17.08.2012, 16:34

40 Jahre Interrail Algarve! Sonne! Trinken! Tanzen! Frei sein!

Foto: privat

Von Sabine Menkens

Tausende Jugendliche reisen mit dem Interrail-Pass. Das war auch schon vor 25 Jahren so, mit dem Unterschied vielleicht, dass damals alles wilder, spontaner, ausgeflippter war, meint unsere Autorin.

Zugegeben, ich hatte ein bisschen Bammel. Aber ich war 17 und brauchte das Abenteuer, und deshalb stieg ich eines schönen Augusttages 1986 mit meiner Freundin und zwei Jungs aus unserer Schule in einen D-Zug nach Paris.

Es war nicht der erste Urlaub ohne Eltern, das nicht, aber der erste auf eigene Faust, und wir waren entschlossen, endlich das wahre Leben zu entdecken: wild, spontan, ausgeflippt.

Die Eintrittskarte in diese Welt war ein kleines braunes Stück Pappe, ein "Angebot für junge Leute unter 26 Jahren", einen Monat durch Europa, 2. Klasse, so weit die Räder rollen. Mehr Verheißung ging nicht.

Wirklich vorbereitet waren wir nicht auf diese Reise, nur das Ziel stand fest: So weit im Süden wie irgend möglich wollten wir sein, weg, weit weg von zu Hause. Algarve! Sonne! Trinken! Tanzen! Frei sein!

Bob Marley gab den Takt vor

Dass dieser arrogante französische Frühstückskellner beim Zwischenstopp in Paris das nicht unmittelbar begreifen wollte, war ja nicht unsere Schuld. Die paar Rucksäcke zwischen den Bistrostühlen? Mon dieu, da muss man sich halt mal locker machen. C'est la vie!

Wir warfen unsere in behüteter Vorstadtsozialisation erworbenen Standards ja schließlich auch beherzt über Bord. Der Zug voll – na und? Auf dem Gang liegt es sich sowieso viel entspannter.

Schlafsack ausgerollt und lang gemacht, irgendwer wird schon noch einen Joint kreisen lassen, dann schläft es sich auch besser. Je voller der Zug, desto mehr Geschichten gab es schließlich zu erzählen. Und dazu krähte Bob Marley. Wenn es ideal lief.

Unser Budget war schmal, ausgelegt auf Campingplatz, maximal auf Billigpension mit Viererzimmer, aber selbst das bisschen Geld sparten wir lieber, indem wir möglichst viele Nächte im Zug verbrachten.

Ein Rucksack voller Ravioli

So dreist wie die Engländer, die sich einfach mit einem Schild "Ich habe Hunger" an die Straße setzten, um Geld für die abendliche Strandparty zu schnorren, waren wir nicht. Da hatten wir unseren Stolz. Dann lieber Ravioli aus der Dose überm Gaskocher.

Spießig durfte man nicht sein als Teil dieser großen, eingeschworenen Interrail-Gemeinschaft. Man erkannte sich, nicht nur an den Utensilien (Rucksack, Bierflasche), sondern auch am Blick: Neugierig, offen, bereit für das Abenteuer. Was immer das heißt.

Ich führte damals ein Reisetagebuch. Wenn ich heute darin lese, dreht sich mir der Magen um bei der Vorstellung, meine Töchter machten sich dereinst genauso naiv auf den Weg wie ich damals. Doch wir fühlten uns unverwundbar. Und weil wir uns so fühlten, waren wir es vielleicht auch.

Polizeirazzia in Lissabon

Die Geschichte in Lissabon zum Beispiel. Wir wollten feiern gehen, und weil wir es nicht besser wussten, ließen wir uns von einem Türsteher im Vergnügungsviertel in eine dunkle Kellerdisco locken.

Sicher, es kam uns schon etwas seltsam vor, dass alle Männer hier gesetzten Alters und alle Mädchen höchstens 18 waren. Als die Polizei dann hereinstürzte und "Policia! Razzia!" rief, waren alle Frauen plötzlich durchs Klo getürmt, nur wir blieben verdattert sitzen.

Es hat dann zwei Stunden gedauert, bis wir die Beamten davon überzeugen konnten, dass wir nur tanzen gehen wollten. Und dann der schwarzfüßige Traveller, dem ich auf dem Lissaboner Durchgangsbahnhof Barreira aus purer Menschenfreundlichkeit mein Ohr lieh.

Anschließend hatte ich Probleme, seine Einladung zum Kommunistenfestival und zum Aufbau einer spontanen Liebesbeziehung auszuschlagen. Geschenkt.

Am Traumziel angekommen

Alle Strapazen waren vergessen, als wir endlich an unserem Traumziel angelangt waren. Überflüssig zu erwähnen, dass die Algarve vor 26 Jahren noch bedeutend paradiesischer war als heutzutage. Kleine Städtchen, unverbaute Buchten, nur Steilküste, Sonne und Meer.

Beim Schwimmen dort habe ich zum ersten Mal gespürt, wie sich das Glück anfühlt, ganz bei sich selbst zu sein: wie eine große Blase, die langsam in dir aufsteigt und dann an der Oberfläche zerplatzt, um dich einzuhüllen wie warme Watte.

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