07.08.12

Ruinierte Ruinen

Touristen entzaubern Kambodschas Tempelanlage

Angkor Wat ist als Herzstück des alten Khmer-Königreichs die Hauptattraktion von Kambodscha und Unesco-Weltkulturerbe. Doch die einzigartige Tempelanlage leidet schwer unter dem Ansturm der Touristen.

Foto: picture alliance / dpa

Die Tempelanlage Angkor Wat als Herzstück des alten Khmer-Königreichs ist nicht nur die Hauptattraktion von Kambodscha...

20 Bilder

Meine Tante Elisabeth hat ein Faible für alte Kulturen – und ein erstaunlich sicheres Gespür, auf ihren Reisen stets zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. So besuchte sie bereits Anfang der 90er-Jahre die Tempelanlagen von Angkor Wat – damals noch eine exotische Destination.

Nach ihrer Rückkehr schwärmte sie von der "familiären Atmosphäre der kleinen Gästehäuser", den Garküchen an den Straßenecken von Siem Reap und natürlich von den imposanten Ruinen. Die habe sie mit ihrer Reisegruppe fast für sich allein erkunden können. Wen wundert es – zu jener Zeit kamen nach Angkor jährlich nur einige tausend Touristen.

Tempelnischen zum WC umfunktioniert

Zwanzig Jahre später war auch ich in Kambodscha. Das einst beschauliche Siem Reap hat inzwischen einen internationalen Flughafen. In den Restaurants liefern sich die Touristenmassen unter dem ohrenbetäubenden Lärm trommelnder Folkloregruppen eine Schlacht ums Essen. Die Betreiber eilends hochgezogener Hotelburgen graben den Tempelanlagen das stabilisierende Grundwasser ab, um die vielen Gäste zu versorgen.

Mittlerweile stiefeln über 2,4 Millionen Touristen pro Jahr durch die Ruinen – eine Verdreifachung innerhalb nur einer Dekade. Um mich der bröckelnden Pracht noch halbwegs ungestört zu erfreuen, war ich schon vor Morgengrauen auf den Beinen. Aber selbst das Zwielicht der Dämmerung konnte nicht die hässlichen Graffitis verhüllen, die Kulturbanausen in die filigranen Reliefs gekratzt haben.

Es bedurfte auch keines ausgeprägten Geruchssinns, um festzustellen, dass manche Tempelnische des Unesco-Weltkulturerbes zum öffentlichen WC umfunktioniert worden ist.

Die Hacken einer hysterischen Frau im Gesicht

Der Massentourismus wird für Angkor langsam aber sicher zum Fluch. Besonders schauerlich war es in den Abendstunden am Phnom Bakheng Tempel. Jeder Reiseführer verspricht, es sei ein "besonderes Erlebnis", von dem 55 Meter hohen Berg aus den Sonnenuntergang zu beobachten.

Pünktlich zur Dämmerung reihte ich mich in eine wahre Völkerwanderung ein. Hundertschaften schoben sich auf gewundenen Trampelpfaden dicht an dicht Hügel aufwärts. Meine mitreisenden Freunde hatte ich im Getümmel schnell verloren. Dafür fand ich mich plötzlich inmitten eines Pulks unentwegt schnatternder Südkoreaner wieder, die im Wettlauf mit der sinkenden Sonne mit falschem Schuhwerk und sperrigen Umhängetaschen hektisch die steilen Stufen der Tempelpyramide erklommen.

Da hing ich nun auf geborstenem Gesims wie der Affe auf dem Schleifstein, konnte weder vor noch zurück und hatte ständig die hohen Hacken einer über mir kraxelnden Frau im Gesicht. Die Dame wurde auf halber Strecke von einer Panikattacke ereilt und wollte unter hysterischem Gekreische wieder umkehren, derweil von unten die Massen nachdrängten.

Ein Abstieg im Finstern

Ich weiß nicht mehr genau, wie ich es auf die Plattform der Tempelpyramide geschafft habe. Kaum oben angelangt, schob sich auch schon eine Wolkenbank vor die Sonne und die Reisfelder unten in der Ebene versuppten in monotonem Grau. Okay, der Sonne konnte man daran nun wirklich nicht die Schuld geben.

"Wir hatten damals dort oben ein zauberhaftes, abendliches Picknick", seufzte Tante Elisabeth versonnen. Und bestimmt war ihr Tropentag auch im schönsten Rosarot verglommen.

Mir blieb indes nur der Abstieg im Finstern, wiederum eingekeilt von schwitzenden, schwatzenden, wildfremden Menschen. Noch heute bin ich unserem Tuc-Tuc-Fahrer dankbar, der mich mit seinen Adleraugen inmitten des Gewimmels erspähte, aus der Menge zog und sanft in sein knatterndes Gefährt bugsierte.

Die Notbremse gezogen

Kurz nach meinem Besuch hat Angkors Verwaltung übrigens die Notbremse gezogen. Die drei Treppenaufgänge des Tempels sind wegen drohenden Verfalls und der Verletzungsgefahr durch Stürze gesperrt worden.

Auch der Strom der Besucher wird durch festgelegte Kontingente besser koordiniert. Höchste Zeit, diese Maßnahme auf Angkors gesamte Anlage auszuweiten. Zwanzig weitere Jahre wird man sich dafür nicht Zeit lassen können, sonst sind die Ruinen gänzlich ruiniert.

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