02.12.12

Neuseeland

Ein Besuch in Mittelerde nimmt einem den Atem

Bilbo Beutlin, Elfen, Gnome und ein Zauberer: In Neuseeland dreht sich alles um den neuen Fantasyfilm "Der Hobbit". Besucher können durch das originalgetreue Dorf laufen und ein Hobbit-Bier trinken.

Von Michael Behrendt
Foto: Warner Bros., James Fisher/AP/dapd

Gandalf ist zurück: Ian McKellen spielt wieder den mächtigen Zauberer Gandalf und Freund der Hobbits im neuen Kinoabenteuer „Der Hobbit – eine unerwartete Reise“.

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Man kommt nicht daran vorbei, man kann sich dem nicht entziehen. Und eigentlich will man es auch gar nicht. Weil es irgendwie zu diesem Land gehört. Wie die Kuckucksuhr zum Schwarzwald, die Indianer zu Amerika, der Eisbär zur Arktis.

Aragorn, Sam, Frodo, Gollum und Gandalf sind in Neuseeland allgegenwärtig. Auch die winzigen Helden aus dem neuen Fantasyfilm "Der Hobbit – Eine unerwartete Reise", der in Wellington Weltpremiere feierte und am 13. Dezember in die deutschen Kinos kommt. Jedenfalls bei Air New Zealand.

"Die spinnen, die Kiwis"

Während andere Fluggesellschaften meist langweilige Filme mit den zu befolgenden Sicherheitsvorkehrungen zeigen, sind es hier an Bord Elfen, Gnome, Zauberer und Hobbits, die den Fluggästen den richtigen Umgang mit den Schwimmwesten demonstrieren. Gollum zeigt, kriechend und nach seinem "Schatz" suchend, den Weg zu den Notausgängen, und Gandalf, der Zauberer, sitzt im Cockpit.

"Die spinnen, die Kiwis", sagt ein Mann um die 50 und lacht. Selbst bei der Landung in Wellington erwartet einen nicht das übliche "Welcome"-Schild über dem Hauptterminal, sondern man wird darauf hingewiesen, dass man sich in "The middle of middleearth" befindet, also im Zentrum von Mittelerde.

Wellington ist im "Hobbit"-Fieber. Wenn man Neuseeländer auf den "Herrn der Ringe" anspricht, sind sich viele einig, dass Neuseelands Filmemacher Peter Jackson seinem Land einen Gefallen getan hat, der größer nicht hätte sein können, als er die Verfilmung von JRR Tolkiens Büchern in seiner Heimat verwirklicht hat.

18 Jahre war er alt, als er im Zug von Wellington ins Nordland der oberen Insel unterwegs war und die Bücher las. Als er aus dem Fenster sah, wurde ihm klar, dass das soeben im Buch Gelesene wie seine Heimat aussah.

Das Dorf Hobbiton steht Besuchern offen

Heute steht Neuseeland für den "Herrn der Ringe", die Fangemeinde ist riesig und über die ganze Welt verteilt. Und nicht wenige sind seither auf die Pazifikinseln geflogen, um die Drehorte zu besuchen, um sich auch einmal auf der Steppe der großen Schlachten wie ein Ritter unter Aragorns Kommando zu fühlen, und wenn es nur für wenige Stunden ist.

Die Verfilmung des "Hobbits", also des Anfangs der Geschichte vor der berühmten Trilogie, wurde in der Fanwelt ebenso herbeigesehnt wie die letzten drei "Star Wars"-Filme.

Während es den Liebhabern von C-3PO und R2-D2 allerdings schwerfallen wird, sich auf den Todesstern zu buchen, machen es die Neuseeländer den Fans leichter – wenn diese bereit sind, mehr als 20 Stunden im Flugzeug zu sitzen, um das Auenland zu sehen. Die Besucherzahlen sprechen eine deutliche Sprache.

Für umgerechnet 50 Euro beispielsweise wird man durch das Dorf Hobbiton auf der Nordinsel geführt. Vor einigen Jahren noch war es eine schlichte Schaffarm, und der Besitzer hatte keine Zeit für die Herrschaften, die damals an seine Tür klopften und sagten, sie würden gern sein Gelände mieten, um hier "Hobbiton", das Heimatdorf von Frodo, Sam und seinen Freunden, zu errichten. Er sehe gerade Rugby, die All Blacks würden spielen, er habe keine Zeit.

Vier Wochen später kam die Filmcrew erneut mit dem Angebot, der Besitzer hörte ungläubig zu und wurde sich schließlich handelseinig mit Peter Jackson.

Zum Abschied auf ein Bierchen im Hobbit-Pub

Vom "Herrn der Ringe" hatte der Mann damals noch nichts gehört. Heute dürfe wohl klar sein, sagen die Guides grinsend, dass der Landbesitzer nie wieder im Leben einen Finger krumm machen müsse. Sarah ist einer dieser Guides, die mit den Besuchern durch die kleinen Gärten gehen.

Damals, nach Ende der Dreharbeiten von "Herr der Ringe", war das Dorf beinahe wieder abgebaut und die Farm fast in den Urzustand zurückversetzt worden. Diesmal, berichtet Sarah, sei man da schlauer gewesen und habe beschlossen, Hobbiton für mindestens 50 Jahre für die Besucher im Originalzustand zu belassen.

Täglich kommen Touristen aus China, Chile oder Dänemark, um bei Sam im Garten zu stehen oder die Schaufel von Bilbo Beutlin in der Hand zu halten. Man merkt Sarah die Begeisterung an, wenn sie davon berichtet, dass allein fünf Vollzeitgärtner Tag für Tag auf dem Areal unterwegs sind, um jeden Strauch und jeden Ast im Sinne des Films zu trimmen, das Gras zu mähen oder auch mal einen Zaun zu reparieren.

Zwei Stunden dauert die Tour, und wenn in wenigen Wochen auch der "Green Dragon", also der Hobbit-Pub, eröffnet wird, gibt es dort ein Abschlussbier für den Besucher.

Wie ein Baum jünger wird

"Es gab ein Problem bei den ,Hobbit'-Dreharbeiten", erzählt die blonde Frau. "Der große Baum aus 'Herr der Ringe' musste jetzt optisch verjüngt werden, weil der neue Film den Anfang der Saga beschreibt und 60 Jahre vorher spielt.

Deswegen mussten Tausende von Blättern zwischen die echten geklebt werden, um ihn grüner aussehen zu lassen." Die spinnen, die Kiwis.

Nicht einmal eine Stunde dauert der Flug nach Wellington, die neuseeländische Hauptstadt, von den Einheimischen Windy City genannt, weil vom Meer her immer eine Brise durch die Stadt weht, in der die Polizisten keine Waffen tragen und viele ihre Autoschlüssel stecken lassen, weil es kaum Kriminalität gibt.

"Weta Cave" ist ein kleines, unscheinbares Haus, doch Tolkien-Fans aller Herren Länder treibt es dorthin, weil es als Museum für die Filme gilt und weil dort ein lebensgroßer Gandalf steht.

Ebenso ein zwei Meter großer Uruk-hai. "Und mit dem hat Aragorn gekämpft?", fragt ein kleiner Junge aus England dort seinen Vater. "Ja, aber Aragorn war stärker", sagt der Mann und schaut dabei genauso entschlossen wie der Held selbst.

Wo Frodos Ring entworfen wurde

35 Minuten dauert der Flug nach Nelson auf der Südinsel. In einem kleinen Gebäude befindet sich der Juwelier "The Ringmaker". Hier hat Jens Hansen, ein Goldschmied dänischer Abstammung, für Peter Jackson "den einen Ring" entworfen.

"Der Ring, den Frodo um den Hals trägt, hat die Größe eines normalen Eherings", sagt sein Sohn Halfdan Hansen, der seit fünf Jahren das Geschäft führt. "Für die Nahaufnahmen hat mein Vater allerdings ein Exemplar mit 20 Zentimeter Durchmesser angefertigt, damit er besser zu erkennen ist, wenn er im Schnee liegt und die Hauptdarsteller im Hintergrund durch den Schnee ziehen."

Unglaublich stolz sei sein Vater gewesen, als er den Auftrag bekam. "Leider war es ihm nicht vergönnt, die Filme selbst noch zu sehen, er starb vorher. Aber wie ich ihn kenne, hat er vom Himmel aus zugeschaut."

Auch hierhin kommen die Fans aus aller Welt, um sich einen Ring zu kaufen, wie Frodo ihn um den Hals trägt, oder eine identische Kopie des "echten Rings" anzuschauen und zu fotografieren.

Viel geändert hat sich in der kleinen Werkstatt hinter den Verkaufsräumen nicht. Immer noch wird an alten Holztischen gearbeitet und auf dem alten Amboss von Jens Hansen. "Warum sollten wir expandieren, uns reicht das hier aus. Wir sind da bescheiden." Und trotzdem ist sie längst Neuseelands bekannteste Goldschmiede.

Eine Pause von Elfen und Zauberern

Weiter geht es mit dem Auto in einer knappen Stunde Fahrzeit nach Marahau, dem Tor zum Abel Tasman National Park. Wer eine Pause von Elfen und Zauberern braucht, wird spätestens hier das Gefühl bekommen, wirklich am Ende der Welt angelangt zu sein.

Wenn man mit dem Kajak die Küstenlinie entlangpaddelt, Delfine nebenher schwimmen und man die einsamen Reiter am Strand sieht. Wenn man morgens mit dem Rucksack den Küstenweg entlangwandert und in jeder kleinen Bucht denkt, dass es keinen schöneren Strand geben kann. Um sich hinter der nächsten Ecke zu wiederholen. Und nach der übernächsten erneut.

Der Deutsche Robert Palzer ist mit seiner Frau einfach geblieben. "Wir haben uns damals mit unseren beiden Töchtern auf einer vierjährigen Weltreise befunden und uns in Neuseeland verliebt", berichtet der in Bad Reichenhall geborene Mann.

Heute hat Robert Palzer fünf Kinder und in den Hügeln der schönen Landschaft die "Ocean View Chalets" erbaut. Kleine Baumhäuser mit Blick aufs Meer. Die jüngste Tochter kommt manchmal vom Studium in Auckland. Die anderen sind schon im Berufsleben. Und haben auch typische Neuseeland-Jobs wie Tauchlehrer und Rafting-Guide.

20 Männer schütteten die Hasenlöcher zu

Weiterflug nach Christchurch, und von dort geht es Richtung Lake Tekapo. Dort, wo sich eines der Wahrzeichen Neuseelands – die Church of the Good Shepard – an die Ufer des helltürkisgrünen Sees schmiegt, erwartet man eigentlich jede Sekunde, dass Aragorn und Gandalf auf ihren Pferden um die Ecke kommen.

Und tatsächlich ist es auch nur noch eine kurze Fahrt bis nach Twizel, zu der Steppe, in der die größte Schlacht aus dem zweiten Teil der "Herr der Ringe"-Trilogie stattgefunden hat. Im Jeep werden die Film-Fans auf das Gebiet gefahren, auf dem bis zu 600 Pferde samt Reiter unterwegs waren und wo vor Drehbeginn 20 einheimische junge Männer mit unzähligen Sandeimern unterwegs waren, um all die Hasenlöcher zuzukippen, damit sich keines der Tiere im Getümmel die Beine bricht.

Die Guides haben Fotos der Filmszenen bei sich und zeigen dem Interessierten dann genau, was wo gedreht wurde. Am Ende der Tour kann man sich noch mit Requisiten aus dem Kofferraum versorgen und sich mit Aragorns Schwert, echten Helmen und Flaggen als Kämpfer fühlen. Dass der Guide das Ganze fotografiert, versteht sich von selbst.

Delfine und Pinguine schwimmen vorbei

Mittelerde, wie es im Buch heißt, erstreckt sich im großen Radius um die Gegend um Queenstown und das Fjordland. Auch wenn hier nicht alles durch Hinweisschilder an die Geschichten von JRR Tolkien erinnert, so tut es die Landschaft, nachdem sie dem Betrachter den Atem genommen hat.

Eine Schifffahrt durch die Milford Sounds mit anschließender Kajaktour, bei der Seehunde, Delfine und Pinguine vorbeischwimmen, lässt einen den Alltag vergessen.

So erging es auch Semisi Miller, der früher in Auckland lebte. "Ich hatte gehört, dass hier ein Kajak-Guide gesucht wird, der als Taucher auch die Scheiben des Unterwasser-Observatoriums reinigt. Ich habe den Job bekommen und nicht vor, ihn wieder aufzugeben." Er schätzt die Natur. Man kann ihn verstehen.

"Bei uns geht es irgendwie anders zu"

Die Kiwis sind eben irgendwie anders. Das berichtet auch Airline-Mitarbeiter Stewart John, der in Wellington lebt und kürzlich an Halloween mit seiner neunjährigen Tochter und deren Freundin von Tür zu Tür ging, um traditionsgemäß Süßigkeiten einzufordern.

Ein paar Häuser weiter kam ein Mann nach dem Klopfen an den Gartenzaun und füllte die kleinen Säcke. John wusste, wer das war, aber seine Kleine kannte ihn nur aus dem Fernsehen.

"Bist du nicht unser Präsident?", fragte sie erstaunt. "Ja", sagte Premierminister John Key und gab den Mädchen die Hand. "Bei uns geht es irgendwie anders zu", sagt John.

Auf dem Weg zurück nach Deutschland nehmen einen die Hobbits aus dem Sicherheitsvideo noch einmal mit nach Mittelerde und Hobbiton. Man kann sich dem nicht entziehen. Und eigentlich will man es auch gar nicht.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von New Zealand Tourism und Air New Zealand. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit.

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Tipps für Neuseeland
  • Anreise

    Air New Zealand fliegt von London über Los Angeles nach Auckland, Zubringer ab Deutschland (www.air-newzealand.de), mit Qantas über Singapur und Sydney nach Auckland (www.qantas.de). Weiter mit dem Mietwagen über Cambridge nach Matamata.

  • Filmtouren

    Geführte Touren durch die Filmkulissen am Hobbiton Movie Set in Matamata. Ein zweistündiger Ausflug durch das Auenland mit Getränk im Hobbit-Pub kostet umgerechnet 50 Euro, www.hobbitiontours.com; zweieinhalbstündige Tour durch die Gegend, die Mittelerde darstellt, inklusive Bootsfahrten auf dem Dart River, ab 145 Euro. www.dartriver.co.nz

  • Unterkunft

    „Ohtel“, Boutique-Hotel in Wellington, direkt an der Oriental Bay gelegen, Doppelzimmer ab umgerechnet etwa 180 Euro, www.ohtel.com; „Ocean View Chalets“ am Abel Tasman National Park, Übernachtung ab 100 Euro, www.accommodationabeltasman.com

  • Auskunft

    New Zealand Tourism, www.newzealand.com

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