24.10.12

Bildband

Amerika zwischen Abgesang und Aufbruch

Weite Landschaften und tiefe Depression: Der deutsche Fotograf Horst Hamann hat für seinen spektakulären Bildband "America" das Land von Ost nach West bereist. Ungewöhnlich ist nicht nur das Format.

Foto: Horst Hamann / Edition Panorama

Baywatch in Montauk auf Long Island.

11 Bilder

Fotograf Horst Hamann kommt aus Mannheim. Einem Mann, der aus einer Stadt kommt, die ihr Zentrum in Quadrate statt in Straßen aufteilt, ist offensichtlich besonders empfänglich für alles, was keine festgelegte urbane Struktur, keine Enge und keine Vertikalen kennt.

Sondern: Weiten Himmel. Einsame Häuser. Tiefe Schluchten. Alleinstehende Autos. Leere Straßen. Zerbröselte Schaufenster. Geschwungene Brücken. Amerika.

Der 54-Jährige hat das Land für seinen Bildband mit dem schlichten Titel "America" von Ost nach West mit dem Auto durchfahren.

Vom "Hoboken Ferry Terminal" in New York, wo er die im Abendlicht leuchtende Freiheitsstatue zu einer Randfigur degradiert, bis zum Black Rock Mountain in Arizona, auch der eine Nebensache, weil ein riesiger Truck im Zentrum des Bildes steht.

Es ist eben alles eine Frage der Perspektive. Zumal im Panorama-Format, wie wir es vom CinemaScope im Kino kennen, das Nebenschauplätzen einen verdienten Raum gibt und anders als das spektakuläre 3D-Bild nicht in die Tiefe wirkt sondern in die Breite.

Und somit ungeahnte Blickpunkte eröffnet, Schwerpunkte versetzt, das Gesehene neu komponiert, die Horizontale feiert.

Fenster in eine fremde Welt

"Seine Fotos sind Fenster, die Blicke in eine andere, bisweilen fremde Welt ermöglichen", sagt der Schriftsteller Thomas C. Breuer im Nachwort des Buches. Und wer die 70 breitformatigen Fotografien betrachtet, entdeckt Altbekanntes und Neuentdecktes.

Wir sehen das Amerika der Getreidesilos, Strommasten und der Oldtimer, der Diner, Kakteen und der Trucks, der Wüsten, der Strände, der großen Canyons.

Es ist das Amerika des Kinos, das von Jim Jarmusch, Dennis Hopper, auch von Wim Wenders, Landschaften voller Stimmung, Licht und Farbe, voll einsamer Schönheit, ein wenig verschroben, einzigartig, weit und fremd, ein Sehnsuchtsort.

Unscheinbare Orte, dramatisch

"Horst Hamanns Ansichten von Amerika kondensieren den Blick, der um die Beschleunigung ringum, die Flüchtigkeit das Transitorische weiß", beschreibt dies Roger Willemsen in seiner unnachahmlichen Weise im Vorwort.

Und er schreibt weiter: "Sie spüren zugleich das Land auf, wo seine Ikonographie zerschlissen wirkt, wo im schweifenden Blick, in der Anordnung der Gegenstände in der Horizontale vermeintlich unscheinbare Orte dramatisch wirken können".

Die zerschlissene Ikonographie – das ist das wirklich Neue an diesem spektakulären Band – sie findet hier eben auch statt. Man kann "America" auch als Nach-Obama-Buch verstehen: Als Land der unbekannten Depressionsmöglichkeiten.

Leere Versprechungen, leere Flächen

Wir sehen schrundige Häuserfassaden, leerstehende Gewerbeimmobilien, rostige Wohn-Trailer, zugeschneite Holzhäuser mit schiefen Balken, eine zerbrochene Kutsche, die leeren Suburbs, eine leere Werbetafel.

Es ist das Amerika der leeren Versprechungen und der leeren Flächen, der geplatzten Träume und der aufgerissenen Straßen.

"In den letzten beiden Dekaden florierten vor allem Baumärkte, in den man sich die großen Sperrholzplatten zurechtsägen lassen kann, mit denen man die Ladenfronten zunagelt", bemerkt Thomas C. Breuer süffisant.

"Manche Ladenzeile erweckt den Eindruck, als erwarteten ihre Besitzer gerade einen Hurrikan, auch in sturmfernen Regionen."

Seismograph der gegenwärtigen Stimmung

Auch das ist das Buch. Ein Seismograph der gegenwätigen Stimmung im Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten.

Zwischen Abgesang und Aufbruch, Hurrikan und Hoffnung, stiller Depression und trotzigem Selbstbewusstsein.

Nur hier ist es offenbar möglich, dass vor einer halb fertigen Holzbehausung, die auf einem einsamen Feld Wind und Wetter ausgesetzt ist, ein kunterbuntes "Sales"-Schild steht.

Auch das ist "America": Unerschütterlich. In seiner Weite. Seinem Licht. Seinen ungeahnten Möglichkeiten. Gesehen, entdeckt und für die Ewigkeit festgehalten in diesem wunderbaren Band von dem genau beobachtenden Mann aus dem fernen Mannheim.

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