19.08.12

Entdeckungstour

Alles im Fluss auf Thailands Schwimmenden Märkten

Souvenirs, Skelett-Köpfe und Schnecken für ein gebrochenes Herz: Die Schwimmenden Märkte rund um Bangkok stecken voller Attraktionen. Und je früher man kommt, umso frischer sind die Waren.

Foto: picture-alliance / united-archiv

Markttag in Thailand: In der Provinz Samut Songkram südwestlich von Bangkok gibt es ein dichtes Netz von Kanälen, das die Bauern nutzen, um ihre Waren zu transportieren – und zu verkaufen.

13 Bilder

Die Landschaft ist flach und zersiedelt, fast fad. Anderthalb Fahrtstunden südwestlich von Bangkok, und die Provinz Samut Songkram scheint außer schmucken Reihenhäuschen – die einst der autoritäre Reformer Thaksin für ärmere Menschen bauen ließ – nicht viel zu bieten.

Bis linker Hand diese Kokosnuss-Plantagen auftauchen und dazwischen die ersten westlichen Besucher auf Fahrrädern. Zwar nicht in touristischer Bataillonsstärke, aber zahlreich genug, damit man ihnen mit Interesse folgt.

"Die fahren nach Tha Kha – die wissen Bescheid", sagt der lokale Guide vergnügt. Ihn freut vor allem, dass ausländische Gäste nicht nur die in jedem Reiseführer angepriesenen "Schwimmenden Märkte" heimsuchen, sondern sich auch hierher ins Abgelegene wagen.

Das Dorf Tha Kha liegt inmitten von Kanälen

Das Dörfchen Tha Kha ist der Mittelpunkt eines symmetrischen Systems von Kanälen, auf denen Bauern mit ihren Kanus und Booten vorgefahren kommen, um anderen Einheimischen Fisch zu verkaufen, Fleisch, Blütenkränze, Gewürze und den aus dem Saft der Kokosnuss gewonnenen Zucker.

Auch Mönche und Pilger auf dem Weg in die nahegelegenen Tempel kaufen bei den Boot-Bauern ein. Das macht den Lärmpegel auf diesem Schwimmenden Markt erträglich: Statt lauttönigem Waren-Anpreisen und hochtönigem Kreischen herrscht ein geschäftiges Summen und Zwitschern.

Kein zu lautes Geräusch lenkt von diesem starken Bild ab: Hier wandeln Menschen über die Holzstege am Ufer, dort gleiten Boote auf dem Wasser, hinein in die gekräuselten Schatten der Palmenkronen, um anschließend unter diesen Dach ihre Waren feilzubieten.

Wahrscheinlich gibt es keinen besseren Weg, sich dem Universum von Thailands unzähligen Wassermärkten zu nähern, als von dieser Peripherie aus.

Gebraten, gesotten, gekocht – alles schmeckt

"Tha Kha", sagt unser Guide deshalb noch einmal ausdrücklich, denn im Unterschied dazu dürfte der wiederum eine Fahrtstunde entfernte Damnoen Saduak bereits sattsam bekannt und unter den Märkten das sein, was die Bangkoker Sukhumvit- oder Silom Road unter den Straßen ist: Einkaufs-Mekka aller Individual- und Gruppenreisenden.

Zwischen Geldautomaten und parkenden Reisebussen geht es über eine Brücke hinunter zum Kanal, der mit Booten bereits vollgestopft ist. Aber schön – das Geständnis sei erlaubt – ist es trotzdem.

Wie die Händler herangepaddelt kommen! Wie hier alte Mütterchen mit runden Hüten und ebenso runden Gesichtern alles feilbieten: Von gelben Miniaturbananen über rostrote Shrimps zu hellbraunen Hähnchenspießen, flankiert von Schalen jadegrüner Gewürze und knalligen Chilis! Gebraten, gesotten oder siedend heiß gekocht – ein Genuss.

Der überdies nur bis elf Uhr morgens geboten wird, damit das Verkaufte immer frisch ist und nicht in der Tageshitze verrottet. Apropos: Wie unerwartet proper es hier ist inmitten all des Gedränges, der zahlreichen Nudelrestaurants und endlosen T-Shirt- und Souvenirstände, der röhrenden Elefanten und der narkotisierten Python am Ufer, die ein findiger Verkäufer als Fotomotiv anbietet ("Make photo with snake, just 100 Baht!").

Amphawa überrascht mit alten Holzhäusern

Waren in Tha Kha und Damnoen Saduak die Flusskanäle mit ihren Booten die eigentlichen Blickfänger, so bietet das nahe gelegene Amphawa noch etwas mehr: Seine überaus sehenswerten Ufer-Gebäude – traditionelle Holzhäuser aus dem 19. Jahrhundert, aufwendig geschnitzt und liebevoll restauriert.

Und so ergreift uns hier zum ersten Mal wieder jenes nostalgische Fernost-Gefühl, von dem man schon dachte, es finde wohl nur noch im stillen Laos, hunderte Kilometer nordöstlich, eine Heimstatt.

Wie wunderbar ist dieses vor allem bei einheimischen Touristen so beliebte Amphawa: Schnitzwerk-Balkone, stille kleine Pensionen und zum Fluss hin Freitreppen, auf denen man im Schatten von Sonnenschirmen lagern kann, einen Spieß zitronenbeträufelt gegrillter Tintenfische in der Hand oder ein Schälchen mit salzigen Eiern oder Muscheln in Mangosoße, dazu Reisbällchen auf Bananenblättern.

Der König lächelt von jeder Wand

Allgegenwärtig ist der König: Einer der vor allem für Thais gedachten Läden bietet gerahmte Fotografien jeglicher Größe an, die den allseits verehrten und inzwischen 85-jährigen König Bhumibol in jeder Lebensphase zeigen: als kahlrasierten Mönch, als wissensdurstigen Landwirtschaftsexperten, als gekröntes Haupt oder mitsamt der royalen Kinderschar im gelbstichigen Polaroid-Protz der 70er-Jahre.

Ob man eventuell auch den Hehler-Markt von Bangkok zu sehen wünschte, unter der Klong-Thon-Brücke nahe Chinatown, fragt der Guide. Nein. Wir bleiben lieber an der Peripherie und machen andere Entdeckungen.

Etwa am Ufer des Chao-Phraya-Flusses, auf dem bis 15 Uhr geöffneten Wochenendmarkt von Taling Chan, eine knappe Stunde nordwestlich der Hauptstadt. Auch hier lässt sich nämlich etwas über den sprichwörtlichen Pragmatismus der Thais erfahren.

Zwischen den Marktständen befinden sich zwei Bassins im ersten, dem Karpfen-Areal, wird den Fischen mit religiöser Andacht gehuldigt: Füttern erlaubt, Essen verboten.

Auch Schildkröten werden feil geboten

Dafür kann man sich am zweiten sogleich per Fingerschnipsen aussuchen, welche Tiere man aus dem Wasser geschöpft haben möchte: Schnecken für ein gebrochenes Herz, Aale gegen körperliche Krankheiten oder zur Sicherheit eine Schildkröte für ein langes Leben.

Politisch korrekte Falten auf der Stirn des Besuchers, unentwegtes Lächeln der Thais, akustisch untermalt von zirpender einheimischer Pop-Musik. Nichts erinnert in diesem zeitlosen Dorf-Idyll an die dunklen Weltkriegsjahre unter japanischer Besatzung, als gleich hinter den Marktständen thailändische Zwangsarbeiter eine Brücke hatten bauen müssen. Ein Stahlungetüm, das heute noch steht.

Noch authentischer, um nicht zu sagen: schräger, wird es eine halbe Stunde flussabwärts auf dem Tempelmarkt Wat Saen Siritham: Just hinter den Ess-Ständen sitzt eine weiß gewandete Puppe mit Skelett-Kopf und führt unter dem scheppernden Singsang einer Tonbandstimme immer wieder ihre zusammengefalteten Hände zum Toten-Schädel – eine Bitte um milde Spenden für jene Ärmsten, die sich kein Begräbnis leisten können.

Daneben wiederum werden Lose verkauft, während andere Marktbesucher um eine grasüberwachsene Mini-Pagode trippeln, auf der man die beschädigten Skulpturen kleiner Buddhas entsorgen kann: Second-Hand auf thailändisch. Anrührende Rätselhaftigkeiten und Entdeckungen, die das stille Umland der Millionenstadt Bangkok noch immer jedem bietet, der etwas Zeit mitbringt und unvoreingenommene Neugier.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Thai Airways und dem Thailändischen Fremdenverkehrsamt. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit.

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