21.11.12

Wolfgang Tillmans

"Das hat meine Vorstellungen auf den Kopf gestellt"

Von Lampedusa über Saudi-Arabien bis ans Ende der Welt: Wolfgang Tillmans hat eine lange Reise gemacht – und erklärt uns, warum Freunde in seinen Fotografien nicht mehr so oft auftauchen wie früher.

Von Tim Ackermann
Foto: Wolfgang Tillmans Berlin/London/Taschen Verlag

An den Iguazú-Wasserfällen an der Grenze zwischen Argentinien und Brasilien blickte der Fotograf Wolfgang Tillmans in die Unendlichkeit.

8 Bilder

Wolfgang Tillmans muss gleich wieder weg. Wer seine neuen Bilder betrachtet, der bemerkt, wie rastlos der 44-Jährige geworden ist. In den Neunzigern erfand Tillmans den oft kopierten Tillmans-Stil, einfach indem er sein unmittelbares Lebensumfeld fotografierte: Raves, Schwulenclubs, halb bekleidete Freunde, die in Bäumen sitzen.

Doch das reicht ihm nun nicht mehr. Für seine aktuellen Bilder ist Tillmans in den vergangenen drei Jahren immer wieder in die entlegensten Winkel des Planeten geflogen. "Neue Welt" heißt der Bildband, der im Taschen Verlag erschienen ist.

Das Interview findet auf dem Dach von Tillmans" Studio in Kreuzberg statt, während über den Hochhäusern des Kottbusser Tors der Mond aufgeht. Den Mond, erzählt der Künstler, habe er eigentlich immer im Blick. Und wenn man in die richtige Richtung fliege, werde er zu einem treuen Begleiter.

Die Welt: Herr Tillmans, Farin Urlaub, Sänger der Band Die Ärzte, hat in seinem Leben bereits 118 Länder bereist. Auf wie viele kommen Sie mittlerweile?

Wolfgang Tillmans: Das kann ich auf die Schnelle nur schätzen. Aber zwischen vierzig und fünfzig dürften es locker sein.

Die Welt: Ihr Buch "Neue Welt" hat Sie einmal um den Globus geführt. Mit welchem Ziel sind Sie aufgebrochen?

Tillmans: Mir ist vor einiger Zeit aufgefallen, wie detailliert und gleichzeitig hoch spezialisiert unsere Wahrnehmung der Welt geworden ist. Jeder Einzelbereich ist heute wahnsinnig komplex. Es gibt eine unendliche Tiefe und Dichte von Phänomenen. Die hätte man vor 50 Jahren vielleicht auch schon auf ähnliche Weise erleben können. Und doch hat es mich genau jetzt gereizt, diese Komplexität zu zeigen – gerade vor dem Hintergrund dieser überbebilderten Welt.

Die Welt: Vielleicht betrifft einen die Welt einfach stärker, wenn alles jederzeit zu Hause verfügbar ist, auf dem eigenen Computer.

Tillmans: Mein plötzliches Bedürfnis, ans andere Ende der Welt zu fahren und die Dinge in Persona zu sehen und zu erleben, hat mich selber überrascht. Es ist vor allem Neugier gewesen, die mich aufbrechen ließ, und die Frage: Kann ich an fremden Orten Dinge aufzeigen, die etwas darüber sagen, wie die Welt ist? Es gab bei diesem Projekt keine Mission und kein Programm. Keine vorgefertigte Meinung, die ich mit Bildern belegen wollte.

Die Welt: Im Interview am Anfang Ihres Buches sagen Sie, dass Sie Orte besuchen wollten, an denen Sie "nichts anderes als ein Reisender" sind. Andererseits gibt es Kulturwissenschaftler, die behaupten, dass wir als Touristen immer mit bestimmten Erwartungen dem Fremden begegnen. Wenn wir in Frankreich in eine Bäckerei gehen und es gibt kein Baguette, sondern Schwarzbrot, dann sind wir enttäuscht. Wie haben Sie sich auf Ihren Reisen von diesen vorgefertigten Bildern befreien können?

Tillmans: Ich habe mich geschützt, indem ich von vorneherein nicht versucht habe, mein Touristendasein zu verleugnen. Bei meinen Reisen hatte ich gar nicht den Anspruch, tiefer in die jeweiligen Realitäten einzutauchen. Denn egal ob man zwei Tage oder zwei Monate an einem Ort ist – die unterschiedlichen Bilder, die dabei entstehen, sind letztendlich doch immer auch Zeuge des eigenen Außenseitertums. Das muss man akzeptieren.

Ich hatte auch keine Strategie, um Klischeesituationen zu vermeiden. An manche Touristenziele bin ich sogar ganz absichtlich gefahren. Die Iguazú-Wasserfälle an der Grenze zwischen Argentinien und Brasilien habe ich mit der Erwartung besucht, dass es dort nichts Neues für mich zu sehen gibt. "Was kannst du zu diesem überfotografierten Ort noch beitragen?", habe ich mich gefragt. Und dann ist dort doch ein Bild entstanden, mit dem ich sehr glücklich bin.

Die Welt: Was gefällt Ihnen an diesem Bild?

Tillmans: Ich mag die Einmaligkeit in dieser Abbildung. Jede einzelne Form darin ist unglaublich spezifisch und wird in dieser Konstellation nie wieder so zu sehen sein. In diesem Bild ist eine Zeitspanne zu ahnen, die an die Unendlichkeit reicht, im Moment festgefroren. Im großformatigen Abzug wirkt das Wasser fast wie Stein. Und auch wenn das ein Klischee ist, fühlt man sich als Mensch tatsächlich recht klein daneben. Es rückt Dinge in ein anderes Verhältnis, ermöglicht vielleicht eine andere Welterfahrung.

Die Welt: Ich dachte, dass Sie hier vielleicht die Reportagefotografie verulken wollen. Sie nehmen einen völlig beliebigen Moment und erklären ihn zu einem besonderen.

Tillmans: Das Bild hat sicher nicht den Anspruch, den "entscheidenden Moment" zu zeigen, so wie er von der Reportagefotografie gesucht wird. Gleichzeitig habe ich nicht nur das geduldig Stehende oder Herumliegende aufgenommen.

Bei diesem Projekt haben mich vor allem Aggregatzustände interessiert. Wie erscheint die Materie? Als glänzende Oberfläche, als matschige Oberfläche oder wie hier als in 8/1000-Sekunde eingefrorene Wassermaterialität. Dabei kam mir der Gedanke, dass die Materie überall die gleiche ist. Die Dinge sind nicht getrennt.

Die Welt: Wie meinen Sie das?

Tillmans: Alles ist eine Materie. Es gibt auf der Oberfläche dieses Planeten ein bestimmtes Gebräu von Elementen und Molekülen, die das hervorgebracht hat, was wir mit dem Auge wahrnehmen. Deshalb erscheint mir auch die Trennung zwischen menschlicher Zivilisation und Natur vollkommen artifiziell.

Die Idee, dass wir die Welt bevölkern, ist völlig falsch. Wir sind Bestandteil einer dünnen, astrogeologischen Schicht, welche die Erde überlagert, und damit lediglich eine mögliche Ausformung der hier herrschenden chemischen Grundbedingungen. So kam mir der Satz "Das Leben ist astronomisch" in den Sinn.

Die Welt: Mir ist beim Blättern durch das Buch aufgefallen, dass Sie Menschen jetzt oft als ein Element der Landschaft zeigen – sowohl der urbanen als auch der ländlichen. Ihre typischen Porträts kommen nur noch selten vor.

Tillmans: Verabredete Porträts sprechen immer vom Verhältnis zwischen Porträtiertem und Porträtisten. Mir erschien es richtiger, die Menschen in ihrem Umfeld zu zeigen, als für eine Stunde einen Dialog mit einem Fremden zu führen, dem ich sowieso nicht nahe kommen kann.

Das ist dann die typische Reisefotografie, wo man zwar das Lächeln der Porträtierten sieht, aber spürt, dass auf keiner Seite ein wirkliches Verständnis für die andere herrscht. Mir war die Gefahr zu groß, fremde Menschen in mein eigenes ästhetisches Porträtfenster zu stellen, das mit ihnen nichts zu tun hat.

Die Welt: Mir kam dieser Gedanke bei dem Bild des arabischen Mannes, der im langen festlichen Gewand an seinem Auto lehnt ...

Tillmans: Bei diesem Bild denke ich, dass es mir gelungen ist, ihn nicht einzuformen. Aber gleichzeitig war ich auch sehr perplex, in Dschidda in Saudi-Arabien auf einen Mann im knallroten Kaftan vor einem rosa glänzenden Auto zu treffen. Das hat meine Vorstellungen von Saudi-Arabien ziemlich auf den Kopf gestellt.

Die Welt: In welchen anderen Ländern waren Sie?

Tillmans: Begonnen hat alles mit einer Reise nach Lampedusa und Tunesien. Ich wollte an die Grenze zwischen Europa und Afrika fahren. An den Ort, wo die Migranten hinwollen, und an den Ort, wo sie abfahren. Ich wollte einfach wissen, wie es dort aussieht, jenseits der Nachrichtenreportage.

Die Welt: Wie ging es dann weiter?

Tillmans: Israel, Palästina, China, Indien, Papua-Neuguinea, Tasmanien, Australien, Saudi-Arabien, Äthiopien, Tansania, Brasilien, Argentinien, Haiti ...

Die Welt: ... nach dem Erdbeben?

Tillmans: Ja. Ich bin dort für eine englische Hilfsorganisation hingefahren und habe Fotos gemacht. Einfach nur aus Interesse, das Land zu besuchen, wäre zynisch gewesen. So war ich dankbar, hier helfend teilhaben zu können.

Es hat ja immer wieder Reisen gegeben, die mich durch Projekte an bestimmte Orte geführt haben. Aber ich habe mir auch die Städte neu angesehen, die ich seit Jahrzehnten gut kenne. New York, London und Berlin.

Die Welt: Andererseits gab es schon Orte, die Sie ganz gezielt besucht haben?

Tillmans: Ja. Dass es interessant ist, Ushuaia in Feuerland, die südlichste Stadt der Welt, zu besuchen, können sicherlich viele Menschen nachvollziehen. Um das Koboldäffchen, den kleinsten Primaten unseres Planeten, zu sehen, bin ich auf eine entlegene Insel der Philippinen gefahren.

Oder Indien: Mir haben alle gesagt, dass man mindestens zwei Monate für eine Reise nach Indien einplanen muss. Dafür fehlt mir im Moment einfach die Zeit. Stattdessen bin ich für drei Tage nach Mumbai gefahren und habe bei den Eltern eines Freundes Weihnachten gefeiert – in Hindi.

Die Welt: Im Gegensatz zu früher tauchen Ihre Freunde im neuen Buch kaum noch auf. Macht das ständige Hin- und Herjetten als erfolgreicher Künstler zwischen Kunstmessen und Biennalen einsam?

Tillmans: Nein, gar nicht. Erstens mache ich nicht so viele Soziale-Verpflichtungs-Kunstbetriebs-Reisen. Und zweitens treffe ich an meinen Zielorten häufig Menschen, die mir vertraut sind. Die Freunde gibt es weiterhin, aber sie tauchen eben nicht mehr so stark in meiner Fotografie auf.

Mir ging es bei diesem Projekt auch darum, das zu hinterfragen, was ich gut kann. Gerade weil ich meine eigene Ästhetik so gut beherrsche, wollte ich diesmal möglichst viele Parameter verändern.

Die Welt: Damit büßen Sie allerdings die Rolle als Chronist Ihrer Lebenswelt ein, die Sie in den Neunzigerjahren so bekannt gemacht hat.

Tillmans: Diese Rolle habe ich nie bewusst gesucht. Im Nachhinein wirkt es vielleicht so, und gleichzeitig ist man als Kulturschaffender immer Chronist. Eigentlich bin ich es bei diesem Buch viel mehr als früher, weil ich eine viel aktivere Rolle einnehme. Ich betrachte die Gegenwart mit einem Bewusstsein für die Besonderheit dieser Zeit.

Die Welt: Aber die gesamte Erzählung wirkt viel fragmentierter, viel unhomogener als früher.

Tillmans: Die von mir fotografierte Lebenswelt der Neunziger ist auch eine Fiktion gewesen, die als Realität gelesen wurde – was durchaus meine Absicht war. Die Clubnächte, die man in den Bildern sieht, hat es zwar gegeben, aber es waren vor allem Wunschräume, im guten Sinne, utopische Erzählungen. Wenn man das zeigt, was die Menschen sich wünschen, sagt man viel über die Zeit aus.

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