14.12.12

Mexiko

Weltuntergang? – Chiapas hat ganz andere Sorgen

Die bevorstehende Zeitenwende im Kalender der Mayas erregt weltweit Aufsehen. Mexiko verspricht sich touristisch viel davon. Die Nachfahren der Maya im Bundesstaat Chiapas haben aber andere Probleme.

Von Franz Smets
Foto: picture-alliance / maxppp

Dass laut Maya-Kalender am 21. Dezember die Welt untergeht, erregt weltweit Aufsehen. Mexiko hofft, dass anlässlich dessen möglichst viele Touristen...

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Der Kirchenraum von San Juan Chamula ist voll besetzt. Auf dem losen Teppich aus langen Piniennadeln sitzen Hunderte von Menschen in kleinen Gruppen dicht beieinander. Die Frauen tragen lange Röcke aus schwarzem Schafsfell, die Männer helle Sombreros.

Auf dem Boden haben sie Hunderte Kerzen aufgestellt. Die Menschen singen, sprechen, gestikulieren. Zwei ältere Frauen tragen qualmende Kelche durch die Menge. Viele bewegen sich im Rhythmus der Musik hin und her. Der Rauch vermischt sich mit dem Duft der Kerzen und der Piniennadeln.

Der Patronatstag der Virgen del Rosario, der Jungfrau des Rosenkranzes, ist einer der wichtigsten Festtage des Mayavolkes der Tzotzilen. Mehrere Tausend Mitglieder der größten indigenen Volksgruppe des mexikanischen Bundesstaates Chiapas pilgern aus den Bergen nahe der Stadt San Cristóbal de las Casas nach Chamula.

Die Straße ist dicht gefüllt mit Händlern, die Obst, Gemüse, und Haushaltsgeräte, Geschirr, Kühlschränke und Gaskocher anbieten. Und natürlich wird an allen Ecken Essen zubereitet.

Der Tanz ist ihr Gebet

In der Kirche hat der katholische Priester Ángel Gustavo López Mariscal alles im Griff. Er bereitet sich darauf vor, in diesem bunten Chaos aus Musik, Gesang, Gemurmel und Tanz eine Messe zu feiern.

In seinem beigen Priestergewand schiebt er sich durch die Menschenmassen und legt den Kindern und Frauen die linke Hand auf den schwarzen Haarschopf, mit der rechten segnet er sie. "Wir respektieren ihre Kultur", sagt der Priester. "Sie haben ihre Form zu beten, und sie tun das, indem sie tanzen. Das ist ihr Gebet."

Die großen Heiligenbilder an der linken Seite des Kirchenschiffes stellen Martha, Magdalena, Jakobus, Petrus, Thomas und Judas Thaddäus dar. Sie sind wegen des Rauchs und einem Meer aus Blumen, das sie bedeckt, kaum zu sehen. Eine Musikgruppe nach der anderen bahnt sich langsam einen Weg nach vorne.

200 Mayas lassen sich taufen

Auch Don Ángel schunkelt im Rhythmus der Musik hin und her, als er "Hallelujah" ins Mikrofon ruft, um mit der Messe zu beginnen. "Gottes Gnade komme über uns." Gegen den Lärm kommt der kleine Lautsprecher nicht an. Die in Schafsfelle gehüllten Messdiener bringen ein Weihrauchfass zum Altar.

Der Priester predigt: "Es gibt nur wenig Scheidungen und viel Liebe unter uns. Aber ich bitte Euch: Schlagt Eure Frauen nicht", und in Tzotzil fügt er hinzu: "Schlagt sie nur ein wenig, wenn es unbedingt sein muss." Zur Kommunion kommen am Ende etwa zehn Gläubige.

Da hat draußen auf dem Vorplatz schon das Fest begonnen. Jugendliche haben sich mit Masken von Stieren, Jaguaren und Fabelwesen in Dämonen verwandelt. Einige tragen Gestelle auf dem Rücken, an denen Feuerwerkskörper befestigt sind, die nun entzündet werden. Sie sollen die bösen Geister vertreiben.

Priester Ángel hat derweil in der Kirche mit einer Massentaufe begonnen. Allein an diesem Tag begeben sich 200 Mayas in den Schoß der katholischen Kirche.

Pflanzen vor den Flammen gerettet

Rund 200 Kilometer südöstlich im Dorf San Nicolás unweit der berühmten Seen von Montebello an der Grenze zu Guatemala streichelt Donja Soila ein Blatt der Orchidee "Herzensauge". Die 34-jährige Angehörige des Mayavolkes der Tzeltalen hat mit 30 weiteren Frauen die Kooperative Orquideario Cinco Lagos gegründet. Mitte der 1990er-Jahre hatte ein Großbrand einen großen Teil der Wälder an den Seen zerstört.

"Wir sind damals in den Wald gegangen und haben Pflanzen gesammelt, um sie vor den Flammen zu retten", erzählt Soila. "Wir haben sie in unsere Gärten gebracht und dort gepflegt." Jetzt bringen die Frauen die Orchideen zu den Beeten, die oft aus faulenden Baumstämmen und bemoosten Holzkästen bestehen, an einen dicht bewaldeten Hang über dem Dorf.

"Der Orchidee gefallen die Baumstämme", sagt die Planzenretterin. Sie zu erhalten, sei ein Beitrag zur Rettung des Waldes. "Denn das ist unsere Aufgabe. Es ist auch unser Ziel, vom Wald zu leben, ohne ihn zu zerstören."

Viehzüchter brennen den Wald ab

Und das ist rund um den Lacandonenwald mit den geschützten Montes Azules, den Blauen Bergen, bitter nötig. Vor über 200 Jahren haben die Menschen damit begonnen, diesen dichten und abgelegenen Urwald im Osten von Chiapas erneut zu besiedeln und auszubeuten, nachdem die Mayas dort die großen Pyramidenstädte vor einem Jahrtausend verlassen hatten.

Zunächst kamen im 18. Jahrhundert die Lacandonen, Mayas aus Yucatán. Ihnen folgten Missionare, Forscher, weitere Mayas aus anderen Gebieten von Chiapas, Tzotzilen, die Chuj, Tzeltalen, Zoque. Sie begannen damit, den Wald zu roden, um Landwirtschaft zu betreiben.

Und dann kamen die großen Viehzüchter, die bis heute Waldflächen niederbrennen, um ihre Herden dort weiden zu lassen. Daneben breiten sich Zementhersteller aus und brechen den Kalkstein aus den Bergen.

Der Lacandonenwald hat nur wenige Chancen zu überleben, wenn die Zerstörung nicht aufgehalten wird. 1963 gab es noch über eine Million Hektar Wald, 1974 war er auf 600.000 Hektar geschrumpft, wie der Forscher Jeffrey Wilkerson zu Beginn der 1990er-Jahre herausfand.

Hoffnung für die Nachfahren der Mayas

Die Probleme kennt zur Genüge auch Octavio Elias Albores Cruz, als Bürgermeister von Ocosingo Chef des flächenmäßig wohl größten Municipios von ganz Mexiko. Ocosingo, auf halbem Weg zwischen San Cristóbal und den berühmten Pyramiden und Tempelruinen von Palenque, nennt sich "Das Tor zum Wald".

Zu dem Municipio gehören echte Attraktionen. Neben den bunten Mayavölkern und dem Erbe ihrer Vorfahren, die in den Urwäldern Pyramidenstädte wie Yaxchilán in einer Schleife des Urwaldflusses Usumacinta, Toniná und Bonampak hinterlassen haben, sind es vor allem die Attraktionen der Natur: der Urwald mit seinen wilden Tieren, Flüsse, Seen, Lagunen, Höhlen und Wasserfälle.

Aber das gebirgige Gelände ist immer noch nur schwer erreichbar. "Wir werden in den kommenden Jahren vor allem Straßen bauen, um die Gemeinden besser miteinander und mit dem Municipio zu verbinden", sagt Octavio. "Wir wollen, dass mehr Touristen kommen, damit die Menschen Geld verdienen können."

Natürlich solle dabei auch der Wald geschützt werden. "Das ist die Herausforderung: Der Schutz des Waldes und die Verbesserung des Lebens der Menschen." Dabei sollen die Mayas eine besondere Rolle spielen: "Wenn wir die Infrastruktur bei den Monumenten stärken, dann werden die Nachfahren der Mayas davon leben", meint der Bürgermeister. "Und sie können die Umwelt bewahren."

Ohne Benzin kein Schutz des Waldes

Dafür könnte es bald zu spät sein. Mariano Laguna Chanabor, ein Lacandone aus Lacanja, unweit der Ruinenstadt Bonampak, hat einen Tag benötigt, um von dort zum Bürgermeisteramt in Ocosingo zu gelangen.

In seinem Dorf fehlt es an Benzin, das in großen Mengen über den Grenzfluss Usumacinta nach Guatemala geschmuggelt wird. Der 37-Jährige ist für die Sicherheit in Lacanja Chansayab zuständig, neben Nahá und Metzabok eines der drei letzten Lacandonendörfer.

"Wir achten und schützen den Wald", erzählt er. Ohne Benzin sei das aber unmöglich. Denn die neu hinzugekommenen Stämme der Tseltalen und Tsotsilen hielten sich nicht an die Gesetze und hätten andere Interessen", klagt er. "Sie dringen in den Wald ein, um Flächen für die Viehzucht zu gewinnen."

Im zapatistischen Gebiet "befiehlt das Volk"

Während der Einfluss der Missionare im Wald der Lacandonen vergleichsweise gering zu sein scheint, haben sie weiter im Norden mehr Erfolge erzielt. So gründeten die Adventisten-Missionare Horacio Kelley und seine Frau Rosalia in den wilden Bergen 100 Kilometer nördlich von San Cristóbal in den 1960er-Jahren eine Schule, aus der die Universität Lindavista geworden ist.

Auch in dieser Region erinnert vieles an die untergegangene Hochkultur der Mayas: Mitten durch den Campus verlief einst der Camino Real, eine ihrer wichtigsten Handelsstraßen zwischen dem Golf von Mexiko und den Städten der einstigen Hochkultur im heutigen Guatemala.

Auf dem Weg dorthin stößt der Reisende auf eine weitere Besonderheit des modernen Chiapas. Ein großes Schild macht bei der Stadt Oventic darauf aufmerksam, dass er für einen Moment durch das Land der Mayas fährt, die sich in einem gewaltsamen Konflikt unter den Zapatisten in den 1990er-Jahren gegen die Regierung erhoben.

Sie bildeten autonome Gebiete, von denen Oventic eines ist. "Sie sind im zapatistischen Gebiet, im autonomen zapatistischen Rebellen-Municipio San Juan de la Libertad. Chiapas, México. Hier befiehlt das Volk und die Regierung gehorcht."

Was bezeichnete bei den Mayas ein „Bak’tun“?
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Quelle: dpa
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Tipps für Chiapas
  • Anreise

    Aus Deutschland gehen mehrere Direktflüge nach Mexiko. Die Flugzeit beträgt rund zwölf Stunden. Von Mexiko-Stadt oder Cancún geht es weiter mit einem Inlandsflug nach Tuxtla Gutierrez. Eine Alternative ist der Bus. Chiapas liegt rund 850 Kilometer von Mexiko-Stadt entfernt.

  • Sicherheit

    Die Sicherheitsprobleme des Nordens gibt es in Chiapas nicht.

  • Zeitverschiebung

    Der Zeitunterschied zwischen Deutschland und Mexiko beträgt sieben Stunden.

  • Auskunft

    Mexikanisches Fremdenverkehrsbüro, Taunusanlage 21, 60329 Frankfurt, Tel.: 00800/11 11 22 66, www.visitmexico.com

Was bezeichnete bei den Mayas ein „Bak’tun“?
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