08.10.12

China

Die erste motorisierte Völkerwanderung der Welt

Reise-Rausch: Wenn 1,3 Milliarden Chinesen gleichzeitig Urlaub haben, dann ist "Goldene Woche". Acht Tage hatte die Nation in diesem Jahr frei – und viele Chinesen hielt es nicht zuhause.

Foto: AFP

Wie eine menschliche Dampfwalze schoben sich die Besucher während der Urlaubswoche durch die berühmten Sehenswürdigkeiten des Landes. Die Große Mauer...

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Das waren noch Zeiten, als der purpurne Kaiserpalast in Peking Verbotene Stadt hieß, weil dort nur der Kaiser und sein Hofstaat mit Eunuchen und Konkubinen aus und eingehen durften.

101 Jahre nach Chinas bürgerlicher Revolution 1911, die die Feudalherrschaft stürzte, tummeln sich im heute als Kaiserpalast-Museum dienenden Gugong täglich 30.000 Besucher. Am 2. Oktober aber waren es 186.000.

Wie eine menschliche Dampfwalze schoben sie sich durch die weitläufige Anlage. Die Zahl war dreimal so hoch wie die einst festgelegte Obergrenze von täglich 60.000 Besucher, um den zum Weltkulturerbe erklärten Palast nicht zu beschädigen.

Die Kantoner Tageszeitung setzte das chinesische Schriftzeichen "Ren" für Person in ihrer Überschrift hintereinander: Ren, Ren, Ren, Ren - Mensch, Mensch, Mensch, Mensch.

Berge voller Menschen

Das chinesische Pendant zum deutschen Ausdruck "gequetscht wie Sardinen" heißt "ren shan – ren hai". Soll heißen: Berge voller Menschen und ein Menschenmeer.

Das war das Leitmotto, als Chinas Medien Bilanz über die Goldene Urlaubswoche zum Nationalfeiertag 1. Oktober zogen.

Nach Angaben des Verkehrsministeriums waren in den vergangenen acht Tagen 740 Millionen Passagiere unterwegs, 80 Prozent davon mit Autos und Bussen.

80,87 Millionen Menschen fuhren im Durchschnitt täglich auf den Fernstraßen im Reich der Mitte spazieren, so viel wie fast die gesamte Bevölkerung Deutschlands ausmacht. Sie wurden Mitreisende bei der ersten motorisierten Völkerwanderung der Welt.

Die Nation durfte acht Tage Urlaub am Stück machen. Der Grund dafür liegt im traditionellen Kalender Chinas.

Nach ihm fiel das als offizieller Feiertag begangene Mondfest dieses Jahr auf den 30. September. Erst im Jahr 2050 trifft so eine Konstellation wieder zu. Damit verlängerte sich die einwöchige Auszeit, die sich 1,3 Milliarden Chinesen zum 1. Oktober nehmen durften, um einen weiteren Tag.

Mautgebühren wurden erlassen

Alle, die ein Auto hatten, brausten los. Pekings Staatsrat hatte für die Zeit der Goldenen Woche alle Mautgebühren für die Autobahnen erlassen. Acht Tage lang durften sie keine Gebühren nehmen.

Den Hintergrund für den Verkehrsrausch erläuterte das "Auto-Blaubuch 2011" der Akademie für Sozialwissenschaften. In nur einem Jahrzehnt hat sich China vom Bauernland zur urbanen Autogesellschaft gewandelt. Seit 2011 darf es sich Autogesellschaft nennen, weil inzwischen jeder fünfte Haushalt in seinen Großstädten einen Pkw besitzt.

2002 fielen statistisch 0.9 Pkw auf 100 Stadthaushalte. 2011 waren es 18,6 Pkw. In der Goldenen Woche 2012 waren auf Chinas Autobahnen fünfmal so viele Autos unterwegs wie in den Vorjahren. Aber ihr Ausbau, so kritisiert die "China Business News", kam mit der explosiv wachsenden Autodichte nicht nach.

Die Mautstellen der Autobahnausfahrten um Shanghai zählten sieben Millionen Bürger, oder ein Drittel aller Stadtbewohner, die in 1,63 Millionen Pkw in der vergangenen Woche ihre Stadt verließen. 5,6 Millionen Bürger brausten im gleichen Zeitraum aus Peking auf ihren vier Rädern davon. Die vielen tausend Mautstellen im ganzen Land registrierten mehr als 100 Millionen Pkw-Trips.

Gigantisch ist auch die Bilanz von 68.422 Verkehrsunfällen. 794 Menschen starben. Darunter waren auch fünf deutsche Touristen. Sie gehörten zu den 19 Landsleuten aus Bayern und Baden-Württemberg, deren Reisebus am 1. Oktober in der Nähe Pekings auf einen Container-Transporter auffuhr.

30 Kilometer lange Massenstaus

Peking meldete schon am ersten Tag der Goldenen Woche mehr als 30 Kilometer lange Massenstaus auf mehreren seiner 17 Autobahn-Ausfahrten. Auch auf den 24 Autobahnen um Kanton ging nichts mehr.

Das Internet schuf neue Namen von der "Woche des Dauerstaus", bis Autobahnen als "längste Parkplätze der Welt".

Blogger verlangten die Einführung eines "Schildkröten-Tempolimits". Chinesische Autofahrer reihen sich in den globalen Klagechor aller Staugeschädigten ein "Nie wieder fahre ich an solchen Tagen los."

Aus Chinas Großer Mauer wurde eine Einbahnstraße: Für Fußgänger. In dichten Pulks quälten sich die Menschenmassen zu den Wachtürmen hoch. Von der einen Seite stiegen sie auf, auf der anderen wieder runter.

Durst nach Urlaub

Auf die Huashan-Berge in Shaanxi kraxelten 200.000 Menschen in einer Woche die Stufen hoch. Runter fuhren sie mit der Seilbahn, die trotz Dauereinsatz nicht nachkam.

Tausende mussten am 2. Oktober bis tief in die Nacht auf der Bergspitze ausharren. Chinas "Gongshang Shibao" kommentierte: "Die Nebeneffekte dieser acht Tage reichen vom 'Erschöpfungstod' der Kamele in der Wüstenoase Dunhuang, die von Touristen überansprucht wurden, bis zu den Ausflugsbergen, deren Treppen zu Trampelpfaden wurden. Dieser Massenansturm ist aber auch ein Zeichen, wie sehr unsere Gesellschaft nach Urlaub dürstet."

Goldene Woche heißt der neue seit dem Jahr 2000 eingeführte Sonderurlaub. Die Regierung erlaubt ihren Staatsbürgern sich jeweils drei Tage zum Frühlingsfest, zum 1. Mai und zum Nationalfeiertag frei zu nehmen. Zusammen mit dem Wochenende und einem vorgearbeiteten Wochenende können sie sich diese Ferien auf jeweils eine Woche verlängern.

Die Pekinger Urlaubsplaner wollten so die Bevölkerung durch Urlauben zum Konsumieren verleiten und die Binnennachfrage anregen. Die offizielle Urlaubsregelung sieht dagegen nur einen mageren Anspruch aus Jahresurlaub vor.

Angestellte erhalten jährlich fünf freie Tage für ihre Betriebszugehörigkeit ab fünf Jahren und zehn Tage ab zehn Jahren.

Verreisen, wenn es sich zeitlich lohnt

2008 schaffte China die verlängerte 1. Mai-Woche zugunsten zweier Einzelfeiertage ab. So bleiben den meisten Chinesen neben dem chinesischen Neujahrsfest vor allem die Woche um den 1. Oktober, wo sich Verreisen zeitlich lohnt.

Inzwischen mehren sich Kritik und Forderungen, die gesetzlichen Urlaubsregelungen zu reformieren. Die Goldenen Wochen seien nicht mehr zeitgemäß.

In Pekings Parteiführung atmen derzeit viele hohe Funktionäre auf. Sie hatten vier Wochen vor Beginn ihres 18. Parteitags befürchtet, dass es während der Goldenen Woche zu Massenunfällen und Chaos kommen könnte.

Die Behörden setzten in den vergangenen acht Tagen allein 270.000 Verkehrspolizisten ein. Bei ihren Reisewarnungen und Infos stützten sie sich erstmals vor allem auf die virtuelle Massenkommunikation durch Mikroblogs und Handy-SMS.

Erleichtert gab jüngst die nationale Justizzeitung "Fazhi Ribao" auf ihrer Titelseite Entwarnung. China hat mit seiner Goldenen Woche noch einmal Glück gehabt: Sie verlief "in sozialer Stabilität und in guter öffentlicher Ordnung."

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