12.11.12

Colorado

Im "Shining"-Hotel sollten Sie Zimmer 217 meiden

Vor 35 Jahren übernachtete Stephen King im "The Stanley". Was er dort erlebte, hat er nie erzählt, doch es inspirierte ihn für den Horror-Thriller "Shining". Heute zieht das Hotel Gruselfans an.

Von Daniel Müller
Foto: picture alliance

Der Film „Shining“ mit Jack Nicholson in der Hauptrolle...

25 Bilder

Um kurz nach zwölf Uhr nachts pocht die Tür von Zimmer 217 wie ein Herz. Badam, badam, badam. Der Wind? Ein Geist? Danach ist Stille, fast eine Minute lang, als habe das Hotel einfach alle Geräusche verschluckt, als wolle es einem Angst machen.

Das hier ist nicht irgendein Zimmer, es ist eines der berühmtesten der Literaturgeschichte. Zimmer 217, " The Stanley", Estes Park, Colorado. "Du musst mir versprechen, dass du dort nicht hineingehst – das Zimmer musst du meiden." (Stephen King, "Shining", 1977).

1973 hat King, Spezialist für Horror-Romane, eine Nacht hier verbracht, die ihn derart inspirierte, dass er in den sieben Tagen darauf das Grundgerüst seines später 624 Seiten starken Bestsellers "Shining" schrieb. In Deutschland erscheint das Buch derzeit in 45. Auflage.

Der Teppich und das Piepen – wie im Buch

"Shining" erzählt die Geschichte des alkoholkranken und orientierungslosen Schriftstellers Jack Torrance, der mit seiner Familie einen Winter lang ein zugeschneites Hotel hüten will, um wieder Ordnung in sein Leben zu bringen. Jack weiß, dass sein Vorgänger in diesem Job verrückt wurde und seine ganze Familie tötete. Er will es dennoch probieren, er braucht einen Neuanfang.

Doch kaum ist die Familie in dem strahlend weißen Haus angekommen, ergreift das Hotel Schritt für Schritt Besitz von Jack Torrance. Schleichend wird auch er verrückt; das Hotel scheint ihn dazu zu zwingen, seinen Sohn Danny zu töten, der eine besondere Gabe besitzt: Er ist hellsichtig.

Die Hotelgeister benutzen Jack als Instrument, um sich der übersinnlichen Fähigkeiten Dannys zu bemächtigen. Am Ende reißt das Hotel Jack in den Tod, Danny kann mit seiner Mutter fliehen.

Zwischen Ankunft und Flucht liegt so viel Horror wie in kaum einem anderen Buch. Wer es gelesen hat und dann hierherkommt, den durchfährt es bei jedem zweiten Schritt.

Die hellhörigen Zimmer, die Bar, der rote Teppich mit den braunen Blumenornamenten, die indianischen Treppensprossen, das Piepen des engen Aufzugs, alles wie im Buch. Was hier Wirklichkeit ist und was Fiktion, wer weiß das schon.

Wo sich Stephen King selbst gruselt

Der Inbegriff des Grauens ist im Buch besagtes Zimmer 217. Dem kleinen Danny wird eingebläut, es bloß nicht zu betreten. Als er es trotzdem tut, würgt ihn der Geist einer Selbstmörderin bis zur Bewusstlosigkeit. Stephen King hat einmal erzählt, dass diese Szene eine der wenigen in seinem gesamten Werk sei, bei denen er sich immer wieder selbst grusele.

Von außen ist das Zimmer im zweiten Stock nicht weiter auffällig. Es liegt am Ende eines rechtwinkligen Ganges, die Tür ist braun gestrichen, wie die anderen es auch sind. Am Türrahmen ist an einigen Stellen der Lack abgeplatzt, vielleicht hat sich hier jemand festgekrallt?

Horrorfans aus aller Welt pilgern her

Nummer 217 ist die beste Suite im ganzen Haus, sie ist es schon immer gewesen seit der Hotelgründung 1909 durch den Industriellen Freelan Oscar Stanley, der von der Ostküste hierhergekommen war, um seine Tuberkulose in der trockenen Luft der Rocky Mountains auszukurieren.

Sie ist das ganze Jahr über ausgebucht, Horror- und Geisterfans aus aller Welt pilgern her. Unter Geisterjägern nimmt das "Stanley" in den USA Platz drei ein unter den Hotels, in denen es am meisten spukt. Pro Tag schleusen die drei Touristenführer deshalb fast 500 Gäste durch, in der Hochsaison leitet jeder von ihnen bis zu 24 Führungen.

Tagsüber ist das "Stanley" schlimmer als Disneyland. Wer es wirklich kennenlernen will, der muss mindestens eine Nacht bleiben. Und sich in dieser einfach mal auf die schummrig beleuchteten Flure wagen und wenig schlafen.

Ein Zufall führte Stephen King in das Hotel

Stephen King wird das damals nicht anders gemacht haben. Dass er überhaupt hier landete, war allerdings ein reiner Zufall.

King war zu dieser Zeit Gastprofessor für kreatives Schreiben an der Universität von Colorado in Boulder. Eines Abends fuhr er mit seinem Auto vor einer Schreibblockade davon, kam aber nur etwa 60 Kilometer weit, bis Estes Park. Ein Schild unter einer Ampel stoppte ihn: "Trail Ridge Road closed, no access."

Der höchstgelegene durchgehende Highway der USA war kurz hinter dem Hotel wegen zu starken Schneefalls gesperrt. Also fuhr er die Serpentine hoch zum damals sehr heruntergekommenen "Stanley", das in seiner Geschichte 26 verschiedene Besitzer hatte.

Auf diesem kurzen Stück kam ihm die Idee: Was, wenn jemand monatelang in einem eingeschneiten Hotel festsitzt? Es war der letzte Tag der Saison, bis 1982 hatte das Haus keine Heizung und schloss Ende Oktober.

King musste die Betreiber überreden, wenigstens eine Nacht bleiben zu dürfen. Was er in dieser Nacht in Zimmer 217 erlebte, hat er nie öffentlich erzählt. Es muss eine Menge gewesen sein.

Schauergeschichten aus Zimmer 217

Aus Raum 217 sind viele spannende Geschichten überliefert. Ein Gast berichtete, dass mitten in der Nacht sein Bett neu bezogen wurde, während er darin lag. Sehen konnte er die Person nicht. Man habe ihn in das Bett hineingeschnürt, als sei er gar nicht da gewesen. Er konnte sich so gerade noch befreien.

Ein älteres Ehepaar sah eines Nachts einer Frau zu, die wie aufgescheucht von einem Ende des Zimmers ans andere rannte und schließlich im Ausguss jener Badewanne verschwand, in der in Kings Buch die Frau Selbstmord begangen hatte.

Von den vielen Gruselgeschichten aus Zimmer 217 ist aber wohl die des Schauspielers Jim Carrey die schönste. Auch und gerade, weil sie ähnlich geheimnisumwoben ist wie die von Stephen King selbst.

Carrey war 1994 mit der Filmcrew von "Dumm und dümmer" hier, einer Komödie, die zu großen Teilen in der Gegend gedreht wurde. Er war der Star des Films, bekam also die größte Suite.

Mitten in der Nacht stürmte er leicht bekleidet die Treppen hinab zur Rezeption und verlangte sofort ein neues Zimmer. Im Nebenhaus, so weit weg wie möglich von der 217. Seine Koffer ließ er sich vom Personal nachbringen.

Er hat das Haupthaus nie wieder betreten in seinem Leben. Noch heute fragen ihn Fans auf Twitter, was damals passiert sei. Er schweigt eisern, er hat es nie jemandem erzählt. Wie Stephen King es nie jemandem erzählte.

King akzeptierte den Film von Kubrick nie

Der Ausblick von der Terrasse des Hotels ist wundervoll. Selbst nachts erkennt man die Silhouette der Rocky Mountains, die Sterne leuchten hell wie in einem Planetarium. Die Welt hier draußen will nicht so recht zu der da drinnen passen.

Als Stanley Kubrick sich daranmachte, Kings Buch auf die Leinwand zu bannen, kam er nach Estes Park und soll gesagt haben: "Wie soll ich denn hier einen gruseligen Film drehen? Es ist viel zu schön."

Diesen Film hat Stephen King übrigens nie akzeptiert, da er sich zu wenig an seinem Roman orientierte. Und so nahm sich King selbst 1997 und damit 17 Jahre nach Kubrick seiner Romanvorlage an und übersetzte sie mit der Miniserie "Stephen King's The Shining" erneut ins Medium Film. Diese Serie wurde fast ausschließlich in Estes Park gedreht, an den Originalschauplätzen des Buchs, auch in Zimmer 217.

Es spukt auch anderswo im Haus

Aber es ist nicht nur Zimmer 217, das einen verängstigen kann. Angeblich spukt es nämlich im ganzen Haus – insbesondere im historischen Ballsaal. So haben Küchenhilfen mehrmals berichtet, wie plötzlich Gelächter, Gläserklirren und Musik aus dem Saal drangen – bloß, dass sich kein Mensch darin befand, als sie die Türen öffneten.

Immer wieder gibt es auch Gäste, die angeblich jemanden im Ballsaal Klavier spielen hörten, ohne dass jemand am Klavier saß. Es geht die Kunde, dass es sich bei dem klavierspielenden Geist um die Witwe des Hotelgründers handelt, deren große Leidenschaft ebenjenes Klavier war.

Ein anderer Geist, der im Haus gesichtet wird, gilt als Kleptomane. Juwelen, Aktenkoffer, Uhren, sogar Schuhe kommen hin und wieder weg – und tauchen dann Monate später irgendwo im Hotel wieder auf, fast so, als habe den Diebesgeist das schlechte Gewissen gepackt.

Auf dem Zimmer wartet eine Überraschung

Damit im "Stanley" wirklich niemand ohne Schrecken ins Bett geht, haben sich die Hotelverantwortlichen noch etwas Besonderes ausgedacht. Jedenfalls ist zu hoffen, dass diese Idee von den Betreibern stammt.

Denn wenn man spätnachts nach einer Tour durch das Haus nicht verängstigt (die wenigsten) oder aber deutlich verängstigt (die meisten) in sein Zimmer zurückkehrt und den Fernseher anstellt, läuft nicht der Sender, der eingestellt war, als man ihn Stunden vorher ausmachte.

Es läuft "Shining". In der Version von Kubrick. Auf Hotelkanal 42, in Endlosschleife. Vielleicht ist Stephen King deshalb nie wieder zurückgekehrt an den Ort, an dem er das Unfassbare (er)fand.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Colorado Tourism. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit

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Tipps für Colorado
  • Anreise

    Zum Beispiel von Frankfurt mit US Airways via Charlotte, mit Lufthansa über Boston nach Denver. Weiter in einer Stunde mit dem Mietwagen nach Estes Park.

  • Unterkunft

    „The Stanley Hotel“, Estes Park, Doppelzimmer ab 170 Dollar. Eine anderthalbstündige Geistertour kostet 20 Dollar, nichts für Kinder unter fünf Jahren. Nachts kostet sie 30 Dollar, zu gruselig für Kinder unter zehn Jahren, nur mit Reservierung, www.stanleyhotel.com; „Onaledge Bed & Breakfast“, Doppelzimmer 135 Dollar, www.onaledge.net

  • Auskunft

    Colorado Tourism, www.colorado.com

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