05.10.12

Kambodscha

Auf den einstigen Killing Fields stehen nun Pagoden

Kambodscha war einst Schauplatz des blutigen Massenmordes der Roten Khmer an der eigenen Bevölkerung. Heute sieht man friedliebende Mönche auf den Straßen – die Touristen kommen wieder gern.

Foto: picture-alliance / Godong

Für ein mönchisches Leben in einem buddhistischen Tempel braucht man lange Weile.

5 Bilder

In sich versunken kniet Mönch Sothea auf seinem Bett. Sein orangefarbenes Gewand hat der 28-Jährige um seinen Körper geschlungen, seine dunklen Haare sind kurzrasiert. Die Hände gefaltet, verneigt er sich vor einer kleinen Buddha-Figur. Es riecht nach Räucherstäbchen.

Wie ein Spiegelbild des Buddhas ruht Sothea im Schneidersitz in sich. "Mein Inneres weiß, wie lange ich meditieren muss", sagt er dann. Mal sind es zehn Minuten, mal eine halbe Stunde. Die innere Ruhe zu spüren ist fester Bestandteil seines Alltags im Wat Thmei, einer buddhistischen Tempelanlage in der kambodschanischen Stadt Siem Reap.

Zwischen Garküchen und Knabberfischen

Nur wenige Minuten entfernt liegt das Zentrum der Stadt. Dort gibt es keine Stille, keine Meditation. Am Psar Chaa, dem alten Markt, dröhnen die Hupen, unzählige Mopeds knattern über die Straße.

"Tuk-Tuk?" ruft hin und wieder ein Taxifahrer den vielen Touristen zu. Die schlendern schwitzend an Bars, mobilen Garküchen und Souvenirshops vorbei. Einige winken geschafft ein knatterndes Open-Air-Taxi heran.

Mitten in dem Trubel sitzt ein junges Paar am Rand eines überdimensionalen Aquariums mit kleinen Fischen, denen sie ihre Füße zum Hornhautabknabbern hinhalten. "Feels weird but nice" steht an dem Becken. Im alten Markt selbst stapeln sich Gewürze.

Hin und wieder drängt der Geruch nach totem Fisch die Urlauber auf Souvenirsuche zurück. Viele von ihnen wollen ein Stückchen Kambodscha auf dem Markt ergattern: Seidenschals, Tigerbalsam oder Seifen. Nicht etwa Meditation oder innere Einkehr.

Entmintes Land als Touristenmagnet

Seit 1999 strömen Touristen in Scharen in das südostasiatische Land. Bis dahin hatten der Bürgerkrieg und das Rote-Khmer-Regime Kambodscha fest im Griff. Unter Pol Pot kamen hier von 1975 bis 1979 rund zwei Millionen Menschen ums Leben.

Das Land wurde zu weiten Teilen vermint, Kambodscha war kaum zu bereisen. Bis in den 90er-Jahren die großflächigen Minenräumungen im Land begannen.

Vor allem das mit dem Tuk-Tuk rund 15 Minuten entfernte Weltkulturerbe Angkor mit Angkor Wat und seinen vielen Tempeln macht Siem Reap zum Touristenmagnet. Angkor ist eben für viele faszinierend.

Doch von Respekt und dem Buddhismus, dem rund 95 Prozent der Kambodschaner angehören, ist hier wenig zu spüren. Nur die steinernen Buddha-Statuen, die mit orangefarbenen Umhängen geschmückt sind, lassen etwas von der Lebensphilosophie der Kambodschaner erahnen.

Berühren von Frauen verboten

Während des Rote-Khmer-Regimes war der Buddhismus hier verboten. Mönche mussten ihre Gewänder ablegen, wurden zur Arbeit auf dem Feld gezwungen und getötet. Wats wurden zerstört.

Doch der Buddhismus ist fest in dem Land verwurzelt. Nach der Schreckensherrschaft entstanden viele neue Tempelanlagen. Heute leben mehr als 56.000 buddhistische Mönche in Kambodscha.

Auch das Wat Thmei wurde erst nach dem Rote-Khmer-Regime erbaut. Hier ist der Buddhismus mehr als nur eine Buddha-Figur. Einige der Mönche in der Tempelanlage sprechen Englisch und geben gerne einen Einblick in ihr Leben und ihren Glauben – so wie Mönch Sothea, der auf seinem Bett demonstriert, wie er meditiert.

Er lebt schon seit 13 Jahren in dem Wat. Über Besucher freut er sich, doch eines sollten sie beachten: "Mönche dürfen Frauen nicht berühren", sagt er. Auch nicht, wenn es nur für ein Foto ist, betont Sothea. Zahlen muss man nichts für solche "Führungen", aber die Mönche freuen sich sehr über eine Spende.

Kostenlose Bildung im Tempel

Schon als kleiner Junge kann man in den Tempel ziehen. Viele kambodschanische Familien hoffen, dass einer ihrer Söhne wie Sothea für einige Zeit in einem Wat lebt. Doch das Kind muss sich selbst dazu entscheiden.

Die Mönche können durch ihren Lebenswandel, zu dem das Streben nach Weisheit, Sittlichkeit und Achtsamkeit gehört, Karma für ihr nächstes Leben sammeln. Für die armen Familien bedeutet die Entscheidung auch eine finanzielle Entlastung, weil die jungen Mönche im Wat kostenlos Bildung erhalten.

Sothea kam auch hierher, um sich weiterzubilden. "Ich wollte etwas über die Regeln des Buddhismus lernen und andere Dinge studieren". Er ist Anhänger des Theravada-Buddhismus, der in Kambodscha weit verbreitet ist. "Zur Ausbildung gehört die Disziplin der Mönche, die buddhistische Lehre Dhamma, Pali, eine Sprache, in der Buddhas Lehren überliefert sind und eine weitere Fremdsprache", sagt er.

Aus den Ruinen der "Killing Fields"

In der Nähe von Sotheas Zimmer im Wat besichtigt eine kleine Touristen-Gruppe eine Stupa. In dem Denkmal mit dem verzierten Dach sind Schädel und Gebeine von Opfern der Roten Khmer hinter einer Glasscheibe zu sehen. Die Knochen stammen von den Menschen, die in der Umgebung umgebracht wurden. Sie wurden teilweise einfach auf dem Feld erschlagen – so auch in Siem Reap.

In ganz Kambodscha gibt es diese sogenannten "Killing Fields", die heute als Gedenkstätten an das schreckliche Leid unter Pol Pot erinnern. Wegen der Stupa ist das Wat Thmei auch als "Killing Field Pagoda" bekannt.

Vor Sotheas Haus rekelt sich eine Katze auf einer Holzbank. "Manchmal kommen zwanzig hierher", sagt er. Jeden Mittag gibt er den zugelaufenen Tieren die Reste seines Essens.

Essen darf der Mönch nur bis zwölf Uhr mittags, der Genuss von Fleisch ist ihm ganz verboten. Die Speisen sammeln er, wie auch die anderen Mönche am Vormittag. Dann geht Sothea mit einem silbernen Topf von Haus zu Haus und wartet auf Spenden der Bewohner.

Trost- und Lebensmittelspenden

Neben seinem Alltag als Mönch hat er noch eine andere Aufgabe: Regelmäßig besucht Sothea die 38-jährige Khum Malida am Rande Siem Reaps. Er hört sich ihre Sorgen an und gibt ihr Ratschläge.

Denn Malida hat vor rund einem halben Jahr erfahren, dass sie HIV positiv ist. "Ich hatte schon einmal von HIV gehört, aber ich dachte nicht, dass mir so etwas passiert", sagt sie. Die alleinerziehende Mutter von fünf Söhnen kann nicht mehr arbeiten und ist auf Lebensmittelspenden angewiesen, die Sothea ihr regelmäßig bringt.

Für die Arbeit mit den Kranken gibt Sothea der Buddhismus Kraft. In der Versammlungshalle, nur ein paar Gehminuten von seinem Zimmer entfernt, meditiert er mit den anderen Mönchen zusammen. Decke und Wände sind mit Malereien in leuchtenden Farben geschmückt. Die Bilder erzählen die Geschichte des Prinzen Siddhartha Gautama, der zu Buddha, dem Erleuchteten wurde.

"In der Regenzeit kommen wir hier jeden Morgen zusammen, um zu meditieren", sagt Mönch Sothea. Vor dem Eingang dieses großen Gebäudes stehen ein paar Jungen in orangenen Gewändern. "Manchmal spielen die Jüngeren im Wat Fußball. Das wird nicht gerne gesehen", sagt Sothea und schmunzelt. Denn Sport treiben und sogar Auto fahren gehört sich nicht für einen buddhistischen Mönch.

Der Mönch, der kein Mönch mehr sein will

Das will Sothea allerdings schon sehr bald. Er will nicht länger als Mönch im Wat Thmei leben. "Ich fühle mich gelangweilt, deswegen muss ich gehen. Wenn wir nämlich etwas Schlechtes im Wat machen, dann fällt das auch auf die anderen Mönche zurück", sagt er. "Schlechtes" bedeutet gegen die Regeln Buddhas zu verstoßen – dazu gehört zum Beispiel, Alkohol zu trinken.

Lebenslang Mönch zu sein, ist im Buddhismus eher unüblich. Dennoch: Diese Lebensphilosophie legt man mit dem orangenen Gewand des Mönches nicht automatisch ab. Die Fähigkeit in sich zu gehen, die gesamte Lebensphilosophie des Buddhismus kann Sothea auch in das Kambodscha außerhalb des Tempels mitnehmen.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Evangelischen Entwicklungsdienst. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit

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