18.07.12

Trekking in Tibet

Nur Nomaden können über längere Zeit überleben

Eine Trekkingtour durch Tibet fordert Touristen einiges ab. Auf der Klosterroute von Ganden nach Samye hilft nur Beten – und das sollte man auch tun, denn ansonsten kann es gefährlich werden.

Foto: picture alliance / Gavin Hellier

Wandern auf dem Dach der Welt, wo die Gebetsfahnen wehen und die Luft dünner wird:...

14 Bilder

Ein wenig abseits vom Lager hockt der Yakmann und verhandelt mit den Göttern. Mit geschlossenen Augen sitzt er da, murmelt Mantras und lässt die Gebetsperlenschnur durch seine schmutzigen Finger gleiten.

Die mächtige Palden Lhamo muss aufgewühlt sein, sie hat reißende Winde entfacht, die sich von den Bergspitzen stürzen und durch die Schluchten jagen. Der Yakmann widmet ihr die doppelte Zahl an Gebeten, um sie zu besänftigen. Die Göttin soll seine Wandergruppe vor Unwettern verschonen.

Ein Unwetter, jetzt, hier oben, in dieser Wüste aus Stein und Geröll, wo die Sonne die letzten Flecken Winterschnee am Wegrand liegen wie weggeworfene Taschentücher und der Wind den Staub von den Bergkuppen fegt, wo kein Baum oder Strauch vor dem Schnee Schutz bieten könnten – hier wäre ein Unwetter eine Katastrophe. Der Yakmann ist besorgt. Es ist erst Mai, noch früh im Jahr, und das Wetter unberechenbar.

Gestern ist er mit den ersten fünf Touristen der Saison am Kloster Ganden aufgebrochen, um über die alte tibetische Pilgerroute zum Kloster Samye zu trekken. Der Shuga-Pass, mit 5250 Metern der höchste Punkt der Strecke, liegt noch vor ihnen. Drei Nächte brauchen sie noch. Mindestens. Ausländer sind langsam – und mache schaffen es gar nicht.

Nur Nomaden überleben hier

Der Yakmann kennt jeden Felsbrocken, jeden Strauch am Wegrand. Er ist in dieser Gegend im Südosten Tibets aufgewachsen, in dem Dorf Dupshi, einer trostlosen Ansammlung verwitterter Steinhäuser, die sich im Tal zusammenkauern. Nur wenige Kilometer entfernt liegt das berühmte Kloster Ganden, eines der wichtigsten Klöster der buddhistischen Gelbmützenmönche, das sich wie ein Adlernest auf 4300 Metern Höhe an den Hang krallt. Eine frisch geteerte Landstraße führt hinauf bis zum Kloster und endet am Tor.

Hinter Ganden beginnt Tibets wilde Bergregion, ein schwer zugängliches, zerklüftetes Gebiet, ohne Straßen und Strom, mit rauen Wetterverhältnissen und karger Vegetation, wo nur die Nomaden über längere Zeit zu überleben wissen.

Der Yakmann wundert sich nicht mehr

Sie nennen ihn den Yakmann, weil sie seinen Namen nicht behalten können. Er hat sich schon vor langer Zeit daran gewöhnt. Seit vielen Jahren schleppen seine Yaks das Gepäck der Touristen von Ganden nach Samye. Es ist ein einträgliches Geschäft, die Fremden sind unbeholfene Menschen, die ahnungslos wie Kinder durch die Wildnis tappen und für den Weg sehr viele Sachen mitnehmen. Mehr Sachen, als der Yakmann je besessen hat.

Er hat aufgehört sich zu wundern, dass sie kein Lagerfeuer aus Yakfladen machen können, die Stimmen der Vögel nicht erkennen und die Zeichen der Götter übersehen. Wenn sie ihr Gesicht mit weißer Creme einschmieren und mit jeder neuen Wolke ein neues Kleidungsstück aus ihrem Rucksack zerren, muss er lachen. Dann sieht man seine gelben Zähne in dem braunen Gesicht und seine Augen werden zu schmalen Schlitzen in einem Netz aus Falten.

Himbeerbonbons als Belohnung

Der Yakmann wandert immer vorweg. Er ist ein stämmiger Mann mit strähnigem Haar und rundem Bauch, über dem sich die löchrige Strickweste spannt und die schmutzige Daunenjacke gar nicht mehr zugeht.

In einem Stoffbeutel auf dem Rücken trägt er seinen Proviant: ein Paket Tsampa, geröstetes Gerstenmehl, das Hauptnahrungsmittel der Tibeter, das abends am Feuer mit heißem Wasser zu einem Brei anrührt wird. Dazu noch einige Stücke Yakkäse und ein paar Krümel Tee. Und eine kleine Tüte mit Himbeerbonbons, hart und süß. Für den Shuga-Pass.

Bei jeder Tour steht er hoch oben auf dem Kamm, breitbeinig, mit verschränkten Armen, und beobachtet die Ausländer, wie sie sich in der dünnen Höhenluft mühsam den Hang hoch quälen, ungelenk über Grasbüschel und Geröll stolpern, bis sie es endlich auf das schmale Plateau schaffen und sich auf die nackten Felsen fallen lassen.

Und während sie schweigend schauen, wie sich die Schlucht unter ihnen ausbreitet und die Bergspitzen rundherum wie Drachenzähne in den Himmel ragen, holt er seine Himbeerbonbons hervor und bietet jedem eins an. Als Belohnung.

Die Angst der Nomaden vor Räubern

Der Yakmann hat aufgehört zu beten. Pferdegetrappel – die Nomaden. Heute Mittag hat er in der Ferne ihr schwarzes Zelt gesehen. Wie eine Fledermaus mit aufgespannten Flügeln klebte es am Hang, der Wind peitschte über die Zeltplanen hinweg, zerzauste den Rauch, der vom Lager aufstieg, und trieb ein Knurren vor sich her – das Knurren des Wachhundes.

Da hat er den Touristen geraten, einen Stein aufzuheben. Meistens ketten die Nomaden ihre Tiere an. Manchmal aber auch nicht. Es ist ihre Angst vor Räubern, die sich in diesem abgelegenen Gebiet herumtreiben. Sie lauern in den Schluchten im Schutz der Büsche – und nachts schlagen sie zu, machen Jagd auf die Yaks.

Pfeilschnell sollen ihre Pferde sein, uneinholbar, sagen die Nomaden. Niemals würden sie es wagen, die Vagabunden zu stoppen. Viele von ihnen haben schon Tiere an sie verloren. Es ist ein jahrhundertealter Kampf, der in jedem Frühsommer hier oben zwischen den mächtigen Berggipfeln des Himalayas tobt.

Teilen ist in Tibet selbstverständlich

Die Nomaden steigen von ihren Pferden. "Sie wollen nur ein paar Nudeln", erklärt der Yakmann und macht ein ängstliches Gesicht. Es könnte sein, dass einer der Touristen nichts von den Instant-Nudeln abgeben will, die im Topf über dem Feuer quellen – was unverzeihlich wäre.

Teilen ist in Tibet selbstverständlich, wer etwas hat, gibt auch ab. Abends, wenn der Yakmann am Lagerplatz Tee kocht, bietet er den Touristen immer eine Tasse an. Er weiß nicht, dass sie ablehnen, weil er aus dem Topf auch seine Yaks trinken lässt.

Die Nomaden essen schweigend ihre Nudeln und schauen verstohlen die Ausländer an. Hellhäutige Menschen sind in dieser Gegend immer noch eine kleine Sensation. Der Yakmann wechselt ein paar Worte mit den Gästen.

Schwere Yakwollmäntel tragen sie und an den Fingern stecken klobige Ringe mit Türkissteinen, die verfilzten Haare sind mit roten Bändern zusammengebunden und am Hosenbund stecken Dolche. Erst als die Sonne sich hinter den Kämmen verkriecht, brechen sie auf und man hört noch eine ganze Weile, wie sie mit schrillen Pfiffen ihre Yaks eintreiben.

"Ihr seid eine sehr starke Gruppe"

Am nächsten Morgen ist der Himmel blau. Die Gebete haben gewirkt. Der Yakmann reibt sich zufrieden die Bartstoppeln. Es wird ein guter Tag, das spürt er. Die Touristen werden es alle über den Shuga-Pass schaffen, und wenn sie erstmal wieder in der Ebene sind, wird er sie loben: "Ihr seid eine sehr starke Gruppe", wird er sagen. "Sehr, sehr schnell."

Dann werden sie lachen und sich freuen – und auch er wird lachen. Er sagt das zu jeder Gruppe. Aber das wissen sie ja nicht.

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Einreiseverbot

Die Schönheit Tibets bleibt Touristen verschlossen

Tipps für Tibet
  • Anreise

    Zum Beispiel mit Qatar Airways oder Etihad Airways von Frankfurt oder Berlin nach Kathmandu. Dort organisieren Reisebüros (zum Beispiel Ecotrek und Tashi Delek Treks and Expeditions) geführte Touren über die Überlandroute „Straße der Freundschaft“ nach Tibet. Die Einreise ist von Nepal nur in einer Gruppe möglich. Von China bietet sich die Anreise über Chengdu an, wo diverse Reisebüros und Hotels Angebote für Gruppentouren nach Tibet machen. Es gehen mehrere Flüge täglich nach Lhasa. Ausländische Reisende dürfen außerhalb von Lhasa nicht allein unterwegs sein und müssen einer geführten Reisegruppe angehören. Reisebüros in Lhasa (z.B. Tibet F.I.T. Travel) organisieren Trekkingtouren von Ganden nach Samye.

  • Unterkunft in Lhasa

    „Gorkha Hotel“: saubere Zimmer im tibetischen Stil, gutes Restaurant und hübscher Innenhof (45 Linkuo Nanlu, Zimmer ab 30 Euro).

    Snowland Hotel: bei Wanderern beliebtes Hotel an der Straße zum Jokhang Tempel, schöne De-luxe-Zimmer (4 Zangyiyuan Lu, 15 Euro).

    Kyichu Hotel“ mit renovierten Zimmern ab 30 Euro. Kloster Samye bietet Gästezimmer (rund 15 Euro), weitere Unterkünfte im Dorf vor dem Kloster.

  • Veranstalter

    Wikinger Reisen (Tel. 023 31/90 46) bietet beispielsweise die 25-tägige Rundreise „Nomaden der hohen Pässe – Tibets schönste Treks“ ab 3448 Euro im Juli und September an.

    Der österreichische Veranstalter Weltweitwandern (Tel. 0043/316-583 50 40) hat etwa die 23-tägige Reise „Pilgerwege zu den Höhepunkten von Tibet“ im Programm (ab 3650 Euro).

  • Auskunft

    Fremdenverkehrsamt der Volksrepublik China, Frankfurt am Main, Telefon 069/52 01 35, www.china-tourismus.de

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