falscher Fehler. Worauf habe ich mich hier eingelassen! Schließlich bin ich ein Mensch mit Höhenangst, dem schwummerig wird, wenn er eine Seilbahn auch nur aus der Ferne sieht. Und ich fliege hier also mit einem Helikopter?

Außerdem habe ich darauf bestanden, dass ich nicht mit sechs anderen Fluggästen hinten in der Kabine sitze, sondern mich frech auf dem Sitz des Kopiloten breitmache. Bin ich denn noch gescheit?

Um die fatale Situation klar zu benennen: Mein Sitz hat noch nicht einmal Armlehnen, es gibt nichts, woran meine schweißnassen Finger sich klammern könnten. Und vor mir, über mir, neben mir, sogar unter mir – jedenfalls direkt vor meinen Füßen – sehe ich nichts als Plexiglas.

Grauenhaft. Vielleicht sollte ich die Augen schließen. Doch dann hebt der Helikopter ab, und alles ist ganz anders. Denn ein Helikopter nimmt eben nicht donnernd Anlauf wie ein Flugzeug. Er pendelt auch nicht Furcht einflößend an Seilen hin und her wie die Gondel einer Seilbahn. Er schwebt. Es ist wie im Traum vom Fliegen.

Aus Angst wird langsam Genuss

Der Helikopter fegt rasend schnell, zugleich aber federleicht über den Asphalt weg, beinahe so, als wäre er ein Auto ohne Räder – und schon schweben wir hoch im Himmel über der Stadt. Ganz einfach. Einfach so.

Jetzt könnte ich einen Augenblick lang Angst empfinden, aber bei der Stadt unter mir handelt es sich um Las Vegas, und ich finde die Aussicht viel zu spannend: da – der weltberühmte Strip, dessen Neonreklamen, wenn jetzt Nacht wäre, zauberhaft glänzen würden.

Das MGM-Hotel, ein schwarzer Brocken, der mit sich selbst über Kreuz liegt. Die Pyramide des Luxor-Hotels. Wir fliegen eine Kurve, was bedeutet, dass der Helikopter sich schräg legt, und eigentlich müsste ich schreien vor Panik, aber aus irgendwelchen Gründen finde ich es einfach nur toll.

Unser Pilot heißt Roger. Er hat ein wettergegerbtes, schmales Gesicht, trägt eine Sonnenbrille und sieht überhaupt so aus, als sei er gerade eben aus einem Hollywood-Abenteuerfilm in die Realität hinausspaziert. Roger ist schon über viele Länder mit dem Helikopter geflogen – Vietnam, Laos, Kosovo, auch Deutschland –, also klar: ein ehemaliger Militärpilot.

Roger grinst mich von der Seite her an, während er den Steuerknüppel zwischen den Knien festhält. Er hat bemerkt, dass ich durchaus anfange, die Sache zu genießen.

Schwebend über türkisfarbene Fata Morganas

Wir fliegen über Seen, die in der Wüste liegen wie türkise Fata Morganas, an einem dieser Gewässer wohnt Steffi Graf, möge es ihr wohlergehen. Und nun zu unserer Linken: ein riesiges halbrundes Gemäuer mit einer eleganten, hochbeinigen, weißen Brücke davor. Ein Stausee.

Ich hatte im Geografieunterricht offenbar geschlafen – mir war gar nicht klar, dass die Hoover-Talsperre auf unserer Route liegt, ein Wunderwerk der Technik, errichtet zwischen 1931 und 1936 unter ungeheuren Opfern. Genau durch die Mitte der Staumauer verläuft die Grenze: Diese Seite befindet sich noch in Nevada, jene schon in Arizona. Weiter, weiter in die Wüste hinein.

Vor uns erhebt sich etwas, das ich zunächst einmal für ein Gebirgsmassiv halte: Felsen, die bizarr gestreift sind. Dann aber faltet sich die Sache vor meinen Augen dreidimensional nach hinten auseinander, und ich kapiere: Das da, wo wir jetzt hineinschweben, ist überhaupt kein Gebirge.

Roger hat mittlerweile auf seinem iPod die Einleitung von Richard Strauss' Oper "Also sprach Zarathustra" angewählt – "Sonnenaufgang" heißt das gute Stück. Die pompösen Bläserstimmen, die sich in unseren Bord-Kopfhörern immer weiter hinaufschrauben und dann jäh abstürzen, hinterher die bombastischen Paukenschläge.

Also, für mich hätte es dieses Brimborium gar nicht gebraucht. Mir klappt die Kinnlade auch so herunter: der Grand Canyon.

Im Grand Canyon meldet sich die Angst zurück

Was soll ich sagen? "Wir fliegen mit einem Helikopter durch den Grand Canyon" – das ist ja nur ein Satz. Ein sehr nüchterner Satz. Was ich gerade erlebe, wird davon nicht beschrieben.

Tief unter uns das schlammbraune Wasser des Coloradoflusses, der sich über die Äonen immer tiefer in die Wüste hineingefressen hat. Zu unserer Linken und Rechten die Ränder des Canyon, wir fliegen auf derselben Höhe mit ihnen.

Leider meldet sich in meiner Magengrube nun doch die Angst zurück. Was tun, überlege ich, wenn der gute Roger mich mit glasigen Augen anschaut, wenn er sich mit der Hand ans Herz greift, wenn er über dem Steuerknüppel zusammensinkt? Würde es mir wohl gelingen, dieses Ding zu landen? Aber wo?

Armlehnen wären jetzt hochwillkommen, meine Hände fassen ins Leere. Plötzlich begreife ich wieder, was sich unter meinem Sitz befindet: ein bisschen Plexiglas und Blech, und dann viele Hundert Meter nichts.

Eine Landung zwischen Kakteen

Ich habe Angst, gleichzeitig bin ich euphorisch, überwältigt von diesem mächtigen, diesem wunderbaren Riss, der mitten durch die Erde geht. So viele Gelbtöne, so viele Brauntöne, so viel verschiedenes Rot.

Vielleicht zehn Minuten später setzen wir sanft auf. Wir befinden uns in der Mitte von Kakteen und dem Nirgendwo auf der "Grand Canyon Ranch". Roger sagt "See you, folks", während die Rotoren sich langsamer drehen; ein Pferdewagen holt uns ab.

Wir fahren – klipp-klapp, klipp-klapp – an einer Pferdekoppel vorbei, dort wartet auf einer kleinen Tribüne schon Casey Adams auf uns. Casey Adams hat weiße Haare und einen weißen Schnurrbart, trägt einen Cowboyhut, hält eine Westerngitarre im Arm und ist sozusagen der amtliche Countrysänger der Region.

Zur Begrüßung werden wir gleich mit einer nationalen Besessenheit konfrontiert, der Beschäftigung mit dem amerikanischen Bürgerkrieg. Casey Adams singt also "I Wish I Was in Dixieland" (die Hymne der Konföderierten) und dann "The Battle Hymn Of The Republic" (die Hymne der Unionstruppen), anschließend hält er einen kurzen Vortrag, in dem das Wort "Sklaverei" nicht vorkommt.

Trotzdem ist Casey Adams ein netter Kerl; um den Ruhm und das große Geld hat er immer einen großen Bogen gemacht, erzählt er mir hinterher am Lagerfeuer – und heute freut er sich, dass er 24 Enkelkinder verwöhnen kann.

Schlafen im Indianertipi

Die "Grand Canyon Ranch" sieht eigentlich gar nicht wie eine Ranch aus, eher wie ein kleines Dorf. Hütten aus Fichtenholz stehen im Halbrund um einen Saloon herum, in dem man ein kräftiges Abendessen und ein ebenso kräftiges Frühstück serviert bekommt.

In jeder dieser Hütten hat bequem eine Kleinfamilie Platz, außerdem ist es drinnen beinahe komfortabel: In einem Ofen brennt ein Gasfeuer, dessen Flamme man mit einem Thermostaten regulieren kann, es gibt eine Badewanne mit Dusche und warmem Wasser.

Die Betten sind in Ordnung. Wer es gern ein bisschen rauer und naturnäher haben möchte, kann sich mit Schlafsack in einem Indianertipi zur Ruhe begeben.

Helikopter-Flüge für Touristen

Auf der "Grand Canyon Ranch" lernte ich endlich den Mann kennen, der diesen abenteuerlichen Ausflug möglich gemacht hat. Nigel Turner heißt er. Nigel sieht aus wie ein Cowboy, er reitet wie ein Cowboy, er sieht sich wohl auch selbst ein bisschen als Cowboy, aber wenn er den Mund aufmacht, dann hört man: Manchester.

1956 geboren, hat er Zoologie studiert, wurde dann Helikopterpilot für die Armee Ihrer Majestät, schließlich wanderte er nach Amerika aus. Anfangs bot er Flüge für Touristen mit einem alten Militärhubschrauber in Los Angeles an.

Dieses Unternehmen scheiterte nach den Rasseunruhen von 1994, aber Nigel Turner ging nicht unter – er ging lieber nach Las Vegas. Und heute gehört ihm "HeliUSA", ein Unternehmen mit 70 Helikoptern.

Nigel hat auch die "Grand Canyon Ranch" gekauft, die größer als Manchester ist. Damit hat er diese Ranch gerettet – es gibt dort auch noch Cowboys und Kühe. Diese Kühe werden nicht geschlachtet und gegessen, sondern zum Rodeoreiten eingesetzt; danach dürfen sie auf der Ranch einen friedlich-glücklich-natürlichen Kühetod sterben.

New Yorker reiten nicht auf Säugetieren

Nigel Turner will, dass ich mit ihm und den anderen Touristen zwecks Sonnenuntergangsbetrachtung zu einem Hochplateau reite. "Du hast mir heute schon einmal vertraut, als du dich in einen Helikopter gesetzt hast", sagt er mir, "vertraue mir jetzt ein zweites Mal und setze dich auf ein Pferd."

Nach fünf Sekunden hoch zu Ross weiß ich aber: Das mache ich auf keinen Fall mit. Ich bin aus New York, wir New Yorker benutzen U-Bahnen und reiten nicht auf Säugetieren.

So finde ich mich mit den anderen Reitunwilligen im Pferdewagen wieder, zehn Minuten später sind wir auf dem Plateau angekommen und die Sonne malt im Untergang die Felsen dramatisch rostrot. Hinter einer Absperrung stehen ein paar Bisons herum, mächtige Zottelviecher, die aus dem Stand zwei Meter hoch in die Luft springen können.

Casey Adams singt einen Song darüber, wie der weiße Mann den amerikanischen Bison ausgerottet hat, wie aber Nigel und Lesley Turner nun das Ihre dafür tun, damit es wieder mehr von diesen edlen Tieren gibt.

Zum Sonnenuntergang mit Klampfe wird Sekt gereicht. Ich leere mein Glas und denke, dass das Leben gar nicht so übel ist.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von HeliUSA. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit.

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Tipps und Infos
  • Anreise

    Mehrmals pro Woche fliegt beispielsweise Condor nonstop von Frankfurt nach Las Vegas; Mit einem Stopp fliegen US Airways, Delta, KLM.

  • Touren

    Die Tour „Grand Canyon Overnight Getaway by Helicopter“ ab/bis Las Vegas kostet inklusive Übernachtung auf der „Grand Canyon Ranch“ (mit Abendessen, nächtlichem Lagerfeuer, Frühstück) 749 Dollar pro Erwachsenen, 649 Dollar pro Kind. Hinzu kommen je 50 Dollar Gebühren. Abflug vom McCarran International Airport in Las Vegas. Die „Grand Canyon Explorer“ Tour ohne Übernachtung kostet 439 bzw. 339 Dollar ab/bis Las Vegas (mit Hotel-Abholservice).

  • Veranstalter

    HeliUSA, Las Vegas, Nevada, Telefon 001/702-736 8787, www.heliusa.com

Noch mehr Luftnummern
  • Monument Valley Balloon Event

    Zahlreiche Heißluftballons steigen vom 11. bis zum 13. Januar über dem Monument Valley in den Himmel. Während der dreitägigen Veranstaltung starten mehr als 20 Ballons jeden Morgen ab 8 Uhr vom Besucherzentrum aus. Am Samstag- und Sonntagabend erleuchtet Feuer in den Ballons die Umgebung. Kunst- und Schreibwettbewerbe stehen ebenfalls auf dem Programm. Das Monument Valley, eine Ebene auf dem Colorado Plateau im Grenzgebiet von Arizona und Utah, liegt innerhalb der Navajo-Nation-Reservation und wird von den Navajo verwaltet. Das Monument Valley ist bekannt für seine Tafelberge und diente mehrfach als Filmkulisse. Weitere Informationen unter www.navajonationparks.org

  • Havasu Balloon Festival

    Bei der dritten Auflage des „Havasu Balloon Festival and Fair“ (18.–21. Januar 2013) werden mindestens 23.000 Zuschauer erwartet. Bei dem viertägigen Event kann man 72 Piloten dabei beobachten, wie sie ihre Heißluftballons beim „splash and dash“ auf dem Bridgewater-Kanal in der Nähe der London Bridge manövrieren. Beim Festival in Lake Havasu City (ganz im Westen Arizonas, an der Grenze zu Kalifornien) werden auch 150 Marktstände aufgebaut, es gibt nicht nur Entertainment für die Erwachsenen, sondern auch Unterhaltungs- und Lernprogramme für Jugendliche. Der Eintritt für alle vier Tage (wetterabhängig geöffnet von 6 bis 22.30 Uhr) beträgt sieben Dollar, Kinder unter zwölf Jahren sind frei. havasuballoonfestival.com, Tel.: 001/928-505 24 40.

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