20.11.12

Flussfahrt in Indien

Hier hören Sie sogar das Panzernashorn schnauben

Springende Delfine, neugierige Wasserbüffel, schwimmende Tiger: Bei einer Flussfahrt auf dem indischen Brahmaputra wird der Reisende zum staunenden Beobachter, ohne die wilden Tiere zu stören.

Von Helge Bendl
Foto: Getty Images

Guter Schwimmer: Das Indische Panzernashorn ist die Attraktion am Brahmaputra. Im Kaziranga Nationalpark leben noch 2048 Exemplare, ergab die letzte Zählung
Guter Schwimmer: Das Indische Panzernashorn ist die Attraktion am Brahmaputra. Im Kaziranga Nationalpark leben noch 2048 Exemplare, ergab die letzte Zählung

Gerade hat hier jemand die Zeit angehalten. Nein, sie wurde zurückgedreht. Der Ameisenhaufen namens Stadt ist verschwunden: All der lärmende Verkehr, die Menschenmassen und all die hektische Geschäftigkeit des modernen Indien sind zurückgeblieben. Kein Gestank mehr, keine Enge.

Das Panorama des ersten Morgens: Am Horizont leuchten schneebedeckte Gipfel, die letzten Ausläufer des Himalaja, vom Rouge der aufgehenden Sonne bemalt. Ein wenig tiefer erahnt man das Hellgrün ausgedehnter Plantagen, des größten zusammenhängenden Tee-Anbaugebiets der Welt, auf denen der Assam-Tee heranwächst.

Schweinshirsche und Tiger

Auch der Brahmaputra hat zu dieser frühen Stunde schon ein wenig Make-up aufgelegt: Nebel liegt über den kilometerlangen Sandbänken, zwischen denen der träge Strom mäandert. Und am Ufer, mit Dunst zwischen Ravennagras und mächtigen Bäumen, wuchert der Dschungel des Kaziranga-Nationalparks.

"Für mich ist das Schutzgebiet ein Garten Eden", sagt Dushyant Parasher, und zählt begeistert auf: "Tiger, Leopard, Lippenbär, Kragenbär und Asiatischer Wildhund leben hier. Am Boden sieht man Wasserbüffel, Schweinshirsche – winzig wie ein Reh – und große Zackenhirsche mit imposantem Geweih. Im Geäst über den Elefanten kann man Weißbrauengibbons erspähen. Viele vom Aussterben bedrohte Säugetierarten haben hier Asyl gefunden. Auch die Vogelwelt ist einzigartig."

Für den indischen Naturschützer und Fotografen, der eigentlich in einem Vorort Neu-Delhis lebt, ist das Schutzgebiet so etwas wie ein zweites Zuhause. Seit Jahrzehnten arbeitet er immer wieder im Park, der seit 1985 zum Unesco-Weltnaturerbe zählt.

Das Schutzgebiet war damals allerdings nicht wirklich effektiv und kam selbst auf die Rote Liste: In den 80er-Jahren fielen derart viele Wilderer ein, dass der Nationalpark immer wieder vor dem Aus stand.

Zurückgewonnenes Naturparadies

Dushyant Parashers nächster Bildband wird nun aber "Kaziranga – Paradise regained" (zurückgewonnenes Paradies) heißen: Das passt, denn inzwischen hat sich die Tierpopulation erholt, weil Ranger rund um die Uhr patrouillieren und der Ökotourismus den Menschen in der Region zusätzliche Einnahmen beschert. Wie stehen also tatsächlich die Chancen, im Nationalpark die seltenen Nashörner zu sehen? Der Experte lächelt: "Das kann ich garantieren."

Denn Kaziranga ist trotz seines Artenreichtums vor allem für ein Tier bekannt: das Indische Panzernashorn. "Früher war die Art über den ganzen Subkontinent verbreitet, von Pakistan bis nach Birma", erzählt ein Nationalpark-Guide. "Heute ist das leider anders: Es gibt wahrscheinlich nur noch weniger als 3000 Tiere. 2048 davon leben hier im Nationalpark, das hat unsere letzte Zählung ergeben."

Grasende Nashörner

Das Habitat ist dank des mächtigen Brahmaputra perfekt. Denn der gewaltige Strom überflutet während der Regenzeit von Juli bis Oktober zwei Drittel des Parks. Der fruchtbare Schlamm, der sich dabei ablagert, wirkt in den folgenden Monaten als natürlicher Dünger für das Gras, das die Nashörner so gern futtern – bis zu 150 Kilo am Tag.

Für eine Tour auf der Suche nach den gepanzerten Dickhäutern steigt man im Kaziranga-Nationalpark übrigens nicht in einen Jeep, sondern greift auf andere Dickhäuter zurück, solche mit einem Rüssel. Schaukelnd, auf dem Rücken eines Elefanten, ziehen Besucher durch die Sümpfe.

"Nashörner sind sehr territorial – sie machen es uns relativ einfach, sie zu finden", sagt der Mahout optimistisch. Dann ist es so weit, die Kameras der Besucher klicken: Auf einer Freifläche suhlt sich ein halbes Dutzend Rhinozerosse und kaut geräuschvoll das saftige Gras.

Seltene Süßwasserdelfine

Die scheuen Tiger verstecken sich indes mal wieder: Nur der Abdruck einer Pfote verrät, dass sie in der Gegend durchs Unterholz streifen. Andere Säugetiere sieht man dagegen einfacher, weil sie anscheinend häufig zum Spielen aufgelegt sind und sich vor Menschen nicht sonderlich fürchten.

Für ein Sekündchen ragen dann die Spitzen ihrer dunkelgrauen Finnen aus dem Wasser, manchmal springen sie sogar, bevor sie sich im trüben Wasser wieder auf der Suche nach Fischen machen. Im Brahmaputra leben die seltenen Süßwasserdelfine. Und weil der Strom weniger verschmutzt ist als der Ganges und ihm auch keine Dämme das Wasser abgraben wie anderswo in Indien, ist die Population erstaunlich stabil.

Das Wasser, durch das die Flussdelfine in Assam schwimmen, hat schon einen weiten Weg hinter sich. Denn der Strom entspringt im fernen Tibet und quert den Himalaja. Indien erreicht er im Staat Arunachal Pradesh, bevor er durchs benachbarte Assam fließt. In Bangladesch bildet er ein Delta und mündet in den Indischen Ozean.

Mächtiger Strom Brahmaputra

Als Brahmaputra, "Sohn des Brahma", des Schöpfers der Menschen, kennen ihn nur die Hindus in Indien. In Tibet verehrt man den "Fluss, der vom Himmel kommt" als Tsangpo, und sein Unterlauf in Bangladesch trägt die Namen Jamuna, Padma und Meghna. 3450 Kilometer von der Quelle in den Gletschern des Dachs der Welt entfernt mündet der mächtige Fluss ins Meer – nur Amazonas und Kongo führen mehr Wasser.

Trotzdem schlummerte der Brahmaputra lange Zeit in einer Art touristischer Dornröschenschlaf. Erst seit ein paar Jahren bietet die Assam Bengal Navigation Flusskreuzfahrten mit den Schiffen "Charaidew" und "Sukapha" an.

Bei nur zwölf Kabinen ist es ein exklusives Vergnügen, vom Liegestuhl aus die Landschaft vorbeiziehen zu sehen. Größere Schiffe haben hier keine Chance: Der manchmal viele Kilometer breite Fluss verändert so häufig seine flachen Kanäle zwischen den Sandbänken, dass Schiffe mit viel Tiefgang stecken bleiben würden. So bleibt der Brahmaputra einer der wenigen Flüsse Indiens, die bislang noch nicht gezähmt wurden.

Tour mit dem Raddampfer

Mit etwas Glück erhascht man in einem der Kanäle auch noch einen Blick auf fahrende Relikte, die eigentlich längst in ein Museum gehören, aber immer noch in Betrieb sind. Vor 100 Jahren, als man Bangladesch noch unter dem Namen Britisch-Indien kannte, wurden die ersten Schaufelraddampfer in Kalkutta für das Delta gebaut, und heute fahren noch ein paar auf der Strecke zwischen der Metropole Dhaka und Khulna im Westen des Landes. 30 Stunden brauchen die antiken Gefährte für die Strecke, und längst gibt es Alternativen, mit denen man zügiger vorankommt. Aber eine Tour auf dem Raddampfer ist ein Erlebnis für sich.

Größter Mangrovenwald der Welt

Bei einer solchen Reise ist der Weg das Ziel, doch auch das Ziel selbst hat seine Reize: Die Sundarbans sind der größte Mangrovenwald der Welt. Ein Höhepunkt ist die Vogelwelt. "Wer zum ersten Mal mit einem Boot in den überschwemmten Wald hineinfährt, ist vielleicht noch kein begeisterter Ornithologe", sagt Hasan Mansur, unser Guide, "aber er wird es spätestens nach der Rückkehr sein." Und wer viel Glück hat, erhascht in den Sundarbans auch einen Blick auf ein extrem seltenes Tier, das von Insel zu Insel schwimmt, um zu jagen: den Königstiger.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Comtour. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit.

Foto: picture-alliance / Photoshot

Selbst scheue Tiger lauern am Ufer des Flusses Brahmaputra auf Beute
Selbst scheue Tiger lauern am Ufer des Flusses Brahmaputra auf Beute
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