14.07.12

USA

Arizona – ein Abenteuer für Nachwuchscowboys

Lassowurf und Platzpatronen: Im Süden Arizonas kann man die amerikanische Variante von Urlaub auf dem Bauernhof erleben. In der Western-Stadt Rawhide gibt es sogar Schießereien.

Foto: picture alliance / WILDLIFE

Mit Cowboyhut und Lasso: Arizona kann für kleine Cowboys sehr aufregend sein
Mit Cowboyhut und Lasso: Arizona kann für kleine Cowboys sehr aufregend sein

"Wir müssen jemanden retten", sagt Wayne Fredericks und zurrt das überraschte Kind fest. Er setzt sich ans Steuer und lenkt sein Fahrzeug durch Schlaglöcher, deren Tiefen an den vier Autostunden entfernten Grand Canyon erinnern. Der fünfjährige Julius auf dem Rücksitz macht große Augen: Mit Stetson-Hut, Jeans und Boots fehlt Wayne Fredericks nur noch ein Lasso an der Hüfte, um genauso auszusehen wie der Cowboy im Weltatlas für Kinder. Und ein Pferd.

Stattdessen hat der Fünfzigjährige einen Jeep, den er jetzt stoppt. Der Grund: eine knapp einen Meter lange Schlange, die sich unbeeindruckt vom Motorenlärm auf der Sandpiste vor uns sonnt. Unser Guide springt aus dem Fahrzeug und berührt das Tier vorsichtig. Flugs macht es sich aus dem Staub.

"Aber nicht nachmachen", mahnt der Mann mit dem wettergegerbten Gesicht. Denn in der Sonora-Wüste, die dank zweier Regenperioden im Jahr als die grünste der Welt gilt, sind auch hochgiftige Korallenschlangen und mehr Arten von Klapperschlangen heimisch als sonst wo auf der ganzen Welt.

Spannend, mit ein bisschen Show dabei

So sieht er also aus, der Wilde Westen für Kinder. Spannend, mit ein bisschen Show dabei. Dabei ist Wayne Fredericks gar kein Cowboy, der zum Beispiel Kühe brandmarkt oder Rinderherden treibt, sondern Reiseführer auf der Fort McDowell Ranch im Süden Arizonas. Und hinter der angeblich dramatischen Rettungsaktion verbirgt sich nur der gestrandete Jeep eines Kollegen. Die verscheuchte Schlange kam da als zusätzliches Abenteuerelement gerade recht.

Der liegengebliebene Wagen steht zwischen übermannshohen Kakteen und will einfach nicht mehr anspringen. Gespannt beobachtet das Kind nun, wie Cowboy Wayne Starthilfe gibt. Schnell ist die Mission erfüllt, und es geht weiter.

Wieder pflügt sich der Jeep durch tiefe Furchen, die die Straßen der Wüste bilden. Der Guide hält an und zeigt einen schwarzen Mustang. Das Pferd, sehr groß und kräftig, zupft an trockenen Zweigen, schaut uns misstrauisch an und trabt davon.

Eine Herde von 60 Wildpferden bringe es fertig, in dem unbarmherzigen Klima dieser Wüste zu überleben, sagt Wayne Fredericks. Dass im südlichen Arizona immer wieder Flüchtlinge aus Mexiko gefunden werden, für die der Weg in ein besseres Leben mit dem Tod in der Wüste endet, übersetzen wir dem Fünfjährigen nicht.

Wohl aber, dass das Wasser knapp ist. Wer hier überleben will, muss gut angepasst sein: Wie der Saguaro-Kaktus, der mehrere tausend Liter Wasser speichert.

Wo sind die Indianer?

"Regen ist wertvoll", erklärt unser Reiseführer und lenkt den Wagen um eine Wasserlache. Bei unserer Ankunft in Phoenix am Vortag hatte uns ein Regenguss überrascht; dies hier sind seine letzten Spuren. "Wenn ich da durchbrettere, spritzt das Wasser umher und verdunstet viel schneller", sagt der Cowboy.

So aber können kleine Lebewesen noch einige Zeit vom Wasser profitieren. Und der kleine Julius, sonst häufig von imperialer Ungeduld geprägt, ist von den Wundern der Wüste so gefesselt, dass er unsere Übersetzungen klaglos abwartet. Aber wo sind die Indianer?

Wayne weiß auch auf diese Frage eine Antwort. Er erzählt von dem langen, zähen Krieg zwischen Ureinwohnern und Weißen: Wie die Einwanderer nie wussten, wo ihr Feind eigentlich war. Wie die Indianer die Posten der amerikanischen Armee überfielen, ohne sich durch das leiseste Geräusch anzukündigen. Und wie sie wieder verschwanden, ohne im Sand der Wüste Spuren zu hinterlassen.

Denn sie kamen nicht wie im Film in einer riesigen Staubwolke angeritten, sondern auf weichen Lederschuhen angeschlichen. "Wo sie herkamen, blieb den Weißen ein Rätsel", sagt Wayne Fredericks. Doch auf Dauer waren die Ureinwohner der Menge der Eindringlinge so wenig gewachsen wie ihren Waffen.

Marshmallows und Würstchen auf dem Feuer

Das Land, in dem Fort McDowell Adventures beheimatet ist, gehört dennoch bis heute den Yavapai. Sie nutzen es nicht nur touristisch, sondern auch für traditionelle Zeremonien, von denen ein Steinkreis auf einem Plateau zeugt. Der Tourismus hat indessen seine eigenen Rituale hervorgebracht.

Als wir zur Ranch zurückkehren, brennen Lagerfeuer. Besucher rösten Marshmallows und Würstchen, die mit reichlich klebrigen Soßen in Brötchen verschwinden. "Cowboy-Essen ist toll", sagt Julius und fällt bald darauf in tiefen Schlaf.

Der Süden Arizonas ist mehr noch als andere Regionen der USA geeignet, Kinder und Eltern gleichermaßen zu unterhalten. Die Besiedlung des erst 100 Jahre alten Bundesstaats im 19. Jahrhundert hat außer jeder Menge Kinostoff auch eine Art Schöpfungsmythos hervorgebracht – ganz ungeachtet der Tatsache, dass in der kargen Wüstenregion bereits seit zwölf Jahrtausenden Menschen lebten.

Die Geschichte der Siedlertrecks auf dem Weg nach Westen und das Phänomen der berittenen Hirten haben unseren Sohn schon vor der Reise fasziniert. Nun ist es, als wären wir in die Seiten eines Bilderbuchs eingetaucht oder in einen Film. "Was hat Wayne mit der Schlange gemacht?" fragt das Kind immer wieder mit wohligem Gruseln. Und: "Was dachte dann die Schlange?"

Eine Blondine erklärt den Lassowurf

Wir bleiben den Cowboys auf den Fersen. In der Western-Stadt Rawhide in Chandler knallen Schüsse, die Sonne brennt wie im Western, die Angestellten sehen aus, als kämen sie direkt vom Viehtrieb. Die Kontrahenten der Schießerei sinken schnell und überzeugend in den Staub. Glücklicherweise rappeln sie sich ebenso rasch wieder auf.

Hier ist für immer 1880: Geschichte als Live-Spektakel, das sich dem Zuschauer unabhängig von Alter oder Sprachkenntnissen erklärt. Unser Sohn, der am Eingang mit Hut, Sheriffstern und Polyester-Lasso ausgestattet wurde, möchte sich sofort im Lassowurf unterweisen lassen. Eine Blondine namens "Texas-Kate" und ihr Mann Ray zeigen, wie das geht.

Konzentriert stehen die Kinder in einer Reihe und lassen die Lassos aus dem Handgelenk kreisen. Und endlich bekommen wir ein Westernpferd zu sehen: "Texas-Kate" hat Tiere adoptiert, die in einer Manege laufen.

Im Streichelzoo von Rawhide folgt eine Stunde besonderen Glücks in Gesellschaft junger Ziegen und Esel. Wie am Hotel-Pool und auf den Spielplätzen Scottsdales sprüht Wasser aus feinen Düsen, um Staub und Wärme erträglicher zu machen.

Schließlich wird die Hitze doch anstrengend. Wir fliehen in die Kulissen: Gefängnis, Saloon und General Stores sind heruntergekühlt, dienen aber in erster Linie dem Souvenir-Verkauf. Das Kind entdeckt einen Schlüsselanhänger mit Snoopy, Held der Peanuts. Besser kann dieser Tag nicht mehr werden.

Mit der Kutsche durch die Wüste

Nach der Western-Show in Rawhide zieht es uns noch einmal in die Wüste. Am Rande Scottsdales, wo nur ein paar Stromleitungen in der von Hügelketten gesäumten Weite der Landschaft daran erinnern, dass diese Gegend besiedelt ist, liegt die MacDonald's-Ranch.

Hier wollen wir in einer schattigen Kutsche die Wüste erkunden. Kutscher Ron zeigt uns langohrige Jackrabbits und blühende Kakteen. Kein Zweifel: Diese Wüste lebt.

Und wo sind die Indianer? Eine kleine Enttäuschung für Julius. Die Ureinwohner, denen in Arizona mit 28 Prozent Anteil so viel Land gehört wie in keinem anderem US-Bundesstaat, tragen weder Federschmuck noch Kriegsbemalung. Sondern Jeans und Hemd.

Doch Giftschlangen und Platzpatronenschüsse, Lassowerfen und dramatische Rettungsaktionen in der Wüste haben unseren Jungen in dieser großen Wildwest-Sandgrube mehr als entschädigt.

Die Reise wurde unterstützt vom Arizona Office of Tourism. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit.

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Tipps für Arizona
  • Anreise

    Zum Beispiel mit British Airways von diversen deutschen Flughäfen über London oder mit American Airlines ab Frankfurt über Dallas nach Phoenix. Weiter per Mietwagen.

  • Übernachtung

    „Four Seasons Scottsdale“, Doppelzimmer ab circa 170 Euro, Kinder bis zu 18 Jahren übernachten gratis im Zimmer der Eltern, www.fourseasons.com;

    „Fairmont Princess“, Scottsdale, Doppelzimmer ab circa 178 Euro; Kinder bis zu 17 Jahren übernachten gratis im Zimmer der Eltern, www.scottsdaleprincess.com;

    „Carefree Resort“, Scottsdale, Zimmer für drei Personen ab circa 85 Euro, www.carefree-resort.com

  • Kinderprogramm

    Eine zweistündige Jeep-Tour durch das Reservat der Yavapai in der Sonora-Wüste bietet Fort McDowell Adventures an zwei Freitagen im Monat an, Preis inklusive Lagerfeuer-Dinner ab 69 Euro (www.fortmcdowelladventures.com).

    In Rawhide ist der Eintritt frei, doch für einige Attraktionen muss separat bezahlt werden. Auf dem Gelände der Westernstadt in der Ortschaft Chandler gibt es ein ausgezeichnetes Steakhouse (www.rawhide.com). Das Children’s Museum of Phoenix empfiehlt sich als großes, gekühltes Spielgehege besonders bei großer Hitze. Hier können Kinder spielen, klettern, klecksen und malen; der Eintritt kostet ab 9 Euro (www.childrensmuseumofphoenix.org).

  • Auskunft

    Arizona Office of Tourism, c/o Kaus Media Services, Hannover, Tel. 0511/899 89 00, www.arizonaguide.com, www.experiencescottsdale.com, www.chandleraz.gov

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