14.09.2012, 13:44

Botswana Camping-Safari – Auf der Flucht vor Flusspferden

Von Stefan Frommann

Zelten zwischen angriffslustigen Kolossen, raffiniertem Ungeziefer und hungrigen Elefanten: Eine Camping-Safari durch das Okavango-Delta im Nordwesten von Botswana garantiert ein wahres Abenteuer.

Stefan Scholvin ist ein ausgesprochen mutiger Mann. Ein Typ, wie er vor Jahren in Deutschland ausgestorben ist: Kahlköpfig, mit sicherem Lächeln, der Zigarettenkippe im Mundwinkel.

Ein Bilderbuchmacho, der auf alles und jedes eine Antwort zu haben scheint, und der noch immer nach John Waynes Ausspruch lebt: "Mut ist, wenn man Todesangst hat, sich aber trotzdem in den Sattel schwingt."

Der Guide strahlt etwas Unerschütterliches aus

Geboren wurde Scholvin in Namibia. Er ist also ein Kind Afrikas und für die kommenden Tage unser Guide. Man mag ihn nicht unbedingt sofort auf Anhieb, fühlt sich in seiner Umgebung aber dennoch wohl, denn er strahlt etwas Unerschütterliches aus.

Ja, ihm würde man zutrauen, einen Löwen mit bloßen Händen niederzuringen so wie Herkules die Hydra. Er gibt einem ein Gefühl von Sicherheit. Und das brauchen wir auch. Denn wir wollen uns auf eine Camping-Safari durch Botswana begeben. Unsere Gruppe besteht aus vier Männern, sechs Frauen – und unserem Guide Stefan. Dazu Richard und Captain, die Bootsführer.

Eines der letzten großen Tierparadiese

Wir treffen uns in Maun und beladen unsere Boote mit Zelten, Schlafsäcken, Brennholz, Wasser, Bier, Steaks – einfach allem, was wir benötigen könnten in den kommenden Tagen, die uns in eines der letzten großen Tierparadiese dieser Welt führen werden: Die Wildnis des Okavango-Delta.

Das Flussdelta liegt im Nordwesten Botswanas. Mit über 15.000 Quadratkilometern Fläche ist es das größte Binnendelta der Welt. Der Okavango entspringt dem Benguela-Plateau im Hochland Angolas und fließt 1430 Kilometer, bis er irgendwo in der Kalahari versickert.

Wir fahren Richtung Norden, alle in einem Boot, bis auf Stefan, der in einem zweiten hoch oben auf den zusammengerollten Schlafsäcken thront. Er hält uns den Rücken frei und seinen dabei schön weich.

Wenn sie tauchen, droht Ungemach

Wie die Wahrheit hat auch das Delta zwei Gesichter: Das sanfte mit weißen und lilafarbenen Seerosen und das strenge, das sich nach gut einer Stunde Fahrt zeigt, mit meterhohem Schilf.

Die Wasserstraße wird immer enger mit Abzweigungen in alle Richtungen, kein Navi, nur die Erfahrung hilft einem hier wieder heraus. Je weiter wir nach Norden vordringen, desto schwieriger wird es mit dem Motorboot. An manchen Stellen ist das Wasser gerade noch eine Hand tief. Immer wieder bleibt die Schraube im Schlamm stecken.

Von rechts beobachtet uns eine Flusspferd-Familie. Eines taucht ab, und Captain gibt eilig Gas. Vor den massigen Tieren haben selbst Einheimische großen Respekt. Wenn sie tauchen, droht Ungemach.

"Camp? Ich sehe nichts."

Zwei Tonnen schwer, vier Meter lang, messerscharfe Schneidezähne – so niedlich diese Kolosse auch aussehen mögen, wenn nur ihre Augen und Ohren aus dem Wasser blitzen, sie sind ungemein gefährlich. Streng achten sie darauf, dass niemand in ihr Revier eindringt. Tut man es doch, greifen sie ohne jede Vorwarnung an.

Besonders gefährdet sind Boote – wie unseres –, die die Flusspferde mühelos umkippen könnten. Jedes Jahr werden im südlichen Afrika mehr Menschen von Flusspferden getötet als von allen anderen Tieren zusammen.

Langsam geht die Sonne unter, wir sind seit fast sieben Stunden unterwegs, als Captain das Boot in eine kleine Landzunge steuert: "Dort drüben ist unser Camp!" Eine der Frauen sagt: "Camp? Ich sehe nichts." Ein mannshoher Termitenhügel. Mächtige Bäume, in denen Affen umherspringen. Ein paar Sträucher. Mehr nicht.

Das Abenteuer hat längst begonnen

Beim Ausladen der Sachen sagt Stefan: "Gleich hier vorne kommt unsere Küche hin, ansonsten könnt ihr eure Zelte aufstellen, wo ihr möchtet." Einigen wird erst jetzt bewusst, worauf sie sich eingelassen haben, manche werden nervös.

Zumal Stefan sagt: "Hier sieht der Mensch maximal zehn bis zwanzig Prozent aller Tiere, von denen er gerade gesehen wird." Das Abenteuer hat längst begonnen. Heutzutage verschenken Menschen so genannte Abenteuer per Mausklick zu Weihnachten oder zum Geburtstag, dabei sind echte Abenteuer eigentlich nur etwas für Helden.

Spanier und Portugiesen waren große Abenteurer. Auch Tim und Struppi. Und erst recht Odysseus, der Vater aller Abenteurer. Er überstand eine zehnjährige Irrfahrt und wurde dank Homer berühmt.

Mit Stirnlampen beim Abendbrot

Wir werden nicht berühmt. Mittlerweile ist es stockdunkel, und wir sitzen mit Stirnlampen an einem langen Tisch und kämpfen verzweifelt mit hiesigem Ungeziefer. Ein ungleicher Kampf, denn die anderen sind deutlich mehr, raffinierter und mit der Dunkelheit vertrauter als wir. Stefan hat auf einem Rost über dem Lagerfeuer Lammkoteletts gebraten und einen Salat zubereitet.

Die wilde Romantik leidet ein wenig unter den ungewohnten Geräuschen aus der Ferne. Angst entsteht im Garten der Dunkelheit. Immer wieder muss einer von uns wenigen Männern eine der Damen zum Klo begleiten.

Stefan hatte ein Loch in die Erde gegraben, eine echte Toilette drauf gestellt, daneben einen Eimer Sand. Darüber stellte er ein schmales, hohes Zelt mit Reißverschlusstür.

Paviane nennt man hier "Wake-up-call"

Wir sind extrem mutig in dieser ersten Nacht, nicht unbedingt jeder für sich, aber alle zusammen. Mut und Emotion liegen schließlich ganz nah beieinander. Auch wer zugibt, dass er Angst hat, ist auf seine Art mutig. Also ist es auch Angela, die gelockte zierliche Frau, die ihr Zelt bis auf wenige Zentimeter an meines heran gebaut hat, fast wie eine Doppelhaushälfte.

Die Nacht endet irgendwann zwischen fünf und halb sechs mit lautem Geschrei. Paviane sind in Afrika so etwas wie Hähne bei uns. Sie werden von den Einheimischen "Wake-up-call" genannt, weil sie mit Sonnenaufgang anfangen zu toben. Sie rennen und springen dann umher, kreischen und rütteln an Ästen. Bis auf einen von uns, der am Vorabend seine Angst mit Rotwein abgetötet hatte, werden alle wach.

Fast alle schlafen jetzt durch

Interessant ist, dass uns schon am nächsten Abend vieles keine Sorgen mehr bereitet. Die meisten Frauen gehen allein oder zu zweit (also wie in der Heimat) zum Klo, die kleineren Tiere am Boden und in der Luft nehmen wir kaum noch wahr.

Viele verzichten gar auf ihre Stirnlampen, weil das Licht nur noch mehr Ungeziefer anlockt. Fast alle aus der Gruppe schlafen nun durch – was man von der ersten Nacht nicht behaupten konnte.

Nach dem Frühstück machen wir uns auf den Weg ins Nachbardorf Xaxaba. Von den ehemals 350 Einwohnern, die hier lebten, sind noch 150 geblieben, der Rest zog in die Stadt. Den Kindern zuliebe, denn Xaxaba verfügt über keine Schule, nur eine Bar.

Jedes Wort wäre jetzt ein Wort zuviel

Die jungen Männer im Dorf lernen zu jagen, Boote zu bauen, einen Acker zu bestellen, einen Feuerplatz herzurichten – und zu trinken. Dann sind sie erwachsen und können eine Familie gründen.

In einem Einbaumboot aus dem Stamm eines Schakalbeerenbaumes gleiten wir ein paar Kilometer das Delta hinab. Hinein in eine atemberaubende Stille. Für einen Städter hat totale Lautlosigkeit etwas Faszinierendes.

Immer mehr Menschen meditieren, um den Geist zu beruhigen. Ich empfinde diesen Moment des lautlosen Dahingleitens wie einen geistigen Striptease. Hinter mir im Wasser liegen meine Gedanken wie Hemd, Jacke und Hose. Jedes Wort wäre jetzt ein Wort zu viel.

Safari zu Fuß und ohne Gewehr

Wir legen an. John, ein junger Mann aus Xaxaba, führt nun unsere Fuß-Safari an und gibt ein paar Anweisungen: "Wenn wir Löwen begegnen, schön eng zusammen bleiben. Sie werden durch unsere vielen Gerüche verwirrt und verlieren das Interesse.

Nur, wenn wir auf Flusspferd oder Büffel treffen, rennt bitte alle los und klettert auf den nächstgelegenen Baum." John ist übrigens unbewaffnet. Kein Gewehr, keine Machete, nur die Weisheiten seines Vaters, Großvaters und Urgroßvaters hat er dabei.

Wer sich als Abenteurer versuchen will, der wird von einer Camping-Safari fasziniert sein. Man erlebt Mensch, Tier und Natur in einer Ehrlichkeit wie es sie in unserer Gesellschaft lange nicht mehr gibt. Wer gläubig ist, wird sich Gott so nah fühlen wie nie zuvor.

Eine unglaubliche Erfahrung

Wer mit anderen reist, wird meinen, sie nach wenigen Tagen besser zu kennen als langjährige Freunde. Man beschäftigt sich mit einfachen Dingen des Lebens und hat den Kopf frei für die intimsten Gespräche. Eine unglaubliche Erfahrung.

Auf gefährliche Tiere treffen wir an diesem Tag nicht. Dafür haben drei Elefanten unsere Camp-Küche zu ihrer Toilette gemacht. Als wir zurückkehren, knabbern sie ein paar Meter entfernt Blätter von den Bäumen.

Wir genießen eine Weile diesen Anblick. Das Schönste aber bleiben am Ende des Tages und nach Einbruch der Dunkelheit die Millionen Glühwürmchen über dem Okavango.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Meier's Weltreisen. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit.

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