07.11.12

Panama

Im Schatten der Metropole leben Indios wie einst

Nur wenige Kilometer von Panama-Stadt entfernt leben Indios vom Stamme der Embera, die sich auf Ökotourismus spezialisiert haben. Sie schaffen die schwierige Balance zwischen Tradition und Moderne.

Von Ute Müller
Foto: Ute Müller

Nur eine knappe Autostunde von der Millionen-Metropole Panama-Stadt entfernt lebt das Volk der Embera...

22 Bilder

Träge gleitet das Kanu durch den grünbraunen Chagres-Fluss, am linken und rechten Ufer erstreckt sich Urwald-Dickicht. Plötzlich tauchen im satten Grün die ersten Hütten mit ihren Palmdächern auf.

Wir legen an einer lehmigen Landzunge an und barfüßige Indio-Kinder eilen uns neugierig entgegen, während ihre älteren Geschwister uns mit Trommeln, Flöten und Rumba-Rasseln begrüβen. Vielleicht war dieses Zeremoniell einst das erste Erlebnis der spanischen Eroberer in der Neuen Welt.

"Bienvenidos a Parara Puru", sagt Antonio Sarko, der Touristen hierher schippert. Antonio trägt die typische Tracht der Embera-Männer, einen knapp sitzenden, von Hand gefertigten Rock aus bunten Perlen, über den ein Lendenschurz drapiert ist. Sein muskulöser Oberkörper ist kunstvoll bemalt, die Farbe gewinnen die Indios aus der Jagua-Frucht, die im Urwald gedeiht und deren Saft Insekten abwehrt.

Die Frauen des Dorfes erscheinen in einem "Paruma", einem bunten Wickelrock, ihre mit Pailletten und Münzen bestickten Tops geben den Blick auf eine makellose Haut frei. Alle tragen eine Krone aus Hibiskus-Blüten, die sie auch den Besuchern aufsetzen. Dann beginnen die Frauen mit der Vorführung eines rituellen Tanzes, den sie an Festtagen auch ohne Touristen zelebrieren.

Nur eine Stunde von Panama City entfernt

Kaum zu glauben, dass die am Pazifischen Ozean gelegene Millionen-Metropole Panama-Stadt mit ihren glitzernden Hochhaustürmen nur eine knappe Autostunde von der Anlegestelle entfernt ist.

"Wir wissen, dass die moderne Stadt mit ihren Verführungen eine Gefahr für unsere Kultur darstellt", sagt Antonio, während er an einem Speer spitzt. Er will heute noch ein paar Fische fangen. "Aber wir leben von jeher in Einklang mit der Natur und müssen uns jeden Tag neu anstrengen, um die Balance zu halten".

Das ist bislang gelungen. Das Dorf wirkt wie eine Insel der Seligen, es gibt keinen Computer und keinen Fernseher. Und die Kinder werden von zwei Lehrern unterrichtet, die täglich mit dem Boot hergebracht werden.

Parara Puru, was soviel bedeutet wie Palmendorf, hat 78 Einwohner. Alle gehören zum Volk der Embera Wounaan, neben den Kuna das bekannteste der sieben Eingeborenenvölker von Panama.

Vor Drogenschmugglern geflohen

Die Embera, die in der gleichnamigen Provinz beheimatet sind, heiraten nur untereinander und verwalten sich weitgehend selbst, sogar ein kleines Gefängnis gibt es in ihrem Dorf. "In den 50er-Jahren kamen unsere Vorfahren aus Darien, einer Provinz, die an Kolumbien grenzt", erläutert Antonio.

Damals machten Drogenschmuggler und Paramilitärs ihnen das Leben schwer, in den dichten Regenwäldern Panamas fanden sie eine neue Heimat. Dass sie sich am gewaltigen Chagres-Strom ansiedelten, hat auch religiöse Gründe. Die Indios verehren eine Wassergöttin, die allerdings nur vom Schamanen (Jaibana) gesehen werden kann.

Der Chagres ist auch der wichtigste Fluss des Landes. Ohne ihn hätten die Panameños ihre wirtschaftliche Lebensader, den Panama-Kanal, nie bauen und schon gar nicht aufrechterhalten können.

Jedes Jahr durchqueren 14.000 Schiffe den Kanal und bei jedem Schleusengang gehen fast zweihunderttausend Liter Süßwasser verloren. Nur dank der üppigen Wassermassen des Chagres kann der Kanalbetrieb reibungslos vonstatten gehen. Daher stellte die Regierung die Waldareale um den Fluss herum unter Naturschutz – ein Glück für die Embera, die hier ein Paradies vorfanden.

Als die ersten Touristen kamen

Inzwischen gibt es am Ufer des Chagres drei Embera-Dörfer, sie sind nur per Wasser zu erreichen. Am Anfang durften die Embera im Regenwald jagen und stellten Tapiren, Jaguaren und anderen Wildtieren nach. Doch als die Gegend um den Chagres zum Nationalpark erklärt wurde, wurde die Jagd verboten.

Daraufhin konzentrierten sich die Embera auf den Fischfang und den Bananenanbau. Doch das reichte nicht zum Überleben. Daher fingen sie an, mit Touristen zu arbeiten.

Das war 1988. Damals hatten sie nur einen einzigen Einbaum und es kamen nur drei bis fünf Besucher im Monat. Das hat sich freilich geändert, inzwischen ist ein Tagesausflug fester Programmpunkt vieler Reiseveranstalter.

Bei anderen Stämmen ist Kinderarbeit ein Problem

Ist der Tourismus nicht auch eine Bedrohung für ihr Volk? "Nein, im Gegenteil, nur dank der Einnahmen aus dem Tourismus können wir heute noch so leben wie unsere Vorfahren", sagt Antonio.

Seine Leute erhalten 10 bis 25 Dollar pro Besucher und verkaufen ihre Souvenirs, kunstvoll geflochtene Körbe aus Naturfasern, geschnitzte Utensilien aus Cocobolo-Holz und Perlenschmuck. So hat der Ökotourismus zumindest den Embera das Überleben garantiert.

Andere Indio-Stämme Panamas wie etwa die Ngäbe Buglé in Chiriqui, im Westen des Landes, kämpfen mit ganz anderen Problemen, wie etwa der Kinderarbeit. Laut Schätzungen von Hilfsorganisationen werden 89.000 Kinder dieser Indios alljährlich zum Kaffeepflücken eingesetzt.

"Wenn ich zurückkomme, bin ich heilfroh"

Im Vergleich dazu wirkt die Welt der Embera intakt. Glaubt Antonio, dass sich seine Kinder eines Tages freiwillig für sein Leben entscheiden werden? Da ist sich der Indio sicher, schlieβlich wachsen sie mit den Werten der Gemeinschaft auf.

Einmal im Monat fährt Antonio nach Panama-Stadt, um Stoffe und einige Artikel des Grundbedarfs einzukaufen. "Jedes Mal, wenn ich zurückkomme, bin ich heilfroh", sagt Antonio. "Ich würde die Ruhe und Stille, die ich hier in Parara Puru vorfinde, gegen nichts in der Welt tauschen".

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Tipps für Panama
  • Ein- und Ausreise

    Die Einreise nach Panama ist visumfrei (bis zu einem Monat), der Reisepass muss noch mindestens sechs Monate gültig sein.

  • Gesundheit

    Impfungen sind nicht vorgeschrieben, je nach Reisezeit und besuchter Region kann Malaria-Prophylaxe sinnvoll sein. Nähere Infos dazu gibt es im Tropeninstitut oder beim Hausarzt.

  • Lektüre

    „Bradt Guide Panama“ von Sarah Woods (ISBN-13 987 1 841 62 260 6)

  • Auskunft

    Auskünfte und Informationen über Panama sind erhältlich bei: IPAT Institut für Tourismus in Panama, Joachim-Karnatz-Allee 45, Telefon 030/22605822, www.visitpanama.com

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