04.08.12

Urlaub an der Ostsee

Die Erholung beginnt schon bei der Architektur

Aus Alt mach Neu: Ambitionierte Architekten haben Scheunen und Gutshöfe zu kunstvollen Hotels und Ferienhäusern umgestaltet. Wir zeigen fünf gelungene Beispiele – vom Pfahlhaus bis zum Hafenspeicher.

Foto: im-jaich-wasserwelten

Einen Hauch von Südsee vermitteln die Pfahlbauten der „Im-Jaich-Wasserwelten“ im Yachthafen von Lauterbach auf Rügen.

10 Bilder

Urlaub hat immer etwas von Weltflucht. Sich herausreißen aus allem, was bindet; sich neu erfinden, ganz anders aufstellen, das Hiesige abstreifen, Ferne trinken. Dieses Neu-Zur-Welt-Kommen durch Ent-Bindung – das sucht auch in der Urlaubsarchitektur seine Form.

Denn die gibt es wirklich, und sie spiegelt – ob es Strohhütten oder umgebaute Schlösser, weißblitzende Veranden oder Wohnwagen sind – immer etwas von der Illusion der Ent-Alltäglichung wider: in Materialien, Formen oder jenem Element des Spielerischen, das als Vehikel für den Austritt aus der Erdsphäre unerlässlich ist.

Sehr schön lässt sich das an der Ostsee beobachten, in Mecklenburg-Vorpommern, wo sich nach der Wiedervereinigung fast wie im Laborversuch eine neue Ausstiegsphilosophie im Bauen etabliert hat. Sie gehorcht völlig anderen Paradigmen als die alte und ist mit ihrem Hang zur Irrealität (wie in Heiligendamm) und Festlichkeit (Binz) noch immer bezaubernd.

Von Weiß zu Grau

Die Farben haben vom betörenden Weiß der alten Zeit zu irdenem Grau gewechselt. Die weißlackierten Hölzer sind Sibirischer Lärche gewichen, "Natur" in grau-grünlicher Färbung mit silbrigem Glanz, angeboten als Verschindelung, Verbretterung, Wandverkleidung, Lamellenstruktur. Daneben dominieren rostrote Farben: mal als Backstein, mal metallen, mal als Lackierung, manchmal aufgehellt zum "Schwedenrot", immer in gedeckter Tönung.

Das Changieren zwischen Weiß und Backsteinrot ist für den Norden historisch verbürgt, wie etwa die Hamburger Baugeschichte beweist. Vereinzelt taucht auch das legendäre Nidden-Blau auf, benannt nach der leuchtenden Meeres- und Himmelsfarbe des gleichnamigen Fischerorts auf der Kurischen Nehrung im alten Ostpreußen.

Manche der Architekten scheuen sich nicht, sich an Anleihen am volkstümlichen Landhausstil zu versuchen, mit Strohdach, Gauben, Fensterläden, wie überhaupt die Abwehrhaltung gegenüber dem Satteldach zumindest bei diesem Genre nun doch zu schwinden scheint. Bei den gewollt "modernen" Beispielen wird auf Materialreinheit und -einheit geachtet, auf bündig in die Fassade gesetzte Fenster und glatte schnörkellose Formen.

"Architektur macht Gäste"

Urlaubsarchitektur – das sind in erster Linie Hotels, Pensionen, Kureinrichtungen. Das Thema steht inzwischen auch bei den Gästen so hoch im Kurs, dass Landesregierung und Architektenkammer mit dem Slogan werben: "Architektur macht Gäste".

Viele der besten Beispiele verdanken sich dem Wagemut weit aus dem Westen eingewanderter Architekten, die sich in die Küste Mecklenburgs und Vorpommerns verliebt und hier einen – meist maroden – Altbau erworben haben. Bei der Sanierung nach eigenem Geschmack und Stil haben sie sich so in die Aufgabe vernarrt, dass sie anschließend selbst ins Hotellerie- und Gastronomiefach gewechselt sind und "ihr" Haus in eigener Regie führen. Architektur macht also auch Wirte – zumindest an der Ostsee.

Berühmte Namen der deutschen Architektenszene gehören dazu wie die Berliner Johanne und Gernot Nalbach, die mit dem "Seehotel am Neuklostersee" in Nakenstorf in fast masurischer Landschaft ein wunderbar entrücktes Refugium aus Seehotel, Badescheune, Kunstscheune, Gänsebar und Kinderhotel gestaltet haben.

Ein wenig erinnert das Anwesen mit den wie aus dem Erdboden herausgewachsenen, holzverkleideten Alt- und Neubauten, mit der gediegenen Einrichtung, mit eigenem Boots- und Badesteg und vielbesuchten Lese- und Künstlerabenden in seiner Inselhaftigkeit an die außerweltliche Kunstinsel Hombroich am Niederrhein, auch wenn die ausgestellten Kunstwerke hier gleichsam die Urlauber selbst sind. Wenn Architektur Gäste macht, dann "macht" sie, auch deren Tageslauf, Geselligkeit und Lebensgefühl.

Bieder und extravagant zugleich

Das gilt auf andere Weise auch für den "Gutshof Tick" in der Welteinsamkeit von Hermannshagen-Dorf hinter dem Saaler Bodden. Was sich der Diplom-Ingenieur, gelernte Zimmermann und studierte Architekt Bodo Tick aus Bielefeld hier geschaffen hat, ist in seiner mal bieder-ländlichen, mal extravagant-historischen Ausstattung, in seinem gewollt ausgemagerten Design, den simplen Materialien sowie dem im Kontrast dazu ungeheuer großzügigen Raumangebot von großer Eigenart.

Auch Tick hat ein vorhandenes Ensemble – Wohnhaus, Bullenstall, Scheune und Wagenremise – modern überformt und durch einen ebenfalls holzverkleideten Neubau ergänzt (die künftige Sauna). Nun sitzt er im Schilf hinter den Deichen und ist Hotelier – ein Aus- und Umsteiger, wie es in der Küstenregion so manchen gibt.

Dazu gehört auch Joachim Geiling aus Hamburg. Der weißhaarige Architekt im Schlabberlook hat sich mit dem originellen "Apart Hotel Hafenspeicher" einen 138 Jahre alten Speicher in Stralsund vorgenommen, ihn stilsicher saniert und mit formschöner Design-Architektur aus Naturbaustoffen gefüllt.

Niemand sieht dem rostroten Ziegelbau von außen seine innere Wertigkeit an – dabei macht gerade der Kontrast zwischen schlicht ornamentierter Industriearchitektur und modernem Feinschliff der Innenausstattung den hohen Reiz dieser ungewöhnlichen Zehn-Zimmer-Herberge mit Sauna aus brasilianischem Schiefer und Seeblick bis nach Hiddensee aus.

Doch Kunstsinn und die "Liebe zu den alten Häusern" bewahren nicht vor Zwängen, die die neue Profession mit sich bringt. Mitten in der Saison musste sich der frischgebackene Hotelier in die Niederungen der Personalsuche begeben. Ein handgeschriebener Zettel im Fenster wirbt: "Koch gesucht. Servicekraft gesucht. Wg. Personalmangel bleibt das Bistro bis auf weiteres geschlossen."

Ein Dornier als Hotelier

Für einen anderen Typ Urlaubsbauherrn – eher "Ein-" als "Aussteiger" – steht der Flugzeugbauer, Verleger und Ökolandwirt Silvius Dornier. Auch wenn sich der 86-jährige Friedrichshafener weder als Architekt noch Designer betätigt, sieht er sich durch Erwerb und Sanierung von "Schlossgut Groß Schwansee" am Südstrand der Lübecker Bucht doch ebenfalls unversehens in die Rolle eines Hotelbesitzers und Ferienveranstalters gedrängt.

Auf den ersten Blick mag das herrschaftliche Anwesen mit der neuen Urlaubsarchitektur einer nachgeholten Moderne nichts zu tun haben. Aber auf den zweiten Blick wird deutlich: Was andernorts die Holzverschalung ist, ist hier das Distanz heischende, glatte Edeldesign: Rauschmittel der Entweltlichung.

Das stolze Herrenhaus hat grelles Kreideweiß aufgelegt, in den Zimmern begegnen dem Gast goldene Lampen, Stühle und Betten, die Liegestatt wird von einem duftig hingehauchten Stuckhimmel überwölbt.

Wo Erfolg ist, da ist Expansion. Ein piekfeiner moderner Neubau in Ergänzung der dreiflügeligen Anlage und die Sanierung einer weiteren herrschaftlichen Villa für das Personal lassen darauf schließen, dass das Konzept der Exklusivität und Abgehobenheit trägt – auch jenseits einer sich gerne in Holz und Jute kleidenden Architekturmoderne.

Schwimmende Ferienhäuser

Womit wir beim eigentümlichsten Urlaubsbautenensemble wären, den schwimmenden Ferienhäusern der "Im-Jaich Wasserwelten" im Yachthafen von Putbus-Lauterbach auf Rügen. Mit dieser gänzlich dem Alltag enthobenen Freizeitkolonie hat das Greifswalder Architektenbüro Drebing Ehmke noch viel weiter in die Menschheitsgeschichte zurück gegriffen als die inzwischen unüberschaubar große Zahl von Altbausanierern, nämlich bis zu den Pfahlbauten in Unteruhldingen am Bodensee.

Diese sind an der Ostsee als hölzerne Typenhäuser mit Ökodächern wiederauferstanden, bis zu zwei Stockwerke hoch, aufgereiht an Bootsstegen, ausgestattet mit Wandküche, Bad und Terrasse. Dass es sich hier nicht um "Design-Architektur" handelt, belegt vielleicht auf die anschaulichste Weise, wie sehr die neue Urlaubsarchitektur der Ostseeküste nun auch in die Breite wirkt.

Wer über den Darß streift, wird es bestätigt finden: Ganz im Gegensatz zur Landschaftsbezogenheit des Ferienmachens vom Ich sind viele dieser neuen Urlaubshäuser in das Innere der Grundstücke oder deren Hinterbereich gekehrt, zur Straße fast fensterlos, zur Nachbarschaft abgeschottet. Dieser neue Hang zur Introvertiertheit und Verkapselung ist nicht kommunikativ.

Und hier zeigt sich das Janusgesicht dieser neuen mutwilligen Exklusivität. Wenn die Leidenschaft für das Besondere vom Hang nach Absonderung überwältigt wird, schafft Architektur nicht Gäste, sondern verschreckt sie. Und deshalb ist die neue Urlaubsarchitektur vorläufig nichts als ein Experiment. Ihre Bewährungsprobe hat sie noch vor sich.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit.

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Tipps für eine Reise an die Ostseeküste

Unterkünfte
  • Seehotel am Neuklostersee

    Seestraße 1, 23992 Nakenstorf, Tel. 038422/4570, www.seehotel-neuklostersee.de. DZ/F ab 120 Euro; Anreise: Mit dem Auto auf der A14 bis Abfahrt Jesendorf oder auf der A20 bis Abfahrt Neukloster. Mit dem Regionalexpress bis Wismar, Weiterfahrt mit Linienbussen.

  • Gutshof Tick

    Hauptstraße 1, 18317 Hermannshagen-Dorf, Tel. 0171/483 59 85, www.macpom.info. Ü/F ab 70 Euro. Anreise: Mit dem Auto ab Rostock über die B 105 Richtung Stralsund. Mit Intercity oder Regionalexpress bis Ribnitz-Damgarten, von dort Taxi oder Abholservice.

  • Apart Hotel Hafenspeicher

    Am Querkanal 3a, 18439 Stralsund, Tel. 03831/70 36 76, www.hafenspeicher-stralsund.de. DZ/F ab 115 Euro. Anreise: Mit dem Auto über die A 20/B96 bis Stralsund. Mit dem Intercity bis Stralsund.

  • Schlossgut Groß Schwansee

    Am Park 1, 23942 Groß Schwansee, Tel. 038827/8 84 80, www.schwansee.de. DZ/F ab 188 Euro. Anreise: Mit dem Auto auf der A20 bis Schönberg, B 104/105 und Landstraßen bis Groß Schwansee. Mit der Regionalbahn bis Travemünde oder Grevesmühlen, von dort weiter mit Taxi.

  • im-jaich Wasserwelten

    Am Yachthafen 1, 18581 Putbus-Lauterbach. Tel. 038301/80 90, www.im-jaich.de. Drei Ü/F ab 155 Euro. Anreise: Mit dem Auto auf der A20 bis Stralsund, Weiterfahrt über die Ziegelgrabenbrücke/Rügendamm und Garz nach Putbus-Lauterbach. Mit dem Intercity bis Bergen, weiter mit der Pressnitztalbahn bis Lauterbach.

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