15.08.12

Lese-Lust

Reich der Mitte, Reich der Rätsel

Star-Fotograf Marco Paoluzzo wirft im Bildband "China Memories" einen neuen Blick auf das Riesenreich. Er zeigt Sympathie für einzelne Personen, selbst Uniformierte. Das hat auch persönliche Gründe.

Foto: Benteli Verlag

Ein kleines Mädchen versteckt sich in der Stadt Kashgar hinter einem Schleier.

10 Bilder

Eine Chinesin mit derbem Arbeitergesicht, Zigarette im Mundwinkel und im Hintergrund der abblätternde Putz eines dämmrigen Treppenhauses. Ist der wuchtige Pelzkragen ihres Mantels aus Synthetik oder womöglich sogar echt, signalisiert ihr skeptischer Blick Resignation oder nicht doch Selbstsicherheit?

Wenn Bilder Fragen dieser Art provozieren, geht es nicht nur um Äußerlichkeiten. Im Gegenteil: Dann hat es der Fotograf vermocht, einen Oberflächenmoment mit einer Kraft zu bannen, der sich selbst visuell verwöhnte Kunstbetrachter nicht entziehen können.

Die jeweils ganzseitigen Schwarzweißfotografien in dem deutsch-englischen Bildband "China Memories" ziehen uns mitten hinein in die Rätselhaftigkeit des gerade zur Weltmacht aufsteigenden "Reichs der Mitte" und machen bewusst, wie wenig wir im Westen doch wissen von diesem Riesenland zwischen Mao-Kult und autoritärem Kapitalismus.

Der 1949 im schweizerischen Biel geborene Fotograf Marco Paoluzzo hat bereits mehrere preisgekrönte Bildbände veröffentlicht, doch nähert er sich China nicht als Routinier, sondern als permanent verwunderter, skrupulöser Reisender. Denn mögen die Wolkenkratzer Shanghais im illuminierten Nachtnebel auch glänzen wie die Skyline von Manhattan – Voraussetzungen und Gegebenheiten sind hier gänzlich andere.

Der Parteistaat ist überall

Noch immer nämlich – ein weiteres Augenöffner-Bild – dominiert der diktatorische Parteistaat: Rechts im Bild eine anachronistisch wirkende Mauer mit den Reliefs von Mao und zwei voran stürmenden Soldaten, Gewehre und die berühmt-berüchtigten Mao-Bibeln in den Händen – und dazu links die chinesische Moderne in Gestalt einer drehbaren Überwachungskamera.

Auch das spürt der Betrachter: Wer den Blick für solche Konstellationen hat, ist alles andere als ein Naivling. Im Vorwort zu seinem Buch erzählt Marco Paoluzzo von seinen jahrzehntelangen Versuchen, nach China zu reisen und dort zu fotografieren: "Über die in den Medien berichteten Geschehnisse während der Kulturrevolution empört, gab ich meine ursprünglichen Projekte auf, um andere Horizonte zu suchen.

Mao übernahm erneut die Zügel, und eine Bleidecke senkte sich über das Land. Als sich die Lage 1989 zu bessern begann, verlor ich angesichts der Ereignisse auf dem Tian'anmen-Platz erneut jede Hoffnung, jemals in dieses Land zu reisen."

Der chinesischen Ehefrau gewidmet

Bis es einige Jahre später dann doch zu einem Besuch kommt, Marco Paoluzzo in Shanghai einige Fotografien ausstellen kann – und am Tag der Vernissage seine zukünftige chinesische Ehefrau Feifei kennenlernt, der jetzt diese "China Memories" auch gewidmet sind.

Vermutlich sind es derlei Lebenserfahrungen, die den Schweizer Fotografen davor bewahren, Wortblasen-Stereotype à la "Zwischen Tradition und Moderne" zu bebildern. Vielmehr hat er einen Blick für Situationen, in denen das Gewöhnliche neben dem Exaltierten, das Alltägliche neben dem Artifiziellen steht.

So sehen wir weiß geschminkte, mit Masken geschmückte Darsteller eines Frühlingsfestivals in der Provinz Shaanxi, die im vollen Ornat an einer Bushaltestelle warten oder auf einem unwirtlichen Dorfplatz auf einem geparkten Moped sitzen.

Gewinner oder Verlierer?

Sind diese Schausteller nun Modernisierungsgewinner oder Verlierer? Klettern die Fensterputzer, die wir auf einem anderen Bild sehen, karrieretechnisch nach oben oder bleiben sie lediglich ein willkürlich austauschbares Zubehör des ökonomischen Booms? Die nahe Zukunft wird Antworten liefern, doch schon jetzt machen wir dank Marco Paoluzzos Fotografien eine ganz wunderbare Entdeckung.

Aus der einstigen "gelben Masse im Mao-Look" werden unverwechselbare Gesichter. Sogar die Uniformierten, die sich für ein Gruppenbild ablichten lassen, haben keineswegs uniforme Physiognomien, sondern zeigen uns – verschmitzt oder gelangweilt, grimmig oder ironisch – ganz unverfälscht Aspekte ihrer Charaktere. Nach den blutigen Kollektiv-Experimenten des 20. Jahrhunderts verwandeln sich Untertanen nun langsam wieder in Individuen, wie fragil auch immer. Und apropos: Der Blick der eingangs erwähnten Arbeiterin ist wohl tatsächlich eher selbstbewusst als resignierend.

Marco Paoluzzo: China Memories. Benteli Verlag Bern, 180 Seiten, gebunden, 49,80 Euro

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