Nordamerika
Urlaub im Land des "Thousand Island Dressing"
Die berühmte Salatsauce wird 100 Jahre alt. Die Mixtur ist fast so geheim wie die von Coca-Cola. Spurensuche in einer vom Massentourismus noch unentdeckten Urlaubsregion zwischen Kanada und den USA.
Es war einmal ein kleiner Junge, Georg mit Namen. Seine Eltern waren bitterarm, und darum zogen sie von einer einsamen Insel ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Georg wurde schon bald Dschordsch gerufen und musste hart arbeiten als Tellerwäscher in feinen Hotels.
Eines Tages traf er einen sehr reichen Mann. "Komm in mein neues Hotel in der Stadt mit den höchsten Häusern", sagte der Mann – "es wird bald fertig sein, und du sollst es leiten!" So geschah es. George war schon bald Millionär und glücklich verheiratet. Seiner über alles geliebten Frau Louise kaufte er eine Insel und ließ sie so umgestalten, dass sie von oben aussah wie ein Herz. Darauf baute er ihr ein Schloss mit 120 Zimmern …
Nein, kein Märchen, sondern eine wahre Geschichte. George Boldt, 1864 als Emigrant von Rügen nach New York gekommen, stieg wirklich vom Küchenhelfer zum Manager des "Waldorf-Astoria" auf und wurde 1895 auf der Suche nach einem standesgemäßen Landsitz 500 Kilometer nördlich an der kanadischen Grenze fündig, in der Thousand Island Region – ebenso wie der Boss von Singer-Nähmaschinen oder Eisenbahnmagnat Pullman, die sich auch Schlösser auf ihre frisch erworbenen Inseln setzen ließen.
Ketchup, Mayo, Zitrone und ein Ei
Gut möglich, dass diese Herren dabei waren, als George Boldt zum Yacht-Ausflug einlud und der Schiffssteward bleich wurde vor Schreck. Er hatte alle Zutaten für die Salatsauce an Land vergessen, rührte in seiner Not zusammen, was die Kombüse hergab und servierte es mit zitternden Fingern.
Der High Society an Bord mundete diese liebliche, rosafarbene Kreation aus Ketchup, Mayo, Zitrone und einem Ei so gut, dass George Boldt sie als "Thousand Island Dressing" ins "Waldorf-Astoria" einführte, von wo aus sie ihren Weg in die Küchen der Welt fand und im Oktober 1912 erstmals in die Rezepte-Spalte einer Zeitung in Dallas. So jedenfalls Saucen-Legende Nummer eins.
Auf ihren Spuren wird eines gleich klar: Die Kulisse von Boldts Schiffspartie ist noch wie damals, zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Landhäuser im Cottage-Stil, Villen mit weißen Veranden und Schaukelstuhl ducken sich unter Ahornbäumen auf den insgesamt gut 1793 Inseln.
Fehlt nur noch John Boy Walton
Schnittige, teakfarbene Edel-Motorboote ziehen Gischt-Streifen durchs blaue Wasser. Verträumte, am felsigen Ufer klebende Orte wie Rockport haben lediglich einen Laden, und es wäre kein Wunder, wenn gleich John Boy Walton aus diesem "General Store" träte.
Eine vom Massentourismus noch unentdeckte Urlaubsregion für Ruhe suchende Skipper und Radler, stellenweise "very british": Ein "Little Ben" gongt gravitätisch – den Sound seines großen Londoner Bruders kopierend – die Uhrzeit über Inseln und die mit Säulen und Türmchen bewehrten viktorianischen Herrenhäuser von Gananoque. Dieses 5000-Seelen-Städtchen ist idealer Ausgangspunkt für Touren durch die Thousand Islands Region.
Der kürzeste Trip führt quasi direkt zum lieben Gott – mit Schwimmweste und Geoff Pratt als Wasser-Taxifahrer: Der gemütliche Mitsiebziger schippert Gäste per Motorboot zum Bostwick Island in die Halfmoon Bay, eine sichelförmige Bucht mit Granitkanzel und Piano. Mehr braucht es nicht für einen sonntäglichen, ökumenischen Gottesdienst.
Kollekte per Kanu
Seit 125 Jahren kommen die Menschen, oft mehr als hundert, mit Außenborder-Nussschalen und Kajaks. Boots-Messe mal anders. Die Kollekte wird per Kanu eingesammelt. Beim Abschied aus der Gebet-Bucht ruft Randy, Besitzer der Nachbarinsel, noch: "Besuchen Sie Boldt Castle, das Schloss von diesem Saucen-Millionär!".
Eine gute Stunde braucht der Ausflugsdampfer ab Gananoque dorthin. Der Captain unterhält seine Gäste derweil mit Seemannsgarn über versunkene Rumfässer (fehlgeschlagener Schmuggel über die US-Grenze während des Alkoholverbotes in den Zwanziger Jahren), zeigt Kormoran-Kolonien, majestätisch kreisende Seeadler und die mit knapp zehn Metern angeblich kürzeste internationale Brücke der Welt (zwischen einer kanadischen und einer US-Mini-Insel).
Kurz dahinter, backbord: Ein rotes Dach, übersät mit Zinnen und Türmchen, darunter grobe, graue Felssteinfassaden mit 365 Fenstern – George Boldts Märchenschloss. Am Valentinstag 1904 wollte er es seiner Louise schenken, doch leider starb sie einen Monat vorher. Boldt war erschüttert, ließ die Bauarbeiten sofort stoppen und betrat sein Heart Island nie wieder.
Das Dornröschenschloss wird wiedererweckt
Bis 1977 verfiel die Schlossruine. Seitdem wird sie für mehr als 20 Millionen Dollar wieder aufgebaut – Etage für Etage. Der halbrunde, helle Ballsaal, die plüschigen Schlafgemächer und das majestätisch-marmorne Treppenhaus sind schon zu besichtigen. Nur unterm Dach, im sechsten Stock warten noch Graffiti und Bröckelputz auf die Handwerker.
Das "Thousand Island Dressing" wäre ein ideales Mitbringsel, ist aber im Souvenirshop gerade nicht vorrätig. "Fragen Sie mal im "Thousand Islands Inn", raunt ein Besucher, "drüben in Clayton" und grinst dabei vielsagend...
Drüben, das ist US-Festland. Der Weg dorthin führt zunächst über die Panoramastraße "Thousand Islands Parkway", vorbei an einsam am Ufer dümpelnden Yachten, dann über die "Thousand Islands Bridge", einen grünen Golden Gate Bridge-Verschnitt mit bestem 360-Grad-Blick über die Inselwelt im St.-Lorenz-Strom.
Das Saucenrezept, gehütet wie das für Coca-Cola
Im abgewetzten, überladenen Büro des "Thousand Islands Inn" ist der Empfang so hart, aber herzlich wie früher bei Kojak auf der Polizeiwache. Hoteldirektor Allen Benas mustert seine Gäste durch die Windschutzscheiben seiner XXL-Brille und gibt sich erst mal wortkarg.
"Zwei Schritte vor mir", knurrt er auf die Frage, wo man denn nun das Dressing kaufen könne. "Original-Dressing", korrigiert er noch, eine Flasche aus dem Nebenraum angelnd: "Hier, als Urkunde gibt's die einzig wahre Geschichte des Dressings dazu!"
Wäre gar nicht nötig, denn Mr. Bennas wird nun doch redselig: 1973, beim Kauf des Thousand Island Inns – damals noch "Herald Hotel" – habe er das Dressing-Rezept entdeckt und halte es geheim wie die Coca-Cola-Formel. Nur drei Leute in seiner Küche kennen es und rühren danach die Sauce zusammen.
Alles nur Marketing?
Nein, nein, die Mixtur stamme nicht von George Boldts Schiffssteward – "alles nur eine Marketing-Story", sagt er mit wegwerfender Handbewegung. Vielmehr habe Sophia LaLonde, eine Fischersfrau aus Clayton die Salatsauce erfunden und sie bei Angelausflügen ihres Mannes mit prominenten Gästen eingeführt.
Einmal sei Stummfilmstar und Sängerin May Irwin dabei gewesen. "Sie hat das Rezept ans Herald Hotel und an ihren Freund George Boldt gegeben – prüfen Sie's nach, ein Brief im Heimatmuseum beweist alles."
"Nun ja", sagt Museumskuratorin Sharon Bourquin zur Salat-Legende Nummer zwei, "ich kenne Allen seit Jahren, er erzählt eben gern..." Sie fischt May Irwins Brief aus einem Archivordner. "Sophias Sauce" steht drauf, nicht "Thousand Island Dressing". Und mit den Zutaten kommt es auch nicht so ganz hin. Beweise sehen anders aus.
"Manche sagen ja, das Dressing sei in Chicago erfunden worden", wirft Sharon von der Seite ein. Nun ja, das wäre Legende Nummer drei, aber eine ganz andere Geschichte ...
















