28.09.12

Reinhold-Messner-Film

Die Einsamkeit des Gipfelstürmers

Mit einer Dokumentation setzt Reinhold Messer sich selbst ein Denkmal. Sie zeigt das Klettergenie als Extremindividualisten, der seinen Bruder bei einem Bergunfall verlor.

Quelle: Movienet/24 Bilder
21.09.12 2:00 min.
Andreas Nickel schafft mit seinem Dokudrama ein eindringliches Porträt über die polarisierende Person Reinhold Messner aus Perspektive seines Umfelds und geht nach, was den Extrembergsteiger antreibt.

Sehr früh am Morgen steht die Mutter am Heuboden. Sie weckt die Buben, der kleine Reinhold, fünf Jahre alt, geht an das Scheunentor, schiebt es auf. Im Hintergrund sind ungeheure schwarze Massen zu sehen, die Geislerspitzen in den Dolomiten, und die blaue Nacht. Es ist 1950. Die Kinder gehen mit Vater und Mutter auf den Gipfel. Der alt gewordene Bub von damals sagt: "Meine bis heute größte Bergtour".

Die bislang letzte Rolle Reinhold Messners, nach dem jungen Klettergenie, dem Extremhöhenbezwinger, dem Wüsten- und Arktisdurchquerer, dem Politiker und Naturschützer, dem Museumserfinder – ist der Historiker Reinhold Messner. Mit fast 70 Jahren ist die Deutungshoheit über die Geschichte des Kletterns seine Leidenschaft.

Natürlich geht es dem Historiker zum gerüttelt Maß um seine eigene, kanonisierte Rolle. Messner wacht über sich. Für den Spielfilm "Nanga Parbat" war er Berater, präsentierte so seine Version der Tragödie von 1970, bei der Messners jüngerer Bruder Günther umkam. Jetzt der halbdokumentarische Film "Messner". Der bayerische Filmemacher Andreas Nickel porträtiert Messner als freiheitsliebenden Extremindividualisten, immerzu geht es ums Auflehnen, Widerstände überwinden, ausbrechen. Berge sind ihm Freiheit, auch Fluchtorte.

Für die Everest-Besteigung verkaufte er den Porsche

"Ansätze eines anarchischen Lebens" gab es auf der Alm, wo die neun Messner-Kinder die Sommer verlebten. Unten im Villnösstal war es eng und der Vater herrschte streng, mit "einem grausamen Zug", wie der Psychoanalytiker Hansjörg Messner, ein jüngerer Bruder, offen zugibt. Kritik, Strafen, Prügel waren normal.

Drei Brüder sprechen in "Messner" über Reinhold, zwei Professoren, ein Chefarzt. Reinhold war der, der komplett ausbrach und vom bürgerlichen Leben nichts wissen wollte. Er kaufte sich zwar einen Porsche, verkauft ihn aber wieder, als er Geld für eine Solo-Besteigung des Everest brauchte.

Nach dem Tod Günters wollte Reinhold Messner alleine unterwegs sein, weil ihn Gruppen und Partner hinderten. Nickel zeigt ihn einsam auf Gipfel stehen, unerreichbar wie Caspar David Friedrichs Wanderer über dem Nebelmeer. Eine beschönigende Rückschau. Messner ging nicht immer alleine, zerstritt sich aber mit fast allen Partnern.

Berg-Legende Luis Trenker rückt von Messner ab

Es gibt soghafte Bilder der großen Alpenwände in diesem Film, gewaltige Hubschrauberflüge nah an die Berge heran, bis winzig klein ein einzelner Kletterer auszumachen ist. Lust und Todessehnsucht stecken in diesen Bildern, Ehrfurcht und Grandezza. Daneben stehen aber die Spielszenen mit den Messners, den Kindern wie den jungen Kletterern, und schließlich der Nanga-Parbat-Ereignisse. Die Inszenierung ist unbeholfen und bemüht und nimmt dem Film eindeutig die Kraft.

Das fällt auch auf Messner zurück, der den Film beherrscht. Messner schimpft und grantelt. Messner philosophiert. Messner lacht aber auch herzlich, was man nicht so oft zu sehen bekommt. Es ist, als suche Messner ein gültiges Bild von sich. Da ist kein Platz für Kritik. Weggefährten kommen zu Wort, sagen aber nur Schmeichelhaftes. Es bleibt Luis Trenker vorbehalten, von Messner abzurücken. Wie er ihm vorwirft, keine Ehrfurcht zu haben und nicht an Gott zu glauben, hat etwas Rührendes.

Reinhold Messner steht sich am liebsten selbst im Weg. Diesen Brocken zu umgehen, ist beinahe unmöglich.

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