23.11.12

Verhaltenskodex

Küssen unerwünscht – andere Länder, andere Sitten

Reisende in islamischen Ländern sollten die lokalen Sitten und Gebräuche beachten. Die sind aber uneinheitlich – und nicht immer klären die Veranstalter genügend auf, warnen Reiserechtler.

Von Bettina Seipp
Foto: picture alliance / Frank May

Arabien wie aus dem Bilderbuch: Eine verschleierte Frau als Gemälde auf einem Basar in Casablanca
Arabien wie aus dem Bilderbuch: Eine verschleierte Frau als Gemälde auf einem Basar in Casablanca

Die meisten Deutschen, die ihren Urlaub in Marokko, Tunesien, Ägypten oder einem anderen arabischen Land verbringen, respektieren die dortigen Gepflogenheiten, passen ihre Kleidung an und geben sich buchstäblich zugeknöpfter. Schon schwerer ist es allerdings, sich auch den Sitten und Gebräuchen entsprechend korrekt zu verhalten.

Denn was beispielsweise in Abu Dhabi gilt, kann in den arabischen Nachbarländern ganz anders sein. Gerade in den Vereinigten Arabischen Emiraten, die ob ihrer himmelsstürmenden Architektur weltoffen und modern wirken, sind viele Reisende überrascht, dass das öffentliche Leben besonders streng reglementiert ist.

So ist nicht nur der Austausch von Zärtlichkeiten, etwa ein Kuss, in der Öffentlichkeit verboten. "In Stadthotels in Abu Dhabi wird man als Mann bereits ermahnt, wenn man seine Frau einfach nur spielerisch durch den Hotelpool trägt oder sie umarmt. Dies gilt als zu viel Nähe", sagt Alexander Koenig, ein deutscher Unternehmer, der seit fast fünf Jahren in den VAE lebt und von dort das das Reiseportal First Class & More betreibt. Aus Respekt vor der lokalen Kultur sollte man Koenig zufolge auch vermeiden, angefasst spazieren zu gehen – selbst als Ehepaar.

Demgegenüber ist es in Jordanien nach Auskunft des Fremdenverkehrsamtes kein Problem, "Händchen zu halten oder einen Kuss auf die Wange" zu geben.

Verschleierte Stewardessen bei Egypt Air

Hinzu kommt, dass der Arabische Frühling nicht überall und sofort eine – nach westlichen Maßstäben – Modernisierung der Gesellschaft zur Folge hat.

Meldungen, etwas aus Ägypten, wonach die Regierung ernsthaft über ein Bikini-Verbot nachdenke, sorgten im Sommer für Schlagzeilen, mithin für Verunsicherung. Als neue Verordnung bestätigt wurde inzwischen, dass am Nil ab sofort alle Geschäfte um 22 Uhr schließen müssen. Für Restaurants und Bars, die keine "Tourismus-Lizenz" haben, gilt: Um Mitternacht ist spätestens Schluss mit lustig.

Und wer demnächst in ein Flugzeug von Egypt Air steigt, dem kann es passieren, von einer Stewardess mit traditionellem Hidschab bedient zu werden. Nach Darstellung des Egypt-Air-Vizepräsident Abdel Aziz Fadel hätten einige Flugbegleiterinnen darauf gedrungen, den Schleier im Flugzeug tragen zu dürfen. Die Erlaubnis dazu habe man nun erteilt, wobei das Tuch die Haare, nicht jedoch das ganze Gesicht bedecken dürfe. Der Hidschab soll zunächst auf Flügen in islamische Länder getragen werden und "später", so die Verlautbarung, auf dem ganzen Streckennetz zum Einsatz kommen.

Auch aus muslimischen Ländern Asiens kamen in den letzten Monaten dem Tourismus wenig förderliche Signale. So hatte das Tourismusministerium der Malediven im Dezember 2011 rund 100 Hotels angewiesen, ihre Wellnessbereiche zu schließen. Kurz darauf wurde das Verbot wieder aufgehoben – allerdings mit der eher unglücklich gewählten Begründung, der Verdacht, die Spas seien Bordelle, habe sich nicht bestätigt.

"Man kann sich überall frei bewegen"

Ein halbes Jahr später wurde ein weiterer Vorstoß des Ministeriums für Islamische Angelegenheiten zu einem Verbot von Tanzveranstaltungen zwar umgehend von einem Sprecher des Präsidenten schon im Ansatz vereitelt mit den Worten "Es gab kein Tanzverbot und wird nie eines geben". Die Meldung vom angeblichen Tanzverbot war da jedoch bereits von den Medien verbreitet wurden.

Es sind denn vor allem solch widersprüchliche Aussagen, die bei Reisenden den diffusen Eindruck hinterlassen, die Restriktionen weltweit nähmen zu. Doch ist das wirklich so? Wir haben die Fremdenverkehrsämter mehrerer islamisch dominierter Länder angeschrieben und ihnen Fragen gestellt: Worauf sollten Touristen in der Öffentlichkeit besonders achten? Sind in den letzten Monaten neue Bestimmungen hinzu gekommen? Droht Touristen bei Nichtbeachtung Gefängnis?

Zusammengefasst lauten die Antworten: Es gibt keine Neuregelungen oder Verschärfungen, und Gefängnis droht lediglich bei Drogenvergehen – so, wie bisher auch. "Da man sich in Malaysia sehr frei bewegen kann und kaum Einschränkungen unterliegt, braucht man keine spezielle Aufklärung", schreibt beispielsweise das Fremdenverkehrsamt von Malaysia.

Gerichte erwarten Anspassungsfähigkeit

Ganz so einfach sollten es sich Reisende jedoch nicht machen, warnt der Reiserechtler Paul Degott: "Deutsche Gerichte erwarten von Reisenden eine gewisse Anpassungsfähigkeit im Ausland. Das heißt, man sollte schon wissen, was man darf und was nicht. Sind die kulturellen Unterschiede im Vergleich zu Deutschland zu groß, ist der Veranstalter verpflichtet, darüber aufzuklären. Das kann er schriftlich im Katalog, was aber selten der Fall ist, aus Sorge, die Reisenden vielleicht zu verschrecken. Deshalb wird diese Aufgabe meist von den Reiseführern vor Ort übernommen. Doch ob sie ihrer Pflicht tatsächlich nachkommen, ist im Streifall schwer beweisbar."

Nachfolgend dokumentieren wir die aussagekräftigsten Passagen aus den Antwortschreiben der Fremdenverkehrsämter:

Jordanien

"Allzu freizügig sollte man sich nicht kleiden, sprich Schultern und Knie sollten…bedeckt sein. Allerdings wird man auch nicht angesprochen, wenn man einmal kürzere Hosen oder Röcke beziehungsweise schulterfreie Oberteile trägt. In den Strandhotels am Roten und Toten Meer sind Bikinis und legere Strandbekleidung überhaupt kein Problem."

Malaysia

"Natürlich gibt es muslimischere Gebiete in Malaysia, unter anderem Kelantan und Terengganu, jedoch ist der Tourist in Malaysia in keiner Weise eingeschränkt. Hier kann es lediglich sein, dass gewisse Hotels keine alkoholischen Getränke in der Minibar haben oder die Hotels separate Pools für muslimische Gäste haben. Natürlich ist es nicht gerne gesehen – wie in europäischen Ländern auch – wenn man mit dem Bikini oder der Badehose durch die Stadt spaziert. Wenn man Gebetshäuser besuchen möchte, darf man natürlich nicht freizügig gekleidet sein."

Tunesien

"Die Touristen können ganz normal ihren Urlaub verbringen. Es gibt kein Bikiniverbot am Strand. Beim Besuch einer Moschee sollte man kurze Hosen und freie Arme mit einem Tuch bedecken. Beim Fotografieren von Menschen sollte man diese um ihre Einwilligung bitten."

Ägypten

"Im islamisch geprägten Ägypten sollte man den Austausch von Zärtlichkeiten auf die privaten Räumlichkeiten beschränken. Auch sehr offenherzige Kleidung sollte von Frauen vermieden werden. Es gilt im allgemeinen als grob unhöflich, jemandem seine Schuhsohlen zu zeigen, weshalb man beim Sitzen darauf achten sollte, dass die Schuhsohle nicht in Richtung von anderen Menschen deutet."

Marokko

"In Marokko wie anderswo auch gilt: Jedes Verhalten, das nicht der öffentlichen Ordnung schadet, ist erlaubt. Es ist zum Beispiel nirgendwo festgelegt, dass es untersagt ist, sich in der Öffentlichkeit seine Zuneigung zu zeigen. Es gilt, die Gefühle der gastgebenden Bevölkerung sowie die landestypischen Sitten und Traditionen zu respektieren. Auf Grund seiner Kultur und seiner Traditionen ist Marokko ein ausgesprochen tolerantes und offenes Land, aber nicht minder starr verwachsen mit seinen religiösen Grundfesten, die den strikten Respekt des Privatlebens befürworten."

Malediven

"In den Resorts auf den Malediven kann man sich genauso frei und unbesorgt bewegen wie in jeder anderen Urlaubsdestination. Absolute Privatsphäre ist jedoch nur in abgeschirmten Villen garantiert. Außerhalb der Villen erwartet man die gleichen Verhaltensweisen wie von jedem, der sich in der Öffentlichkeit befindet – wie zum Beispiel angemessene Bekleidung und Umgangsformen", sagt Marion Aliabadi, Geschäftsführerin des Reiseveranstalters Design Reisen in München.

Vereinigte Arabische Emirate

"In der Stadt und auf öffentlichen Plätzen empfiehlt es sich, auf allzu freizügige Kleidung zu verzichten. Der Kontext ist wichtig: Bikinis und Strandkleidung sind absolut akzeptabel, wenn sie in der entsprechenden Umgebung getragen werden.

Besucher sollten jedoch, besonders auf dem Markt oder beim Sightseeing, Rücksicht auf die lokalen Sitten und Gebräuche nehmen. Kurze Hosen oder Ärmel und eng anliegende Kleidung werden zwar geduldet, erregen aber Aufmerksamkeit – die nicht immer angenehm ist.

Einkaufszentren, Fitnessstudios und Hotelanlagen sind westlicher Kleidung gegenüber oft aufgeschlossener. Frauen sollten bei einer Reise durch die VAE auf wenige Probleme stoßen, wenn überhaupt. Es empfiehlt sich jedoch, auf allzu freizügige Kleidung zu verzichten, besonders in ländlichen Regionen, wo die Menschen meist konservativer sind."

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