26.08.12

Tansania

Kilimandscharo – ein Aufstieg in eisige Höhen

20.000 Touristen wollen jedes Jahr den Kilimandscharo in Tansania erklimmen, den höchsten Berg Afrikas. Viele scheitern an der Höhe. Unser Autor hat den harten Aufstieg geschafft. Ein Protokoll.

Foto: Philip Jürgens

Gipfelfoto auf dem höchsten Berg Afrikas: Der Weg hierher war nicht einfach.

24 Bilder

Bei minus 15 Grad sitze ich auf 5200 Meter Höhe in einer Steinhöhle, die etwas Schutz bietet vor dem Sturm. Meine Hände stecken in der Unterhose, weil das der einzige warme Ort weit und breit ist.

Es ist Sonntagmorgen, zwei Uhr. Neben mir steht Matthew, mein Bergführer, er hat sich gerade zum zweiten Mal übergeben. Das sei nicht ungewöhnlich in dieser Höhe, sagt er, und lässt erahnen, dass die nächsten Stunden bis zum Gipfel des Kilimandscharo kein Spaziergang werden.

Zu dünne Luft

Jedes Jahr wollen etwa 20.000 Urlauber auf den höchsten Berg Afrikas. Er gilt zwar als technisch einfach zu bewältigen, da Wanderwege nach oben führen. Doch was den Kilimandscharo so anspruchsvoll macht, ist die Höhe.

Innerhalb weniger Tage gelangt man von 1000 auf 5895 Meter. Eine zu kurze Zeit, um den Körper daran zu gewöhnen. In der Gipfelzone enthält die Atmosphäre nur halb so viel Sauerstoff wie auf Meereshöhe.

Gute Kondition, aber keine Kletterkenntnisse

Dabei hatte alles ganz entspannt angefangen. Mit meinem Freund Edmund hatte ich in einer Bierlaune beschlossen, den Kilimandscharo zu besteigen, wofür man zwar eine gute Kondition braucht, aber keine Kletter-Kenntnisse. Wir buchten den Trip von Deutschland aus, verbrachten einen Samstag im Outdoor-Laden und reisten nach Tansania.

Beliebte Marangu-Route

Da wir beide keine Camping-Fans sind, wählten wir die beliebte und komfortablere Marangu-Route. Statt in Zelten wird in einfachen Hütten geschlafen. Die ersten Etappen gelten als einfach, die letzte Etappe zum Gipfel ist aber besonders schwer, da sie über ein rutschiges und steiles Geröllfeld führt.

Unsere Guides Theo und Matthew beschreiben uns nach der Ankunft im tansanischen Moshi die Route und checken unsere Ausrüstung. Am Abend sollen wir uns ein, zwei Flaschen Kilimanjaro-Bier gönnen, das in Moshi gebraut wird, sagen sie, mehr aber nicht, denn wir haben die nächsten Tage viel vor.

Erster Tag: Mandara-Hütte auf 2700 Meter Höhe

Nach dem Frühstück geht es mit dem Kleinbus zum Marangu-Gate auf 1700 Meter Höhe. Hier wird das Gepäck gewogen und für die Träger aufgeteilt. Mehr als 15 Kilo darf niemand von ihnen schleppen, das sind die Vorschriften der Gewerkschaft.

Außer den Guides begleiten uns vier Träger, ein Koch und ein Kellner. Wir selbst tragen einen Rucksack mit drei Wasserflaschen, Regenschutz, Kamera und anderem Kleinkram.

Die Guides achten darauf, dass wir uns viel Zeit lassen: "Pole, pole" rufen sie dauernd, auf Suaheli heißt das "langsam", und langsam sollen wir gehen. Natürlich halten wir uns daran, denn wir ahnen schon, dass sich Ungeduld auf den unteren Etappen später rächen würde.

Die erste Etappe, die Mandara-Hütte, erreichen wir nach einem dreistündigen Spaziergang durch den Regenwald, vorbei an ein paar Affen, die durch die Baumkronen springen.

Zweiter Tag: Horombo-Hütte auf 3700 Metern

Kellner Joseph bringt eine Schale, die drei Zentimeter hoch mit Wasser gefüllt ist. Wir waschen uns so gut es geht, frühstücken Haferschleim und machen uns auf den Weg zum nächsten Camp. Knapp zwölf Kilometer geht es durch Moor- und Heideland.

Langsam macht sich mit leichten Kopfschmerzen die Höhe bemerkbar, und das Laufen wird anstrengender. Bei 3700 Höhenmetern erreichen wir die Horombo-Hütte. Wir frieren im Schlafsack trotz Thermo-Unterwäsche, Fleecejacken und Handschuhen.

Dritter Tag: Akklimatisation

Heute geht es auf 4200 Meter Höhe zu den schwarz-weiß gestreiften "Zebra Rocks" und wieder zurück zum Camp. "Walk high, sleep low", lautet die Formel für die Akklimatisation. Der Körper soll sich langsam an die Höhe gewöhnen. Den restlichen Tag spielen wir Karten. Zum Abendessen gibt es Reis mit Gemüsesoße.

Der Appetit hat im Vergleich zur vorigen Hütte nachgelassen, wir zwingen uns trotzdem zum Essen, denn die Energie werden wir brauchen. Doch die zweite Nacht auf 3700 Meter Höhe wird für meinen Begleiter noch härter als die erste, er macht kein Auge zu, hat Atemnot und geschwollene Hände.

Vierter Tag: Kibo-Hütte auf 4700 Meter Höhe

"Sofort runter!", entscheiden die Bergführer rasch, als sie am Morgen seinen Zustand sehen. Edmund lässt mir ein paar warme Sachen da und macht sich in der Morgensonne mit Guide und einem Träger an den Abstieg. Noch am Abend höre ich die beruhigende Nachricht, dass seine Höhenkrankheit-Symptome mit abnehmender Höhe schnell wieder verschwunden sind.

Für mich und das restliche Team geht es weiter nach oben. Nächstes Ziel ist die Kibo-Hütte auf 4700 Meter Höhe. Nach dem Moorland erreichen wir die Alpinwüste, hier gibt es kaum noch Pflanzen und Tiere. An der letzten Wasserstelle füllen die Träger noch einmal die Kanister.

Hagel und Eiseskälte

Plötzlich ziehen Wolken auf. Stecknadelgroße Hagelkörner prasseln auf die Regenjacken. Es wird windig und kalt. Zwei Stunden später erreichen wir einen Steinbau mit meterdicken Wänden, davor ein paar eingeschneite Zelte.

Die Kibo-Hütte ist ein trostloser Ort. Gesprochen wird wenig, kleinste Bewegungen sind anstrengend und bringen mich außer Atem. Wasser gibt es hier nur zum Trinken, nicht zum Waschen. Jeder Tropfen ist kostbar.

Ab 17.30 Uhr kriechen alle in ihre Schlafsäcke. Fleecepullis und Socken werden mit in den Schlafsack genommen, damit die Sachen in den Stunden auf der Hütte nicht nass werden. Wer mit feuchten Socken startet, kann den Gipfel gleich vergessen. Bei der dünnen Luft ist Schlafen jedoch fast unmöglich.

Fünfter Tag: Auf dem Uhuru Peak auf 5895 Meter Höhe

Der Tag beginnt heute schon eine Stunde vor Mitternacht. Nach ein paar Keksen und Tee checkt Matthew mein Outfit: Vier Bekleidungsschichten an den Beinen und sieben Schichten am Oberkörper. "Das genügt", sagt er. "Let's go for the summit", auf zum Gipfel! Wir schalten die Stirnlampen ein und laufen durch die minus 15 Grad kalte Nacht. "Pole, pole" geht es mit kleinen Schritten den Berg hinauf.

Nach drei Stunden erreichen wir die Hans-Meyer-Höhle, benannt nach dem deutschen Erstbesteiger des Kilimandscharo, der 1889 den Gipfel erreichte. Wir arbeiten uns in Serpentinen weiter nach oben und bleiben nur zum Trinken stehen.

Wir klettern mit Händen und Füßen

Matthew leuchtet mir immer wieder mit der Stirnlampe in die Augen, um zu sehen, ob sich Anzeichen der Höhenkrankheit zeigen. Die Strecke wird steiler, die letzten 50 Höhenmeter bis zum Kraterrand bestehen aus meterhohen Felsbrocken. Wir müssen mit Händen und Füßen klettern.

Außer Atem erreichen wir den Kraterrand am Gilmans-Point – offiziell gilt dieser Aussichtspunkt schon als Besteigung des Kilimandscharo. Doch wir wollen weiter bis zum Uhuru Peak, der Spitze.

Das letzte Stück ist zwar weniger steil, allerdings haben die meisten Wanderer sich bis dahin derart verausgabt, dass die zwei Stunden vom Kraterrand bis zum Gipfel die größte Qual des Aufstiegs sind.

Geschafft: Auf dem Gipfel

Das Erreichen des Uhuru Peak entschädigt für alles. Euphorisch treffen bei Sonnenaufgang die Wanderer der verschiedenen Routen auf 5895 Metern ein, fotografieren und beglückwünschen sich vor den Gipfelschildern. Die Strapazen sind in den vereisten Gesichtern zu sehen, aber auch das Glücksgefühl, es endlich geschafft zu haben auf den höchsten Berg Afrikas.

In die Freude mischt sich das Erstaunen darüber, dass die Eisfelder um uns herum tatsächlich mitten in Afrika liegen. Schon der Rebmann-Gletscher, dessen 40 Meter hohe Eiswände im Morgenlicht von Orange bis Blau spiegeln, wirkt wie eine Halluzination.

Das Gipfelglück währt nur 15 Minuten – allzu lange sollte man sich in dieser Höhe nicht aufhalten. Und man will mit Sicherheit nicht zu denjenigen gehören, die wegen Erschöpfung nach unten getragen werden müssen.

Sechster Tag: Der Rückweg

"Hast du es geschafft?", lautet die häufigste Frage, die entgegenkommende Wanderer dem Absteigenden stellen. Euphorisiert vom Gipfelerfolg berichtet man anfangs noch jedes Detail. Irgendwann reduziert sich dies jedoch auf ein kurzes Nicken und gute Wünsche für den Aufstieg.

Am Nationalpark-Tor erwartet mich schon Edmund. Ihm geht es wieder prächtig, er hat das Nachtleben von Moshi kennengelernt, während ich mich zum Gipfel gequält habe. Wir verteilen Trinkgelder an das Team und verschenken T-Shirts, Handschuhe und Mützen.

Am Abend geht es im Hotel unter die Dusche. Und weil der Flieger Richtung Berlin erst am nächsten Tag abhebt, ist auch noch Zeit für ein paar kühle Flaschen Kilimanjaro-Bier.

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Tipps für den Kilimandscharo
  • Anreise

    Zum Beispiel direkt mit Condor (www.condor.com) von Frankfurt, mit KLM über Amsterdam (www.klm.com) zum Kilimanjaro International Airport, weiter mit dem Taxi ins 30 Kilometer entfernte Moshi.

  • Angebote

    Achttägige Trekkingtouren mit Flug, Transfer, Verpflegung, Bergteam, Gebühren und Unterkünften kosten etwa 1800 Euro, buchbar etwa bei Moja Travel (www.moja-travel.net), Elefant Tours (www.elefant-tours.de) oder Chamäleon Reisen (www.chamaeleon-reisen.de). Verbunden wird das Abenteuer oft mit einer Safari im Serengeti-Nationalpark oder Badeurlaub auf Sansibar (14 Tage ab 3399 Euro, Chamäleon Reisen).

  • Voraussetzungen

    Wer auf den Gipfel will, braucht keine Bergsteiger-Kenntnisse, sollte aber eine gute Grundkondition haben und sich vorher medizinisch durchchecken lassen. Die Höhenverträglichkeit kann nicht getestet werden. Die Reiseanbieter empfehlen ein Mindestalter von 14 Jahren.

  • Auskunft

    Botschaft von Tansania, www.tanzania-gov.de; Reisetipps: www.tanzania-network.de

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