07.11.12

Bildband

Chinas Sportler dopen sich mit tibetischen Pilzen

Aus der Heimat des Dalai Lama kommen meist schlechte Nachrichten. Doch es gibt nicht nur protestierende Tibeter. Etliche profitieren auch vom großen Bruder in Peking, wie ein neuer Bildband zeigt.

Von Bettina Seipp
Foto: Frederking & Thaler/Yamashita

Der Potala-Palast in Lhasa, einst Kloster und Sitz des Dalai Lama, war das Erste, was Reisende sahen, die aus dem Norden kamen. Auf 13 Stockwerken vereteilen sich 999 Räume. Die Handelskarawanen aus China nahmen ebenfalls diesen Weg. Für den Fotografen Michael Yamashita spiegelt diese Aufnahme seine Auffassung von Shangri-La, dem Paradies, in dem Männer und Frauen ewig jung und in Harmonie leben, wieder.

5 Bilder

Die Stelle, an der der Fotograf Michael Yamashita über den Yartsa Gunbu, den Wunderpilz, schreibt, kommt erst relativ weit hinten in seinem Bildband "Shangri-La. Entlang der Teestraße von China nach Tibet". Doch es ist ein Leichtes, sich bis zur Seite 156 vorzuarbeiten.

Nicht nur, dass das seidenglatte Hochglanzpapier fast widerstandlos durch die Finger gleitet, auch die Augen surfen lustvoll auf dem Farbenmeer aus Rot, Gelb, Orange und Grün.

Ausnahmslos jedes der 185 großformatigen, meist über zwei Buchseiten reichenden Fotos zeigt Tibeter, tibetische Klöster, Häuser und Landschaften. Eine sehr heil wirkende Welt, die den Betrachter fast vergessen lässt, dass Tibet seit 1951 unter chinesischer Vorherrschaft steht.

Tee im Austausch gegen Pferde

Anders als viele seiner Kollegen verzichtet der amerikanische National-Geographic-Fotograf Yamashita darauf, die zerstörerischen Spuren kommunistischer Einflussnahme in Tibet zu zeigen, sondern konzentriert sich ganz auf die "Reste" dessen, was die alte angestammte Hochkultur ausmacht.

Mehr noch: Er stellt Tibet und China als zwei gleichberechtigte Nationen gegenüber, die sich über viele Jahrhunderte gegenseitig befruchteten und bereicherten. So reisten Händler schon vor mehr als 1000 Jahren zwischen den beiden Ländern hin und her, um beispielsweise Tee gegen Pferde zu tauschen.

Und es ist denn auch diese alte "Tee und Pferde"-Straße Chamagudao – genau genommen handelt es sich dabei um ein 3000 Kilometer langes Netz von Wegen und Pfaden, das sich von der südwestchinesischen Provinz Sichuan über die Himalaja-Berge bis nach Lhasa spannt – , die Yamashita zum Thema seiner Fotoreisen machte. Fünf Mal, vom Frühjahr 2008 bis zum Herbst 2011, war er mit der Kamera zwischen Yaan und Lhasa unterwegs.

Tibeter halfen Chinesen gegen Mongolensturm

Die Karawanenwege hatten für die Region einst eine ähnliche Bedeutung wie die Seidenstraße; immerhin wurden während der Ming-Dynastie jährlich 25.000 Pferde gegen Tausende Pfund Tee getauscht.

Ironie der Geschichte: Die Tibeter, die heute unter der chinesischen Vereinnahmung zu leiden haben, halfen damals den Chinesen, mit ihren kleinen robusten Pferden die Mongolen abzuwehren - zumindest indirekt.

Auch heute noch sind die Beziehungen zwischen den Nachbarvölkern reich an Eigentümlichkeiten, die der Fotograf, der auch als Reporter arbeitet, spannend zu schildern vermag. In sechs Kapiteln gibt er einen Grundkurs zur Geschichte des Tees, beschreibt eindringlich das Leben der Menschen, schildert religiöse Riten, Feste, Tee-Zeremonien – und seine Reiseerlebnisse auf dem Chamagudao.

Der Bildband ist – wie der Titel schon sagt – eine Hommage an Shangri-La, an ein entrücktes, sorgloses Bergreich im Himalaja, wie es der britische Schriftsteller James Hilton (1900-1954) in seinem Roman "The lost horizon" ("Der verlorene Horizont") nannte, obwohl (oder vielleicht weil) er selbst kein einziges Mal in Asien war.

Marketingtrick lockt ausländische Touristen an

Dank des Bucherfolgs und einer später gegründeten gleichnamigen Luxushotelgruppe steht Shangri-La heute synonym für einen Ort der Glückseligkeit. Und seit 2001 auch für die Stadt Zhongdian im Norden der chinesischen Provinz Yunnan.

Auf einem malerischen Hochplateau an der Grenze zu Tibet thronend und von dem beeindruckenden Kloster Sumzanling flankiert, in dem Hunderte Mönche leben, sieht die Stadt so aus, wie sich Ausländer ein buddhistisches Paradies vorstellen – dachten sich die Chinesen und benannten Zhongdian vor elf Jahren kurzerhand in Shangri-La um.

Für Yamashita ist das "einer der brillantesten Marketingschachzüge in der kurzen modernen Geschichte Chinas". Denn der werbewirksame Name beschert der Stadt von Jahr zu Jahr mehr Besucher. Inzwischen wurde sogar mit dem Bau einer Eisenbahnlinie und einer Schnellstraße nach Zhongdian/Shangri-La begonnen.

Der Pilz bohrt sich durch den Kopf des Insekts

Dass sich mit den Touristen das soziale und kulturelle Gefüge Tibets verändert, dürfte Peking kaum stören. Eher im Gegenteil. Allerdings gibt es auch Tibeter, die von den Veränderungen profitieren, und dazu zählen Yamashita zufolge vor allem die Nomaden.

Womit wir wieder bei den eingangs erwähnten Yartsa Gunbu sind. Man könnte die Pilze das Gold des Himalajas nennen, denn je nach Qualität zahlen die Chinesen mehrere zehntausend Euro pro Kilo dieser schrumpeligen, wurmartigen Gebilde, die ausschließlich im Hochland, weit oberhalb der Baumgrenze auf 4500 Metern zu finden sind.

Der Tibetische Raupenkeulenpilz, so sein Name, lebt parasitär, indem er die Larven des Wurzelbohrers befällt. Die Raupe wächst zunächst weiter, der Pilz aber auch, bis er das Insekt völlig ausgefüllt, getötet und mumifiziert hat. Dann dringt er durch den Kopf und schließlich durch die Erdoberfläche nach oben, wo die Nomaden darauf warten, den wertvollen bis zu fünfzehn Zentimeter großen Fruchtkörper ernten zu können.

Wunderpilz macht Chinesen stark und Tibeter reich

Die Chinesen sind überzeugt, dass der Pilz gegen allerlei Leiden – von Impotenz, Alzheimer bis hin zu Krebs – wirksam ist. Doch seit der Trainer der chinesischen Leichtathletinnen, Ma Junren, die Erfolge seiner Sportler mit dem Genuss von Yartsa Gunbu begründete, gilt er zudem als sportliches Wundermittel.

Das war 1993 bei den chinesischen Meisterschaften. Ma Junren führte seine Mädchen damals zu Weltrekorden über 1500, 3000 und 10.000 Meter. Nein, das sei kein illegales Doping gewesen, sagte er, sondern bloß Höhentraining und der gute alte Pilz.

Inzwischen eilen die Chinesen auch bei internationalen Wettkämpfen von Sieg zu Sieg – während die tibetischen Nomanden dank der üppig sprudelnden Yartsa-Gunbu-Geldströme ihre Herden nicht mehr vom Pferd, sondern vom Motorrad aus hüten können.

Yartsa Gunbu sind die neue Währung

Seit 2006, als die Eisenbahnstrecke Peking – Lhasa eröffnet wurde, sind die Personen- und Warenströme deutlich gestiegen, mithin die Einkommen der Tibeter – und allen voran das der Nomaden.

So erhalten die Hochland-Bewohner kostenlos Zelte, die heller und trockener als die traditionellen aus Yakfellen sind. Und dank der Yartsa Gunbu sind sie auch besser eingerichtet. Die Pilze seien "die neue Währung, die entlang des Chamagudao Tee und Pferde ersetzt", schreibt Michael Yamashita.

Er hatte die Gelegenheit, mit den Tibetern auf Pilzsuche zu gehen und sie beim Sortieren, Putzen und Verkaufen ihrer Schätze abzulichten – Bildmaterial mit Seltenheitswert. Wie überhaupt der gesamte Fotoband intime Ansichten von Tibet liefert, die kaum ein Tourist zu sehen bekommt – was umso mehr gilt, als China ausländischen Individualbesuchern die Einreise nach Tibet derzeit mal wieder untersagt.

Michael Yamashita: "Shangri-La. Entlang der Teestraße von China nach Tibet", Verlag Frederking & Thaler, 272 Seiten, 49,95 Euro.

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