21.08.12

Himalaja

Biken in Bhutan – auf der Suche nach dem Glück

Bhutan hat das Seelenheil seiner Bewohner zum Staatsziel erklärt. Das lässt sich auch auf zwei Rädern finden. Die Tour durch das Königreich kostet Kraft, löst aber ungewohnte Glücksgefühle aus.

Foto: picture alliance / Kim Walker/Ro

Bhutan ist ein kleines Königreich im Himalaja, wenig größer als die Schweiz.

25 Bilder

Whalewatching in Chile, Bungee-Jumping in Neuseeland oder zur Kaffeeernte auf eine Kooperative nach Nicaragua – das hat heutzutage jede bessere Volkshochschule im Programm. Aber zum Biken nach Bhutan? Das ist so ungewöhnlich wie abenteuerlich.

Denn das Königreich im Himalaja, so groß wie die Schweiz, hat ein Straßennetz von gerade einmal 8000 Kilometern. Zum Vergleich: Die Schweiz besitzt 71.000 Kilometer. Außerdem hat Bhutan sehr viel höhere Berge, die bis auf 7554 Meter hinaufreichen, das macht eine Radtour zu einer ziemlichen Herausforderung.

Der Flughafen ist nichts für Ängstliche

Das Land hat nur einen Flughafen. Der liegt derart zwischen den Bergen eingeklemmt, dass ihn nur eine Handvoll Piloten der königlichen Druk Air mit Sonderlizenz anfliegen dürfen.

Auch wenn man kein passionierter Mountainbiker ist, ist man jedenfalls froh, nach einem schweißtreibenden Landemanöver in Paro auf einem Fahrradsattel zu sitzen und sich pfeifend zum ersten Ausflug aufzumachen. Allerdings reichen für einen Flachlandtiroler die 2500 Meter Höhe – und er pfeift aus dem letzten Loch.

Von unserem Hotel, das auf einem Hügel außerhalb Paros liegt, fahren wir erst mal wieder am Flughafen vorbei. Eine schmale Ruckelpiste entlang der Landebahn. Wir teilen sie uns mit indischen Tata-Kleinwagen, Lastwagen und kleinen Kühen, die apathisch mitten auf der Straße rumstehen.

Kaum einen Kilometer später werden wir von bewaffneten Soldaten aufgehalten. Haben wir etwas falsch gemacht? Nein, nein, beruhigen uns Yarab und Ugyen, unsere Guides. Wir müssen wie alle anderen warten, bis die Maschine aus Bangkok gelandet ist. Die kommt im Anflug der Straße nämlich gefährlich nahe.

Raben ziehen krächzend ihre Kreise

Nach 20 Minuten Wartezeit können wir endlich weiterfahren. Immer am glasklaren Fluss entlang mit Blick auf Reisterrassen, tibetisch anmutende Gehöfte, auf deren Dächern Chilischoten zum Trocknen in der Sonne liegen, und dicht bewaldete Berge geht es Richtung Hauptstadt Thimphu.

Schön ist das, noch haben wir Puste, aber langsam beginnt sich die Strecke zu ziehen. Spätestens eine Stunde und zahlreiche Kehren später ist man dankbar für die dick gepolsterte Radlerhose, die den sonst nur an Bürostühle gewohnten Allerwertesten vor allzu großer Beschädigung bewahrt.

Dabei steht die größte Schinderei noch bevor. Denn nach gut zwei Stunden biegen wir von der Hauptstraße ab auf einen ausgewaschenen Feldweg, der sich die Hügel hochwindet. Raben kreisen krächzend über uns, als witterten sie in den keuchenden Radlern willkommene Beute. Immer wieder heißt es: Absteigen und verschnaufen.

Ein Leben fernab der Zivilisation

Endlich haben wir unser Ziel erreicht und betreten durch ein Tor japsend die hoch über dem Tal gelegene Klosterburg Dorje Chokhor Dzong. Kleinwagendicke Zedern umstehen das früher mal als Gefängnis genutzte Ensemble, in dem heute rund 40 Jungen leben.

Ein entbehrungsreiches Dasein, ohne Strom und fern der ohnehin spartanischen Zivilisation Bhutans. Und doch in Sichtweite der Straße der Sehnsucht vieler Bhutaner. Unten im Tal verläuft sie, sechs Stunden nach Süden, dort ist Indien.

Dort gibt es all das zu kaufen, was die junge Demokratie Bhutan aus lauter Furcht vor zu viel Verwestlichung ihren Bürgern versagt. Zum Beispiel Zigaretten, deren Verkauf im ganzen Land seit 2003 verboten ist und die man seit fünf Jahren auch nicht mehr in der Öffentlichkeit rauchen darf.

2012 werden 100.000 Touristen erwartet

Auf dem Rückweg nehmen wir nach fünf Kilometern, den Jetlag und die Herfahrt noch immer in den Knochen, das Angebot, in den Kleinbus des Hotels umzusteigen, dankbar an. Das Hotel, in unserem Fall das "Uma Paro", ist eine Oase in einem ansonsten touristisch kaum entwickelten Land.

2010 kamen 41.000 Besucher, im vergangenen Jahr waren es immerhin schon 64.000 und 2012 soll endlich die 100.000er-Marke geknackt werden, erzählt die Chefin des Tourist Board in Thimphu.

Die Regierung wacht über das Glück

Bhutan machte vor ein paar Jahren Schlagzeilen im Westen, als jemand vermeldete, das Land habe sich vom Bruttosozialprodukt zugunsten eines Bruttoglücksprodukts – Gross National Happiness – verabschiedet. Auf seinen vier Säulen – Bewahrung der Kultur, Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit und eine "gute Regierung" – ruht alles Wirtschaften im Land.

Vor allem unser Reiseführer Yarab strickt es so geschickt in jede noch so belanglose Unterhaltung ein, dass uns neben Atemnot bald auch eine Überdosis Happiness heimsucht. Seit gut 15 Jahren, als König Jigme Singye Wangchuck demokratische Reformen einleitete, wacht die Regierung streng darüber, dass das allgegenwärtige Glück nicht gestört werde.

Heute regiert der Junior, Jigme Khesar Namgyel Wangchuck, der mit seiner prunkvollen Hochzeit im Oktober vergangenen Jahres sein kleines Land ein zweites Mal in die Weltpresse beförderte.

Bhutan will kein zweites Nepal werden

Selbstverständlich ist dem nationalen Glück auch der Tourismus unterworfen, den Bhutan umweltschonend und sozial verträglich entwickeln möchte. Denn wenn Bhutan eines nicht werden will, dann ist das ein zweites Nepal, das Horden Erlösung oder Rausch suchender Aussteiger, Yogis, Trekkingbrüder und Bergsteiger gründlich ruiniert haben.

Ein Ergebnis der bhutanischen Glücksvorstellung ist, dass wir nun, ganz naturverträglich, mit dem Mountainbike durch den Himalaja kurven. Doch zunächst wandern wir vom Chelela-Pass, auf 4000 Metern Höhe, durch stattliche Kiefern- und Tannenwälder, die hier trotz der Höhe wachsen. Ein Bach treibt eine Gebetsmühle an, unter Felsvorsprüngen erinnern tönerne Miniatur-Stupas an die Toten.

Nach einem Kurzbesuch in einem der wenigen Frauenklöster des Landes, das wie ein Adlerhorst in 3700 Metern Höhe am Fels klebt, treffen wir wieder auf Yarab, der mit den Rädern auf uns wartet.

Endlich geht es bergab. Wir rollen Kehre um Kehre durch die Kiefernwälder. Nur an schattigen Stellen muss man aufpassen, denn hier bildet sich früh Raureif. Aber 25 Kilometer später kommen wir heil ins Tal. So macht Biken gute Laune. Unser Bruttoglücksprodukt ist deutlich gestiegen.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Anbieter Rose Travel. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unab- hängigkeit finden Sie unter www. axelspringer.de/unabhaengigkeit.

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Tipps für Bhutan
  • Anreise

    Zum Beispiel von Frankfurt oder München mit Thai Airways nach Bangkok, weiter mit Druk Air nach Paro.

  • Einreise

    Die Einreise ist grundsätzlich nur als Tourist oder als Gast der Regierung möglich. Besucher müssen ihre Reise über eines der registrierten Reiseunternehmen Bhutans buchen. Sie können dies entweder direkt oder über die Auslandsvertretungen dieser Unternehmen tun.

  • Beste Reisezeit

    März bis Mai und September bis November.

  • Veranstalter

    Bhutan berechnet pro Reisetag eine Gebühr von 240 Dollar, für Individualtouristen 200 Dollar. Rose Travel organisiert eine Radreise mit dem „Uma Paro Resort“: Sieben Nächte in Bhutan mit Zwischenstopp im Hotel „Metropolitan“ in Bangkok kosten ab 4090 Euro pro Person im Doppelzimmer. Reise-Service Heinz in Moosburg bietet individuelle Radrundreisen durch das Königreich an, zum Beispiel kosten zwölf Tage ab/bis Deutschland ab circa 4500 Euro pro Person im Doppelzimmer.

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