05.12.12

Hinduismus

Indien und das Geheimnis der heiligen Zahl 108

Von Orakeln, Pilgern, Geheimlehren: Der deutsche Fotograf André Wagner reiste fünf Monate durch Indien. Ihm gelangen besondere spirituelle Momentaufnahmen, und die Zahl 108 ließ ihn nicht mehr los.

Foto: André Wagner

Fotograf André Wagner, hier in einem Taxi, reiste fünf Monate durch Indien und hielt, was er sah, in eindrucksvollen Bildern fest:...

13 Bilder

Aller guten Dinge sind 108. In Indien gilt sie zumindest als die heiligste aller Zahlen.

Shiva ("Glückverheißender"), einer der wichtigsten Götter des Hinduismus, tanzt seinen kosmischen Tanz mit 108 verschiedenen Schritten. Auch eine Gebetskette besteht aus 108 Perlen, man hält sie in der rechten Hand und zählt so die einzelnen Mantras (Gebetsformeln).

Selbst die Notrufnummer in Indien ist die 108. Und als der deutsche Fotograf André Wagner, von all der Zahlenmystik nichts ahnend, nach Indien reiste, stellte er im Nachhinein fest, dass er exakt 108 Filme eingepackt hatte. Zufall?

Heilige Orte gefunden

"Das hat mich spirituell tief beeindruckt", sagt der in Berlin lebende Künstler heute. Die Zahl 108 ließ ihn fortan auf seiner Reise durch Indien nicht mehr los. Immer auf der Suche nach Fotomotiven streifte er zu Fuß auf Pilgerwegen quer durchs Land. Er lernte einige der heiligsten und mythologischsten Orte des Subkontinents kennen – und fotografierte sie.

Entstanden ist eine Hommage an ein Land voller Gegensätze, das faszinierend fremdartig und vertraut zugleich ist. In seinem zweisprachigen Band "Reflections of India" zeigt André Wagner ganz besondere Momentaufnahmen, kunstvoll mit langen Belichtungszeiten in Szene gesetzt. Menschen im Alltag, beim Beten, beim Spielen, beim Handeln und beim Nichtstun.

Beobachter wird zum Beobachteten

"Die ruhigen Bilder zeigen eine intensive Wirklichkeit, die vielen Besuchern entgeht, wenn sie durch ein Land eilen", schreibt der indische Galerist Navneet Raman im Vorwort. Hier wird der Beobachter zum Beobachteten.

So zeigen einige beeindruckende Motive einen greisen Pilger, der seit 20 Jahren den heiligen Berg Govardhana umrundet. Er legt sich immer wieder auf den Boden, wirft 108 Steine, betet Mantras. Dann geht er zwei Meter weiter, legt sich hin, wirft betend 108 Steine.

Gespräche mit Pilgern

André Wagner sprach mit vielen Pilgern über die Vedas, die heiligen Schriften des Hinduismus. "In gebrochenem Englisch erzählten sie mir von den Göttern der vedischen Religion, die im Alltag der Menschen höchst lebendig sind und ihr Leben seit Jahrtausenden bestimmen. So habe ich Indien durch diese Pilger und durch das Fenster der vedischen Schriften kennengelernt, um es schließlich mit meiner Kameras einzufangen."

So entdeckte er, dass die geheimnisvollen Upanishaden, die spirituellen Geheimlehren, wiederum aus genau 108 Texten bestehen.

Was sagt das Palmblattorakel?

Beeindruckt war Wagner auch vom Palmblatt-Orakel. Sie sind ein indisches Phänomen. In den Palmblattbibliotheken sind seit Jahrhunderten die Lebensläufe von Millionen Menschen aufgezeichnet. Jeder, der persönlich vorspricht, lässt sich sein Palmblatt für ein paar Rupien heraussuchen und das Orakel verlesen.

Manche Menschen berichten von Palmblatt-Orakeln, die ihnen viel Wahres aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erzählt haben. Andere halten solche Übereinstimmungen für Hokuspokus und nichts anderes als Zufall, Allgemeinplätze und nichts anderes als einer sich selbst erfüllende Prophezeiung.

108 Fotografien

André Wagner jedenfalls erfuhr, so sagt er, aus seinem Orakel, Kunst mit Spiritualität zu verbinden. Das ist ihm mit seinem Bildband gelungen. "Die Faszination, die dieses Land und seine Menschen bis heute auf mich ausüben, lässt mich immer wieder nach Indien zurückkehren."

Auch seine Arbeitsweise wurde durch die indische Philosophie nachhaltig verändert: "Lange Belichtungszeiten transportieren für mich ganz deutlich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft."

So ist es nur konsequent, dass Wagner in seinem Bildband genau 108 Fotografien zeigt – und die Seitenzahl bei 108 abrupt endet. Die restlichen Seiten wurden kurzerhand in lateinischen Zahlen angegeben.

André Wagner: "Reflections of India", Hans-Nietsch-Verlag, zweisprachig Deutsch und Englisch, Hardcover, 144 Seiten, 108 Farb-Abbildungen, 24,90 Euro. Auch bei Amazon.

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